9lt, 235 Erstes Blatt. Sonntag den 7. October
1894
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Gefunden: 5 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Brille, 1 Spazierstock, 1 Taschenmesser, 1 Ohrring, 1 Taschentuch, 1 Paar Handschuhe, 1 Umhängetuch, 1 Sluck Lampendocht, 1 Marktnetz, 1 Handkörbchen und 1 Sack Kartoffeln.
Zugelaufen: 1 junger Hahn.
Gießen, den 6. October 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Neueste Nachrichten.
Wolff» telegraphische» Correspondenz- Bureau-
Wien, 5. October. In Steiermark und Dalmatien sind bedeutende Wasserschäden infolge andauernden Regens vorgekommen- Brücken und Mühlen wurden weg- geriffen, die Culturen zerstört und der Bahnverkehr theil- weise unterbrochen.
Troppau, 5. October. Gestern Abend und heute Früh i sind sämmtliche Schlepper des Peters-Schachtes nicht angefahren; sie verlangen Lohnerhöhung und die Wiederaufnahme von elf entlassenen Schleppern, was verweigert wird. — In den übrigen Schächten ist der Zustand normal. Gestern wurden die Telephondrähte zerschnitten vorgefundeu.
Paris, 5. October. Der internationale Con- greß der Eisenbahnbeamten nahm verschiedene Anträge an, darunter auch Festsetzung des Arbeitstages von durchschnittlich acht, höchstens zehn Stunden- ferner den Antrag auf Abschaffung der Waarenzüge am Sonntag außer solcher mit Lebensmitteln, die dem Verderben ausgesetzt sind; ferner wurde ein Antrag auf Festsetzung eines Minimallohnes entsprechend den Lebensbedürfnissen angenommen.
Loudon, 5. October. Das Bureau Reuter erfährt, daS Marineministerium habe noch keinen Befehl zur Absendung von Verstärkungen der britischen Flöt t en macht in China gegeben, doch seien Vorbereitungen zu diesem Zwecke bereits getroffen. Die Behörden sind der Ansicht, die Lage in China könne in jedem Augenblick einen Characrer annehmen, der die Vermehrung der Streitkräfte zum Schutze der englischen Interessen nothwendig macht. Der Kriegsminister gab noch keinen Befehl, Truppen nach China zu senden oder die Garnisonen der britischen Colonien im Orient zu verstärken.
Petersburg, 5. October. Der „Russki Jnwalid" veröffentlicht eine Verordnung, wonach im Warschauer Militärbezirk ein neunzehntes Armeecorps gebildet wird, deffen Commandeur Generallteutenant Gurtschin ist. Ferner wird die Zusammensetzung verschiedener Armeecorps geändert.
Athen, 5. October. Der britische Kreuzer „A e o l u s" ist nach China abgegangen. — Vor dem Militärgericht begann heute der Proceß gegen sechsundachtzig Offiziere wegen Ausschreitungen in den Bureaux der Zeitung „Akropolis".
Coustautiuopel, 5. October. Admiral Avellan besuchte gestern die Admiralität, wo ihm zu Ehren der Martne- minister ein Frühstück gab. Heute empfing er eine Abordnung der französischen Colonie an Bord des Kanonenbootes „Kubanec". Avellan wohnt dem Selamlik bei und wird hierauf vom Sultan in Abschiedsaudienz empfangen. Gleich darnach wird er Canstantinopel verlassen.
Newyork, 5. October. Bei den Staatswahlen in Georgia erlangten die Demokraten die absolute Majorität für die Staatslegislatur- dadurch ist auch die Wahl eines demokratischen Senators gesichert.
Shanghai, 5. October. Meldung des Bureau Reuter. Briefe aus Tientfin vom 1. October melden, dort seien Berichte eingegangen, wonach in der Mongolei ein Aufstand ausgebrochen sei, zu deren Unterdrückung Truppen von Peking entsandt worden seien- auch im kaiserlichen Palast zu Peking seien ernstliche Unruhen entstanden- viele Europäer begeben sich aus der Umgegend nach Tientfin.
Shaugai, 5. October. Meldung des Bureau Reuter. Frachtcontracte für Chefoo und Tientsin werden von den hiesigen Chinesen annullirt infolge des Gerüchts, daß die Japaner die Blokade dieser Plätze planen. Mehrere japanische Kriegsschiffe kreuzen bei Wei Hai-Wei, nähern sich Nachts der Küste und stechen bei Tagesanbruch wieder in See, um die chinesische Flotte zu verhindern, Port Arthur zu verlassen.
Depeschen M Bureau .Herold".
Berlin, 5. October. Dem „Localanzeiger" wird auS Petersburg gemeldet, daß der Zustand des Czaren sehr
gefährlich geworden sei. Der Czar soll einen neuen Schlag» aufall erlitten haben.
Berlin, 5. October. Die „Nordd. Allgem. Ztg." theilt mst, daß sich Caprivi heute zum Vortrag beim Kaiser nach HubertuSstock begeben hat.
