1894
Nr. 208
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Zweites Blatt. Donnerstag den 6. September___________________
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Keneral-Mnzeiger.
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• Benrath, 2. September. Aus seine eigene Mutter hat hier ein junger Mensch in kindlicher, schon oft gerügter Spielerei mit einem Gewehr geschossen. Als er seiner Mutter ansichtig wurde, rief er ihr zu: „Soll ich Dich erschießen?" und drückte, ohne die Gefahr zu erkennen, das Gewehr los. Die Kugel ging durch die Brust der armen Frau, die nun hoffnungslos darniederliegt.
* Ein erste« Fagott über Deufchland. Ueber die Eindrücke, die ein Mitglied der römischen Stadtcapelle auf seinen Touren nach Deutschland gewonnen, schreibt man aus Rom: Im „Faufulla" singt „il primo fagotto“ (das erste Fagott) dem deutschen Biere und der deutschen Gastfreundschaft einen geradezu begeisterten Hymnus. Der römische Musiker schildert dabei seine und seiner College« Erfahrungen und Eindrücke in gar drolliger Weise. So erzählt er unter Anderem: „Was mir in Würzburg zuerst aufsiel, das war der Umstand, daß die Dienstmädchen Morgens mit Körben ausgiugen, um ihre Einkäufe zu machen (statt wie in Rom mit Tüchern). Und wie hübsch und freundlich sie sind, diese deutschen Dienstmädchen, wie verliebt sie unS Italiener anlächeln, so sehr unS auch die Verschiedenheit der Sprachen trennt. Zum Glück haben sie Verftändntß für Musik und mehr als einem von uns hat die Musik dieselben Dienste gethan, wie Paul und Franziska von Rimini das Buch von Lancelot". (!) Es ist dem Verfaffer übrigens, wie er sagt/ unmöglich, die ganze Triumphreise in geordneter Reihenfolge zu erzählen — die Eindrücke und Erinnerungen verwischen sich. — „Der Enthusiasmus und Beifall des Publikums vermengt sich in meinem armen Gehirn mit dem Geräusch der Züge, den Pfiffen der Lokomotiven, dem guttaralen Rusen der Eisenbahnbeamten ..... Wenn man mich übrigens fragt, in
welcher Stadt Deutschlands man uns am herzlichsten ausnahm, so erwidere ich, daß die Aufnahme überall die gleiche war." Vom letzten Concert in München berichtet unser Fagott: „Kaum waren wir zu Ende, so stürmte das Publikum unsere Tribüne und die Damen suchten unS mit sanfter Gewalt die Federn aus unseren Federbüschen auszu- reißen . . ." „Jedes Concert begann stets mit dem italienischen Königsmarsche oder der deutschen Nationalhymne. L)er warme Beifall, der stets bet unserem Königsmarsche erbrauste, machte einen tiefen Eindruck auf unS — es war uns, als schlügen mitten im fremden Lande italienische Herzen mit unS. Sobald wir aber die deutsche Nationalhymne anstimmten, brach ein wahrer Sturm der Begeisterung
los. Die Gesichter glühten, Blitze nationalen Stolzes sprühten in jenen tausend und abertausend blauen Augen und es schien uns mit ihnen ein mystisches Band jenes Patriotismus zu vereinigen, der in den Söhnen des großen Deutschlands so kühn und mächtig lebt."
* Wie viel Schritte macht der Mensch in einem Jahre? Ein Schweizer Arzt hat die Idee gehabt, am Schrittmesser die Zahl der von ihm während zwölf voller Monate gemachten Schritte zu zählen. Er sand, daß er 9 760 000 Schritte, oder an jedem Tage durchschnittlich 26 740 Schritte, gemacht habe. Unter diesen 10 Millionen Schritten befinden sich 700 000, die ebenso viele Treppenstufen darstellen- der Mann hat also täglich fast 2000 Stufen erstiegen. Nimmt man nun an, daß in jeder Secunde zwei Schritte gemacht werden können und daß drei Schritte zwei Meter lang sind, so würde die Zahl der von dem Arzt täglich gemachten Schritte einer Strecke von 11,5 Kilometer gleichkommen.
