Nr. 259 Drittes Blatt. Sonntag den 4. November 1894
Der v^excr >«|tiger erscheint täglich, eil Uu-nabme bf»
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
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Madien, »n-,dNd» und Druckrrei: f4»rnt<|(ViA
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2lnrts- und Anzeigeblatt für den Uveis Gieren.
Hratisöeikage: Gießener Kamitienökätter
«lle Nnnoncen-Lureaux deS In- und KullanM nehm« Anzeigen für drn „Gießener Anzeiger- entgeh«.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den falgmden Log erscheinenden Nummer bi» vorn,. 10 Uhr.
Nnrtlicher Tbeil.
Gießen, 1. November 1894.
Betr.: Ermittelung der landmirthschaftlichen Bodenbenutzung und des ErndteertragS im Jahre 1894.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen ** die Grotzh. Bürgermeiftereten M «reife».
Soweit Sie noch mit Einsendung der rubricirten Verzeichnisse im Rückstände sind, erinnern wir Sie unter Hinweis auf unsere Verfügung vom 15. Juni d. Js. — Anzeiger Nr. 140 — an deren alsbaldige Vorlage.
v. Gagern.
Gefunden: 1 goldene Damenuhr, 1 Taschenmesser, 1 Spazierstock, 1 Strängchen Seide, Stoffmuster, 2 Weckmittel, 1 ElsenbahnFahrplan, 1 Kinderschuh, 1 Lederriemen, 1 Hundehalsband, 1 Schippe und 1 Wagenschild.
Zugelaufen: 1 Huhn.
Gießen, den 3. November 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Gießen, 1. November.
Der Oberhessische Verein für innere Mission kann auf eine gesegnete Jahresversammlung au den beiden letzten Tagen des veiflossenen Monats zurückschauen. Sehr interessant ge- stallele sich schon die Sitzung des Vornandes und der Synodal- vertreter für innere Mission, die am ersten Festtage um 3 Uhr gehalten wurde. Diese Sitzung hat besonders sehr wichtige Berathungrn über die Fürsorge für entlassene Sträflinge gepflogen, an denen u. a. auch Herr Director Clement, Herr Pfarrer Roth vom Zellengefängnttz m Butzdach und der Vertreter der Gefängniß- kunde (in hiesiger Universität, Herr Professor vi. Frank, theitnahrnen.
Um */,,7 Uhr fand der etgenrllche Festgollesoienst statt, dessen Besuch gewiß etwas beeinträchtigt wurde durch den unaufhörlich herabftrömendkN Regen. Mil herzlichem Danke erwähnen wir die
Mitwirkung des Kirchengesangvereins, der einige herrliche CHSre vortrug, wobei wir von auswärts Gekommenen mit Freuden bemerkten, über welch' ausgezeichnete Kräfte der Ktrchengesangveretn verfügt. Der Prediger, Pastor Simon aus Bielefeld, der schon seit lange Zett in Bielefeld, dem Sitze der hervorragendsten Weike der inneren Mission, wirkt, betonte entschieden, daß die innere Mission allein auf dem Gi unde, den Luther gelegt, auf dem Grunde des Hauptsatzes der Resormatton, der Rechtfertigung allein durch den Glauben, arbeite und auch in Zukunft arbeiten dürfe. Das Wort, das lautere Gotteswort, scheint eine kleine Kraft zu sein gegenüber den Röthen der Zeit, aber es Hai die herrlichste Verheißung. Die Abcndversammlung in Steins Garten war ziemlich gut besucht, wenn auch hauptsächlich von Solchen, die seither schon enge Fühlung mit Kirche und Mtsston halten. Der Vorsitzende, Herr Professor Stamm, eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache. Sodann hielt Retsepredtger Wenck einen Vortrag über evangelische Arbeitervereine. Er richtete einen warmen Mahnruf an Gießens Arbeitgeber und Honoratioren, mttzuwtrken in den Arbeitervereinen zur Förderung ihrer Sache und sich auch an den Famtlien- abenden deS Vereins zu betheiligen. Ein ergreitendes Bild der gesegneten Bodelsch wingh'schen Anstalten in Bielefeld gab Pastor Simon. Wenn z. B. von der A.beit an den Epileptischen auch gesagt werden muß, daß die Wenigsten geheilt werden, etwa 300 nämlich unter 4000, so ist doch die ganze Anstalt ein unendlicher Segen. Der Schriftführer des Vereins, Herr Pfarrer Schlosser, sprach sodann über die Wirkung, die das neue Sonntagsgesetz, besonders in Gießen ausübt, er zeigte die guten und die bedenklichen Wirkungen dieses Gesetzes. Das werktägige Treiben, das von 11 bis 3 Uhr sich am Sonntage entfaltet, kann der vollen „Rcconvalcscenz" des „Kranken", nämlich des Sonntags, nicht förderlich sein; soll der Sonntag, „die Perle der Tage", seinen ganzen Gottesfegen über unser Volk ausschütten, dann darf bet diesem Gefetze, das ja gewiß und zwar nicht in letzter Linie durch das rühmend vom Redner anerkannte Feststehen der städltlchen Be- börde und Vertretung, sein Gute« hat, nicht st. Heu geblieben werden, das Ziel muß sein: Der Sonntag ein Tag völliger Ruhe und tiefere Heiligung.
