Nr 181
Der «hicßener Anjeifler erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Zweites Blatt. Sonntag den 5 August
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Meßmer Anzeiger
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Deutschlands Handel mit dem Auslande.
Für das wirthschastliche Gedeihen und Blühen eines Culturlandes entscheidet nicht mehr der Umsatz auf dem inländischen Markte, sondern der große Handel im internationalen Weltverkehre. Einen neuen Beweis dafür bieten wiederum die riesigen Umsätze, welche das deutsche Reich mit seinem auswärtigen Handel, also in Ausfuhr und Einfuhr in letzter Zeit gemacht hat. Das vom kaiserlichen statistischen Amte soeben veröffentlichte Juniheft der monatlichen Nachweise über den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebiets bringt die Maaren-Einfuhr und -Ausfuhr für den Monat Juni und das erste Halbjahr des Jahres 1894 verglichen mit dem Zeitraum des Vorjahres nach Menge und vorläufiger Werthberechnung zur Kenntniß mit folgenden Abschlußzahlen: Die Maaren - Einfuhr betrug im Juni 1894: 27 591 297 (100) Rg., 1893: 24250 195 Kg., also im Juni 1894 mehr: 3 341 102 (100) Kg.- im ersten Halbjahr (Januar bis Juni) 1894: 148 253 304 (100) Kg., 1893: 133 673 257 (100) Kg., also im ersten Semester 1894 mehr: 14 580 047 (100) Kg. — Dem Werthe nach berechnet sich die Maaren - Einfuhr im ersten Halbjahr 1894 auf: 2 191 472 000 Mk., 1893 auf: 2 017 742 000 Mk., also im ersten Semester 1893 mehr um: 173 730 000 Mk. — Die Maaren - Einfuhr betrug im Juni 1894: 1 826 011 (100) Kg., 1893: 17 126 785 (100) Kg., also im Juni 1894 mehr: 1 135 226 (100) Kg. - im ersten Halbjahr (Januar bis Juni) 1894: 104 454 042 (100) Kg., 1893: 99 832 051 (100) Kg., also im ersten Semester 1894 mehr: 4 621 991 (100) Kg. Dem Werthe nach berechnet sich die Waaren-Ausfuhr im ersten Halbjahr 1894 auf 1 508 983 000 Mark, 1893 auf: 1 657 898 000 Mk., also im ersten Halbjahr 1894 um 148 915 000 Mk. weniger. Läßt man die Edelmetalle bei der Waarenbewerthung außer Betracht, so ergiebr sich für die Maaren-Einfuhr ein Werth pro erstes Halbjahr 1894 von 2 098 941 000 Mark, 1893 von 1 947 650 000 Mk., also mehr: 151 291 000 Mk. und für die Maaren - Ausfuhr 1894 von 1 449 970 000 Mk., 1893 von 1 546 101 000 Mk., also weniger 96 131 000 Mk.
Die Einfuhr der Edelmetalle ist von 70 092 000 Mk. auf 92 531 000 Mk. gestiegen und die Ausfuhr der Edelmetalle von 111 797 000 Mk. auf 59 013 000 Mk. gefallen. Die Passiva-Handelsbilanz hat sich von 401549 000 Mk. des ersten Halbjahres 1893 auf 648 971 000 Mk. des ersten Halbjahres 1894 geändert. Nach diesen statistischen Ausweisungen, welche für die letzten sechs Monate eine Steigerung der deutschen Einfuhr von 151 Millionen Mark und eine Verminderung der Ausfuhr um 96 Millionen Mark zeigen, kann man nicht behaupten, daß sich Deutschland in einer zünftigen wirthschaftlichen Entwickelung befindet, denn wenn auch die Steigerung der Einfuhr keineswegs tragisch zu beurtheilen ist, denn sie zeugt von bedeutender Kaufkraft und kaufmännischer Umsicht im deutschen Volke, indem es eben bei der Einfuhr gilt, immer dort die Maaren zu kaufen, wo sie am billigsten zu haben sind, so muß doch der neue Rückgang der deutschen Ausfuhr tief beklagt werden, denn dieser Rückgang drückt nicht nur auf die Industrie und die Arbeiterlöhne, sondern dadurch auch auf den gesummten Handel und Verkehr und selbst in bedeutendem Maße auf die Preise der einheimischen landwirthschaftlichen Producte. Es bleibt sonach eine der wichtigsten Aufgaben für die Reichsregierung und für den Reichstag, wie auch für industrielle und com- mercielle Vereine und hervorragende Fabrikanten und Kaufleute, neue Anstrengungen zur Hebung des deutschen Ausfuhrhandels zu machen.