* Ein Telephon in der Kirche — diese Neuerung wird aus Birmingham gemeldet. Alle Personen der englischen Fabrikstadt, die mit dem Telephon angeschloffen sind, können seit einigen Tagen an dem Gottesdienst der dortigen Christ Church theilnehmen, ohne persönlich dabet zu sein. Die Drähte des Apparats laufen von der Kanzel aus, und nach den Versuchen zu urtheilen, kann der Hörer am andern Ende deutlich die Predigt und den Gesang vernehmen. Sogar daS Husten der Gemeinde ist deutlich zu verstehen. (!) V elen Personen kommt die neue Einrichtung sehr gelegen, spectell solchen, die Pflichten an daS Haus fesseln.
* Eine Hochzeitsreise noch Afrika. In Antwerpen verheirathele sich am letzten D»enSiag oer kürzlich vom Congo zurückgekehre Dr. Dupont mit Fräulein Julia WouvermannS. Die Neuvermählten beabsichtigen die Reife nach dem Congo als Hochzeitsreise zu machen. Glückliche Reise!
* Wie viel Steinkohlen werden im Jahr gefördert? Die Steinkohlenförderung der ganzen Erde beträgt in den Ländern, woraus man sichere Angaben hat, 444 Millionen Tonnen und läßt sich für die übrigen mit ziemlicher Sicherheit auf 56 Millionen Tonnen schätzen, so daß die gesummte Förderung per Jahr 500 Millionen Tonnen oder 50 Millionen Eisen- bahnwagenladungen ä 10 Tonnen erreicht. Will man sich von diesen ungeheuren Massen einen Begriff machen, so denke man sie auf Wagen ä 10 000 Kilo verladen- es würde ein solcher Zug, in eine Linie gestellt, .den Aequator unserer Erde umschließen. ____________
Literatur rrmd Kauft
— Die E-axo - Saxo«e«. Don Samar Gregorow. 26. Auflage. Berlin W. Richard Ecksteins Rachfolaer (H. Krüger.) Die vorliegende Schrift ist eine Parodie geaen den im Jahre 1884 in „lieber Land und Meer" erschienenen Roman: „Dir Saro - Borussen" und von bohem Interesse für Diejenigen, die das Berhäliniß der deutschen EorpS zu einander näher kennen Urnen wollen.
- «hrtstoph frr. ««leb» «««lisch - Deuts»-» «nd Deutsch,«nglische» «Srterbuch. 10. Auflage. Mit besonderer Rücksicht aus Aussprache und Etymologie bearbeitet und vermehrt von Dr. Arnold Schröer, a. 8. Professor der englischen Philologie an der Universität Freiburg. 42 Lieferungen b 50 Pfg. Verlag von Paul Reff In Stuttgart. — Schröer hat einem .wirklichen, oft empfundenen Mangel abgeholfen, indem er durch seine Bearbeitung da« erste und bisher einzige englisch-deutsche Wörterbuch schuf, daS auf den Ergebnissen modernster Forschung aufgebaut und dabei der Allgemeinheit leicht zugänglich ist. - Wir schlagen unS in unseren Wörterbüchern mit einer Aussprache herum, die daS ehrwürdige Alter von hundert Jahren schon hinter sich hat, und das will bei der raschen Entwickelung der englischen Sprache viel sagen. Eine streng phonetische Aussprache - Bezeichnung, in die sich auch der Laie leicht hineinliest und die nicht ein veraltetes Englisch, sondern die Sprache des gebildeten Engländer« wiedergiebt, ist der Hauptverdienst Schröer8. Auch der Feststellung der Etymologie ist Sorgfalt gewidmet. Frei- lich ist das ein Punkt, der Vielen, die der Sprache nicht als solcher zugethan sind, sondern fle aus rein praktischen Rücksichten betreiben, von geringerer Wichtigkeit scheinen dürfte. Viele Andere aber werden dem Bearbeiter dafür Dank wiffen- Doch kommen auch die Praktiker nicht zu kurz; denn Schröer giebt sich Mühe, das Werk gerade in Bezug auf den praktischen Gesichtspunkt auf die Höhe der Anforderungen zu Heden, die gestellt werden können. Daß er seiner Absicht voll gerecht werden wird, dafür geben sowohl der Rame Schröer als auch die erschienenen Hefte reichliche Gewähr. Wir schließen nicht mit einer bloßen Empfehlung deS Werke«, sondern indem wir der Ueber- zeugung Ausdruck geben, daß Jedermann, der aut fahren will, bei Anschaffung eines englischen Wörterbuches, daS Schröer'fche in erster Linie wird in Betracht ziehen müssen.
