Ausgabe 
5.6.1894 Fünftes Blatt
 
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Nr. 128

Dienstag den 5. Juni

1894

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2lmtiid?cr TKeil.

Bekanntmachung,

betr. Die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Großherzogthum; hier Lotterie seitens de» Regensburger Domfreiheitsverein».

Mit Allerhöchster Ermächtigung Seiner Königlichen Hoheit des Grobherzogs ist dem Domfreiheitsverein zu Regensburg seitens des Gr. Ministeriums des Innern und der Justiz die Erlaubniß ertheilt worden, die Loose einer zum Besten der Freilegung des Doms zu Regensburg inner, halb Jahresfrist zu veranstaltenden Geldlotterie im Gebiet des Grobherzogthums zu vertreiben.

Rach dem von der zuständigen Behörde genehmigten VerloosungSplan dürfen 400 000 Loose a 3 Mk. ausgegeben werden und muffen 475000 Mk. zum Ankauf von Gewinnsten verwendet werden.

Gießen, den 3. Juni 1894.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche» Reich.

Berlin, 2. Juni. Der Kaiser hat sich in den letzten Tagen einer unbedeutenden und durchaus gefahrlosen Operation unterzogen, die übrigen- von dem hohen Herrn selber un­geordnet worden war. ES handelte sich um die Beseitigung einer kleinen Balggeschwulst au- der linken Wange, welcher operative Eingriff von Professor v. Bergmann mit Unter­stützung deS kaiserlichen Leibarztes Prof. Dr. Leuthold und Dr. Schlange« glücklich vollzogen wurde.

Die landwirthschastliche Conferenz in Berlin hat zur Stunde ihre Verhandlungen beendigt, sodaß die Arbeiten der genannten Versammlung weit weniger Zeit beansprucht haben, al- ursprünglich in Hinblick aus die wichtigen und schwierigen Aufgaben der Conferenz zu erwarten stand.

Feuilleton

Dss Ausrkbro

Historische Skizze von P. E. von Az eg.

(1. Fortsetzung.)

ES wäre Thorheit, wenn ich versuchen wollte, Dir auf derartige Aussichten Hoffnung zu machen, Käthe. Du weißt, ich bin blutarm, der Vater hat meine Mutter verlaffen, als ich noch ein Knabe von zwei Jahren war. WaS kann das Kind einer armen Tagelöhnerin vor sich bringens wenn eS auf weiter nichts angewiesen ist, als auf den kärglichen Der- dienst seiner Hände? Die Lehrjahre waren hart genug und seitdem ich Geselle geworden bin, ist eS kaum beffer geworden. WaS kann man bei einem Wochenlohne von einem meißnischen Gulden zurücklegen, wenn man als ordentlicher Mensch unter seinesgleichen einhergehen will? ES ist wahr, der Meister behandelt mich gut und hält mich, al- ob ich sein Kind wäre. Aber die Familie ist stark und er immer kränklich, da ist der Abfall, der an mich kommt, nun gerade gering genug. Jeden Pfennig habe ich gespart und jede Freistunde dazu benutzt, um daß Meisterstück fertigzustellen, eS ist erreicht, ich habe vollendet und Jedermann bewundert die saubere und fünft* liche Arbeit, wenn er mein Spinnrad sieht, der Meister selbst Hal mich über alle Maßen gelobt, als ich so weit gelangt war- aber was kann das alles mir helfen oder unS zweien miteinander, Käthe? Bevor ich die fünfzig Reichsthaler, die da- Meisterwerden kostet, zusammensparen kann, mögen so viel Jahre vergehen, als wir selbst Tage zum Ueberlegen Haden. Darum, Käthe, ist eS daS Beste, was ich Dir rathen kann, vergiß, daß ein Heinrich Zimmerholz auf der Welt ist und heirathe den Meister Schwamminger, da bist Du untergebracht/' _ . ...

Der Rath kommt Dir nicht auS dem Herzen, Heinrich. Du sprichst gerade so, wie wenn ich meinen Vater reden hörte, und alte Männer und junge Burschen denken auf der Welt eigentlich niemals überein. Meine Eltern können uns nicht helfen, so viel steht fest. Auf dem Hause hat der Barer Schulden genug, um mit Angst und Bangen den .jedesmaligen Termin der Zinszahlung heranrücken zu sehen. Und fünfzig ReichSrhaler hat, glaub ich, der Vater noch gar nicht einmal auf dem Flecke beisammen gesehen.'

Ich weiß das ebenso gut, wie Du eS sagst, Käthe, und deßhald habe ich auch jede Hoffnung aufgegeben, seit ich aus Deinem eigenen Munde weiß, daß ein Anderer da tft,

Dieser frühe Abschluß der Eonferenzverhandlungen konnte freilich auch nur dadurch erreicht werden, daß sich die Conferenz mit einer Generaldebatte mit darauf folgender Special- diScussion über die ihr unterbreiteten Fragen begnügte und demnach von bestimmten Beschlüffen absah. DaS in diesen Beratungen gesammelte Material soll später einer engeren Gruppe von Sachverständigen zur Prüfung übergeben werden - alsdann ist eine nochmalige Conferenz geplant. Auch die Silbercommission, die so lange Wochen in Berlin tagte, allerdings meist dem Veilchen gleich, daSim Verborgenen blüht", steht am AuSgange ihrer Berathungen, auch in letzterer Versammlung dürste man zu keinen bestimmten Be­schlüffen gelangen.