Verkehr, Land- unb VolksrNirttzschaft.
— Renten- und Leben- - Versicherung-«Anstalt zu Darmstadt. Der im Druck erschienene Rechenschaftsbericht der Renten- undLebensveisichcrungSanstalt zuDarmstadt sürdasJahr 1893 ist der fünfzigste dieser Art. Einleitend bemerkt der Bericht denn auch zu diesem Jubiläum einer der ältesten Anstalten genannter Art: „Die Rentenanstalt feiert in dem Monat Juni ihr 50jähriges Bestehen. Sie wurde von einer Anzahl patriotischer Männer nach dem Muster anderer Anstalten im Jahr 1844 ins Leben gerufen. Durch die characteristische Eigenschaft einer Capitalaufzehrungsgesellschaft sollte sie ermöglichen, bejahrten Personen aus verhältnißmätztg kleinen Capttaleinlagen mit zunehmendem Alter eine höhere Rente, als die des landläufigen Zinsfußes, zu sichern. Die 50 Jahre des Bestehens
der Anstalt haben hinlänglich gelehrt, daß diese Voraussicht in vollem Grade verwirklicht worden. Schon seit vielen Jahren haben die überlebenden Mitglieder der älteren Altersklassen der aus den 1840er Jahren stammenden Jahresgesellschaften die statutenmäßig höchste Rente von 150 pCt. des Einlagecapttals bezogen und beziehen solche fortwährend, während bet einer großen Anzahl anderer hohe Procentsätze gewährt werden konnten. Wetter sagt dte Einleitung des Jahresberichts: „Das seit 1855 mit der Rentenanstalt verbundene Lebens- und Leibrenten- Verstche- rungsgeschäft, das Infolge veränderter Zeitverhältnisse und nicht mehr zeitgemäßer Organisation bis dabin nicht in dem erhofften Maße prosperirt hatte, ist in der Reorganisation begriffen und verspricht nach den bisherigen Erfahrungen in den wenigen, seit Einführung von zweckmäßigen Neuerungen verflossenen Monaten eine entschiedene Besserung, deren wohlthätigen, nachhaltigen Folgen für dte Renten- etnleger, auf deren Rechnung das Geschäft betrieben wird, nicht aus- bleiben werden." Die Reingewinne, welche dte Renten - Versicherten fett Einführung des Lebensversicherungsgeschäfts aus letzterem bezogen haben, beziffern sich auf 475 589 Mk. 33 Pfg. Ein Zuschuß zu diesem Geschäft aus den Fonds der Renten-Versicherten zur Deckung von Kosten oder Verlusten war bis jetzt noch niemals erforderlich. Im gleichen Zeitraum hat die Anstalt durch Sterbesälle und bet Lebzeiten der Versicherten fällig gewordene Versicherungs - Summen im ganzen den Betrag von 3 383 850 Mk. 9 Pf. ausbezahlt, auch hat die Anstalt in den 50 Jahren ihres Bestehens niemals einen Kapitalverlust irgend welcher Art zu erleiden gehabt. — Der Anthetl an den Kosten der Gesammtverwaltung für den Lebens- und Letbrenten-Versicherungsfonds betrug 7,60 pCt. der neuen Einnahme dieses Fonds. — Das Gesammtvermögen der Anstalt betrug zu Ende 1893 8188 364 Mk. 92 Pfg., wovon 82 pCt. in ersten hypothekarischen Sicherheiten angelegt sind, der Rest in sicheren Effecten und Immobilien. — Außer der rechnungsmäßigen Prämtenreferve, welche vollständig zurückgestellt ist und an und für sich volle Sicherheit für alle Verbindlichkeiten der Anstalt bietet, haftet für letztere das in steter Zunahme begriffene reine Vermögen der Renten-Einleger, welches dermalen über 4 Millionen 300 000 Mk. beträgt. — Dte Gesammt-Garantie- und Deckungsfonds erreichen heute bereits 79 pEt. des Verstcherungsbestandes. Der schon begonnene Ausschwung des Lebens- und Letbrenten-Versicherungs-Geschäfts, wofür die Eingangs erwähnte neue Organisation von wachsender Wirksamkeit sein wird, soll und wird vor Allem den Rentenversicherten der vorsichtig und gut verwalteten Anstalt zugut kommen, so daß dte vor letzt 50 Jahren von umsichtigen und opferwilligen Männern gegründete Anstalt einer wettern schönen Entwickelung entgegensehen darf.
