1894
Nr. 151 Zweites Blatt. Sonntag den 1. Juli
Der
Hiejfeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
Aamilienvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Vierteljähriger Akounemcntspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schurstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Aints- unb Anzeigebltrtt für den Ureis Gieren.
chratisbeitage: Gießener Kamitienötätter
E.T^iesa
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
Alle Annonccn-Burcaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Vermiete».
* Frankfurt a M.» 29. Juni. Die Aldabra-Schild- f röten im Zoologischen Garten. Das interessanteste Thier, das der Zoologische Garten jemals besessen hat, dürfte wohl die dieser Tage in zwei schönen Stücken eingetroffene Elefantenschildkröte sein. Diese in früheren Jahrhunderten über viele Inseln verbreitete Thierart ist nämlich fast überall ausgerottet und nur noch kleine Stämme haben sich auf wenigen Inseln erhalten. Die Senckeuberg'sche naturforschende Gesellschaft hat um hohen Preis diese Thiere erworben und sie für die Zeit ihres Lebens dem Zoologischen Garten zur Pflege übergeben, um später die Cadaver dem Museum einzuverleiben. Das eine der Thiere wiegt 118 Pfund und mißt mit vorgestrecktem Kopf über einen Meter. Auf seinem Schild könnte man bequem sitzen und der berühmte Naturforscher Darwin erzählt, daß er thatsächlich einmal auf einer solchen Schild- kiöte ein Stück Weges geritten sei. Diese Schildkröten werden über 100 Jahre alt und bis zu 1000 Pfund schwer. Wegen des überaus zarten Fleisches wird den wenigen noch vorhandenen Thiere eifrig nachgestellt und obgleich jetzt einige auf Aldabra lebende Europäer anfangen, die letzten noch vorhandenen Thiere zu schützen und zu hegen, so dürfte doch das Erlöschen der Riesenschildkröten bald erfolgen. Das durch seine vorzügliche Leitung von jeher bekannte Senckeuberg'sche Museum in Frankfurt hat jedenfalls sehr wohl da: an gethan, sich einige Stücke dieser verschwindenden Thierart zu sichern, deren fossilen Resten man vielleicht im kommenden Jahrhundert mit Eifer nachspüren wird.
* Ein amerikanischer Brauerköuig. In Milwaukee ist kürzlich der Brauerkönig Valentin Blatz, von Geburt ein Unterfranke, gestorben. Sein Lebenslauf zeigt, wie einträglich das Braugewerbe in Amerika sein kann. Blatz, zu Miltenberg geboren, begann im Jahre 1851 eine kleine Brauerei in Milwaukee. Als Anfangscapital hatte er 500 Dollars. Allmählich dehnte sich sein Geschäft so aus, daß vor drei Jahren eine englische Gesellschaft seine Brauerei für 2</2 Mill. Doll, erwarb. Das hinterlaffene Vermögen des ehemaligen Brauknechts wird auf 15 Millionen Dollars geschätzt_____________________
Literatur unt> A»nst.
— Novellen - Bibliothek der Jllustrirrcn Zeitung. Fünfzehnter Band. VI und 406 ©eiten. Piets 2 Mk.; tn Origtnal- Leinenband 3 Mk. Vertag von I. I. Weber in Leipzig. Mit der
Zeit des Reisens kommt auch die Saison für die Reiselecture; als etne hübsche, frtsche und anregende möchten wir den obengenannten Band unserem Leserkreis empfehlen. Es ist kein sehr schweres Geschütz, was hier aufgesührt wird; gerade darum eignen sich diese neunzehn Novellen in so hohem Grade zur willkommenen Unterhaltung. Nicht daß der ernste Ton in den Geschichten völlig fehlte'; aber im Ganzen ist doch da? Colorit ein Helles, sonniges. Der Band möge darum viele dankbare Leser finden. Der Preis tft billig, daS Buch gut ausgestaltet und auw in broschirtem Zustande nicht einem raschen Zerfall ausgesetzt. Möge eS müßige Stunden behaglicher Ferier.stimmung in angenehmer Weise aussüllen.
Das Reichstagsbild von Werner.
