Nr. 258 Erstes Blatt.
Samstag den 3. November
1894
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0. W. (Eigenbericht, Nachdruck verboten). Das Facit eines Lebens zu ziehen, wenn dasselbe eben erst entflohen, in dem Augenblick, da die Augen einer hervorragenden Persönlichkeit sich zum letzten Schlummer geschlossen, ist niemals leicht. Wenn es vielleicht auch thöricht wäre, zu behaupten, -aö deutsche Volk hätte für den Czaren Alexander III. große Sympathien gehegt, so hat es ihm doch die Achtung entgegen gebracht, die eine Nation dem nie versagt, der den Pflichten, die ihm geworden, im vollsten Maße gerecht zu werden sucht und so steht die Welt erschüttert an der Bahre des Herrschers, der, noch in der Blüthe der Jahre, im wahren Sinne des Wortes ein Opfer seines hohen Berufes geworden.
Als Alexander III. am 13. März 1881 nach dem entsetzlichen Ereignisse, welches seinem Vater das Dasein gekostet, den Thron des heiligen Rußland bestieg, da werden wohl Biele gefürchtet haben, daß auch er einem ähnlichen Schicksale nicht entgehen dürfte und ganz falsch ist diese Annahme nicht gewesen, denn wenn ihm auch, wie nur wenigen Beherrschern des Czarenreiches, das Glück beschieden war, in seinem Bette zu sterben, so unterliegt es doch wohl keiner Frage, daß die vielen Attentate aus sein 'Leben und das seiner Angehörigen dazu beigetragen haben, seine Gesundheit zu erschüttern. Wie groß die Zahl dieser Attentate gewesen, hat die Welt ja nie erfahren, aber sicher ist, daß die, von welchen sie Kunde erhalten, nur vereinzelte Glieder in einer langen Kette waren. Haben diese Nervenaufregungen aber seine Körper- kräfte geschwächt, so sind sie doch nicht die einzige Ursache seines Todes gewesen, diese ist in der ganzen Lebensweise des Monarchen zu suchen. Alexander III. war ein Fanatiker und besaß den solchen Menschen eigenthümlichen Eigensinn und das Mißtrauen gegen andere, denen er nicht zutraute, daß sie ja eine Aufgabe je so erfüllen könnten wie er selbst und jede ihm gewordene Aufgabe betrachtete er als eine geheiligte Pflicht. So wollte er sich auch keine Erholung gönnen, als seine durch die Influenza geschwächte Gesundheit sie gebieterisch verlangte, er glaubte alles allein thun zu müssen, denn Gott hatte bies so gewollt, als er den ältesten Bruder sterben ließ und ihn auf den Thron berief. Auf diesen Fanatismus ist auch die gewaltsame
Austreibung der Juden, die Bedrückung der Andersgläubigen zurückzuführen, wie ihn ferner sein ausgeprägt russisches Nationalgefühl veranlaßte, gegen alles Fremdländische und besonders gegen das Deutschthum in den Ostseeprovinzen scharf vorzugehen. So bedauerlich dies auch vom menschlichen und in diesem Falle auch vom kulturellen Standpunkte sei, so wird man letzteres dem verstorbenen Herrscher doch kaum zum Vorwurf machen dürfen," er folgte darin dem Zuge der Zeit und wollte, daß alle seine Unterthancn sich als Russen und nur als solche fühlen sollten.
Czar Alexander III. f.
