JRt. 259 Zweites Blatt. Sonntag den 4. November
1894
Der
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Amtlicher Theil.
Gießen, am 18. October 1894.
Betr.: Herbst-Controlversammlungen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gieße«
MB Ht Grstzh. v-rsermeiAereie» des SMUi.
Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen laffen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Bei den diesjährigen Herbst-Controlversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmeldeamt Gießen gehörigen:
1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve.
2) Reservisten, sowie zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlassenen aller Waffen.
3) Diejenigen, der Landwehr I. Aufgebots angehörige Mannschaften, welchen ein besonderer GestellungS Befthl zum Erscheinen bei "her Herbstcontrolversammlung zugegangen ist.
Die Ersatz-Reservisten haben bei der Herbstcontrolversammlung nicht zu erscheinen.
Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Controlpflichtigen anzutreten haben:
A. Zu Gietzerr
am 5. November 1894 in Oswalds Garten für die Bewohner von Annerod, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchelheim, Klein-Linden, Oppenrod.
1. Appell Vormittags 8 Uhr:
Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Referve, sowie sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1887, 1888 und 1889 eingetreten sind.
2. Appell Vormittags 10 Uhr.
Sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1890, 1891, 1892, 1893 und 1894 eingetreten sind.
3. Appell Nachmittags 2 Uhr:
Sämmtliche Reservisten der Garde, Jäger, Cavallerie, Feld- und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luftschiffertruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitätsund Veterinärpersonals, Büchsenmachergehülfen, Oeconomie- Handwerker, Marine-Mannschaften sowie sämmtliche zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassene Mannschaften aller Waffen und alle übrigen im Reserveverhältniß stehende Mannschaften.
4. Appell Nachmittags 3 Uhr 30 Minuten für die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang- Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.
B. Zu Lollar
am 6. November 1894, Vormittags 9 Uhr: neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Dau- bringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedel- Hausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.
C. Zu Grünberg
am 6. November 1894, Nachmittags 1 Uhr an der Kirche für die Bewohner von Allertshausen, Beltershain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß-und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, 1 Reinhardshain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit
Bollnbach, Veitsberg und Wirrberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain mit Hainerhof, Winnerod.
D. Zu Hungen
am 7. November 1894, Vormittags 9 Uhr 30 Minute» am Friedhof für Die Bewohner von Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Ntuschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.
E. Zu Sich
am 7. November 1894, Nachmittags 3 Uhr, am Bahnhof für die Bewohner von Albach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher-Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Nieder»Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.
Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor dem Appell auf dem Dienstwege (durch das Hauptnieldeamt) ein-»- reichen und müssen durch die Bürgermeisterei beglaubigt sein, werden aber nur im dringendsten Nothfalle genehmigt.
Die Leute treten in bürgerlicher Kleidung an. Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher wegzulegen.
Die Militärpapiere (Paß und Führungszeugniß) müssen zur Stelle sein.
Sämmtliche Mannschaften stehen im Laufe des gauzeu Controltages bis einschließlich Mitternacht unter dem Militärgesetz.
Gießen, den 13. October 1894.
Großherzogliches Bezirks-Commando.
Detring.
Oberstlieutenant und Commandeur des Landwehrbezirks Gießen.
Feuilleton
am alten steinernen Gartentisch und am blinden Fenster des Gai ten- häuschens? Don einer kleinen Thterwelt, die vergnügt und glücklich ihre Mariinsseste darin feiert? Soll ich von dm schwermüthtgen Lufttävzen und Negerconcerten der „geigenden", langbeinigen Schnacken berichten, vom Flattern und Kletterschltch kleiner Bösewtchtsgestalten der Schmetterlingswelt? Das stille Weben der Wurzeln in der Erde, das innere Erstarken der Knospen der kablen Bäume, das Wachsen der lieben Quasten des Haselnußstrauches, der allerersten Herolde und Vorläufer eines kommenden Lenzes verherrlichen?
