♦ Von Hamburg «ach Marokko zu Pferde. Man schreibt auS Barcelona untcim 29. December: Ein Deutscher, welcher die Reise von Hamburg nach Barcelona über die Schweiz durch die Pyrenäen zu Pferde zurückgelegt hat, ist heute hier eingetroffen. Der Betreffende gedenkt sich einige Tage in der Hauptstadt Cataloniens aufzuhallen, um deren Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, und dann, immer zu Pferde, den Weg südwärts einzuschlagen, daS schöne Andalusien die Kreuz und Quere zu durchstreifen und sich hierauf in Cartagena nach Marokko einzuschiffen. Unser Deutscher will auch dort seinen Gaul nicht an einen dürren Ast binden, sondern vielmehr ganz Nordafrika durchziehen, dann nach Italien übersetzen und schließlich nach Hamburg zurückreiten. Ein schöner Spazierritt!
* Biederes Landvolk. Da§ „Leipziger Tagblatt" erzählt ans einem sächsischen Dorfe: Im Gasthof hatten sich eines Abends die Gemeinderathsmitglteder zur Sitzung versammelt und in der allgemeinen Vertiefung in die Be- rathung über des Dorfes Wohl und Wehe hatte man ansäng. lich gar nicht beachtet, daß auch der wohlbestallte Hüter der nächtlichen Ruhe des Dorfes, Gottlieb Tugendsam Frühauf, sich in dem Berathungszimmer eingefunden, die Zeichen seiner Würde, den schweren Spieß und die unförmige Laterne, in eine Ecke gestellt hatte und nun, die Pfeife im Munde, mit großer Behaglichkeit und noch größerem Wiffensdurste den weisen Reden der löblichen Dorfbeherrscher lauschte. Endlich konnte sich ein dicker runder Herr (von dem die Sage ging, daß er in feiner bald 20jährigen Praxis als Gcmeinderaths Mitglied während der Sitzungen noch kein Wort weiter als „Ja" und „Nee" von sich gegeben), nicht mehr halten und mit großer Entrüstung in der Stimme frug er mitten in der Beralhung über einen wichtigen Gegenstand: „Na, Goodlieb, was willst Du denn hier, wer paßt denn da uff, wenn se draußen stehlen?" Und während noch die anderen Räthe in wortlosem Staunen die unvermuthete „Jungfernrede" ihres Collegen auf sich wirken lassen, antwortete schon „Goodlieb", während er die Pfeife sorglich aus einem Mundwinkel in den andern schob, mit bewundernswerthcr Seelenruhe: „Na, wer soll denn stehlen? Mer sein ja Alle hie!"
• Herrenlose Hunde werden in den großen Städten täglich in solcher Menge der Polizei eingeliefert, daß mau in London und Paris, um die nicht nach kurzer Zeit von den Eigenthümern abgeholten Thiere schnell zu beseitigen, bisher alle zusammen in einen luftdicht verschließbaren Käfig gab und Kohlensäure in diesen einleitete, sodaß die Thiere schnell erstickten. Die kostspielige Methode ist nunmehr in London durch electrische Hinrichtung ersetzt worden- zu diesem Zwecke werden die armen Heimathlosen in einen Käfig gebracht, deffen Boden aus einem Drahtgewebe besteht, das mit den Poldrähten einer Dynamomaschine,in Verbindung steht. Wird der Strom nun in den metallischen Fußboden eingeleitet, so erleiden die Thiere einen so starken electrischen Schlag, daß der Tod sofort schmerzlos erfolgt.
* „Starker Tabak". In Colmar im Elsaß wurde kürzlich ei« Cigarrenfabrikant zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt, weil er Cigarren verkauft hatte, die nach Aussage der Sachverständigen folgende Bestandtheile enthielten: Das Deckblatt, welches angeblich Sumatra-Tabak sein sollte, war aus gefärbtem Papier und das Umblatt aus dünner, gewöhnlicher, mit Tabakbeize getränkter Pappe hergestellr worden. Der weitere Inhalt der „Cigarre" bestand aus Tabakrippen und Abfällen, nebst Holz von Fichten und Tannen. Hierzu gesellten sich noch Haare, Federn, kleine Steinchen, Kohlenstückchen 2C., die bei dem Zusammenfegen der Tabakabfälle in diese hineingerathen waren. Der Sandgehalt der „Sumatra- Cigarre" betrug 3,89 pCt. Die Tabakbeize konnte durch Waffer und Alkohol leicht ausgezogen werden.