Berlin, 5. October. Die „Post" bezeichnet die Mittheilungen der „Deutschen Tabakzeitung" über die künftige Bemessung der Steuersätze für Cigarren und Rauchtabak alS unrichtig.
Berlin, 5. October. Nach einer Meldung der „Nordd. Allg. Ztg." gelangten heute im BundeSrath die ersten Specialetats des ReichshaushaltS-Voranschlags für 1895/96 zur Vertheilung. Es find dies die Etats des Reichskanzlers: Reichsjustizverwaltung, Reichseisenbahnen, Reichsdruckerei.
Berlin, 5. October. Die Conferenz für die Erörterung der Maßregeln gegen den unlauteren Wettbewerb wird fortgesetzt. Die Sachverständigen halten die Entschädigungspflicht für wirksamer als Strafandrohungen. Die Vorschläge der Regierung sind für die Bestrafung des unlauteren Wettbewerbes.
Berlin, 5. October. Wie aus Blankenburg a. H. gemeldet wird, ist dem dortigen Magistrate die Mittheilung zugegangen', daß der Kaiser daselbst am 26. dö. Mts. zur Jagd eintreffen werde.
Berlin, 5. October. In der nächsten Woche wird, bestem Vernehmen nach, die Drucklegung des Familienrechts erfolgen, so daß der Reichstag bei seinem Zusammentritt auch diesen Theil des bürgerlichen Gesetzbuchs bereits fertig vorfinden dürfte.
Berlin, 5. October. Heute tagte hier eine Brauerei- arbeiter-Verfammlung. In derselben wurde einstimmig zu erkennen gegeben, daß die bedingungslose Wiedereinstellung der Ausgesperrten gewünscht wird. An der Boycottunterstützung sei absolut nichts gelegen.
Berlin, 5. October. Zu der Untersuchung gegen die verhafteten Unteroffiziere der Oberfeuerwerkerschule schreibt die „Magdeb. Ztg.": „Der Garnisonauditeur Dr. Höbel aus Berlin, der die Untersuchung gegen die auf der Citadelle inhaftirten Feuerwerksschüler führte, ist gestern Morgen von hier wieder nach Berlin abgereist. Wie es heißt, wird er dort seiner vorgesetzten Behörde Bericht erstatten, um dann in den nächsten Tagen hierher zurückzukehren. Es ist hier allgemein die Ansicht verbreitet, daß vielleicht schon in den nächsten Tagen eine Entlassung der Feuerwerksschüler erfolgen dürfte. Bestimmtes läßt sich aber darüber nicht mittheilen, da von amtlicher Sette keine Auskunft gegeben wird. Die über den Gang der Untersuchung von verschiedenen Blättern mitgetheilten Einzelheiten beruhen auf bloßen Vermuthungen."
Frankfurt a. M., 5. October. In einem Berliner Drahtbericht versichert die „Franks. Ztg.", daß die Noth- Wendigkeit für die Einsetzung einer Regentschaft in Petersburg in kundigen Kreisen anerkannt werde.
Köln a. Rh., 5. October. Ein Petersburger Telegramm der „Köln. Ztg." meldet, bereits seit 4 Tagen fehle jegliche amtliche Nachricht über das Befinden des Czaren. Keine Zeitung dürfe irgend eine eigene Mittheilung über den Kaiser bringen, sondern solche nur wörtlich dem Regierungsblatte nachdrucken. Selbst jedes Beileidswort als Zusatz sei verboten. Dieses gänzliche Schweigen leiste den zahlreichen die Residenz durchlaufenden Gerüchten arg Vorschub und lasse die Schlußfolgerung laut werden, das Befinden des Czaren sei nicht befriedigend, denn eine eingetretene Besserung würde der osficielle Telegraph sicher gemeldet haben.
Breslau, 5. October. Die Nachricht, daß den Offizieren der Besuch der „Weber"-Vorftellung im Deutschen Theater in Berlin verboten sei, wird von der hiesigen Com- mandantur als unrichtig bezeichnet.
Wien, 5. October. Demnächst wird ein Kriegsschiff nach Ostasien gehen, um die Interessen der österreichischungarischen Staatsangehörigen in den chinesischen Hafenplätzen zu schützen.
Wien, 5. October. Der Jungczeche Pacal brachte in der heutigen Delegationsfitzung zahlreiche Fälle von Soldatenmißhandlungen zur Sprache. Es sei bedauerlich, daß dieselben vom österreichischen Kriegsmtnister beschönigt werden. Er solle sich lieber ein Beispiel an dem Deutschen Kaiser nehmen und dessen abfällige Aeußerungen über Sol- datenmißhandlungen beherzigen.
Budapest, 5. October. Heute fand die Fortsetzung der Debatte über den Gesetzentwurf, betreffend die freie Religionsübung, statt. Für den Gesetzentwurf erklärten sich Bischof Pap und Baron Pronyau, gegen denselben Graf Zichh.