Die Berliner Kunstausstellung des letzten Sommers brachte als unbestrittenen Mittelpunkt des Interesses das große Bild von Anton v. Werner, in welchem die Eröffnung des ersten Reichstages nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. dargestellt ist. Dieses Colossalbild, für das Königliche Schloß ausgeführt, zeigt in lebensgroßen Figuren den denkwürdigen Vorgang des 25. Juni 1888, als die Fürsten Deutschlands sich um den Kaiser schaarten, um vereint mit den Vertretern des Volkes ein weithin sichtbares Zeichen zu geben, daß das neu erstandene Deutsche Reich auf dem uner schütterbaren Zusammenhänge aller Glieder beruhe.
Die hohe politische Bedeutung dieses Actes veranlaßte den Auftrag, ihn im Bilde festzubalten. Der Maler der Kaiserprocla- mation zu Versailles wurde mit der Aufgabe betraut. Das fertige Bild ist jetzt von der Photographischen Gesellschaft in einer unvergleichlich guten Vervielfältigung herausgegeben. Um den mehr als hundert Portratts des Originals gerecht zu werden, war ein möglichst großer Maßstab erfordeilich. Durch He,ftellung eines besonderen Apparates konnte ohne nachträgliche Vergrößerung direct nach dem Original diese Bildtafel von 74 G-entimeter Höhe bei 124 (Zentimeter Breite entstehen, welche alle früheren Leistungen der Vervielfältigung in ihren Abmessungen um ein Beträchtliches überragt. Daß bei der absoluten Genauigkeit einer solchen Aufnahme die historische Treue des Originals in vollkommenster Weise gewahrt ist, versteht sich von selbst, aber merkwürdiger Weise kommen in der Photographie die besten Eigenschaften des Originals in klarerer Weise zur Geltung als auf dem Oelgemälde selbst.
Der Vorgang bietet für eine malerische Darstellung die größten Schwierigkeiten. Wir verfügen nicht über allegorische Gestalten, ja ntcht einmal über den symbolischen Schmuck von Krone und H-rrnelin, um die Hauptperson des Bildes bedeutungsvoll herauszuheben. Der Kaiser unserer Tage ei scheint in Uniform und Helmschmuck durch nichts abgesetzt von seiner fürstlichen Umgebung; der parlamentarische Stet einer Eröffnungsrede, weiche von dem Blatt abgelesen wird, ist in seinem Klange nicht darstellbar, nicht einmal in seiner Wirkung aus die Hörer, welche nicht in der Lage sind, selbst einer begeisterten Zustimmung bewegten Ausdruck zu verleihen. Noch viel erschwerender ist der Umstand, daß der Maler die versammelte Gesellschaft nicht nach Belieben gruppiren kann, die wirkliche Aufstellung jenes Tages, genau abgemessen nach Rang und Stellung, muß gewahrt werden und jede einzelne Person darf verlangen, daß sie in ihrer Erscheinung historisch genau festgehalten wird. Wir wissen, wie Adolf Menzel
FeuiUetsn.
In letzter Stunde.
Erzählung von C. v. Falkenberg.
(2. Fortsetzung.)
Rach der Hochzeit und Uebernahme des Erlenhofcs fing Jacob ein wahres Herrenleben an. Hatte er nicht einen großen und unverschuldeten Hof und Eva eine Aussteuer von dretßtgtausend Mark? Auf dem Erlenhof herrschte ein vollständig städtisches Leben und Treiben. Herr und Frau gingen in Modekleidern, welche die Confectionsgeschäste der Stadt zu sündhaft hohen Preisen lieferten. Alle Tage gings balö hierhin, bald dorthin zum Feste. Bald gab man Gesellschaft, bald empfing man Gäste. Und blieb Frau Eva daheim, so reiste Jacob Steffens allein bald zu Versammlungen der verschiedenen landwirthschaftlichen Vereine, deren Mitglied er war, oder zu politischen Versammlungen und zu Zweckeffen.
Die Bewirthschastung des Hofes und der beiden großen Gärten überließ er gern dem Jnspector und dem Hofmeister, die beide in die eigene Tasche spielten, denn sie dachten: „Man soll dem Ochsen, der da drischet, das Maul nicht verbinden." Jacob fröhnte allerlei vornehmen Thorheiten, kaufte Maschinen aller Art an und ließ sie dann als unpractisch stehen, rauchte die besten Cigarren, trank die feinsten Biere und Weine, hielt sich theure Hunde und Reitpferde und trieb dabei auch das Kartenspiel mit Leidenschaft.