* Das Nägelkaue« uud Zerbeißen von Federhalter« bei Kinder«. Die „Science Jllustree" veröffentlicht eine Statistik des Dr. Berillon, der sich in letzter Zeit vielfach mit dem Studium der Onychophagie beschäftigt hat, d. h. mit der bei Kindern häufig vorkommenden Sucht, die Nägel zu kauen. Nach Berillon ist diese besonders in Paris (und anderswo auch!) herrschende Gewohnheit ein Zeichen der Entartung. Unter 265 daraufhin untersuchten Schülern einer Pariser Communalschule fanden sich 63 solcher „Nager"- in einer gemischten Unterrichtßanstalt des Departements Aonne 20pCt. unter den Knaben und 21,11 pCt. unter den Mädchen und in einer anderen höheren Schule nagten von 269 Schülern 16 ihre Federhalter. In einer Pariser Erziehungsanstalt für Mädchen aus besserer Familie fanden sich unter t267 Mädchen 59, die ihre Nägel kauten. Berillon behauptet in seiner neuesten Broschüre über die Onychophagie und deren Heilmittel, daß die hypnotische Suggestion einen ganz be« deutenden erzieherischen und moralischen Einfluß auf Kinder ausübe, daß sie daher ein ganz vorzügliches Mittel sei, die genannte Manie zu bekämpfen. Wie gefährlich diese werden kann, zeigen die mehrfach vorgekommenen Erkrankungen und Todesfälle von Kindern, deren Magen die angebissenen Nagelstückchen nicht mehr auszuscheiden vermochte- bei einigen fand mau den Magenausgang zum Darm von einem unförmlichen Klumpen verstopft, dessen Hauptbestandtheil diese Nagelstücke waren.
* Auch ei« Weihnachtsgeschenk! Wir wünschen jedem Leser eine so brave und sparsame Frau, wie die Frau Draxel- huber in Wien eine ist. Die begegnet ihrer guten Freundin, der Frau Stangelmayer, und wird gefragt: „Was haben Sie denn Ihrem Manne bescheert, wenn man fragen darf?" O, sagte die Frau Draxelhuber, ich laß mich nicht foppen. Ich muß mirs freilich von meinem Wirthschaftsgeld absparen, aber was sein muß, das muß sein. Wissens, mein Mann ist ein leidenschaftlicher Raucher, nichts geht ihm über ein gutes Cigarrl. Da hab ich ihm halt drei Monat lang aus seiner Ctgarrentasche heimlich eine herausgenommen, und wie ich 100 Stück beisammen gehabt, hab ich sie schön in ein Kisterl gelegt und überraschte ihn nun am heil'gen Abend damit. Sie hätten sehen sollen, was für a närrisch Freud' der Mann gehabt hat.