Wenn eine spätere Nachwelt die Geschichte Kaisers Alexander III. schreiben wird, so dürfte sie mit klarerem, ungetrübterem Auge diesen so verschlosienen, eigenthümlichen Character beurtheilen, als dies uns gelingen mag, die wir die Mitlebenden gewesen, aber auch sie wird wenig von dem zu berichten wissen, was er für seine Zeit geleistet. Als
Alexander II. durch ruchlose Mörderhaud fiel, htt man, wie es heißt, auf seinem Schreibtisch den Entwurf zu einer Constitution vorgefunden, die er seinem Volke zu geben gedachte. Ob dies der Wahrheit entspricht, weiß man nicht und es erscheint kaum glaublich, denn der einstige liberal gesinnte Czar-Befreier war später ein Despot geworden, der mit äußerster Strenge jede freiheitliche Regung unterdrückte, jedenfalls hat sein Nachfolger, wenn er ihn vorfand, diesen Entwurf nicht zur Ausführung gebracht und damit vielleicht nicht ganz unrecht gehandelt. Für ein parlamentarisches Regime ist Rußland noch kaum reif, aber wenn ein solches
noch nicht am Platze schien, so wären doch gar manche liberale Einrichtungen möglich gewesen, die das Volk nach und nach zu größeren Freiheiten erziehen könnten. Auch solchen hat Alexander III. sich stets widersetzt und wenn er auch finanziell und wirtschaftlich manche Reformen eingeführt, so machte er doch die politischen seines Vorgängers zum Theil wieder rückgängig.
Eine Anerkennung wird man indeß dem Manne nicht versagen können, der bei allem Glanz, der ihn nmgab, zu den Glücklichen dieser Erde wohl nie gehört hat, daß er stets seine Bemühungen daraus gerichtet, der Welt den Frieden zu erhalten. Allerdings waren die Verhältnisse im Innern nicht dazu angethan, ihn zu Unternehmungen nach Außen zu ermuthigen, aber ein erfolgreicher Krieg wäre ein außerordentlicher Gewinn für ihn gewesen und gar mancher an seiner Stelle hätte sich versucht fühlen können, sein Glück auf diese Karte zu fetzen. Europa dankt ihm dafür; es stimmt dies zu einem milderen Urtheil über den Herrscher, dessen man wohl manchmal in Deutschland mit einiger Erbitterung gedacht, der aber wohl durch die herben Erfahrungen, die das Leben ihm so vielfach gebracht, in andere Bahnen gedrängt worden ist, als er sonst vielleicht gegangen wäre.
Welche wird sein junger Nachfolger beschreiten, Nicolai, der erste Sohn, der aus der am 28. October 1866 geschlossenen Ehe Alexanders III. mit der dänischen Prinzessin Dagmar entsprossen ist? Obgleich derselbe bereits im 27ten Jahre steht, weiß man doch über ihn so gut wie nichts. Ist es stets schwer, sich über den Character eines Thronerben ein Urtheil zu verschaffen, so muß dies in einer absoluten Monarchie als ein geradezu unlösbares Näthsel bezeichnet werden. Deshalb wird ebenso wenig Denen zu glauben sein, die von seiner edlen und wohlwollenden, als den anderen, welche von seiner heftigen und jähzornigen Natur berichten. In seiner Kindheit und frühen Jugend sehr leidend, erfreut er sich jetzt einer besseren Gesundheit. Der jetzige Herrscher hat als Thronfolger für einen Freund der Deutschen gegolten; hoffentlich bleibt er darin als Kaiser, was er als Kronprinz gewesen.*)
*) Unseren verehrten Abonnenten theillen wir die Nachricht ooic dem Ableben des Kaisers von Rußland in einem gestern Abend kurt nach 7 Uhr ausgegebencn Extrablatt mit. Daß auswärtige Blätter die Nachricht früher erhalten haben sollten, liegt wohl an der Art und Weise, in welcher Nachrichten vom Petersburger Hofe verbreitet werden. So lief beispielsweise die Todesnachricht in Darmstadt früher ein, al# in Berlin, wo um o1/, Uhr weder im Auswärtigen Amte noch in der russischen Botschaft eine diesbezügliche Meldung vorlag; die erste '$)«-- pesche aus Berlin erhielten wir um 6 Uhr 25 Min., eine zweite erst gegen halb 9 Uhr, sonach war eine frühere Veröffentlichung nicht möglich. Die weiteren Nachrichten über den Tod des Czaren befinden sich im Depeschentheil vorliegender Nummer.
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Deutsche» Reich.