— Wette «peetattarte von Kore«, Rordost-Thtiaa ««d «üd'Japan mit Plänen der drei Hauptstädte Söul, Peking, Tokio und deren weiteren Umgebungen, bearbeitet von A. Herrich, Maßstab 1 : 4500000. Glogau, Verlag von Earl Flemming. — Bei dem gespannten Interesse, mit welchem die Ereignisse auf der Haidinsel Korea verfolgt werden, wo die Rivalität der unS durch wirthschast- lichc und commercielle Beziehungen nahe gerückten beiden ältesten - Reiche des fernen OstastenS zum offenen chinesisch-japanischen Eonflict geführt haben, wird die vorliegende neue Specialkarte von Korea, Rordoft-Ehina und Süd-Japan, welche nach den neuestm Materialien und zuverlässigsten Quellen bearbeitet, westlich bis Peking - Tientsin, südlich bis Shanghai, östlich bis Tokio und nördlich bis Wladiwostok reicht, daS Bedürfnitz nach einem guten und billigen OrientirungS- mittel in vollkommenster Weise befriedigen. Die in fünffarbigem lithographischen Druck sehr sauber und übersichtlich auSgeführte handliche Karte ist zu dem beispiellos billigen Preise von nur 50 Pfg. in jeder Buchhandlung zu haben.
Feuilleton.
HochsommerM in Berlin.
Briese aus der Reichshauptstadt für den „Gießener Anzeiger".
Berliner Theater.
(Schluß.)
Das Residenztheater (Direction Sigm. Lautenburg) ist gleichfalls ein vornehm ausgestatteter Kunsttempel, nicht ganz für 700 Personen berechnet.
„Ein Nipp-Theater, zierlich klein, Erbaut für „französische Küche", Du athmest vollen Zugs hier ein Die stärksten haut-goüt-Gerüche" . .
heißt es in dem „Lustigen Baedeker". Aber" mit Mox Halbes „Jugend", die in diesen Wochen den Magnet bilden durfte, hat das Rrsidenztheater eigentlich seine Tradition durchbrochen, denn „Jugend" ist kein LiebeSdrama im französischen Stil, es ist vielmehr in seiner ganzen Voraussetzung und Stimmung durch und durch deutsch, e» ist überhaupt kein Theaterstück, sondern eine Dichtung, und der Poet Mox Halbe steht in vielen Zügen auf Goethe'schem GesühlSgrund.
Was gute, sichere Schulung im Einzel- und Zusammenspiel zu Wege bringen kann, wird von den Kräften des Residenztheaters in „Jugend" geleistet.
Die beiden jungen, unerfahrenen Leute Annchen und HanS werden von Frida Brock und Gustav Gregory mit entzückender Naiverät veranschaulicht.
In der Persönlichkeit des Pfarrers Hoppe weiß der Darsteller, Hermann Werner, vor allem den Grundzug echter, schlichter Menschlichkeit zu betonen.
Dem fanatisch veranlagten Caplan von SchigorSki wird Leo Bartuschek gleichfalls gerecht.
Die äußerst schwierige Partie deS Halbidioten Amandu« wird von Ludwig Piori consequent und glaubwürdig durch- geführt.
Im Spielplan deS „Alexander-Platz-TheaterS" dominirt für mehrere Wochen ein Berliner Sittenbild: „Verbotene Liebe", das mit sehr eindeutigen Vorgängen eine ausgesprochen moralische Tendenz verbindet. „Nach einem vorhandenen Stoffe", steht auf dem Zettel. Die Novität ist mucr der Regie von Max Samst gut einstudirt und macht volles Haus. Sogenannte Bombenrollen har das Stück nicht, da« „Milieu" erzielt die Haupteffecte. Stellenweise hat es mich erinnert an ein nun auch schon längst zu Grabe getragenes Sittenbild, das in den 7Oer Jahren sogar in der Provinz Furore machte und in seiner Technik über der „Verbotenen Liebe" steht, an „Von Stufe zu Stufe".