In dieser Versammlung wirkte der B-uer'sche Gesangverein durch den ausgezeichneten Vortrag verschiedener Chöre m>t. Dem Verein ist dafür der Dank der Versammlung, der auch lebhaft gespendet wurde, gewiß.
Am folgenden Tage begann die Hauptversammlung um 10 Uhr in dem dicht besetzten Confirmandensaale der Johanneskiiche. In der seteiltchen Morgenandachl zeigte Piarrer Volp von Allen- dorf in Erinnerung an die geschichtliche Bedeutung dieses Morgens
für die evangelische Kirche, daß die Reformation (b. h. Wiedergeburt innere Mission und umgekehrt die innere Mtfsion Reformatton er zeugen. Möchte eS auch unserem Vereine gelingen, den Ruf deS Predigers an unsere Laien, die unsere Sache merkwürdiger Weise oft noch nur als Sache der Pfarrer betrachten, in wette Kreise zu tragen, den Ruf: helfe, wem geholfen ist, rette, wer gerettet ist, thue etwa«, wer erfahren, was Gott an ihm gethan hat. Stach der Andacht erstattete Herr Pfarrer Schlosser den Jahresbericht. Von Veränverungen im Vorstande erwähnen wir, daß Herr Decan Draudt aus Laubach, der dem Vorstande über 13 Jahre angehört hatte, gestorben, und an seine Stelle neu eingetreten ist Herr Piarrer Weber aus Münster. Außerdem traten in den Vorstand ein: Herr Dr. Vogel auS Laubach, Herr Decan Wahl aus Hausen und Herr Piarrer Dingelder- aus Gießen. Sodann hielt Herr Prof. Stamm seinen meisterhaften Vortrag über Die Gefahren, die das moderne Leben für die Erziehung habe. Er berücksichtigte hauptsächlich die Erziehung in höheren Ständen; ein geeigneterer Referent hätte von uns nicht gewählt werden können, als der Mann, der schon vielen Hunderten von jungen Leuten ein Segen gewesen ist. Die Verlogenheit, die Gewissenlosigkeit, die Genußsucht, das characterlose Stteoetthum stellt er als Hauptgefahren für die Erziehung aui; als Redner am Schlüsse auf die HlttmUtel dieser Schäden zu sprechen kam, machte es einen tiefen Eindruck auf dte Versammlung, aus seinem Munde dte Kraft echter Fürbitte für dte Jugend von Setten der Ellern und Lehrer tn ergreifender Wetse her vorheben zu hören. Der Correferent, Herr Pfarrer Schuster au8 Giauberg, etn gründlicher Kenner des Landvolkes, legte dte thalsächltchen Verhältntsse auf dem Lailde bar, zeigte,, wie bie Fluthen bes mobernen Lebens auch hier Vieles von der früheren Strenge und Tiefe der Erziehung w-ggeschwemmt haben, er zeigte die jammervolle AutoritärSrosigklit vieler E.zieher; wahrhaft erschütler nd wirkten die zahlretcheii Beispiele aus dem modernen Leben; des Redners kräftiger, an feinen Beobachtungen so reicher, und durch seine überzeugende, gesunde Darstellung wirklicher Verhältnisse in der Versaminlung lief wirkender Vortrag gipfelte tn der Forderung: Dte Religion muß erhalten werden, ja nur mehr (Siaube hilft. Am Schlüsse wurde beschlossen, die ausgezeichneten Vorirüge drucken zu lassen. Sie seien hiermit zu weiter Verbreitung Allen, dte noch etntge. maße,, fühten die Gefahren für dte Eizrehung, bestens empfohlen. Beide Vortiäge e regten eine zwetpündige Drecusston, in der manches bed.uisame Wort gesprochen und mancher Wink für fruchtbringende Arbeit ge° geben wurde. Elfi um 2 ‘/t Uhr wurde die diesjährige JayreS- Deifammiung geflossen. Hoffentlich können wir nachftes Javr von weiterem Zuwachs an Mitgliedern unseres Oberhessifchen Vereins für innere Mtfsion berichten.