Der echte Gartenfreund, der sein Gärtchen auch im grauen Giwand des Spätherbstes und >'m weißen des Winters ins Herz geschlossen behalt, weiß das Alles. Er weiß, daß wenn auch die Posaunen der Natur zur allgemeinen Ruhe geblasen, trotzdem kleine Wachtstübchen und Winterquartiere belebt bleiben, in denen es ganz lustig hergeht. Er weiß, daß selbst in der feuchten Erdenunterwelt keine völlige Ruhe eingetreten, daß dort vor Allem Freund Maulwurf, der Verkannre, mit riefigem Appetit in die kaum bezogenen Ruhesäle der Engerlinge, Werren, Drahtwürmer usw. ein- bricht. uns dadurch mar.chrn Korb Gemüse, manche Fuhre Viehfutter rettet!
Auch wir wollen keineswegs ganz feiern; es gibt im Garten noch so Manches zu thun, um neue Freuden, neuen Nutzm fürs kommende Jahr zu säen.
Wie reich und beglückt suhlte sich in diesem Herbst mancher unserer Freunde, der, endlich nach langem Entschließen, sich in den letzten Jahrm Obstbäumchen gepflanzt und treu gepflegt: Sie haben ihm, besonders zunächst die Zwergbäumchen, im guten, warm gelegenen Hausgarten, mit den lieblichsten und köstlichsten Früchten gelohnt; in den meisten Gegenden war ihre Gabe eine so reichliche, die Frmde darüber so groß, daß die Stunde wiederholt gesegnet wurde, die den Entschluß zeittate, kahle Plätze, kahle Mauern mit Bäumchen zu bepflanzen. Und die Hand des Freunde-, die dazu rteth und guten Rath wußte, wurde dankbar geschüttelt. Wer diese Freuden erst kenn', wird bald aus Klugheit selbst zum eifrigen Pfleger und Verfechter des Gartenbaues.
Jetzt im November ist es noch Zeit, Obstbaume zu pflanzen; aber um Alles kein Sammelsurium zur P-obe, sondern die bewährtesten Localiorten in den gesundesten Exemplaren; vielleicht zwei oder drei Sorten jeder Kernobstart. Bet Anlage eines Zwergbaumgartens können wohl auch noch mehr Sorten lohnend bleiben; nur wähle man die besten und tragbarsten. Ein guter Rath und bewährter Rathgeber dabet tst Geldes werlb, sonst gebt viel Zett und Mühe.umsonst verloren. Es weiden beim Pflanzen leider noch die bedauerlichsten Fehler gemacht, besonders bet dem der Hochstämme. Die Pflanzlöcher sollten schon im September gegraben sein, wo nicht rigoltes Land.
Beim Pflanzen selbst ist der Pfahl zuerst einzutteiben, dann das Bäumchen sorgsam unter Beigabe von altem Compost so zu setzen daß es mit ausgebreitrtrn Wurzeln, mit seiner Wurzelhalsbasis in kleinem Pflanzhügel, stark 1 Ve Faust höher als das umliegende Erdreich zu st-hen kommt: das Bäumchen setzt sich spater von selbst! Tas Zutiefpflanzen ist ein Krebsschaden der Obstzucht! Die Befestigung an den Pfahl findet erst kann statt, wenn sich datz Senken der Pflan,grubenober fläche vollzogen hat! Gegossen wird im nichts ^schxherr, müssen an alten Bäumen jetzt mit guter Schone Moos und Flechten abgrkratzt werden: sie wachsen im Winter am stärksten. Die Stämme, möglichst hoch in die Krone hinein sollten dann mit scharfer Rindenbüiste gr'andrrt und hierauf
mit einem Kalkanstrich (event. durch Rußbeigabe gedunkelt) verfitzen weiden.