* Neue Erfolge des Zonentarifs. Die neuesten amtlichen Zahlen über die Erfolge des ungarischen Zonentarifs beweisen eine colossale Steigerung der beförderten Passagiere um 316 pCt. und der Einnahmen um 40 pCt. De ungarische Generaldtreclion bemerkt dazu auch diesmal ausdrücklich, daß die infolgedessen naturgemäß etntretenbe Vermehrung auch der (Betriebs- u. A.) Ausgaben weit hinter der Vermehrung der Einnahmen zurückgeblieben ist. Einige besonders interessante Feststellungen des amtlichen Berichts verdienen aber in die weitesten Kreisen getragen zu werden. Hier sind die Beweise für die Durchführbarkeit und die zu erwartenden Erfolge des Zonentarifs auch auf anderen Bahnlinien. Herr Dr. Engel schreibt darüber im „B. T.": 1) Bis zum Jahre 1890 gab es ein bedeutendes Netz der sog. „Franzosen"-Bahn, also der österreichisch -- ungarischen Staatsbahn - Actiengesellschaft. Ganz entsprechend der Kurzsichtigkeit der Verwaltung dieser Privatbahn blieb der alte theuere Kilometertarif auf ihren Linien auch nach der Einführung des ungarischen Zonentarifs bestehen. Die Einnahmen blieben auf der alten Höhe, ja sie gingen sogar unter der Concurrenzwirkung des Zonentarifs im Jahre 1889 nicht unwesentlich herunter. Da kaufte der ungarische Staat die auf seinem Gebiet liegenden Linien jener Gesellschaft und führte natürlich auch auf ihnen den Zonentarif ein. Auf der Stelle begann nicht nur der Verkehr sich außerordentlich zu heben, sondern auch die Einnahmen wuchsen, so daß schon im ersten Jahre nach der Einführung des Zonentarifs nicht nur der Ausfall von ungefähr J/2 Million Gulden eingebracht, sondern noch eine geringe Mehereinnahme von 50 000 Gulden erzielt wurde. Im folgenden Jahre, 1891, aber hatte der Zonentarif auf jenen Linien der ehemaligen Privatgesellschaft schon eine Einnahmesteigerung von 655 000 Gulden nur aus dem Personenverkehr herbeigeführt! 2) Bekanntlich hat der ungarische Zonentarif die bedeutendste Verbilligung gerade für den Fernverkehr herbeigeführt , während er leider die mittleren Entfernungen gar nicht ober nicht nennenswerth verbilligt hat. Und abermals zeigen sich die schon vor Jahren vorausgesagten Folgen dieses Fehlers mit der unwiderstehlichen Gewalt einer Naturkraft. Der Verkehr har sich in den wenig verbilligten mittleren Zonen nicht wesentlich gehoben und auch keine wesentliche Mehr- einnahme gebracht, dagegen kommen 60 pCt. der ganzen Mehreinnahmen auf die eine 14. Zone, die am stärksten verbilligt worden ist! Der Verkehr hat sich allein für die 14. Zone, welche sämmtliche Reisen über 225 Kilometer umfaßt, um nicht weniger als 672 pCt. vermehrt! JmJahre 1888 machten in Ungarn nur 30 600 Personen Reisen von Über 225 Kilometer, im Jahre 1892 aber 236 200 Personen. — Aus den reichlich mitgetheilten Zahlen von 13 Secundär- bahnen mit einer Gesammtlänge von 811 Kilometern ziehen wir nur folgende aus: Auf der Zagorianer Bahn (116 Kilometer Länge) wurden vor der Einführung des Zonentarifs befördert 66 700 Personen, der Verkehr steigerte sich in den vier Jahren nach Einführung des Zonentarifs auf 147 800 bis 262 200 bis 329 200 bis 356100 Personen! Die Einnahmen, die im Jahre vor der Einführung des Zonentarifs nur 64000 Gulden betrugen, waren im letzten Jahre der Herrschaft des Zonentarifs 136 800 Gulden. Ganz ähnliche, zum Thetl noch stärkere Steigerungen weifen sämmtliche Secundärbahnen seit der Einführung des Zonentarifs auf. So die ungarische Regierung! Fallen seh ich Blatt um Blatt aus dem Kranze der unglaublichen Entstellungen und Verdrehungen, mit denen die Thatsache beschönigt wird, daß das mitten im Verkehr der Culturvölker so günstig liegende Deutsche Reich in einer Culturfrage allerersten Rangö nun bald sämmtlichen Nachbarn gegenüber im Rückstand ist, während Handel und Wandel aus den gefährlichsten Krisen seit Jahren nicht mehr herauskommen. In Rußland fährt man halb so billig, in Ungarn und Rumänien besteht der Zonentarif, Oesterreich hat wenigstens einen Versuch damit gemacht, Belgien hat die großartige Verkehrserleichterung der Zwanzigfrancsbillets schon über ein halb Jahr, Frankreich hat seit mehreren Jahren seine Tarife bedeutend ermäßigt, nur das Deutsche Reich steht einsam auf dem vorsintfluthlichen alten Tarif.
