Ausgabe 
7.10.1894 Drittes Blatt
 
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Nr. 235 Drittes Blatt. Sonntag den 7. Ociober 1894

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Der Krieg in Ostafien.

Mit dem Erscheinen der japanischen Truppen auf chinesischem Boden ist der Krieg zwischen den beiden Kaiser­reichen des asiatischen Ostens wiederum in einen neuen und intereffanten Abschnitt eingetreten, welcher wohl endlich die eigentliche militärische Entscheidung bringen dürfte. Mit der Schlacht von Pjöngjang war die chinesische Landmacht in Korea vernichtet worden, die Seeschlacht in der Jalu-Bucht hat die chinesische Flotte für längere Zeit unfähig zu größeren Actionen gemacht, es konnten nunmehr die Japaner ihren längst gefaßten Entschluß aussühren und den Krieg in das eigentliche Gebiet des Gegners hineintragen. Der letzte Zielpunkt der weiteren Operationen der japanischen Heeres­leitung ist selbstverständlich die feindliche Hauptstadt Peking, und von zwei Seiten oom Norden wie vom Süden her, dringen jetzt die japanischen Colonnen gegen dieselbe vor. Dort hat das Gros der bei Pjönjang so siegreich gewesenen Armee Japans die Grenzen der Mandschurei überschritten und nähert sich rasch der Hauptstadt der genannten großen Grenz­provinz Mukden. Die Besitzergreifung dieser Stadt seitens der Japaner würde den letzteren in verschiedener Beziehung zu statten kommen. Einmal ist Mukden durch seine Lage am Kreuzungspunkte mehrerer Heeresstraßen ein strategisch wichtiger Punkt, dann aber befinden sich in ihm die Grab­stätten der regierenden Mandschu-Dynastie, was Mukden zu einer der heiligen Städte des Chinesenvolkes stempelt- die Kunde von der Einnahme der die Grabmäler der chinesischen Herrscher aus den letzten *250 Jahren bergenden Stadt würde zweifellos einen ungemein niederschlagenden Eindruck in ganz China Hervorrufen. Von Mukden aus hätten die Japaner bis Peking allerdings noch etwa achtzig geographische Meilen zurückzulegen, indessen bietet das Terrain keine un­gewöhnlichen Hindernisse dar. Da außerdem die in die Mandschurei eingedrungene japanische Armee gegen die Un­bilden der herannahenden winterlichen Jahreszeit gut aus­gerüstet ist und sich auch das Verpflegungswesen bet den Japanern in gutem Zustande befindet, so werden ihrem Vor­marsche auf Peking weder die Jahreszeit noch die Ver­pflegungsfrage bedeutende Schwierigkeiten bereiten.

Im Süden von Peking nun, freilich auch noch in er­heblicher Entfernung von der chinesischen Metropole, haben die Japaner an einem oder an mehreren Punkten der Küste Genaueres läßt sich in dieser Beziehung noch nicht be­richten Truppen gelandet, die gewiß Peking ebenfalls zum Ziele haben und wahrscheinlich sich mit dem von Norden vordringenden japanischen Heere in der Nähe Pekings ver­einigen sollen. Gegenüber dieser Rührigkeit und Bestimmtheit in dem kriegerischen Vorgehen der Japaner erscheinen die Zerfahrenheit, Ohnmacht und Unentschlossenheit, die auf chinesischer Seite herrschen, doppelt characreristisch. Kramps-

