Nr. 257
Der chiehener -n,eiger erscheint täglich- mit Ausnahme deS Montags.
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Freitag den 2. November
1894
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Neueste Nachernten»
Wolff» telegraphische» Korrespondenz-Buren»
Berlin, 31. October. Der „Staatsanzeiger" veröffent- licht die Ernennung Mommsens zum Vicekanzler deS Ordens „pour le m6rite“ für Wissenschaften und deS StaatSsecretärs Marschall von Bieberstein zum preußischen Staatsminister. — Das Staats Ministerium hielt heute Nachmittag 2 Uhr eine Sitzung unter Vorsitz Hohenlohes. — Der Director des „Reichsanzeigers", Dr. Klee, ist heute Mittag gestorben.
Berlin, 31. October. In der heutigen Sitzung der Generalshoode theilte der Präsident Graf Ziethen- Schwerin mit: Bei Empfang des Präsidiums der General« synode äußerte der Kaiser auf die Ansprache des Präsidenten etwa Folgendes: Die Arbeiten der Gcneralsynode würden gesegnet sein, wenn sie in versöhnlichem Geiste arbeite. Der Anfang habe dieser Erwartung entsprochen. Die Generalsynode müsse sich hüten, ihre Aufgaben nach parla- «entarischem Vorbilde zu erledigen, sie möge nicht nach Parteirückfichten verhandeln, denn sie stehe auf anderer Grundlage als die politischen Körperschaften. Er habe den Entwurf einer neuen Agende gebilligt, doch solle kein Zwang suSgeÜbt werden: wer die neue Agende ablehue, könne bei der alten verharren. Der Kaiser äußerte den Wunsch, daß die Kirchen auch außer der Zeit deS Gottesdienstes offengehalten werden möchten- dadurch werde der religiöse Sinn in manchen Schichten der Bevölkerung gefördert und belebt werden. Die Religion fei noch eine Macht, selbst die sub- tzerfiven Kräfte oec Zett hätten mehrfach davor Halt machen müffen. Die Kaiserin knüpfte bet dem Empfang an den Wunsch des Kaisers auf Offenhaltung der Kirchen an.
Berlin, 31. October. Das „Amtsblatt des Reichs' Postamts" veräffentlicht einen Erlaß Caprivis an den StaatSfrcretär des Reichspostamts, Stephan, worin es heißt: Nachdem Seine Majestät geruht, mich auf meinen Antrag von der Stellung des Reichskanzlers allergnädigst zu entbinden, ist es mir ein Bedürfniß, Euer Excellenz meinen herzlichen Dank auszusprechen für die tr:uc Mitarbeiterschaft, wodurch Sie mich während meiner Amtsführung unterstützten. Ich knüpfe hieran die Bitte, auch den Beamten Ihres Refforts den Ausdruck meines Dankes zu übermitteln für die Hilfe, die mir durch ihre Hingebung an die Aufgaben des Dienstes jederzeit zu Theil geworden ist.
Beruburg, 31. October. Bei der Reichstags- Ersatzwahl im Wahlkreise Bernburg-Ballenstedt erhielt Friedberg (natl.) 10,126, Schulze (Soc.) 9,255,
Baumbach (sreis.) 2135, Fischer (chrtstlich-soc.) 2658 Stimmen. Stichwahl ist sonach erforderlich.
Rom, 31. October. Infolge des Bombenattentats in der letzten Nacht wurden zehn Anarchisten in Mailand verhaftet. Fünf Mitschuldige LuchefiS bei der Ermordung Bandis in Livorno wurden gleichfalls verhaftet. Die Untersuchung ergab, daß die Ermordung Bandis auf ein Anarchistencomplott zurückzuführen ist.
Petersburg, 31. October. Bulletin von 7 Uhr Abends: Der Czar speiste im Laufe des Tages wenig. Die Erscheinungen im linken Lungenflügel und Entzündung dauern fort, die Athmung ist erschwert, der Puls schwach- große allgemeine Schwäche.
Depeschen d<» Brrrum „Herold".
Berlin, 31. October. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat gestern sämmtlichen activen preußischen Staatsministern und Staatssecretären in den Reichsämtern seinen Besuch abgestattet. — Heute hat das Staatsministerium unter dem Vorsitze des Fürsten Hohenlohe eine Sitzung abgehalten, an welcher der Minister des Innern, v. Köller, theilnahm. — In nächster Zeit soll eine abermalige Audienz der Vertretung deS gesammten Bundes der Landwirthe beim Kaiser nachgesucht werden. Der Bundesvorstand wird diese Angelegenheit in der Sitzung am 27. November dem Ausschüsse zur Berathung und Beschluß- faffung vorlegen. — Graf von Caprivi wurde heute in der Sache gegen die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung" als Zeuge im Palais des bisherigen Reichskauzicrö vernommen. — Die „Nationalzeitung" meldet, daß der Wirkliche Geheim- rath Goering, welcher als Chef der Reichskanzlei Caprivi sehr nahe stand, bald einen Nachfolger erhält. Derselbe dürste indeß für die Uebergangsperiode im Amte bleiben.