Feuilleton.
Unser ©arten im August.
Mit dem langsamen Ausklingen der hochsommerlichen Zeit wächst in unserem lieben Garten, in dem die Arbeiten ein immer ruhigeres Tempo annehmen, der Erntesegen, d:c Farbenpracht des Blumenreiches und die Poesie der uns noch beschiedenen schönen Sommerabende.
Alles dieses vereint sich uns jetzt zu dem reinen Genuß, den das empfängliche Menschengemüth, das sich, der goldenen, über allen irdischen Rothen schwebenden Abendwolke gleich, in allen Stürmen des Lebens über das Alltägliche, den kleinlichen Staub des Daseins, erhebt, Gartensreuden nennt.
.. -Diese Gartensreude, eine erhöhte und geläuterte Naturfreude, die sich an ein selbstgeschaffenes oder selbstgepflegtes kleines Naturreich knüpft, zu dessen wunderbarem Weben und Bilden wir des Weber- Ichiffchens Bahnen letten, ist sinnigen Menschen aller Völker stets Bedürfntß und Erquickung gewesen. Sie ist uralt und wird in keinem
mit gutem Kern untergehen. Wir haben dafür Beweise aus den ältesten Zeiten.
So malt vomers Ob,ff« (VII. 112 ff.), deren Ursprung mir, nam Herodot, auf 8«/2 Jahrhunderte vor Christi Geburt zurück- verlegen dürfen mit freudeverrathendem und farbenprächtigem Pinsel die Schönheiten, das Wohlige, und den Ertragssegen vom Garten des Alkinoos. Es ist schade, daß wir das Sanggemälde in den engen Rahmen unserer bescheidenen Plauderei nicht ausnebmen können.
Fast intereffanter noch ist uns dte erhalten gebliebene Kundgebung eines gartenfreundlichen Gemüthes aus einem Volke, das uns noch heute fast fremd gegenübersteht — der Chinesen. Die Land die sie niederschrteb, ist schon über 800 Jahre im Staub verweht- sie gehörte einst dem ersten Minister unter der Dynastie der Song Längst vergangenen Freuden nachzufühlen macht auch Freude und erhöht dte gegenwärtige. Unsere Leser werden uns deshalb nicht gram sein, wenn wir heute einmal, ganz programmwidrig, im traulichen Augustgartenhäuschen einen alten vergilbten Folianten auf- schlagen und bet einem funkelnden Gläschen selbstgezogenen Spalier- TraubenweinS einige Stellen des Unikums von Seltenheit daraus vorlesen.
See-Ma-Kouang, so hieß der hochgebildete Mann, beschrieb seinen eigenen Garten. Die Schilderung davon hat insofern noch doppelten Retz, als sie einst mit den Anstoß gegeben, zum Gedanken der Schaffung der später so berühmten englischen Gärten.
