Ausgabe 
1.9.1894
 
Einzelbild herunterladen

m. 204

Samstag den 1. September

1894

Der Siebener -«zeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montag-.

Die Gießener Aa«itie«vtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Abonnemcntsprcisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogert 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schutstraße Sir.7. Fernsprecher 61.

Amts- und Anzeigeblutt für den Uw Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» I t<lß4>ifrtrtPe pfifft PI* ft Pttßfflff Pi* Annoncen-Bureaux des In. und Auslandes nehmen

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr. | ^UUl51H:UUyC. ^UHl U1131VUU1XX . Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

2lmilid?er Theil.

Gießen, am 29. August 1894. Betr.: Das Unfallversicherungsgesetz; hier die Formulare zur Erstattung von Unfallanzeigen.

DaS GroWrzogliche Kreisamt Gieße«

au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Die von Ihnen bestellten Formulare zu Unfallanzeigen sind eingetroffen und werden Ihnen zur thunlichsten Ver­meidung besonderen Portos mit nächster Gelegenheit zugehen.

Die Kosten mit 2 Pfg. pro Stück sind von der Kreis­kaffe vorgelegt worden und beauftragen wir Sie, die Gemeinde- Einnehmer anzuweisen, die nach dem untenstehenden Ver­zeichnis auf Ihre Gemeinden entfallenden Beträge ge- legentlich der Ablieferung des Kreiskassebeitrags pro 1894/95 an den Rechner der Kreiskaffe abzuführen.

I. V.: Dr. Melior.

N?. Gemeinden.

StücßÖehaa

Nr Gemeinden.

SlückBetra^

1. Albach

25

-.50

41. Lich

100

2.-

2. Allendorf a b. Lahn 35

.70

42. Lindenstruth

25

.50

3. Allendorf a. d. Lda.

50

1.

43. Lollar

50

1.

4. Allertshausen

25

.50

44. Londorf

30

.60

5. Alten-Buseck

50

1.

45. Lumda

30

.60

6. Annerod

50

1.

46. Mainzlar

50

1.

7. Bellersheim

25

.50

47. Münster

25

.50

8. Beltershain

25

-.50

48. Muschenheim

50

1

9. BerSrod

25

.50

49. Nteder-Bessingen

35

.70

10. Bettenhausen

50

1

50. Nonnenroth

25

.50

11. Beuern

25

.50

51. Obbornhofen

25

-.50

12. Birklar

50

1.

52. Ober-Besstngen

.

13. Burkhardsfelden

25

.50

53. Ober-Hörgern

25

-.50

14. Climbach

25

.50

54. Odenhausen

50

1.

15. Daubrtngen

25

-.50

55. Oppenrod

25

-.50

16. Dorf-Gill

25

.50

56. Queckborn

25

-.50

17. Eberstadt mit Arns­

57. Rabertshausen

50

1

burg

.

58. Reinhardshain

25

.50

18. Ettingshausen

25

-.50

59. Reiskirchen

25

.50

19. Garbentetch

25

-.50

60. Rodhetm

25

.50

20. Geilshausen

25

-.50

61. Rödgen

25

.50

21. Gießen

100

2.-

62. Röthges

.

22. Göbelnrod

25

.50

63. Rüddtngshausen

50

f

23. Großen-Buseck

25

-.50

64. Ruttershausen

25

-.50

24. Großen-Linden

50

1.

65. Saasen

25

.50

25. Grünberg

25

.50

66. Stangenrod

25

-.50

26. Gröningen

25

-50

67. Staufenberg

25

50

27. Harbach

50

1.-

68. Steinbach

50

1.