Die Reichstags st ichwahl in dem sächsischen Wahlkreise Plauen i. V.-OelSnitz hat den Sieg der Socialdemokraten ergeben. Ihr Candidat, Gerisch- Berlin, wurde mit 12 582 Stimmen zum Abgeordneten gewählt, während sein Gegner, der Fabrikant Uebel-Plauen, Candidat der vereinigten Nationalliberalen und Conservativen, nur 10874 Stimmen erhielt. Bei der Hauptwahl hatten 10666 Stimmen der verschiedenen bürgerlichen Parteien 9919 socialdemokratischen Stimmen gegenübergestanden, dennoch siegte in der Stichwahl der Socialdemokrat mir ca. 1700 Stimmen Mehrheit. Es müffen also der socialdemokratischen Partei noch ziemlich erhebliche Reserven zur Verfügung gestanden haben, wenn man nicht annehmen will, daß ein Bruchtheil der Wähler der bei der ersten Wahl unterlegenen Parteien, der Antisemiten und der Freisinnigen, bei der engeren Entscheidung auS Verdruß und Verbitterung sür den socialistischen Candidaten gestimmt hat- vielleicht wäre eS aber bei kräftiger Agitation noch möglich gewesen, auch für den Cartellcandidaten Reservetruppen aus den bürgerlichen Parteien auf die Beine zu bringen. Jedenfalls ist dieser desinitive Ausgang der Plauener Reichstagsersatzwahl ein neuer Beleg für die alte Thatsache, daß gerade durch die Uneinigkeit unter den bürgerlichen Parteien die Wahlgeschäfte der Socialdemokratie die meiste Förderung erfahren, welche

der Dich haben will. Haben sie Dir nicht zugeredet, Du möchtest zugreifen?"

Freilich, Heinrich, freilich, ich kann zwar nichts anderes sagen, als daß eS in aller Liebe nnd Güte geschehen, aber geschehen ist eS doch. Der Vater meint, ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren gehöre mit den Füßen nicht mehr unter der Eltern Tisch, sondern unter den ihres Eheliebsten. Und ich sollte die Gelegenheit, die sich mir jetzt unverhofft böte, mit beiden Händen ergreifen und nicht mit Gewalt in mein späteres Unglück lausen, Meister Schwammiger sei ein braver Mann und daß die beiden Kinder von der ersten Frau da wären, daS brächte mir gerade die beste Gelegen­heit, von vornherein zu beweisen, daß ich ihnen eine brave Mutter sein werde. Ein junger Bursche wie Du vergäße ein wenig LiebeSleid rasch, bei ihm hieß eS ja, wie bekannt, ein anderes Städtchen, ein anderes Mädchen. Sei ich erst einmal unter der Haube, dann würdest Du rasch Dein Bündel schnüren, um Dir die Welt anzusehen, um mich, ehe vier Wochen ins Land gegangen wären, zu vergessen. Heinrich, könntest Du da-, ist daS wahr?"

Was könnte eS unS helfen, wenn ich Dir daS Gegen- theil versichern wollte? Nichts weiter, als Dir daS Herz noch schwerer machen, als eS ohnehin schon ist. Sie haben alles versucht, um Dir mit Recht oder Unrecht die Sache so plausibel zu machen als möglich und ich darf mich auch nicht einmal darüber beklagen, denn sie haben meine Person so gut wie ganz aus dem Spiele gelaffen. Deßhalb will ich auch nicht versuchen, auf Deinen Entschluß mit einem Worte einzuwirken, sondern ich will Dir nur meinen Rath wieder* holen: Vergiß mich, Käthe, und heirathe den Schwammiger."

Niemals, Heinrich, niemals," rief das Mädchen unter Thronen,wenn ich Dich verlaffen soll, dann gehe ich lieber ins Wasser als in die Arme eines anderen Mannes. Dein bin ich und Dein bleibe ich, Heinrich, keine Menschengewalt soll unS trennen!"

Und sie umfaßte den Geliebten mit Inbrunst und zog ihn an ihr Herz.

AIS eS am Abend des darauffolgenden Tage- auf dem Rathhause sieben schlug, saß die Familie in dem Hause in der Johannisgaffe, in dessen Thür wir daS Zwiegespräch zwischen den beiden Liebenden mit angehört haben, um den großen, weißgescheuerten Tisch in der Absicht, daS Abendbrod einzunehmen.

ES waren acht Köpfe, die gesättigt sein wollten, und doch fehlte ein Familienmitglied immer noch, der älteste Sohn war bereit« feit Jahr und Tag auf der Wanderschaft. Ohne

Erfahrung vielleicht auch durch die bevorstehende Reichstag«- Nachwahl in Pinneberg-Elmshorn eine nochmalige Bestätigung erhalten wird. Mit der Wahl Gcrisch« in Plauen-OelSnitz ist die Zahl der socialdemokratischen Abgeordneten im Reichs­tage auf 45 gestiegen.

