1894
Nr. 283 Drittes Blatt. Sonntag dm 2. December
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Jnvaliditäts- und Altersversicherung.
Im Interesse der sog. unständigen Arbeiter, d. L derjenigen Versicherten, welche nicht regelmäßig in versicherungspflichtigem Arbeits- oder Dienstverhältniß stehen, machen wir auf die nachfolgenden Bestimmungen der §§ 32 u. 104 des Invalidität»« und Altersversicherungsgesetzes aufmerksam.
Gießen, den 28. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
$ 32. Die aus einem VersicherungSverhältnisse sich er« gebende Anwartschaft erlischt, wenn während vier aufeinander folgender Kalenderjahre für weniger als insgesammt 47 Beitragswochen Beiträge auf Grund des Versicherungsverhält« niffes oder freiwillig entrichtet worden sind.
Die Anwartschaft lebt wieder auf, sobald durch Wiedereintreten in eine das Versicherungsoerhältniß begründende Beschäftigung oder durch freiwillige Beitragsleistung das 93er# sicherungsverhältniß erneuert und danach eine Wartezeit von fünf Beitragsjahren zurückgelegt ist.
$ 104. Eine Quittungskarte verliert ihre Gültigkeit, wenn sie nicht bis zum Schluffe des dritten Jahres, welches dem am Kopfe der Karte verzeichneten Jahre folgt, zum Umtausche eingereicht worden ist. Ist die Annahme begründet, daß der Versicherte ohne sein Verschulden den rechtzeitigen Umtausch versäumt hat, so kann der Vorstand der Versicherungsanstalt des Beschäftigungsorts auf den Antrag des Versicherten die fortdauernde Gültigkeit der Quittungskarte anerkennen.
Gießen, 28. November 1894.
Betr.: Die Jnvaliditäts« und Altersversicherung.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie in Ihren Gemeinden ortsüblich veröffentlichen lassen und die sog. unständigen Arbeiter besonders darauf Hinweisen, daß die im Jahr 1891 ausgestellten Quittungskarten mit Schluß des laufenden Jahres ihre Gültigkeit verlieren, sofern sie nicht bis dahin vollbeklebt und umgetauscht sind.
Den Inhabern der Hebestellen ist dieses Blatt zur Einsicht mitzutheilen.
v. Gagern.
Die Botts-Versicherung, ein wirksamer Hebel für die Vermehrung des Botts- Wohlstandes.
Zu den landläufigen Klagen der Socialdemagogen und auch vieler unzufriedenen Phantasten gehört die Behauptung, daß die vielen nützlichen und schönen Einrichtungen im Staate und in der Gesellschaft doch nur den „Reichen" und „Wohl« habenden" zu Gute kämen. Ganz besonders wird dieser Vorwurf auch gegen die Institute der Lebens« und Renten# Versicherungen erhoben, d,e auch nur dem Interesse der begüterten Klasse dienen sollen. Diese Behauptung ist indessen ein sehr großer, ja leichtfertiger Jrrthum, welchem in den weitesten Kreisen scharf entgegengetreten werden sollte. Zunächst nehmen schon die meisten Lebens- und Renten-Ver# ficherungen Versicherungs-Verträge auch bei verhältnißmäßig niedrigen Beiträgen an, ferner gibt es aber auch im deutschen Reiche mehrere angesehene Verficherungs>Jnstitute, wie die „Arminia" in München, der „Friedrich Wilhelm", die „Victoria" und die „Wilhelma" in Berlin, welche sogenannte Volksversicherungen unter den denkbar günstigsten Bedingungen abschliehen und dadurch das löbliche Streben verfolgen, in unbemittelte und gänzlich arme Familien erhebliche Geldsummen und einigen Wohlstand zu bringen. Den Verhältnissen wenig begüterter Handwerker, Händler und Arbeiter entsprechend wird die Prämie für solche Volksverstcherungen in kleinen wöchentlichen Raten von 10 Pfennigen, 20 Pfennigen, 30 Pfennigen und höher erhoben. Angenommen wird zur Lebens- oder Renten«Versicherung jede Person im Alter von 15 bis 60 Jahren, wenn sie an keiner gefährlichen Krankheit leidet und dem Trünke nicht ergeben ist. Für das Police-Buch zur Aufnahme der Quittungen sind nur 20 Pfennige und als Abschlußgebühr für die Police nur eine Mark zu zahlen. Bier Wochen dürfen die Versicherten mit ihren Prämienzahlungen im Rückstände bleiben und jede erloschene Police wird nach Jahresfrist coulant erneuert. Diese bei dem „Friedrich Wilhelm" geltenden Bedingungen der Volksversicherung gelten in ähnlicher Weise auch bei den anderen, und eö wäre nur noch zu wünschen, daß zumal auch die großen und größten Lebens- und Renten-Versicherungs-Banken sich in ähnlicher Weise an der
Lösung dieser socialen und humanen Aufgabe betheiligen ueb in Hinblick auf ihre sehr hohen Reservefonds für sogenannte Volksoersicherungen, vielleicht bis zur Höhe von 2000 Mk. den Verzicht auf weitere Prämienzahlung vom 66. Lebensjahre des Versicherten, falls er eine gewisse Reihe von Jahren seine Prämie bezahlt hat, einführen möchten. Jedenfalls ist allen unbemittelten Personen durch die VolkSverficherung und durch Bezahlung ganz geringer Beträge Gelegenheit gegeben, sich eine Rente im Alter oder den Kindern ein Capital za erwerben.