28. Hattenrod

25

.50

69. Steinheim

25

.50

29. Hausen

25

-.50

70. Stockhausen

25

-.50

30. Heuchelheim

40

-.80

71. Trais-Horloff

25

-.50

31. Holzheim

25

-.50

72. TreiS a. d. Lda.

25

.50

32. Hungen

50

1-

73. Trohe

25

-.50

33. Jnbeiden

25

.50

74. Uivhe

30

-.60

34. Kesselbach

25

.50

75h D-Uingen

25

.50

35. Klein-Linden

50

1-

76. Watzenborn mit

.60

36. Langd

25

50

Steinberg

30

37. Lang-Göns

25

-.50

77. Weickartshain

25

.50

38. Langsdorf

25

-.50

78. Weitershain

50

1

39. Lauter

25

-.50

79. Wteseck

50

1

40. Leihgestern

50

1.-

80. Winnerod

25

.50

Deutsches Reich.

Berlin, 29. August. Die Zeit der großen deutschen Truppenübungen unter den Augen des kaiserlichen Kriegsherrn und der hierzu geladenen fürstlichen Gäste ist wiederum herangenaht) wie bekannt, werden diese interessanten militärischen Schauspiele diesmal im östlichen Preußen in Scene gehen. Von deutschen Bundesfürsten werden ihnen die Könige von Württemberg und von Sachsen, sowie der Prinzregent von Braunschweig beiwohnen, soweit bislang bekannt ist, doch ist eine Erweiterung dieses kleinen Kreises der fürstlichen Manövergäste des Kaisers nicht ausgeschlossen. Die ursprünglich in Hinblick auf die in Ostdeutschland be­stehende Choleragefahr erwogene Verlegung oder Einschränkung der diesjährigen Katsermanöver hat sich nicht nöthig gemacht, da eine bedrohliche Ausbreitung der Cholera in Ost- und Westpreußen nicht mehr zu befürchten steht. Doch sollen in beiden Provinzen größere Menschenansammlungen anläßlich des bevorstehenden Besuches des Kaisers und der Katser­manöver möglichst verhindert werden.

In den Kreisen der freisinnigen Volkspartei wird man jetzt durch die Vorbereitungen für den Eisenacher Parteitag, auf welchem vor Allem über'den neuen Pro­gramm-Entwurf der Volkspartei entschieden werden soll, in Anspruch genommen. Da die Wahlen der Delegirten zu dem Parteitage noch nicht vollständig vollzogen sind, so läßt sich die äußerliche Physiognomie desselben auch noch nicht beur- theilen, wahrscheinlich werden aber Herr Eugen Richter und seine speciellen Anhänger auch in Eisenach das Feld gegen die Opposition wieder behaupten. Von den Vorbereitungen der Socialdemokraten für ihren am 21. October in Frankfurt a. M. stattfindenden Parteitag ist noch wenig zu spüren, vermuthlich wird es aber auf dem Parteitage schließlich recht lebhaft zugehen. Zum Orte der nächst­jährigen Katholiken-Versammlung wurde München gewählt.

Ein neuer deutsch - französischer Grenz- zwischenfall macht einigermaßen von sich reden. In dem deutschen Grenzorte No v e a n t wurde eine Frau Jsmert, Gattin eines pensionirten Eisenbahnbeamten, wegen Spionage verhaftet. Die Untersuchung in der Angelegenheit führt der dem kaiserlichen Ministerium zu Straßburg attachirte Polizei« rath Zahn, welcher seinerzeit auch die Untersuchung in der berühmten Schnäbele-Affaire geführt hat. Vorläufig beur- theilt die französische Preffe denFall Jsmert" im All­gemeinen mit sichtlicher Zurückhaltung, welche Haltung von den sofortigen Wuthausbrüchen der Chauvinistenblätter jen­seits der Vogesen anläßlich früherer ähnlicher Grenzvorfälle immerhin vortheilhaft absticht.

Berlin, 29. August. DieBerl. N. Nachr." melden: Die Huldigungsfahrt nach Varziv, die der hinter- pommersche Turngau auf seinem letzten Gautage beschlossen hatte, muß unterbleiben. Dr. Chrysander theilte dieser Tage

dem Vorsitzenden des GauverbandeS in Stolp mit, daß Fürst Bismarck leider genöthigt sei, die Huldigung abzulehnen, da sein Befinden ihm noch einige Schonung auferlege.