I haft suchen die Chinesen von allen Ecken und Enden ihres I wetten Reiches alles nur Halbweg brauchbare Truppen­material gegen die vordringenden Japaner zusammenzuziehen, sie scheinen aber bis jetzt kaum 20,000 wirklich kriegslüchlige Soldaten zu dem Zwecke zusammengebracht zu haben, während in der Oberleitung des Heeres Unfähigkeit, gegenseltige Eifersüchtelei und Kopflosigkeit sich breit machen. Weiter zeigen sich hier und da im Lande schon revolutionäre Zuckungen, im chinesischen Heere tritt der Geist der Meuteret und DiSciplinlosigkeit immer offener hervor, und ein aber­maliger Sieg der japanischen Truppen könnte unter solchen Verhältnissen den Coloß auf thönernen Füßen, als welchen sich China darstellt, leicht zum Sturz bringen. Wie dann Japan allerdings mit dem besiegten Feinde Frieden schließen sollte, wenn in China wirklich eine offene Revolution aus­bräche und keine anerkannte Autorität mehr vorhanden wäre, daS bliebe noch abzuwarten, wie überhaupt die Weiterent­wickelung der Ereignisse in Ostasien in Hinblick auf die drohende Einmischung Rußlands und Englands in diese Dinge höchst ungewiß und nichts weniger denn beruhigend erscheint.

Im Uebrigen äußern die fortschreitenden Erfolge der Japaner in dem Kriege mit China insofern eine recht be­denkliche Rückwirkung im letzteren Lande, als sich der fana­tische Fremdenhaß der Chinesen immer besorgnißerregender Luft macht. Die Fremdencolonien in Peking, Nanking und anderen chinesischen Großstädten müssen nach den neuesten Nachrichten als direct bedroht durch die erregten chinesischen Votksmassen betrachtet werden, so daß in, dieser Beziehung vielleicht blutige Katastrophen unoenntluna) find, wenn die fremden Mächte nicht ungesäumt energische Maßnahmen zum kräftigen Schutze ihrer Untertanen aus chinesischem Boden treffen.

Deutscher Reich.

Berlin, 4. October. Wie dieB. B.-Zig." zuverlässig erfährt, wird die kaiserliche Familie auch in diesem Winter einige Wochen iu Abbazi a zubrtngen. Der Kaiser wird von dort aus mit dem SchulschiffStein" einen Ausflug nach Venedig unternehmen.

Berlin, 4. October. DerStaatsanzeiger" veröffent­licht die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den General der Cavalleri: z. D. Grafen von Wartensleben, ferner die Verleihung der Krone zum Rothen Adlerorden zweiter Klaffe mit Eichenlaub und Schwertern und mit dem Stern an den Admiral Knorr, Chef der Marinestation, so­wie die Verleihung des Rothen Adlerordens zweiter Klaffe mt Eichenlaub an den Contreadmiral Aschenborn, Jn- specteur der 1. Marine Jnspection.

Berlin, 4. October. Die Untersuchung gegen die ver­hafteten 476 Schüler der O berfeuer w e lkerschule ist

bereits am Montag in Magdeburg von dem CorpSauditeur eröffnet worden. Bis gestern waren erst 18 der verhafteten Unteroffiziere vernommen worden. Entlassungen der Ver­hafteten sind noch nicht erfolgt.

Berlin, 4. October. In der gestrigen ersten Sitzung der Commission zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, die unter Vorsitz des Directors Rothe im Reichsamt des Innern stattgefunden hat, hielt der Staats- secreiär im Reichsamt des Innern, Dr. v. Bötticher, die eingehende Eröffnungsrede. Er ging auf die Vorgeschichte der geplanten Maßregeln im Schooße der verbündeten Regie­rungen und tm Reichstage ein und entwickelte den Stand­punkt der verbündeten Regierungen. Diese bezeugten den ernsten Willen und Eifer, den erhobenen Klagen und Be­schwerden Rechnung zu tragen und die zu Tage getretenen Mißstände zu beseitigen. In der Sitzung entwickelte sich eine lebhafte Debatte. Heute Vormittag schritt die Commission zur zweiten Sitzung. Die Berathungen wurden heute beendet.