Landwirthschafiliche Winke und Kathschläge. Landwirlhschaftlicher Rück, «nd Um- «nd Vorschau mit desonderer Beziehung auf das böse Jahr 1893.
△ AuS Oberheffen, im Januar 1894.
Seit einer Reihe von Jahren haben wir an dieser Stelle von Zeit zu Zett Umschau auf tandwirthschastltchem Gebiete gehalten. Gewöhnlich geschah es, wenn die landwtrthschastlichen Arbeiten ein gewisses Ziel erreicht hatten. In dem zu Ende gegangenen Jahre 1893 kamen wir nicht dazu. Auf Ostern sprachen wir uns noch einmal über landwirthschaftliche Verhältnisse im Allgemeinen in einer Oster- betrachtung aus; gleich darauf fingen ungünstige Einflüsse an sich geltend zu machen, welche die Feberarbeit verdarben. Nun aber hat sich wieder Muße eingestellt, das böse Jahr 1893 ging zu Ende, mehr als je bietet sich Veranlassung die Augen zu öffnen, fest und klar um sich zu schauen, Abrechnung mit den mageren Resultaten zu halten, das Vertrauen in die Zukurst nicht zu verlieren — und Darum sei es gestattet, sich hier, wo es schon jahrelang der Fall war, auch diesmal auszufprechen. Wenn wir dabei hie und da ein anderes Gebiet streifen, hoffen wir, daß es der seriellen Sache nicht schadet.
Da der Bauer an Wind, W tteruna und Wolken hängt, wenden wir uns den WitterungSverhültnifse« des 1893 er Jahrgangs zuerst zu.
Der Monat Januar deS Jahres 1893 begann mit scharfem Froste von — 12 Grad. Dteie energische Kälte hatten wir aus dem December 1892 herübergenommen. Sie hielt die erste Januarwoche an, darauf sprang der Wind um, es wurde milde, am 9. gab es sogar etwas Regen mit Glatteis, am folgenden Tage Schneesall und unmittelbar darauf eine energische Kälte von — 15°. An vielen Orten Deutschlands flieg die Kälte bis — 20° und noch weiter. Bäche, Flüsse und große Strome froren rasch zu; es entstehen Frostschäden. In den Wäldern hort man dumpfe Schläge wie fernere Böllerschüsse, welche von den berstenden Forftbäumen her- rühren, die der heftige Frost auseinander sprengt. Die Füchse bellen in ihren Gruben, weil der Frost einbringt. Eisrauch steigt empor; wilde Schwäne kommen bis an den Rhein. Die Kälte erinnert an den frostigen Winter 1879 auf 80, der so fürchterlich unter den Obstbäumen aufräumte. Glücklicherweise trat auf den 20. mildere Witterung ein und Ende Januar gab es sogar Thauwetter.
Sorge und Angst erwuchsen den Anwohnern der Flüsse und Ströme, als der Monat Februar mit seiner milden Witterung
die gewaltige Eisdecke sprengte. Man hatte die entsetzlichen Wirkungen des Eises aus 1879/80 noch im Gedächtnisse. Aber glucklick, förmlich programmmäßig, zogen die Eisschollen von bannen, benn kein Regen kam bazu welcher Anschwellungen und Stauungen hätten bewirke» müssen. Der Monat Februar war ein richtiger Hornung d. h. Koth- monat, denn er blieb feucht und nebelig und schmierig, nicht kalt, aber ungemüthlich und ohne größere Niederschläge. Mangel cm Wintnfeuchtiakeit konnte Jeder bemerken, der es wollte. — Auf ben griechischen Inseln gab es im Februar ein heftiges Erdbeben.
Der Mangel an Nltderschlägm ging tm Monat Mürz bereits in Trockenheit über. Es wild milder mit leimten Nachffröstw. , Man las in den Zeitungen, daß die Bauern im Ried schon in der ersten Märzwocke Gerste fäeten. Diese flühzeitigen Erscheinung« blieben dem 1893er Jahrgänge bis in den Spätherbst. Auch bei uns zeigte sich die Vegetation ungemein frühe. Um Frühlingstag- und Nachtgleiche hatten wir rehenbe milbe Witterung. Pappel, Erle, Hasel, Nägelein, Klosterbecren wurden zusehends grün Warmer Regen trieb die, durch Mauern geschützten Aprikosenblüthen hervor. Es war ein selten schöner Vorfrühling, aber zu trocken für das Ganze.