Zur Geschichte der Familie Senkenberg.
Dortrag im Oberhefi. Geschichts-Verein von CustoS Dr. Martinse* am 29. November 1894.
Ausgehend von der meisterhaften Schilderung, welche Goethe in seiner Autobiographie (vgl. Dichtung und Wahrheit in seinen Werken, Berlin, Hempel, Bd. 20 S. 71 ff.) von der Familie Senkenberg gibt, versuchte der Vortragende zunächst die Eltern der drei so berühmt gewordenen Brüder Heinrich Christian, f als Kaiserlicher Reichshofrath zu Wien im Jahre 1768, Johann Christian, f als Stadtphysicus und Hess. Cassel. Hofrath 1772 in Frankfurt a. M., Stifter des Seuken- bergianums daselbst, und Johann Erasmus, verschiedener Fürsten und Stände Hofrath, Senator der freien Reichsstadt Frankfurt, suspendirt vom Rath zu Frankfurt 1761, Staatsgefangener 28. II. 1769, j- auf der Hauptwache 21. VI. 1795, zu characterisiren. Der Vater, Johann Hartmann, war als practifcher Arzt von Friedberg nach Frankfurt übergefiedelt, schwur dort den Bürgereid i. I. 1688 und wird dort i. I. 1695 Phys, ord., sodann i. I. 1700 Phys. prim. Er vermählte sich in zweiter Ehe mit Anna Margaretha Raumburger, der Tochter des Frankfurter Stadt- schreibers gleichen Namens. Diese Frau war von abnormer Geistes« und Gemüthsart. Nach dem Tode ihres VaterS und der Wiederverheirathung ihrer Mutter mit dem hiesigen Superintendenten und Professor theol. Joh. Heinr. Mai befähigt, eine gute Bildung zu erwerben, bewies sie doch zeit ihres Lebens (f 1740) eine ganz unbezähmbare Sinnesart, worunter der Gatte und insbesondere der Frankfurter Stifter unsäglich zu leiden hatten. Ihr jüngstes Kind, der Frankfurter Senator, war ihr Liebling und wurde von ihr vorgezogen. Hieraus erklärt sich vielfach das so schreckliche Lebensschicksal desselben.
Als Unterlage zu diesen Berichten und den ferneren über den LebenSgang des Frankfurter Stifters diente de«
Feuilleton.
Unser Garten im December.
Früh ist'S Nacht geworden. Ein starker West hat den ersten Schnee im Garten weggeschmolzen; er läßt die kahlen Zweige der Bäume und Sträucher erschreckt durcheinander wogen. Die dünne silberne Mondsichel stiehlt sich nur scheu und flüchtig durch den wilden Trotz schwarzer Nachtwolken, die am Firmament gen Osten jagen.