Aus Elsaß Lothringen, 4. October. Die Zahl der in Elsaß-Lothringen geborenen französischen Offiziere ist immer noch erheblich. Nach einer imCourrier de Metz" veröffentlichten Statistik zählt die französische Armee zur Zeit fünf commandirende Generäle, die in Elsaß-Lothringen ge­boren sind. Es sind dies d'Aubigny aus Diedenhofen, Caillot aus Straßburg, Pierron aus Moyenvic, Zur Linden aus Colmar und Larchey, der Commandeur des 18. Armeecorps. Jnsgesammt sind in Frankreich 124 aus Elsaß Lothringen gebürtigte Generäle am Leben, in Activität 21 DivisianS- und 37 Brigadegeneräle, außer Dienst 21 DivifionS- und 45 Brigadegeneräle.

vermischtes.

* Graudeoz, 2. October. Die Altsitzer Goyerschen Eheleute, welche in einer einsamen Käthe der Ortschaft EngelS- felde bei Nitzwalde wohnten, sind in der Nacht ermordet worden. Der Ehemann stand im 79., die Ehefrau im 59.'Lebensjahre. Beiden ist mit einem stumpfen Instrumente mit furchtbarer Gewalt der Schädel eingeschlagen worden, sodaß die Wände mit Blut bespritzt sind. Alles lag in der Wohnstube wüst durcheinander, die Möbel waren geöffnet, sodaß Raubmord wahrscheinlich ist. Viel Beute scheint dem Mörder, der bis jetzt noch nicht ermittelt ist, aber nicht in die Hände gefallen zu sein.

* Gneseu, 4. October. Das Schwurgericht verurtheilte den Stellmacher Studzinskt zum Tode. Derselbe hatte in Ossowiec ein Ehepaar ermordet und beraubt, sodann das Haus angezündet und später Wahnsinn simulirt.

* Arnsberg, 4. October. Ein drolliger Brief eines Kartoffellieferanten auf eine Reclamation wegen gelieferter fauler Kartoffeln dürfte in der gegenwärtigen Zeit der

Wochendrirfe aus drr Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 4. October.

Der Meßmontag. Vom Richard Wagner.Zweigvereiu.

Biel geklagt wurde von den Meßfremden über den schlechten Verlauf der diesjährigen Herbstmesse. Das wäre im Großen und Ganzen ja nicht so schlimm, könnte man meinen, denn was gehen uns schließlich die wenigen wandern­den Händler an, die die hiesige Meffe besuchen? Niemandem ist es übel zu nehmen, wenn er darin etwas egoistisch denkt: was jene nicht mitnehmen, bleibt in der Stadt und kommt unseren hier ansässigen Geschäftsleuten zu gut. Ja wenn cs wirklich so wäre. Aber in der Thar verhält sich die Ge­schichte ganz anders. ES giebt nämlich eine große Anzahl Darmstädter Bürger und zwar ist dies besonders die ärmere und weitaus größte Klasse unserer Bevölkerung, welche be­stimmte für die Haushaltung nöthige Dinge nur auf der Meffe kaufen. Dahin gehören vor ollem Steingut- und Thonwaaren, ferner viele Erzeugnisse des Spenglerhand- werkS rc. Falsch war indessen, wenn man glaubte, die kalte und feuchte Witterung der letzten Woche habe das Ge­schäft auch der Herbstmesse verdorben. Der wahre Grund liegt ganz wo anders, das konnte man am Meßmontag deut­lich sehen. In früheren Jahren fiel cs keinem Arbeiter ein, an jenem Tage auch nur einen Finger der Arbeit wegen krumm zu machen. Auch hätte sich fein Meister erlaubt, an diesem durch die Länge her Zeit sanktioniertenNickelcheS- tag", wie der terminus technicus lautet, die geringste Dienst­leistung von seinen Untergebenen zu verlangen. Es ist noch gar nicht so lange her, daß dieser Zustand herrschte und heute? Am vergangenen Meßmontag konnte man des Abends