„Mögen Andere Paläste bauen", so schrieb der begnadete Chinese, ihre Unruhe und ihren Kummer darin einzusperren, ihren Stolz auszubrüten — ich habe mir ein weltfernes Plätzchen geschaffen, um darin meine müßigen Stunden froh zu verbringen und traulich mit meinen Freunden mich zu erholen.
In der Mitte steht eine Halle, worin ich 5000 Bände sammelte, die Weisheit um Rath zu fragen und mich mit der Vorwelt zu unterhalten. Gegen Mittag liegt ein kleines Lufthäuschen mitten <m Wasser, das mir ein kleiner von den abendlichen Hügeln herabfallender
Fluß hier spendet. Er bildet einen ansehnlichen Wasserspiegel, der sich, wie dte Klauen eines Leoparden in sünf Arme theilt, aus welchem weiße Schwäne dahtnziehen und an den Ufern spielen. Hart am blumigen Strande des einen Armes, welcher in kleinen Caskaden herabfällt, steigt ein jäher Fels empor, deffen Spitze sich wie ein Elkphantenrüfsel hoch in dte Luft krümmt und oben eine offene Laube trägt. Darin athme ich die frische Morgenluft und sehe, wie die Morgenröthe über meinem Garten die Sonne Imtt Rubinen krönt, wenn sie aus ihrem Fluthenbette emporstetgt. Der zweite Arm theilt sich, einige Schritte weiterhin, in zwei kleine murmelnde Bäche, welche um eine doppelte Terrasse, die einen mit Rosen und Granat- bluthen umwebten Balkon trägt, plätschern. Der westliche Arm beugt sich gegen Norden um einen einsamen Laubgang und macht ihn zu einer kleinen verschwiegenen Insel, deren Ufer mit weißem Sande, bunten Muscheln und farbenreichen Kieseln bedeckt sind. Ein Theil des Inselchens ist mit dunklen immergrünen Bäumen bepflanzt und auf einem andern steht eine zierliche Ftscherhütte, reinlich von Rohr und Schilf gebaut.
Dte beiden anderen Arme meines Sers suchen und fliehen sich wechselweise in landschastlichem Reiz auf dem Abhange einer bunten Wiese, deren Blumenwelt sie erfritchen und fröhlich erhalten. Oft treten sie aus ihren Ufern heraus und bilden kleine krystallklare Wasserbecken, mit zartem Rasen eingefaßt, drängen sich endlich in,enge, lustig tanzende Canäle und stürzen zuletzt rauschend über Felsenstücke in silbernem Schaume herab.
Gegen Osten zu öffnet sich ein kleines flaches Gefilde, in vierseitige und ovale Beete freundlich eingetheilt. Ein alter Cedernhain, in dem die süßen Sänger wohnen, beschützt es vor dem kalten Hauche des Nordwinds. Hier nun grünen, der Augen Luft, Tausende wohlriechender Pflanzen, heilsamer Kräuter, prächtiger Blumen und blühender Stauden; hier hausen Frühling und Zephyr ewig in ihrer lieblichen Heimath.
Ein Lustwäldchen von Granat-, Cttronen- und Orangenbäumen, immer mit Blüthen und Früchten beladen, verschließt dem Auge den Horizont, scheidet diesen köstlichen Platz vom mittägigen Theil des Gartens.
In der Mitte steht eine blühende Gartenlaube auf einem einsamen Hügel, um welchen sich ein Schneckengang verschiedene Male kühn herum windet, um sich ins Innere der Laube zu verlieren. Die Seiten des Gangs sind mit Rasen tapeztrt, in welchem sich hier und da freundliche Sitze darbieten und den Wanderer einladen, auf ihnen zu ruhen und den Blumengarten von allen Seiten zu betrachten."