Bald ließ ihm das Spiel weder Rast noch Ruhe mehr- dazu untergrub es seinen Wohlstand und eines Tages ward die große Mitgift Evas, sowest sie noch vorhanden, bei der ländlichen Sparkasse heimlich abgeholt. Zwei Jahre später war sie den Weg alles Fleisches gegangen: sie war theils übel in verkehrte Neuanschaffungen angelegt, theils verspielt und verjubelt.
Aber ganz so heimlich ging es doch nicht ab, daß nicht der alte Velten und Frau Lene, daß nicht auch Eva etwas
davon gemerkt hätten. Sie alle nahmen Jacob' ins Gebet - der aber versprach Besserung und — spielte heimlich und mit Vorsicht weiter.
Jetzt fand er in seinen ewigen Geldverlegenheiten auch leicht den Weg zu den Wucherern, die so artige Procente nehmen, daß ein ehrlicher Hausvater davor zurückschreckt. Jacob lieh dennoch bet ihnen und unterschrieb die Wechsel, die sie ihm vorlegten. Das Borgen auf Wechsel ward nach und nach zu seinem „Rettungsmittel", bis eines Tages das Verderben drohend über seinem Haupte stand. In der Stadt lebte ein „feiner Gelddarleiher" Namens Veilchen. Der Erzähler weiß ntcht recht, ob er in so gutem Gerüche stand wie das holde Blümchen des Frühlings, dessen Namen er trug, oder ob er so bescheiden war, wie die Dichter diese Blume stets darstellen- aber das weiß er, Veilchen hatte einen großen Wechsel mit der Unterschrift Jacobs, und da dieser nicht zahlen konnte, wurde in aller Stille ein Stück Land verkauft, und Veilchen erstand es. Er hatte auch einen guten Abnehmer dafür, denn er ging direct in die Mühle und bot den Acker Christoph an. Zuerst lehnte dieser ab, dann aber erklärte Veilchen listig: „Wenn Sie nicht wollen, geb ichs einem Andern, der nimmts gewiß."
Damit nun der Grund und Boden nicht in andere Hände komme, griff Christoph zu und erwarb den Acker.
Das gab einen neuen Zankapfel für den Haß Derer vom Erlenhofe ab, als Christoph das Land beackern ließ, und Jacob ließ sich zu den harten Worten hinreißen: „Der Schleicher! Der hat mir den Acker abgelistet. Nie darf er mir wieder ins Haus kommen!"
So brach denn der Haß auch offen aus und alle Leute im Wirthshause konnten eS hören, wie Jacob Steffens, des Bieres voll, über den Bruder loszog. Aber Niemand sagte etwas dazu, denn jeder wußte wohl, wo der Hase im Pfeffer lag.