Leipzig, 29. August. Der Anarchist Hentschel ist heute aus dem Bezirke der Stadt und der Amtshauptmann­schaft Leipzig auSgewiesen worden. ES ist dies die erste in Leipzig erfolgte Ausweisung eines Anarchisten.

Ausland.

Das sonst so phlegmatische Volk der Holländer ist durch die kürzliche Hiobspost auS Niederländisch-Jndien in hochgradige Erregung versetzt worden. Denn die Nieder­lage, welche die zur Niederwerfung des Aufstandes auf der Insel Lombok abgesandte niederländische Expedition durch die rebellischen Balinesen erlitten hat, stellt fich nach neueren Meldungen als eine beinahe vernichtende dar. Genau stehen die Verluste, welche die in mehreren Colonnen operirende Expedition bei der Affaire erlitten hat, zwar noch nicht fest, zumal die bisherigen Depeschen über diesen Vorgang in mancher Richtung noch ziemlich unklar lauten. Aber jeden­falls find die Verluste der holländischen Expeditionstruppen außerordentlich große, denn die Mehrzahl der betheiligten Offfiziere und Mannschaften ist theils gefallen, theils ver­wundet, während auch die Zahl der Vermißten eine erhebliche ist. Die holländische Colonialregierung hat sofort Verstärkungen von Batavia aus nach dem Schauplatze des Ueberfalls, um welchen es sich bei diesen Vorfällen handelt, abgesandt.

Von einem Attentatsversuche auf die Königin Victoria bringt der englische Telegraph sensationelle Kunde. Als der Sonderzug der Königin auf der Fahrt von Osborne nach Schottland in der Mitternacht vom 29. zum 30. August den Snow-Hill-Bahnhof in Birmingham Passirte, versuchte ein Mann Namens Arthur Tolliday, kurz vor Einlaufen des Sonderzuges auf den für das Publikum abgesperrten Theil des Perrons vorzudringen. Den ihn hieran hindernden Polizisten hielt er einen schußfertigen Revolver entgegen, doch wurde der Mann überwältigt, ehe er schießen konnte, und nach dem Polizeigewahrsam gebracht. Die Birminghamer Polizeibehörde vermuthet, daß der Verhaftete ein Mitglied der in Birmingham stark vertretenen Anarchistenpartei ist. Jedenfalls dürfte die sofort eingeleiiete Untersuchung ergeben, ob dem ganzen Vorfälle in der That ein anarchistischer An­schlag auf die greise englische Monarchin zu Grunde ge­legen hat.

Neueste Nachrichten.

tetegraphifche« Eorrefpondmz-Buream

Berlin, 30. August. Die erste ordentliche Haupt­versammlung des Vereins deutscher Revisions- Ingenieure wurde heute hier abgehalten. Der Präsident des Reichs-VerficherungsamtS, Bödicker, hielt die Ansprache.

Feuilleton.

Selbst gerichtet.

Von Meta v. Kolbe.

(Schluß.)

Bah, ich fürchte nichts, Du sollst es nicht haben!" rief der Feldhüter.

Es kam heiser und gellend aus seinem Munde, sein Gesicht wurde dunkelroth, die Augen traten auS ihren Höhlen und sinnlos vor Wuth und Eifersucht schleuderte er den schweren Stein in die Höhe.

Ein durchdringender Schrei gellte durch die Luft, ein Knacken und Krachen der Zweige folgte und mit zerschmettertem Hirn lag Michael am Fuße der Eiche.

Hatte Karl nach dem Neste gezielt oder wollte er seinen Nebenbuhler treffen? Er weiß es selbst nicht mehr, entsetzt, überwältigt von Grauen und Schrecken, stürzte er fort.

Einige Stunden später bringen Leute aus dem Dorfe den entseelten Körper Michaels aus dem Walde.