Das Nationaltheater, ehemaliges Ostend-Theater, gleich dem vorigen unter der Leitung von Max Samst stehend, macht in dieser Sommerzeit sein Glück mit der Posse „Susanne im Bade", deren Titel unß absichtlich irre führen soll, denn von der alttestamentlichen Persönlichkeit ist natürlich in dem ganzen Stück nicht die Rede, sondern eine junge Frau, die ins Bad reist, um dem Besuch ihrer Schwieger- mutter zu entgehen, führt den Namen Susanne. Blödsinn und abermals Blödsinn ist da« Leitmotiv. Einige launige Couplets, um deren Vortrag sich besonder« Gertrud Matuschka und Jean Priver verdient machen, sowie eine prompte, glatte Abwickelung der Ulkscenen, halten daS Stück über Waffer.
Weder daS Alexanderplatz-, noch das Nationaltheater sind sogenannte elegante Theater, aber geräumig, mit guter Ventilation, bequemen Sitzplätzen versehen und in allem auf großstädtische Verhältnisse zugeschnitten.
Im Adolf-Ern ft-Theater kann man „CharleyS Tante" an der Quelle genießen. Die englische Posse, welche dort bereits die 275. Aufführung überschritten hat, ist noch immer Zug- und Kassenstllck, und trotz der endlosen Wiederholungen machen die Darsteller einen so frischen Ein- druck, als stünden sie noch am Abend deS' ersten Erfolge«. In einem sehr flotten Tempo, das überall zum Maßstab genommen werden sollte, wo „CharleyS Tante" aufS Repertoire
gelangt, wickelt sich der Schwank ab. DaS „Englische" in dieser Farce wird aber gar nicht sonderlich betont, ist auch kein Schade 1
Der Darsteller de« jungen Lord Babs erregt schon bet seinem Entrse die größte Heiterkeit. In den Schauläden der Buch- und Papierhandlungen findet sich seine Photographie so und so oft ausgestellt.
Der Character deS Adolf-Ernst-TheaterS ist der Harm- loser Gemüthlichkeit. Der Eingang hat neuerdings wesentliche Verschönerung erfahren und präsentirt sich jetzt in festlichem Glanze.
Ein Luxustheater in durch und durch modernem und hauptstädtischem Stile ist .das „T.heater unter den Linden" (vormals Ronacher), welche« der eleganten Aus- stattungSoperette eine entsprechende Heimstätte bietet. An Sammt und Seide, an Marmor, buntem und vergoldetem Stuck ist nicht gespart worden. Was aber besonders da« Auge blendet, ist die Fluth von Licht, die durch die Fülle von Spiegeln, die in und außerhalb des Zuschauerraume« angebracht sind, noch verdoppelt wird. Hier ist die Stätte rauschenden, unbeirrten Lebensgenusses. Auch der, welcher von der Provinz hereinschneit, fühlt eß fsofort, daß dieser Kunsttempel die Welt der Börsianer und der „goldenen Jugend" ist. Hier kann man auch jene Typen treffen, welche Heinz Tovote seinen Berliner Romanen zu Grunde legt.
Aber in daß Capitel der übelwollenden Nachrede fällt durchaus die Sage, daß die Leistungen der Sänger und Sängerinnen am „Theater unter den Linden" Nebensache seien und auf einem sehr tiefen Niveau stünden. Daß ist einfach nicht wahr. Daß Theater verfügt über ein sehr gut geschultes Ensemble und vorzügliche Einzelkräfte.
Herr Steiner, der im „Zigeunerbaron" den „Sandor Barinkah" singt, ist im Besitz eineß so sympathischen und ausdauernden lyrischen Tenors, daß man ihm gut und gern die Bewältigung größerer und gediegener Aufgaben zutraut.