Er schildert nun weiter den Reiz langhaariger Trauerweiden, die Fels und Uferweg beschatten, einer kleinen, kühlen Grotte, von Gaisblalt und wildem Wein umrankt, einer krystallenen, aus dem Felsen springenden Quelle; erwähnt fröhlicher Kaninchen, die in den Klippen und wilden Kräutern hausen und goldschimmernde Fische, die einen traulichen Weiher mit Schmuckbrücken und Vogelhäuschen beleben. Dann fährt er fort:
„O wie schön, wie lieblich ist nicht dieses weltferne Stückchen Erde V*
Wenn die großen rothen Teichrosen (Nuphars) blühen, an den Rändern des träumenden Teichspiegels, so scheint er mit Sßurput'unb
Scharlach gesäumt, so wie der Horizont des südlichen Meeres, wenn die Sonne Abends seine Fluthen küßt.
Gefällt mir eine Blume, so pflücke ich sie und weide mich an ihrem Geruch; oder dürstet .eine andere, so tränke ich sie und ihre Nachbarn. Wie oft hat mir nicht eine schöne reife Frucht dm Appetit wiedergegeben, den mir der Anblick erkünstelter Speisen geraubt hatte ! Meine Granatäpfel und meine Pfirsiche sind zwar darum nicht beffer, weil ich sie mit eigener Hand breche, aber mir schmecken sie deshalb doch lieblicher, weil ich sie selbst pflegen und ernten kann.
Zuweilen verläßt mich noch der letzte Sonnenstrahl in stiller Betrachtung über die zärtliche Unruhe und Sorge einer Mutterschwalbe für ihre Jungen oder über die Listen eines Raubvogels, seine Beute zu erhaschen.
Schon ist der Mond aufgegangen und ich sitze noch schweigend da; mein Vergnügen vermehrt sich in der feierlichen Umgebung: das Murmeln der Wasserfälle, das sanfte Säuseln der Abmdwinde in den Blättern und die Schönheit des klaren Firmaments erhöhen mein Gefühl unb lösen meinen Geist in süße Schwärmerei über Entschwundenes, über Kommendes, auf. Da spricht die ganze Natur laut zu meiner Seele: ich höre sie und veitiefe mich in ihr Anschauen. Und ost ist die Nacht schon weil auf. ihrer Bahn fortgeschritten, wenn ich erst wieder zu meiner häuslichen Schwelle zurückkomme. Wenn der Schlaf mich flieht, oder Träume mich aufwecken, so erhebe ich mich und gehe der Morgenröthe durch meinen im Schlummer liegenden Garten entgegen. Vom Gipfel eines Hügels aus sehe ich, wie sie Perlen und Rubinen der kommenden Sonne auf ihrer Bahn vorausstreut!"
Und alles dieses fühlte und schrieb der Chinese vor mehr als 800 Jahren!
Unser deutsches Volk gilt als ein Volk der Denker, der gefühlvollen Gcmüther: fühlen wir alle in der Schönheit seiner Gedanken diesem längst hingegangenen Fremdling nach-"
Gewaltig regt sich überall das Deutschfühlen in unserem Volke: Der Garten ist ein Gebiet, in dem das deutsche Fühlen einen klaren Springquell der Erhebung der Gemüther aus dem Grau deS Alltäglichen, der Gesinnungsschwachheit finden kann — der Gartenbau ein Ding, in dem in ganz merkwürdiger Weise volkswirthschaftlicher Nutzen und Nahrung für Geist unb Herz anmuthig in cinanber verkettet sind.
Uns ist der Chinese in Nichts ein Vorbild — wir fühlen selbständig unb tiefer, aber was er da durch den vergilbten Folianten in der Auguftlaube zu uns sprach — damit soll er uns nicht beschämen!
Wir können nicht überall Waffe» bäche, Cascaden unb Blumeninseln bilden, uns auch nicht an selbstgezogenen Granatäpfeln unb Golborangen erquicken. Aber wir können durch frohes Schaffen im kleinsten deutschen Gärtchen einen Segen der Arbeit, herzerquickende Freude an seinem Weben und Erholung des Geistes unb Körpers in seiner Natur finden.
Möge die Zeit kommen, in der keinem deutschen Heim wehr sein Gärtchen fehlt! Es geholt dazu!
Heinrich Freiherr Schilling von Canftatt.