Linz, 5. October. Gestern brach bei der von der Wolfsegg - Traunrhaler Kohlengewerks - Gesellschaft unternommenen Tiefbohrung auf GaS infolge des massenhaft aus- strömenden Gases ein großes Feuer aus. Alle Baulichkeiten wurden zerstört, nur das Bohrloch blieb intact.
Bern, 5. October. Auf dem in nächster Zett tu Biel stattfindenden socialdemokratischen Parteitage soll eine Resolution gefaßt werden, welche für die Verstaatlichung der Eisenbahnen eiutritt.
Rom, 5. October. Die Absetzung deS Kaisers von China wird von der osficiösen „Riforma" als bevorstehend bezeichnet. Als Nachfolger gilt der Onkel deS Kaisers, Ku n g.
Triest, 5. October. Nach einer Meldung des römischen Blattes „Piccolo" soll der Gesundheitszustand der Königin Margherita zu wünschen übrig lassen. Der Prinz von Neapel hat die Königin in Neapel ausgesucht, um sich über ihren Gesundheitszustand Gewißheit zu verschaffen.
Paris, 5. October. Der „Matin" meldet, daß der englische Gesandte in Peking, O. Conor, russische In- triguen entdeckt hat. Rußland soll der chinesischen Regierung seinen Schutz gegen Japan angeboten haben. Zur Bedingung wurde gemacht, mehrere koreanische Häfen besetzen zu dürfen, um dort russische Seestationen zu eröffnen. England wird jedoch diese Manipulation zu verhindern wissen.
Paris, 5. October. Die Gesellschaft, welche sich mit der Fortsetzung der Panama-C-anal-Arbeiten beschäftigt, hielt gestern eine Generalversammlung ab. In derselben wurde constatirt, daß nur ein Viertel des neuen ActiencapitalS auf der Depositenbank eingezahlt worden ist.
Paris, 5. October. Man versichert in politischen Kreisen auf das Bestimmteste, daß die französisch-englischen Beziehungen durchaus freundliche seien.
Paris, 4. October. Am Sonntag den 14. October wird in Nimes ein großes Stiergefecht stattfinden. Wenn auch diese Vorstellung verboten werden sollte, wird die Verwaltung der Arena den Friedensrichter in Anspruch nehmen und die Angelegenheit vor den Cassationshof bringen, um die Gesetzesauslegung, nach welcher sich die Behörden berufen glauben, die Sriergefechte zu untersagen, zu prüfen.
Paris, 5. October. Der Anarchist Devove, welcher kürzlich einen hiesigen Bankdirector aufgefordert hatte, an einer bestimmten Stelle lODOO Frcs. zu hinterlegen, andernfalls sein Haus mittelst Dynamit tn die Luft gesprengt werden würde, ist heute zu zwei Jahren Gefängniß und 150 Franken Geldbuße verurteilt worden.
Petersburg, 5. October. Die kaiserlichen Dachten „Polarstern" und „Czarewna" haben Befehl erhalten, nach dem Piräus abzudampfen. Das erstgenannte Schiff soll den Großfürsten Georg nach Kairo bringen, wo derselbe den Winter über Aufenthalt nehmen wird. Die „Czarewna" wird die Czarenfamilie nach Korfu überführen. Die beiden Schiffe vereinigen sich darauf wieder und werden so lange in den griechischen Gewässern verbleiben, bis die kaiserliche Familie ihren Aufenthalt auf Korfu aufgiebt.
Odessa, 5. October. Die Regierung hat den Ankauf mehrerer Tausend Pferde für die türkische Artillerie genehmigt. Zur Uebernahme trafen die Obersten Osman Bey und Ali Riza Bey hier ein.
totales ttttö prsvinricllc»
Gießen, den 6. October 1894.
* * Ernennung. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 3. October den Kaufmann Heinrich Schirmer in Gießen zum Handelsrichter an der bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen gebildeten Kammer für Handelssachen mit dem Sitze in Gießen zu ernennen.
* * Sitzung des Schwurgericht» der Provinz Oberheffev am 5. Oktober 1894. (Schluß.) Bausch stellte, wie früher, die Beschuldigung in Abrede, behauptete vielmehr, seine Angabe entspreche der Wahrheit- Die Geschworenen (Obmann Herr Dr. August Trapp) konnten sich von der Schuld des Angeklagten nicht überzeugen, verneinten demgemäß die ihnen vorgelegten, den Thalbestand des Meineids und fahrlässigen Falscheids enthaltenden Schuldfragen, worauf die Freisprechung des Angeklagten erfolgte.
* * Sitzung deS Schwurgerichts der Provinz Oberheffen am 6. Oktober. Zur Verhandlung kam heute als letzte in dieser Session die am 28. v. Mts. nach Schluß der Beweisaufnahme auf heute vertagte Strafsache gegen Ludwig West er weller von Burkhards wegen Urkundenfälschung und beziehungsweise Betrugsversuchs. Die Staatsanwaltschaft war vertreten durch Großh. Staatsanwalt Jöckel, die Der-