Der wetterwendische Monat April — sagten und dachten die Leute — wird schon Nässe, vielleicht gar noch Schnee bringen. Es war aber nicht an dem, benn der April war der beständigste Monat des ganzen Jahres, wolkenlos heiler vom 1. bis 30. Etwas Derartiges ist wahrscheinlich im ganzrn Jahrhundert nicht mehr vorgekommen und Wetterprophet Falb kam arg ins Gedränge, nicht blei für den Monat April, sondern für bas ganze Jahr. Hintendrein erklärte er oft: Wenn dieser! Hochdruck, ober jene Depression nicht s» ober so gegangen wäre, hätten wir bas ober jenes erhalten. Wie sagt Mephisto zu dem Schüler: Der Philosoph der tritt herein und beweist Euch, es müßt so fein; das Erst' wär' so, das Zweite so, und darum das Dtitf und Vierte io, und wenn das Erst'und Zweit' nicht wär', das Drift' und Viert' wär' nimmermehr." Noch drastischer drückt es der jetzt wieder aufgelegte Niebergall in feinem „Datterich" aus. Denn auf die Bemerkung: „Wann Se die Spitz zu Drill' gehst hälfe" antwortet Datterich: „Wann 1s faa Käskorb." Auch jene Bauersfrau aus der Gegend von Gießen hafte in den 50er Jahren eine gute Erklärung für die Wefferprophezeihungen im Landkalenber. „Eich glaab jo", sagte die Kluge, „daß däi Herrn in Darmstadt des Sßearrer ganz gout prophezeihe, ons' Herrgott läßts odder annerfi gelaase."
Der Monat Mai blieb trocken wie fein Vorgänger, war aber daneben zu rauh für die Jahreszeit; hie und da fielen ein Paar Tropfen Rege», die erfolglos verdunsteten. An einigen Orten bet Provinz verdarb ein Frost in der Nacht vom 5. auf 6. Mai »tel an ben blühenden Obstbäumen; fonft blühten sie prachtvoll. Es wirb immer trockener. Futter und ©treumaterial wird rar und theuer: der Erdboden bekommt Riffe. Frühjahrssaaten bestocken sich schlecht; Rindolehpreise stnken wegen Futfcrma.igel. Die Schweinepreise steigen, well die Karfoffelprelse sich niedrig halten. Da und dort wird über Wassermangel geklagt. Man hofft von einem Tag zum anderen auf Regen, aber stets vergeblich. Die Kartoffeln liegen wochenlang im Boden und gehen nicht auf, weil das Erdreich ausgelrocknef ist wie Asche. Man setzt Kartoffeln zum zweiten Male. Pflänzlinge für Dtckwurzeln und Gemüse kommen nicht hervor und werben später zu horrenden Preisen bezahlt. Nur die Winzer, Imker, Wäscher und Bleicher, auch die Touristen und Badegäste sind mit dem Wetter zufrieden.
Um die Geduld und Widerstandsfähigkeit der Landleute auf eine Harfe Probe zu setzen, bringt der Monat Juni gleich von vornherein mehrere Frostnächte, welche Odftdäume, Kartoffeln, Bohnen und Gurken in den Thälern hart mitnehmen. Die Futter- nofh steigt, der Eentner Wiesenheu wird mit 7—9 Mk. bezahlt. Da bringt der 5. Juni endlich Gewitterregen in der ganzen Provinz. Der schwere Druck, welcher auf den Gemülhern lastet, mindert sich etwas, aber nur für wenige Tage, denn mit dem 7. Juni setzen Hitze und Dürre von Neuem ein. Der Kartoffelpreis steigt rasch von 2 Mk. 50 auf 7 Mk. Die Leute suchen Nachts Futter zu werben; die obere Staatsbehörde öffnet die Wälder. Das Rindvieh sink auf den vierten Theil seines Werthes; man verkauft es zu Schleuderpreisen, weil man es nicht weiter ernähren kann. Die zweiten Frühjahrssaafen wollen auch nicht voran. Engerlinge nagen unter der Erde an den Wurzeln, während Maikäfer die Blätter der Bäume schädigen. Die Wiesen und Kleeäcker sehen aus wie im März Bäche und Brunnen trocknen aus. So etwas war wirklich noch nicht da.