Berlin, 31. October. Hier verlautet immer noch, es soll dem neuen Reichskanzler ein Vicekanzler für innere Angelegenheiten in der Person des Finanzministers Miquel beigegeben werden.
Berlin, 31. October. Wie die „Kreuzztg." zuverlässig mittheilt, wird dem Reichstag ein Entwurf zur Reform des Brann tweinfteuergesetzes nächstens zugehen.
Berlin, 31. October. Nach aus Livadia eingetroffenen Nachrichten geht die Auflösung des Czaren so rapid vor sich, daß die Katastrophe stündlich erfolgen kann.
Berlin, 31. October. Nach der >Doff. Ztg." werde Bennigsen wahrscheinlich zurücktreten- die Ursache soll die Ernennung v. Köllers zum Minister des Innern sein.
Berlin, 31. October. Im Auftrage des Kaisers Hai sich heute früh der commandirende General des Gardecorps Generallieutenant und Generaladjutant von Winterfeld nach Wittenberg begeben, um als Vertreter deS Kaisers be der daselbst heute erfolgten Enthüllung deS Denkmals für den Kaiser Friedrich einen aus grünen und goldenen Lorbeerblättern geflochtenen, mit langer weißer Atlasschleife verziert-p kostbaren Kranz am Denkmal niederzulegen.
Berlin, 31. October. Der nenernannte Minister des Innern von Köller bat gestern die Geschäfte seines Amtes übernommen und sich die Räthe des Ministeriums vorstelleu lassen.
Berlin, 31. October. Von autorisirter Seite werden die Gerüchte über den unmittelbar bevorstehenden Rücktritt einiger Minister als unbegründet bezeichnet. Bis auf Weiteres ist keine Veränderung im Staatsministerium zu erwarten.
Berlin, 31. October. Eine Heute von derBoycott- Commission einberufene Versammlung der Gastwirthe, welche von ungefähr 1000 Personen besucht war, beschäftigte sich abermals mit dem Bierboycott. ES wurde eine Resolution angenommen, wonach die anwesenden Gastwirthe sich verpflichteten, so lange nur ringfreies Bier zu liefern, bis die Forderungen der Arbeiter bewilligt feien.
Karlsruhe, 31. October. Für 1896 ist in Baden- Baden eine große internationale Kunstausstellung geplant.
Paris, 31. October. Der „Eclair" meldet den Ausbruch eines großen Scandals in der französischen Armee. Ein französischer Offizier ist nämlich wegen Spionage verhaftet worden. Derselbe soll im Bureau des Generalstabes von militärischen Geheimnissen Kenntniß genommen und diese an eine fremde Macht mitgetheilt haben. Der Scandal sei bisher sorgfältig geheimgehalten worden.
Paris, 31. October. Präsident Casimir-Perier, welcher während der nächsten Feiertage eine Jagdpartie nach Pont-sur Seine vor hatte, hat diese wegen der schlimmer lautenden Nachrichten über das Befinden des Czaren auf- gegeben und verbleibt im Elhsee.
Paris, 31. October. Infolge anhaltenden Regens werden aus ganz Nordfrankreich Ueberschwemmungen gemeldet. Die Flüffe sind übergetreten. In Lille, Roubaix und Tour- coing sind fast alle Kellerräume mit Wasser gefüllt. Der Schaden ist enorm.
Paris, 31. October. In Croix (Norddepartementhat eine heftige Wassers lut h mehrere Häuser mit ihren Insassen fortgeschwemmt. Mehrere Insassen ertranken.
Feuilleton.
Einr Hcirath im vorigen Jahrhundert.
Aus dem Tagebuche einer alten Dame. Von L. Heinau.
(6. Fortsetzung.)
Der Tag, welcher meiner Rückkehr folgte, war ein trauriger, denn mein Lord verzögerte sein Kommen und schrieb auch nicht, warum er fortblieb- ich fürchtete, daß er meinen Rath nicht befolgen werde in seinem Haß gegen sein Wetb und seiner Liebe für meine Person. Da ich vermuthete, daß er nach Frankreich gegangen sei, so wußte ich nicht, wohin ich schreiben sollte. Auch meine Freundin, an die ich mehr als einmal schrieb, gab mir keine Antwort. Endlich erhielt ich nach mehreren Wochen einen Brief von Mrs. Norword. Sie schrieb:
„Liebste Molly!
Nach Deiner Abreise wurde ich schleunigst zu meiner Mutter gerufen, die ernstlich erkrankt war, und so konnte ich an nichts anderes denken, bis sie genesen war. Gestern nun kehrte ich zurück und da ich mich in Deinem Jntereffe nach Lord Almington erkundigte, fand ich, daß seine Lage hier äußerst bedenklich ist.