Feuilleton.
Eine Hcirsih im vorigen Jahrhundert.
Aus dem Tagebuche einer alten Dame. Von L. He in au.
(Schluß.)
Ich sah, er war voll Erstaunen, daß ich nicht äugen- blickltch verneinte, sondern dte Augen niederschlug und dunkel- roth in Scham erglühte, weil so viele Blicke aus mich gerichtet waren Dann fühlte ich, daß mir alles Blut zum Herzen strömte und ein Gefühl der Ohnmacht sich meiner bemächtigte, denn es war mir klar geworben, wie grausam ich mich in der Hoffnung, ihn retten zu wollen, getäuscht halte. Ich griff nut beiden Händen nach einem Halt und würde gefallen sein, wenn man mich nicht gehalten hätte.
Der Richter fragte mich darauf mit befehlender Stimme, bie doch eine Spur von Höflichkeit zeigte, ob ich tn der Thal die Gräfin Almington sei.
Ich bejahte es und fügte hinzu, daß ich vor zwölf Jahren durch den Bischof N. dem Grafen angetraut worden sei.
Man deutete mir an, daß ich entlassen sei und meine Freunde gut daran thäten, mich fortzuführen.
Mein Gemahl schien es nicht für möglich zu halten, daß ich sein Weib sei, als er aber sah, daß ich es nicht leugnete, sondern vor aller Welt bekannte, ich wäre seine ihm angetraute Gattin, machte er eine Bewegung, als ob er zu mir htnftürzen wolle, und nur seine Umgebung hielt ihn davon ab, dies auszuführen. Ich meinte, er wollte mir Borwürfe machen und weil ich sah, welche Aufregung ihm meine Anwesenheit bereitete, beeilte ich mich, mit Lady Weedon den Saal zu verlassen. Gewiß hatte er gewünscht, mir zu sagen, daß, wenn ich mein Geheimmß ihm bekannt hätte, als er mir seine Liebe gestand, dann würde dte Anklage, unter welcher er jetzt litt, nicht möglich gewesen sein- mit derHüligkeit der Liebe hatte ich ein freventliches Spiel getrieben, während er um meinetwillen eher den Tod erlitt, als daß er eine Ver- theidigung gesucht hätte, die mich beschimpfen konnte. Ach, es war mir unmöglich, noch länger Zeuge zu sein der Unwürdigkeiten, welche er um meinetwillen duldete, ohne etwas zu thun, ihn zu retten.
> Kaum befand ich mich aber kurze Zeit in dem Gasthose, wo ich meinen Gemahl zuerst gesehen, als ich Erkundigungen wegen der Verhandlung einzog und hörte, daß dieselbe auf- geschoben worden sei. — O, wenn eS nur jetzt nur gelänge, einen Zeugen zu finden, der meine Aussage bestätigte, ich hat Gott, einen zu senden, damit es mir gelänge, meinen
Mann zu befreien. Und nun erinnerte ich mich, daß ich mich vor aller Welt als sein Weib bekannt hatte, ich besaß nun auch das Recht, jeden Kummer mit ihm zu theilen und begab mich daher nach dem Gefängniß, um ihn zu sehen, waS mir gewährt worden war.
Wohl würde er zornig auf mich sein, daS sollte aber meine gerechte Strafe sein- meine Liebe und meine Reue waren so groß, daß ich alles von seiner Hand ertragen hätte, wenn ich nur durch meine Leiden und meine Geduld ihm hätte dienen können.
Und nun stand ich vor ihm und konnte doch die Augen nicht heben, ihn anzusehen, sondern ging mit gesenktem Blick vorwärts und wollte mich ihm zu Füßen werfen, seine Ver- zethung zu erflehen- da aber schwanden mir einige Augenblicke die Sinne, denn er hatte mich ohne ein Wort des Vorwurfs in se'ne Arme genommen und küßte meine Lippen und Augen heiß und zärtlich. Einen Augenblick gab ich mich ganz der I Wonne hin, von ihm geliebt zu sein, dann schluchzte ich aber. -
„O, mein Gemahl, ich bin unwürdig Deiner Liebe, ich bin schuld an allem Unglück, daS Dich getroffen!"
Er aber küßte mich wieder, und antwortete: „Welche ' Frau sollte meiner Liebe wohl mehr wenh sei als Du? Ich tun glücklich, dte Deine errungen zu haben, wie solltest Du an dem unglücklichen Zufall schuld fein, durch den ich in den Anklagestand versetzt bin ?"