Ferner ist, falls noch nicht geschehen, jetzt alsbald allen Hochstämmen, auch Pyramiden der Obstgärten, Obstalleen u. s. w. der „Rettungsgürtel" anzulegen. Rcttungsgürtel? in der Thal, nämlich dem sogen. Klebgürtel von Papier, dick mit bestem Raupenleim bestrichen. Die meisten Leser wissen, daß er lediglich zur Bekämpfung der hochschädlichen und erstaunlich gefräßigen Frostspannerraupen dienen soll; allerdings nicht gegen sie direct, sondern gegen deren Mütter, die ungrfügelten Weibchen der verschiedenen Frostspanner- Schmetterlinge, die jetzt bis zum Nachwinter an den Stämmen in die Höhe kriechen, um in den Baumkronen ihre verderblichen Eter- massen abzulegen. Letzteres kann nicht erfolgen, wenn diese Schädlinge am Hinaufklettern durch den Leimring verhindert werden, an dem sie kleben bleiben und sterben! Das tst der ganze Witz! In diesem Frfthjahr war der Schaden durch Unterlassung der Maßregel in ganz Deutschland ein ungeheurer: die Bäume wurden schon vor und während der Blüthe in vielen Gegtnden besenkahl abgefressen; man jammerte, flachte, schrie nach „Unioersalmittel", kaufte wohl auch dergleichen nichtsnutziges Zeug und warf damit zum Schaden noch sein Geld aus dem Fenster! Wie wenig die drohendsten Feinde des Obstes: Frostspanner, Apselblüthenstecher und Obstmade und deren garz und gar verschiedene Bekämpfung beim großen odst- bauenden Publikum und bet solchen, die dieses Publikum darüber zu belehren sich gemüßigt finden, bekannt sind, geht daraus hervor, daß Zeitungen, selbst gärtnerische und landwirlhschaftltche, besondnS die famosen gartenbau- und landbaufreundlichen Beilagen gew sser Tagesblätter, deren Redaclionen wohl kaum eine Wruke von tüym münchener Bierrettig zu unterscheiden wissen, fort und fort diese drei Hauplschädlinge, deren Brut und Bekämpsung in der naivsten Weise wie Kraut und Rüben durcheinander werfin, weil fie sie verwechseln. Sie richten dadurch bet den Hilfesuchenden nur Verwirrung der Begriffe, Schaden und daher Gleichgiltigkeit gegen richtige, wohlgemeinte und nutzenbringende RathsLläge an. TaS ist sehr zu bedauern, denn dies muß eine volkswirthschaftliche Schädigung nach sich riehen! Das sind sich die unwissenden und fahrlässigen Herrn Rathgeber gar nicht bewußt. L .
Will man dem jährlich wiederkehrenden horrenden Schaben gründlich Vorbeugen, so darf die Bekämpfung deS „Ungeziefers" durchaus nicht über eine Leiste geschlagen werden, sondern wir müssen den Feind auf Grund sorgfältigsten Studiums seiner Lebens- werf- an seiner Eigenart fissen und schlagen. Ich war nach jahrelangem Beobachten der merkwürdigen Schädlingswelt an anderem Orte (Schädlinge des Obst- und Weinbaues; mit 2 Farbeutafeln) ehrlich bemüht, dem heillose» Wirrwarr zu steuern. Eine Herzen-- sreude ist es mir, aus sich immer mehrenden Kundgebungen zu ersehen, daß mein Bestreben schon Vielen Nutzen gebracht hat.
Im Gemüsegarten wird alfis noch umgegrabene Land bet schnerlos m Wetter gestürzt; tn ihm, im Blumengarten, wo der letzte» Rose Winterlager nun beendet wird, überhaupt tm ganzen Garren, mögen jetzt Hühner ihr Wesen treiben ur d sich als geschickte scharrende Er dtr.sectenjäger erweisen. Für reichlich Ftchtenrets als gutes Universal- deckmtttel für alle nicht ganz Winterhärten Gartenpfleglinge sorgt jeder umsichtige Freund seines Gartens. Hat er dann seine Utzten Zärtlinge beim scharfen Mahnen des Ost mütterlich bedeckt, so u ag der rauhe Geselle Winter heranrücken!
Heinrich Freiherr Schilling ron Eanstatt.