Berlin, 2. Juni. DieNordd. Allg. Ztg." bespricht in einem anscheinend osficiösen Leitartikel die Finanzlage deS preußischen Staate« und äußert sich dahin, daß, wenn auch mit Berücksichtigung der Mehreinnahmen au« der Börsensteuer, der Post* und Eisenbahnverwaltungen daß bestehende Deficit auf die Summe von 30 Millionen rebucirt werden könne, eine vollständige Ausgleichung desselben durch dauernde Aufstellung knapp bemessener Ausgabenetats doch nicht zu erzielen möglich fein werde. Bezüglich der Frage einer Besserung der Finanzlage auf das Gebiet der Steuer« übergehend, hält dieNordd. Allg. Ztg." die Behauptung nicht für zutreffend, daß eine mäßige Steigerung der inbirccten Steuern auf Luxusartikel unb Genußmittel, wie ben Tabak, besonders ungerecht unb brückenb für bie unteren Volksklassen wäre. Preußen habe als größter Einzelstaat die Pflicht, in Erwägung ber gerechtfertigten Interessen anberer Einzelstaaten, so nachbrücklich wie möglich auszusprechen, baß eine große Erhöhung ber birecten .Steuern jetzt mit schweren Unzuträglichkeiten verbunben sein würbe.

Berlin, 2. Juni. Zum Zwecke ber Wahrung ber beutschen Interessen in Afrika hat bie brutsche RcichSregierung, wie baSBerl. Tagedl." erfährt, mit bem König von Belgien, als bem Souverän deS CongostaateS, Verhaublungen ein* geleitet, welche ben zwischen dem Congostaat unb England abgeschlossenen Pachtvertrag zum Gegenstand haben.

Berlin, 2. Juni. Zu bem von berNordd. Allg. Ztg/ gebrachten Dementi, daß die umlaufenden Gerüchte über neuerdings beabsichtigte Conversionen preußischer Rententitel zum Mindesten den Ereignissen weit vorauSeilen, da die Re* gierung der Frage einer neuen Convertirung bisher überhaupt nicht nahe getreten sei, schreibt dieNationalztg.":AIS eine Versicherung, daß keine Convertirung erfolgen werde,

ihn bestand die Familie also immer noch auS acht Personen, au« Vater unb Mutter, Käthe, bem ältesten Kinbe unb ein­zigen Mädchen, und fünf Brübern, von benen ber jüngste vier Jahre zählte.

Die Mutter stellte eben bie braune bampfenbe Mehlsuppe auf den Tisch unb nachbem ber kleine Han« auf deS Vaters Aufforberung anbächtig gebetet hatte:

Komm, Herr Jefu, fei unser Gast Und segne, was Du descheeret hast," tauchten bie acht Löffel gemeinschaftlich in bie große Suppen­schüssel in ber offenbaren Absicht, mit dieser Beschäftigung früher nicht imte zu halten, als bis sie ben Schüffelboden vor Augen haben würben.

Aber getabe währenb baS Löffeln die ganze Aufmerk­samkeit ber gejammten Familienmitglieder in Anspruch nahm, klopfte an bie Stubenthür.

Der Meister rief:Herein!"

Die Thür öffnete sich und durch ihren Rahmen trat eine Frau in die Stube, deren Kleidung erkennen ließ, daß sie zu den unteren Volksständen gehöre. Sie hatte einen braun» carrirten, vielfach geflickten, aber immerhin jetzt ganzen und reinlichen baumwollenen Rock an, darüber eine wollene dunkel- graue Jacke und eine grobe blaue Leinenfchürze. Der Kopf war mit einem schwarzwollenen Tuche bedeckt, aber so ein­gehüllt, baß Kinn unb Stirn hinter betreiben verschwanden unb nur die mittlere Gesichtspartie mit den Augen frei blieb. Die Frau trug ein buntgewürfelte«, mit den Ecken zusammen- gebundene« Tuch in der Hand, baß seinen Inhalt, Strähnen gelblichweißen, mit ber Hanb gesponnenen Wollengarn«, zwischen den Zipfeln durchschimmern ließ.

Guten Abend miteinander und segne Gott die Mahl­zeit," sagte bie Frau, ihr Bündel auf den Fußboden nieder» legend.

Habt Dank und nehmt Platz auf der Bank, gute Frau," entgegnete der Meister,biß ich mit meinem Abendbrod zu Ende gekommen bin, denn ich sehe Euch an: Ihr bringt mir Garn unb wollt Wolle haben."

ist so, Meister," erwiderte die Frau, indem sie sich auf der Bank am Ofen niederließ.

Damit war baß Gespräch abgebrochen- der Meister machte sich allen Ernste- wieberum an sein Suppenlöffeln, biß die gemeinsame Thätigkeit der Essenden durchgesetzt hatte, daß man auf dem Boden der Schüssel angekommen war.

(Fortsetzung folgt.)