„In der Nacht, bevor Du mich verließest, hatte Mr. Merriton, der eine Armwunde in dem Zweikampf erhalten hatte, die Absicht, schnell auS dieser Gegend fortzugehen, weil man ihm überall sagte, er habe nun feinen Meister gefunden - früher hatte er sich nämlich gerühmt, er ließe den Gegner im Zweikampf gar nicht zum Schuß kommen, sondern mache ihn gleich kampfunfähig. Kurz vor seiner Abreise ging er am Abend mit zwei Dienern auf dem Wege, der nach Wickham führte. Er wurde von zwei Männern in Masken angefallen und einer seiner Diener nach tapferer Gegenwehr getödtel - dann machten sich die
Schurken, die augenscheinlich Straßenränder waren, auS dem Staube, ohne zu plündern.
Mr. Merriton sagte nun aus Haß vor dem Gericht aus, daß Lord Almington einer jener Mordgesellen gewesen sei, oder vielmehr Mr. Cooper, denn unter diesem Namen kannte er ihn nur. Er behauptete auch noch ferner, daß Mr. Cooper schon während deS Zweikampfes ihn habe auf unredliche Weise ums Leben briNaew^wollen und nun, da er gewußt, daß Mr. Merriton verwendet sei, unfähig, sich zu wehren, habe derMchurke ihn -'tödtep. wollen. Wenn mein Gatte zu Hause gewesen wäre ,: dünn hätte Mr. Merriton nicht wagen dürfen, verglichen gegen einen Freund unseres HauseS auszusagen- wir waren aber beDe abwesend und wie Du weißt, hatte Dein Gemahl die,B,e-. kanntschaft mit den anderen Nachbarn vermieden, so er vollkommen unbekannt ist und ganz schutzlos den Anklagen Mr. Merritons preisgegeben war. Dieser hat beschworen, daß er Mr. Coopers Stimme erkannt habe und daß dieser-es war, der seinen Diener erschlug.
Leider ist der Mann tobt, sonst hätte er vielleicht zu Gunsten Deines Gatten ausgesagt, der andere Diener hat Niemand erkannt und vermag also nichts sicher zu sagen. Zum Unglück sagte der Wirth auch noch auS, daß Mr. Cooper während der Zeit außerhalb des Hauses gewesen sei und erst spät heimgekommen wäre- der Lord aber verweigere jede Auskunft, die eine Aufklärung geben könnte und behauptet, nur allein im Walde gewesen zu sein.
Er hat weder seinen richtigen Namen, noch seinen Rang genannt, sondern nur erklärt, daß er ein Herr aus Frankreich sei, der keine Freunde im Lande habe. Das ist sehr schlimm für ihn. Er hat sich wirklich seltsam dabei be nommen, weil er gar keine Miltheilung seinen Bekannten gemacht hat, in welcher unglücklichen Lage er sich befindet. Wie dem auch sei, jedenfalls ist seine Lage hoffnungslos, da ein Zeuge schon genügend ist, um ihn zum Tode zu
verurtheilen. Er befindet sich im Gefängniß in Lingminster und wenn seine Freunde nun nicht alles thun, um ihn zu retten, so ist er verloren, denn Mr. Merriton war thätig genug, ihn zu verderben. Es ist unerhört, daß Jemand von so edler Geburt unschuldig eine so entehrende Strafe leiden soll, denn wenn ihn nicht der Tod trifft, so schicken sie ihn auf Galeeren, und dies alles geschieht, weil ein Straßenräuber einen unglücklichen Menschen getöbtet hat. Ich beklage es, Dir so traurige Nachrichten senden zu müssen, Du würdest mir aber nach meinem Dafürhalten niemals verzeihen, wenn ich es Dir nicht mittheilte.
In aufrichtiger Betrübniß Deine
Anna Norword."
Erhielt jemals eine liebende Frau einen so unglückseligen Brief? Ich mußte mich selbst anklagen, schuld an der Gefahr des geliebten Mannes zu sein- mag kein anderes menschliches Wesen jemals daS durchzumachen haben, was ich damals fühlte!
Sein Leben, da- mir so theuer war, und die Ehre seines Namens, die sein hochgesinnter Geist höher hielt als sein Leben, waren beide gleichmäßig in Gefahr. Er bewahrte Stillschweigen und opferte sein Leben, um mich nicht der Verleumdung preiszugeben- nun mußte ich alles thun, was in meinen Kräften stand, um ihn zu retten und wenn mich auch feine Verachtung und fein Zorn treffen sollten.
In aller Hast brachen wir nach Lingminster auf. Wir wurden durch manche Hindcrniffe auf dem Wege ausgehalten, so fielen uns Straßenräuber an und verlangten Geld und Kostbarkeiten- meinen beiden Dienern gelang es aber, die feigen Gesellen mit ihren Waffen zu vertreiben, und ich athmete auf, als wir endlich Lingminster am Nachmittag des zweiten Tages erreichten.
* ♦ ♦
(Fortsetzung folgt.)