(Schluß folgt.)
Itnieeviitäts - Nachrichten.
Berlin, 4. Januar. Professor Otto Heudner aus Leipzig hat einen Ruf an Die Universität Berlin als Nachfolger Heuochs für Kinderheilkunde angenommen
Entscheidungen des Reichsgerichts.
— Der Lehrer und Vorbefer Sf. in Ravoldshaufen ist in die Mysterien der hebräischen Sprache nicht allzuttef dngebrunge« und macht deshalb häufig Fehler in der Aussprache, auch bewirkt ein Halsleiden, baß manche von ihm ausgesprochenen Wörter recht sonderbar klingen. Dadurch wurden schon oft Storungen des Gottesdienstes herbeigeführt, denn die Gemeindemifglieder riefen ihm oft durcheinander die richtigen Wörter zu. Schließlich einigte man sich dahin, daß immer nur einer (!) den Vorbeter corrigiren solle Dem Hanbelsmanne Jakob Goldschmrdt machte die ganze Sache uv gebeuren Spaß. Er rief dem Vorbeter statt der hebräischen Wort« deutsche zu, bte ähnlich klangen und keine Verbesserungen, sondern Verdrehungen enthielten. Das Landgericht Marburg verurthettte ihn am 29 September wegen Störung und Verhinderung des Gottesdienstes zur Strafe. Seine Revision wurde als unbegründet vom Reichsgerichte verworfen. |
Literatur und Aunst.
— Chemisch«technisches Lexikon. Eine Sammlung von mehr als 14 000Vorschrrften für alle Gewerbe und technischen Künste. Herausgegeben von ben Mitarbeitern der „Chemisch - technischen Bibliothek". Redtgtrf von Dr. Josef Bersch. In 20 Lieferungen zu 50 Pf. (A. Hartlebens Verlag in Wien) In derselben Art, in welcher ein gutes Conversafions - Lexikon ein für den täglichen Gebrauch bestimmtes Nachschlagebuch über die verschiedenen Zweige des allgemeinen Wissens bildet, soll das Chemisch-technische Lexikoir über alle Fragen auf dem Gebiete der Chemischen Technik im weitesten Sinne des Wortes raschen und sicheren Aufschluß geben. In mehr als 14 000 Artikeln erfheilf es umfassende Anleitung über Arbeiten chemisch-technischer Natur für 250 Gewerbe, Kunstgewerbe, die Hausund Landwirthschasf und ersetzt hierdurch tm vollen Sinne des Wortes eine große Fachbücherei. Die lexikalische Anordnung des Materiales gestattet das Auffinden des gesuchten Artikels in kürzester Zeit; der Umstand, daß die in dem Werke angeführten Vorschriften und Recepst ausschließlich solche sind, welche sich bei eingehender Prüfung vollaul bewährt haben, verbürgt das sichere Gelingen jeder Arbeit bei genauer Befolgung der hierfür in diesem Buche gegebenen Anleitungen Das Chemisch-technische Lexikon — das erste fachwissenschaftltche Werl von dieser Form und Reichhaltigkeit deS Inhaltes, welches überhaupt in der Literatur vorliegt — enthält auch als Schutz gegen die w unserer Zeit in ausgedehntem Maße betriebene Ausbeutung De* Publikums durch „Geheimmiftel" Hunderte Vorschriften über dir Zusammensetzung dieser Präparate. Seiner handlichen Form um Dem Relcbthum seines Inhaltes nach bildet das Chemisch - fechnischr Lexikon ein Buch, welches berufen ist, in jeder Werkstatt des Gewerbe- ober der Kunst, sowie in jeder Haushaltung seine Stelle als verläßlicher Rafhgeder und Führer bet der Arbeit einzunehmen.