Da sitzt sichS traulich beim Abendlämpchen, das nächste Gartenjahr zu überdenken; traulicher, wenn das Winterstübchen fern vom Getriebe der Welt. Heute liegt indeh ein Jean Paul'sches „Blumen- stück" aufgeklappt. Ltest's unser werkmüder Gartenfreund aus Versehen oder mit Absicht?:
„Die Kindheit, und noch mehr ihre Schrecken als ihre Entzückungen, nehmrn im Traume wieder Flügel und Schimmer an und spielen wie Johanniswürmchen in der kleinen Nacht der Seele. Zerdrückt uns diese flatternden Funken n cht l Lasset unS sogar die dunkeln, peinlichen Träume als bebende Halbschatien der Wirklichkeit! Und womit will man unS die Träume ersetzen, die uns aus dem untern Getöse des Wasserfalls wegtragen in die stille Höhe der Kindheit, wo der Strom des Lebens in seiner kleinen Ebene schweigend und als ein Spiegel des Himmels seinen Abgründen entgegenzog? — Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf einem Gottes
Horch! schlugs nicht eben ans Fenster, wie schwerer Flügelschlag ? — ein scharfer Käuzchenschrei vom nahen Birnbaum: »Komm mit! komm mit! — bann leises Geschnarre: „Barbaratag!* — Ja wahrhaftig — Sancl Barbaratag — und ich vergab! Sie läht mich rufen! Die alte Gartenmütze vom Nagel, hinunter, hinaus.
Im fast stürmischen Nachtwtnd, der ihm einzelne Schneeflocken j ins Gesicht jagte, war der alte Nuhbaum droben bald erreicht. „Welch einziges Stelldichein! Im fruchtschweren sommerlichen Erd- ! deerbeete hatte ich das lüsterne Biest in der Falle gefangen, — weil es gar so schön bat, ihm die Freiheit gegeben. Zum Dank wollte es heute mir das Reich der winterlichen ©artenunterweit erschlichen!"
Jetzt beugte sich der Gartenfreund nieder am bemoosten Stamm. ! Steh da, ein schwacher Lichtst abl aus der Höhlung eines starken . Wurzelvorsprungs „Ei grüß Gott! Warte schon lange, Arvtkola*)
Es ist hier Arvicola subterraneue 8. gemeint.
hält Wort; hier, nehmen Sie!" Damit trat eine etwas ruppig auS- sehende scharfblickende Gartenmaus hervor, richtete sich auf; in der einen Pfote hielt sie den gestielten Becher einer Eichel hoch. Daraus strahlte es in mildem Licht! Welche Lcuchipsanne! Sechs Larven von Leuchtkäferchen lagen darin auf dem Rücken, „Leuchtapparat" nach oben, und strampelten lustig mit den 36 Beinen! Die andere Pfote hielt ihm einen kleinen Ring aus Selaginellenwurzel entgegen. Er nahm diesen, steckle ihn an den Finger. Entsetzen! des Gartenfreundes Körper schmolz ruckweise; zog sich zusammen, bis er in der Größe eines halbdaumengrotzen Wichtelmännchens am Eingang des Mauselochs stand!
Darob riesiges Gelächter Madam Arvikolas, daß die gelben Nagezähne unheimlich bleckten. Hieraus bot sie dem Verdutzten unter artigem Hüpfschritt den Arm, mit der etwas vulgären Einladung: „Immer rin in die gute Stube!" So ging es im Hui hinein in das dunkle Erdreich des Decembergartens.
Der Gang war glatt, aber gewunden; bald gings unter dem caudinischen Joch eines Wurzelbogens durch, bald über die mächtige Barrikade eines Topfscherbens. Das Erdreich wurde immer lehmiger; oft wurde es drin so eng, daß Beide Noth hatten, nebeneinander durchzukommen: die Schnurrhaare der'Mäuseschnauze kitzelten dann des Wichtelmännchens Gesicht verfänglich.
Jetzt waren sie an eine Art Thor gekommen. Die Maus steckte den Stiel der Leuchtpfanne in die Erde, schassirte in einen rechts gelegenen Erdkessel, wälzte hurtig ein riesiges Schneckenhaus heran und so in den Thormund, daß der Schacht nach außen fest abgeschlossen war: „Daß es nichtzieht! und von wegen — Sie wisien ja schon!" dann warf sie ihren Leuchtlarven eine kleine Nacktschnecke zum Fratz in den Becher: „Oel auf den Docht!" lachte sie, „ist nur wegen Ihnen; ich sehe so!" dann hieh sie ihren Besuch in ihrem Hause förmlich willkommen.