Darmstadt, 1. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben, wie ein Extrablatt der „Darmst. Ztg." meldet, aus Liv ad ta die telegraphische Nachricht erhalten, daß Seine Majestät der Kaiser von Rußland heute Nachmittag 2 Uhr 15 Min. gestorben ist.
— Fürst Hohenlohe-Langenburg, der neue Statthalter der Reichslande, ist das Haupt der evangelischen Standesfamilie der Hohenhohe ■ Langenburg in Württemberg und steht zur deutschen Kaiserin in verwandtschaftlichen Beziehungen. Geboren 1832, nahm er zuerst in Württemberg, dann in Oesterreich Kriegsdienste, später trat er in die badische Armee und machte in derselben als General den Krieg gegen Frankreich mit. Wiederholt wurde Fürst Hohenlohe-Langenburg von dem württembergischen Wahlkreis Crailsheim in den Reichstag gewählt, wo er sich der Reichs- Partei anschloß. Kenner der elsaß-lothringischen Verhältnisse bezeichnen die Wahl des Fürsten-Langenburg zum Statthalter von Elsaß-Lothringen als eine glückliche, namentlich deshalb, weil er gleich seinem Vetter, dem jetzigen Reichskanzler, ein Süddeutscher ist.
Manifest des Kaisers Nicolai II.
(Privat-Telegramm des „Gießener Anzeigers".)
WB. Petersburg, 2. November. Der „Regierungsbote" publicirt ein Manifest dcs Kaisers Nikolai II., worin cs nach der Mitthcilung des Ablebens seines Vaters heißt: „Möge Uns das Bewußtsein trösten, daß Unser Leid das Leid Unseres ganzen geliebtes Volkes ist, möge das Volk nicht vergessen, daß die Kraft und Festigkeit des heiligen Rußlands in seiner Einigkeit mit uns und in der unbegrenzten Ergebenheit für Uns liegt. Wir aber erinnern uns zu dieser traurigen, aber feierlichen Stunde der Besteigung Unseres nrväterlich'eu Thrones des russischen Reiches und des unzertrennlich damit verbundenen Czarenthums Polen, des GroßfürstcnihumS Finnland, deS Vermächtnisses Unseres entschlafenen Vaters. Von ihm erfüllt, thnn Wir vor dem Angesicht des Allerhöchsten das heilige Gelübde, stets als einziges Ziel die friedliche Entwickelung, die Macht und den Ruhm des thcurcn Rußlands und die Beglückung aller Unserer treuen Untcrthanen zu habcu." Das Manifest schließt mit dem Befehl, den Treueid zu leisten ihm, dem Kaiser Nicolai, und seinem Thronfolger Großfürsten Georg Alcrandrowitsch,
welcher auch so lange als solcher zu titulireu ist, bis Golt die mit der Prinzessin Alix von Hessen einzngehende Ehe des Kaisers mit einem Sohne segnen würde._________
Neueste Nachrichten.
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Berliu, 1. November. Die Nachricht vom Tode bei Czaren, die zuverlässig erst nach 7 Uhr bekannt wurde, erregte trotz des vorher bekannten gefährlichen Zustandes allgemeine Theilnahme. Hunderte von Menschen umstände« die russische Botschaft Unter den Linden und fragten fortwährend nach der Bestätigung der verbreiteten Gerüchte an. Kurz nach 7 Uhr fuhr Minister Marschall vor der Botschaft vor und stattete einen Condolenzbesuch ab.
Stettin, 1. November. Der Kaiser traf zur Enthüllung des Kaiser- und Krieger-Denkmals Mittags 11 Uhr 50 Min. mit militärischem Gefolge ein. Er wurde am Bahnhose von dem Oberpräsidenten, dem commandirenden General und de« Polizeipräsidenten empfangen und fuhr unter brausende« Jubel der zahlreich herbeigeftrömten Bevölkerung sofort zum Denkmalsplatze. Die Stadt ist festlich geschmückt. Fast alle Bureaus und größeren Betriebe find geschloffen.


