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3.5.1894 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt. Donnerstag den 3. Mai__

Gießener Anzeiger

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1894

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Feuilleton.

Frankfurter Lheaterbries.

(Nachdruck verboten.) Die Jugend. Der Misanthrop. Vergangeuheit. Niobe.

Die neue Durchlaucht.

Dr. M. Die interessanteste Novität deS letzten MonatS war im Frankfurter Schauspielhause unstreitig Max Halbes Jugend", obschon daS Stück eS nie zu lärmenden TageS- erfolgen bringen wird. Halbe hat bis jetzt denEisgang" und den im HanS SachS'schen Tone gehaltenenAmerika- sahrer" veröffentlicht. Der kaum Dreißigjährige wird auf der Bühne schwer Fuß fassen, denn der Kunstwerth seiner Dramen beruht eben in einer Reihe von Eigenschaften, welchen man bisher keine Loulissenwtrkung zugetraut hat, für die sich erst allmälig ein Publikum heranbilden muß.

Max Halbe ist ein großer Meister der Stimmung. Alle die lyrischen Halb- und Vierteltöne, die einer Situation anhaften, werden von ihm mitgegriffen. Früher verstand man unterStimmung" im Allgemeinen da-, was der Dichter auS eigenen GmpfindungS- und Anschauungsmitteln beisteuerte, in die Situation hineintrug. Halbe trägt nichts hinein: Dinge und Menschen reden bei ihm ihre eigene, ganz individuelle Sprache. Diese individuelle Sprache der Menschen auf der Bühne haben zuerst Grabbe und Hebbel versucht, aber sie sahen dabei immer auf Ausnahmenaturen, auf problematische Eharactere, psychologische Räthsel, wogegen die moderne Kunst sich den Menschen aus dem Durchschnitt zu­wendet, die weder unter noch über dem normalen Maß stehen.

Jugend" von Max Halbe ist weder ein Thesenstück, noch ein Zeitbild, noch eine Characterftudie, es ist eine Episode auS dem Alltagsleben, die weder allgemeine Be­trachtungen, noch weite Perspectiven zuläßt. Aber jede Person wächst auS ihrem Milieu heraus, und die ganze Atmosphäre, in welcher diese Menschen athmen, gibt sich in jeder Scene

zu erkennen. Für die Herstellung der Untergrundsstimmung besitzt Halbe so viel angeborenen Tact!

Jugend" verlangt ein brillantes Ensemble. In der Hauptsache wurden die Anforderungen, welche das Werk an die Darstellung richtet, von den Frankfurter Künstlern be­friedigt.

MolisreSMisanthrop" hat man auch wieder einmal hervorgesucht, und zwar in der Ludwig Fulda'schen Bear­beitung, in welcher sich diese französische Charactercomödie wohl dauernd auf allen deutschen Theatern einbürgern wird. Der Dichter desTalisman" ist ein feiner VerSkünstler und vor Allem versteht er sich auf den Geist von Originalen!

In Frankfurt können die Damen und Herren Moliäre noch spielen, ganz besonders zeigten dies Frl. Gründel und Herr Wallner, welchen die Rollen derCelimene" und desAlcest" überwiesen worden waren. Herr Wallner hatte in derJugend" so etwas wie einen Cretin zu spielen. ES war bewundernSwerth, wie er diese schwierige Aufgabe löste. Herr Wallner, welcher in Frankfurt den Oswald in IbsensGespenstern", denRobert Heinecke" in derEhre" und denWilli Janikow" inSodoms Ende" creirt hat, wird mit seinem Scheiden vom Frankfurter Kunstinstitut eine sehr schwer auszufüllende Lücke in das dortige Ensemble reißen.

Vergangenheit" ist daS Schauspiel einer Dame. ES ist noch kein Jahr her, daß in demRäuber" von E. Mentzel gleichfalls ein weiblicher Autor das Wort erlangt hat. Vorurtheile scheint also die Intendanz erfreulicher Weise nicht zu kennen, aber zu bedauern bleibt eS, daß in solchen Fällen, wo eS endlich einmal einer Frau gelungen ist, die hundert großen und kleinen Hindernisse zu beseitigen, kein voller, unantastbarer Sieg erfochten wurde.

Es gab einen anständigen, regelrechten Achtungserfolg, aber das große Staunen über ein neuentdecktes Talent wollte sich nicht einstellen.

Vergangenheit" von Frau Brachvogel wurzelt zu sehr in der Leclüre, weniger im frischen Leben. Daß der Mensch den Schatten seiner Vergangenheit nicht los wird,

mag er auch den alten Adam völlig abgestreift haben, diese These wird hier an einem concreten Beispiel, an einem Frauendasein nicht ohne Bühnengeschick entwickelt. Man merkt die Schule von Sardou und Dumas!

Frl. Frank und Herr Schneider hatten die Haupt­aufgaben zu lösen.

Niobe" ist ein toller Schwank, eine lustige Farce, welche Blumenthal aus dem Ursprungsland vonEharleyS Tante" bezogen hat. Gegen das mit satirischen Anspielungen gewürzte OpuSNiobe", daS vielleicht in der OperetteDie schöne Galathee" stofflich so etroaß wie einen Vorläufer hat, ist aber die mit einem Rundreisebtllet für alle deutschen Bühnen verseheneCharleyS Tante" ein plumpes, lang­weiliges Machwerk.

Herr Ewald Böcker, auS Solingen gebürtig, lebt seit einer Reihe von Jahren in Frankfurt als Lehrer an der Elisabethenschule, hat verschiedene DortragScyclen vor einem aus Damen und Herren bestehenden Auditorium abgehalten und sich auch schon verschiedene Male als dramatischer Dichter vernehmen lassen. Von seinen früheren Bühnenarbeiten steht unS noch am kräftigsten in Erinnerung derBurggraf Friedrich" (81), welche den inneren und äußeren Sieg deS ersten Hohenzollern über den widerspenstigen märkischen Adel vorführt.

Wildenbruch mit seinenQuitzows" hat nun freilich auf diesem Terrain den ersten Platz gewonnen, und derBurg­graf Friedrich" Ewald BöckerS wird schwerlich mit den historischen Schauspielen Wildenbruchs in die Schranken treten wollen!

Die neue Durchlaucht", das Schauspiel, welches vor einigen Tagen in Scene gegangen ist, bewegt sich in ganz flotten Ereignissen und Vorfällen, und würde vielleicht im Stande gewesen sein, das Publikum nachhaltiger zu fesseln, wennDer geheime Agent" von Hackländer, der sich noch immer, und mit Recht, auf Hof- und Stadtbühnen behauptet, das Interesse für derartige Stoffe nicht längst vorweg ge­nommen hätte.

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