um 5 Uhr noch, obwohl das Wetter zum Gehen recht an­genehm war, an einer Menge von Arbeitsstätten arbeiten sehen, einfach deshalb, weil die Leute bet den hohen Preisen der Lebensmittel für Extraausgaben auf der Meffe kein Geld haben. Die Großh. Bürgermeisterei hatte, weil das Meßgeschäft so schlecht gegangen war, während der vorher­gegangenen regnerischen Tage, die Dauer der Herbstmeffe um zwei Tage verlängert, ein Act der Gerechtigkeit gegen die ihr Standgeld zahlenden Meßfremden, den jeder billig Denkende gutheißen wird, ich glaube aber nicht, daß in den zwei letzten vom Wetter besser begünstigten Tagen ein be­sonders schwunghaftes Geschäft stattgefunden hat.

Die Darmstädter Concertsaison 1894/95 wurde am vergangenen Montag durch eine musikalische Veranstaltung größeren Stils des hiesigen Richard Wagner-Zweigvereins eröffnet. Als vor nunmehr fünf Jahren dieser Verein in unserer Stadt gegründet wurde, hatte man besonders das eine große Ziel im Auge, möglichst viel dazu beizutragen, daß die Bayreuther Bühnenfestspiele erhalten bleiben. Jetzt aber hat, wie von Seiten des genannten Vereines in den hiesigen Tagesblättern geschrieben wird,der Verlauf der diesjährigen Bayreuther Festspiele und das Ergebniß der letzten Generalversammlung des Allgemeinen Richard Wagner- Vereins mehr noch als frühere Ereignisse dargethan, daß eines der Hauptziele dieses großen Vereines mit der Zeit mehr und mehr illusorisch zu werden droht." Mit Recht wandte deshalb die Leitung des Vereines ihr Augenmerk einer anderen Aufgabe zu, deren gewissenhafte Lösung für unser Darmstädter Publikum jedenfalls von der allerweit­tragendsten Bedeutung ist. Der Verein glaubte nämlich da­durch, daß er den Besuchern seiner Veranstaltungen die Be­kanntschaft mit Künstlern, Sängern und Componisten ver­

mittelte, die bei Wagner in die Schule gegangen sind, nicht weniger verdienstvoll zu wirken, als durch Verfolgung seines anfänglichen Zieles. Und in der That, wenn der Erfolg als Maßstab für die Vortrefflichkeit einer Sache angelegt werden darf, dann hat der hiesige Richard Wagner-Zweig­verein mit seinem neuen Zwecke einen geschickten Wurf ge- than. Schon zu Anfang dieses Jahres berichtete ich Ihnen an dieser Stelle von einem glänzend verlaufenen Hugo Wolf- Abend, der durch den genannten Verein zu Stande gebracht worden war und heute bin ich in der angenehmen Lage über die zweite derartige Veranstaltung des Vereins genau das­selbe sagen zu können. Einem recht zahlreichen und äußerst diftinguirten Publikum brachte der Hamburger Componist Hermann Behn am letzten Montag imHütel zur Traube" eine Reihe seiner Werke zu Gehör, die der ein­gehenderen Beachtung wohl werth find. Lieder nennt der Meister seine Compositionen, obwohl die gewöhnliche Liedform eigentlich bet keinem zu finden ist. Indessen dies nur neben­bei - die 15 von dem Künstler selbst auf dem Klavier be­gleiteten Tonstücke zeigten, daß er nicht ausschließlich Wagne­rianer ist, sondern auch von anderen, Aelteren und Jüngeren vieles gelernt hat, ein eigentliches Characteristikum ihres Schöpfers ließen indessen die Lieder vermiffen. Feines musi­kalisches Gefühl und tiefe GemüthSwätme besitzt der Autor in hohem Maße, was jedoch nicht hindert, daß auf der an­deren Seite der allzu oft wlederkehrende elegische Ton mit der Zeit eben monoton wirkt. Die geradezu glänzende Wiedergabe der Lieder durch die Mitglieder unserer Hofoper, Frl. Egli und Neurneyer und Herrn Weber erntete rauschenden Beifall und trug viel zum Gelingen der Veranstaltung bei.