Er hat einen Fehltritt gethan, der arme Bursche, wie er das Nest holen wollte!" hieß es bedauernd im Dorfe, und dann war er bei dem täglichen Kampfe ums Dasein bald ver­gessen unter den armen Leuten.

Nur eine, Anne Marie, trauerte länger um ihn, doch auch sie tröstete sich nach einigen Monaten über den Ver­lust ihres Geliebten und nahm die Huldigungen des Feld­hüters als willkommenen Ersatz an. Und als nach kurzer Zeit die beiden Hochzeit machten, wunderte sich Niemand mehr darüber.

In ihrem kleinen Häuschen, das zwischen Bergen ganz in Grün gebettet lag, lebten sie zwar blutarm, doch glücklich wie ein Vogelpärchen in seinem Nest.

Diesen Vergleich hörte Anne-Marie eines TageS von den Leuten und wiederholte ihn glücklich lächelnd ihrem Manne.

Sage das nicht noch einmal!" fuhr er auf und wurde blaß,ich kann so etwas nicht hören, verstehst Du, nie, niemals!"

Dabei nahm sein Gesicht einen solchen verstörten Aus­druck an, daß die erschreckte Frau nicht einmal nach dem Grunde dieser sonderbaren Forderung fragte.

Er ging niemals mit ihr durch den nahen Wald, wenn sie an Markttagen ins Städtchen ging. Obgleich der Weg dadurch bedeutend näher war, hatte er stets einen Vorwand, den längeren Feldweg einzuschlagen, oder er schlug ihr wohl gar geradezu seine Begleitung ab.

Anne-Marie konnte sich in diese Eigenthümlichkeit gar nicht finden und zerbrach sich den Kopf darüber- wußte sie doch nicht, daß die frohen Lieder der Vögel ihm ins Herz schnitten, daß das Rauschen der Blätter im Walde ihn kalt überrieselte, das Zirpen eines Jnsects ihm die Haare sträuben ließ vor Angst und Entsetzen! Allmählich werkten es auch die Leute, daß der Feldhüter ein Anderer geworden, der es zuletzt in seiner düsteren Schweigsamkeit vermied, mit Je­manden überhaupt ein Gespräch anzuknüpfen.

Doch Niemand kam darauf, was ihm fehlen könnte. Er war jung und gesund, hatte Arbeit und dadurch ein festes, wenn auch bescheidenes Auskommen, besaß eine kleine hübsche Frau, die fleißig und ordentlich war und ihn zärt­

lich liebte, was konnte ihm da noch mangeln? Was wünscht er denn noch?

Es ahnte ja auch Niemand, daß stets und beständig ein Bild vor seinem Auge stand, mit seinem Schatten ferne klare Sehkraft trübend das Bild des zerschmetterten Michael.

Der weltliche Richter hatte ihn nicht ergriffen, bte irdische Gerechtigkeit verlangte keine Sühne von ihm, aber ein anderer Richter ließ den Schuldigen nicht straflos auS- gehen. Keine Reue, kein Gebet, kein Ringen und Kämpfen, kein noch so heißes, inbrünstiges Flehen versöhnte den un­erbittlichen Rächer, der immer lauter und lauter in seinem Innern sprach.

Da stand er nun es waren zehn Monate verstossen vor demselben Baum und schaute mit irrem Blick hinauf in die kahlen Aeste. Der Wind pfiff heulend durch die Zweige und schüttelte Eisstückchen und Schneeflocken auf den barhäuptigen, blassen Mann mit den verzerrten, abgezehrten Zügen.

Einen Strick hatte er in den Händen, den er um einen Ast zu schlingen sich bemühte. Kalter Schweiß stand auf der Stirn des Unglücklichen, er zögerte aber immer wieder zog eS ihn mit unwiderstehlicher Macht hin zu dem Baume.

Ein heiseres Krächzen erscholl über ihm eine Raben­schaar flog erschreckt aus dem Baume auf, dann ließ sie sich beruhigt wieder nieder, der Mann, der so still und kalt in den Zweigen hing, konnte ihnen nichts mehr zu Leide thun.