So tröstete er mich mit den zärtlichsten Worten und wollte nicht zugeben, daß er in Gefahr fei, und wenn es wirklich der Fall wäre, so hätte ihm dies meine Liebe entdeckt und ihn unaussprechlich glücklich gemacht. Auch davon, daß ich mich anklagte, ihn getäuscht zu haben, wollte er nichts wissen.
„Du hast mir während der ganzen Zeit unserer Bekannt- schäft tn der süßesten und bezauberndsten Art Dein inneres Wesen entschleiert, wenn ich gewußt hätte, wer Du wärest, so würde Dein Stolz und der meinige, sowie Dein gerechtes Mißfallen meines Vorurtheils uns lange Zeit weit von ein- einander entfernt gehalten haben. Liebstes Herz, Du hast mir die süßeste Liebe gegeben, das vollständigste Entzücken, das jemals ein Manu gefühlt und wenn ich auch nie wieder durch Dich so beglückt werden sollte, so könnte ich mich nicht beklagen, da ich das Loos Anderer kenne, denen nicht halb so viel geworden!"
So tröstete er mich und sprach mir Muth ein aus reiner Großmuth und wir hatten in all dem Unglück eine glückliche Stunde.
Gott hatte endlich mein Gebet erhört, eS fand sich ein Zeuge, der eS beschwören konnte, daß mein Gemahl bis zwölf j
Uhr in meiner Gesellschaft gewesen- dieser Zeuge war mein Mädchen Susanne, welche.auS Neugierde sich ganz nahe heran« geschlichen hatte- vielleicht war sie auch um meine Sicherheit besorgt gewesen, wie sie angab. In der Nähe der Brücke stehend, hatte sie unsere Unterredung mit angehört und den Grasen genau erkannt- sie vermochte ihre Aussage zu beschwören, denn sie hatte fein Gesicht im Mondlicht gesehen. Der Naubanfall war aber zur selben Zeit gewesen, als wir zusammen sprachen und Mr. Merriton hatte das Gesicht deS Räubers nicht erkennen können, weil derselbe vermummt warmer hatte nur beschworen, daß es die Stimme Mr. CooperS gewesen sei, was sich nun natürlich als eine Lüge erwies. Aus Angst vor den Freunden deS Angeklagten, gab er nun zu, daß er sich geirrt haben könnte.
Wir wußten aber alle, daß er aus Bosheit falsch geschworen hatte und daher mieden ihn nun alle seine Nachbarn- er mußte nun endlich die Gegend verlaffen und fortziehen.
Mein Glück war unbeschreiblich, als der treue Gefangene freigegeben wurde und ich mit ihm, nachdem wir von Mr. und MrS. Norword Abschied genommen, in unsere Heimath fuhren.
Wir lieben uns beide einander so zärtlich, daß wir keine Fehler aneinander zu finden vermögen, obgleich er vielleicht Grund genug hat, dergleichen bei mir zu entdecken- wir sind zu weise, unser Glück auf daS Spiel zu setzen und bewahren eS als unseren auSerwäylten Schatz, der durch keinen Vorwurf getrübt werden darf. Mein geliebter Gemahl ist so groß- müthtg und liebevoll, daß, als ich ihn einst scherzend an seine Worte erinnerte: „Kein Vermögen der Welt könne einen Hantel, wie der unserer Vermählung gewesen, au-gleichen," er mir zur Antwort gab: „Es ist ganz richtig, nur in anderem Sinne aufzufassen: kein Bei mögen der Welt kommt dem Schatze gleich, den ich mit Deiner Liebe erlangt habe."
Ich fürchtete, daß man überall über meine Thorheit sprechen würde, aber alle Welt sand unsere Geschichte so romantisch und interessant, daß man vergaß, Böses darüber zu sogen. — Wohl habe ich Ursache, mich für glücklicher zu halten als Andere- denn ich habe viele Ehen gesehen, aber keine kam der meinigen gleich- ich habe viele gute Manner kennen gelernt, aber keiner war wie mein lieber Mann, so fiark und liebevoll, treu und zärtlich, daß man ihn ehren und lieben muß!"
Freudig möchte ich, wenn ich wüßte, wie ich es anfangen sollte, Andern zu helfen, auch ein wenig glücklich zu sein, alles nur Denkbare thun, und hoffe, daß diese Z ilen ein wenig dazu beitragen werden, wenn ich und mein Glück längst im Grabe modern.