„Sehen Sie, wir Mäuse leben auf weit flotterem Fuße als Ihr Menschen glaubt: unser Haus ist ein wahres Reich von Gallerten, eine Defensivfestung" und indem ste die Leuchte wieder aufnahm: „hier süyrt das „Entree" zur Familienwohnung. Zuerst komme ich, bann ber Schlaskessel der Jöhren — unter unS gesagt: 8 Stück, 3. heurige Serie — unb Hirnen bie Faulenze meines Alten, ber liegt seit Allerheiligen schon nett in den Febern, geht nur selten aus, gewöhnlich nur zur Speisekammer! Wir haben uns hübsch ein- gewtntert; ja das will gearbeitet sein — ich habe vier Wochen getaut unb gebissen baran". Sie huschte einen kleinen Seitengang vor unb winkte Dielfagenb ihrem Begleiter. Der konnte nun in einen an- scheinenb großen Raum blicken, ber bicht von unten bis oben mit zerbissenem Gras, Würzelchen unb allen möglichen anderen dürren Pflanzentheilen ausgepoistert und gefüllt war. Die Sache sah ja
j mollig aus; da indessen hier entschieden für alles andere mehr al8 i für eau de larande übrig war, dankte ber Gast recht sehr, einen
oorgefchlagenen Durchschlupf nach ben intimeren Farnilienräumen vorzunehmen, nahm vielmehr sein Tüchlein heraus unb concentrirte sich etwas rückwärts.
„Sie haben wohl Schnupfen? nur nicht pimpelig: ba unten Hais keine Gefahr, ist ja so trocken! Ja, wenn Nachbar Eppelmarin mit feinem famosen Erbzahnstocher kommt und — wir sind jetzt gerade unter seinem „Danziger Kant" — düngt, da ist allerdings oft Noth an Mann: wir flüchten uns dann regelmäßig in unser „wärtfer" liegendes „Sanssouci." I, dies Jahr, da gabs oben Aepfel wie Heu. Da heißts bann ber Stickstoff, die Phosphorsäure, das Kali und weiß ich was alles der Düngung habens gemacht. N'x ba! Die Hauptsache machen wir: wir sorgen burch unser Netz von Sängen für Bodenluft!" „Und beißt den Bäumen die Wurzeln ab" sagte ob dieser Frechheit erregt das Wichtelmännchen. „Ach Unsinn, bloß schröpfen. Aber ich sage es Ihnen dreist ins Gesicht: obnagen unb fressen würden wir die Wurzeln, auch der Rosen drüben, schon sicher; es ist verdammt schöne Stärke und Eiweiß drin, aber die Schlauheit oerbieis: er gräbt uns sonst auS. Mag ja sein, daß mir Euch Gärtner und Euren Hausfrauen hin und wieder schaden — Holts ber Teufel, wir wollen auch leben!" „Schon gut; barf ist jetzt einen Blick in Eure Vorrathskammer werfen?" sagte bas Männchen. „Je nun, warum nicht? kommen Sie mit." Damit rannte bie Maus eine* etwas abwärts fübrenben geräumigen Gang hinab, ber förmlich mit Haselnußschalen gepflastert war. Dann leuchtete sie schmunzelnd in einen ziemlich weiten Stollen, der mit Häcksel tapeziert war. Der Raum war rechts und links über und über mit Wallnußkernen, Gerste, Mais, Apfelkernen, Haselnüssen, Zwetschensteinen, ganzen Mohnkapseln, Mohrrüben, Sellerie und allen möglichen Sämereien, von der Sonnenblume bis zum Refedenschötchen, angesüllt. -DaS ist ja eine ganz in — teressante Thätigkeit" meinte das Wichtelmännchen, innerlich schwer erbost. „Thätigkeit? Das ist bloß sor Weihnachten und Neujahr! ists alle b<mn gehts in — na, wo anders hin, mausen! Hi hi hi! Sie ärgern sich am Ende gar?" pfiff sie bann gereizt: „Wenn Sie mir so kommen unb etwa Lust haben, uns später bafür zu strafen, Sie —Knirps! so rufe ich meine* Alten, ber ist stark: mir beißen Ihnen kurzweg bie Kehle durch! da kräht unten fein Hahn nach!" „Ach, davon ist ja keine Rede, beste Arvikola! Aber nun weiter in die Unterwelt." Damit war die Mcus zufrieden unb ganz freunblich leuchtete sie voran. ES ging kreuz unb quer, lange, lange, burch neue unb alte, fast durch- wurzelte Gänge unter allen möglichen feltfamen Gesprächen und Aufschlüssen. Jetzt gebot ein Ziegelstein Halt! Das Reich ber MauS war zu Ende. Der zufälliger Weise befreundete Maulwurf wohn« hier. Er würbe herangeklopst; öffnete, grunzte freunblich, mit Kratzfuß, gab bem Gaste seine Tatze unb fuhr bann, nicht sonberlich ge- sprächlich, voran, bie Geheimnisse seiner Katakomben zu entschleiern. Da gab es nun genug zu sehen. Hier nur Einiges. In einer neuen