Unser Garten im November.
Novembersttmmung über Berg und Thal.
Droben In Vorarlberg, wo mächtige Alpenhäupter herunter auf die Thalebene des jungen RbeinS blicken, da trat.ich unlängst in manchem ©arten des Friedens und der Ruhe über die Schwelle eines kleinen Häuschens. Es hat keine Thüre, das stille Gartenhaus; eS ist ganz offen, und die weißen Gesichter einer schweigsamen Versammlung blicken hinaus, hinweg über die Kreuze und Kreuzchen, über GraS, Busch und Baum, hinein tn die hctmathliche Bergwelt. Sie sehen die ersten Schneeglöckchen auf den kleinen Erdhügeln sprossen und blühen, hören den ersten Amselschlag tm nachbarlichen Hollunderbusch und lauschen dem feierlichen Ruf der Osterglocken. Dann winkt aus jungem Grün das Blüthenme^r des Frühlings zu ihnen hinein. Der köstliche Dust von Rose und Nelke umhaucht sie tn sternheller Sommernacht. Sie sehen die drohende Gewitterwand drüben von der Seesa Plantna herabsteigen; der di öhnende Donnerschlag läßt sie das Klirren der nahen Kirchenfenster vernehmen, und deS Blitzes flüchtiges Licht erhellt den ernsten GotteSfrteden ihrer Züge. Jetzt wirbelte der Herbstwind farbige und welke Blätter zu ihnen hinein; kalter Regen rauscht auf das altersmüde Dach. Dann huschten Lichter durch den.stillen Garten; manch ernsten Besuchers Knie beugt sich zum staubigen Betschemel und ein Mooskranz mit leuchtend rothen Beeren beut ihnen den Gruß der sterbenden Natur.
GiebtS tnffmbcrc Novembersttmmung als sie dies Häuschen im stillen Hottesgarten malt? Kein Menschenauge, das im Herbst in solchem stillen Gartenhaus je der bleichen Versammlung in die Gesichter sah, kann sich dem mächtigen Eindruck der Majestät der TodeSruhe entstehen, der Todesruhe, die jetzt scheinbar tn die ganze Natur einzteht!
Hier waren etz nicht tobte Blumen, nicht kahle Zweige und dahingesunkene Früchte, sondern Menschengestchter, die einst gelebt und geathmet, die ihrem Frühling zugejubeU, Sorgen in sich getragen, um einem fiüheren oder späteren LebenSherbst zur Todesruhe in die Arme zu finken: nackte Schädel, die eine eigenthümliche Landessitte nach jahrzehntelanger GrabeSruhe, — andern Platz zu machen — im stillen Gottesgartenhaus zu Massen sauber aufgestapelt, »m fie später wieder grmeinsam in der Erde bis zum fjüngsten Posaunenruf weiter schlummern zu lassen! Und kein: sic transit gloria mundi! prangt über dem schlichten schwarzen Vorhang, der, von einem Holzkreuzchen gehaUen, wie zwei segnende Flügel über dem ergreifenden Herbstidyll schwebt — nur wie ein Lispeln von tobten Lippen ziehts mahnend durchs Häuschen, wenn ein Windstoß tanzende Herbstblätter hineinweht:
Nimm so ein Blatt, da« hier verwebt Und lies was drauf geschrieben steht: „Was blüht und glänzt, vergeht im Herbst! Mach, daß Du ew!geS Leben erbst!"
So sehr im Reiche unseres Novembergartens Tod und Verwesung zu herrfchen scheint, entzücken uns doch gerade jetzt die Beweise der ewig schaffenden Natur, daß in Wirklichkeit noch reges, schaffendes Leben in ihr herrscht. Soll ich dem Gartensreund von der wahren Wunderwelt erzählen, die j.tzl tm Kleinen, Verborgenen anhebt? Don den auflebenden Pflanzenbatnen und Lustgärtchen der Moose, Flechten und Algen an ^Baumstämmen, Zweigen, Mauern,