Eine nachlässige Wirthschaft aber wars und bliebs trotz dieser großen Warnungstafel, die Veilchen hinterlassen hatte auf dem Erlenhof. Mit der Zeit trat auch zwischen die beiden Ehegatten die Kluft einer tiefen Verstimmung: Eva
in seinem Krönungsbildc mit verwandten Schwierigkeiten gekämpft hat, aber dorr war doch noch ein greifbarer Act und daS milde Dämmerlicht der Kirche; in seiner Kaiserproclamatton konnte Werner eine leidenschaftliche Bewegung entfalten, aber in dem neuesten Bild ist er an eine fast bewegungslose Repräsentation gebunden. ES tft erstaunlich, mit welHer künstlerischen Kraft Werner trotzdem diesen sprödesten Stoff siegreich überwunden hat. Durch eine Tbellung der Massen hat er links im Vordergrund die Mitglieder des Reichslages zufammengehalten, deren Masse dunkler bürgerlicher Kleidung den lichten M'.ttelpunlt kräftig absetzt. Hier tritt die Figur des Kaisers klar hervor, das Blatt in seiner Hand characteristrt den Sprecher, von Der Gruppe der Frauen in ihren schwarzen Trauergewändern hebt sich der Ordensmantel und der blanke Helm des Kaisers leuchtend ab. Vor ihm zu den Stufen des Throns die Figur des Fürsten Bismarck in seinem weißen Kürassierrock. Rechts nach vorn hin stehen die Minister und Großwürdenträger des Reiches in einem prächtigen Durcheinander goldstrotzender Uniformen, der weite Hintergrund des Bildes ist von den Mitgliedern des Reichstags gefüllt. Von der Ärchilectur des Weißen Saales ist nur gerade genug herangezogen, um den Eindruck monumentaler Pracht zu geben. Bei bitter vortrefflichen Disposition, welche dem wirklichen Vorgang keinerlei Zwang anlhul, blieb die größte Schwierigkeit die wünschens- werlhe Anzahl darftellenswerther Personen mit voller Portraittreue festzuhalten; gerade die Hauptpersonen, die Gruppe der Fürsten, mußte mehr nach hinten geschoben werden und die lebensgroß geschilderten Personen des Vordergrundes, die ihren Blick auf de» kaiserlichen Redner zu wenden haben, erscheinen von hinten. Z« allen diesen Schwierigkeiten kommt als das empfindlichste Moment für den Künstler die Unfreiheit in der Wahl der Farben. Hunderte von Uniformröcken und alle mit lebhaften, zum Theil schreienden Farben mit Gold und Silber, weißen Federn und blankem Stahl, alles ein Material, das nicht aogetönt sein darf, wenn es nicht falsch ober geradezu ungehörig aussehen soll! Unter diesen unbesiegbare» Dissonanzen Hal die photographische Wiedergabe nicht zu leiden, in dem feinen gelbgrauen Tone des mächtigen Blattes ersieht man mit wahrer Genugthuung die wirkliche Meisterschaft der Compositio», welche hier das Auge umspannen kann, ohne durch weites Abtreten den Genuß der Einzelheiten zu verlieren. Aber die Freude vermehrt sich nur, wenn man sich in die Einzelheiten vertieft. Nicht weniger als hundertundneunzehn Personen sind portraitmäßig sestgehalten »nd in der Uebersichtsliste genau bezeichnet und jede von ihnen ist gewissenhaft ausgeführt, mit Respect vor dem Portrait, mit Respect vor der Erscheinung in Kleidung und Haltung, ohne Schönthuerei, ohne Phrase, schlicht und solide, in dem ernsthasten Bestreben, ein wirkliches Document des denkwürdigen Tages zu geben. Das ist ein Stück Arbeit, das so leicht Keiner Anton v. Werner nachmacht, ein Werk, bei dem es mit Phrasen und Lichiefficlen nicht gethan ist, sondern das nur dem eisernen Fleiß und der absoluten Beherrschunaller malerischen Mittel gelingt.
Wir müssen es dankbar begrüßen, daß von diesem wichtigen Bilde eine so ausgezeichnete Wiedergabe geschaffen ist, welche dem historischen Werke seinen Platz an hervorragenden Stellen werthm durch daS ganze Deutsche Reich sichert und es auch in Privathäuser vornehmen Zuschnittes führen kann. (Das Bild ist hier in der Ricke r'schen Buchhandlung [©Übanloge] ausgestellt. Red.)
.' warf ihrem Gatten seine Lüderlichkeit, er ihr dagegen ihre Zigeunerwlrthschast vor; dann folgte Streit über Streit, darnach Entfremdung und zuletzt der gräßlichste Unftiede. — Die armen Kinder, die sie besaßen, fuhren schlecht dabei. Der Philipp war ein guter Junge, fleißig, ehrlich, einfacher besuchte heimlich oft den Onkel Christoph und dort fiel manches gute Samenkorn in sein Herz. Auch die Ilse war ein prächtiges Kind- aber ganz dem Einflüsse der sorglosen Eva hingegeben, ward sie selbst gleichgiltig und leichtfinnig. Auch sie spielte oft mit den Kindern in der Thalmühle, wo es so heimisch und anmuthend war- als aber die Eltern von diesen Besuchen hörten, verbaten sie sich dieselben auf das Strengste.
Inzwischen kam Bruno, Christophs Sohn, auf die Stadtschule, denn er wollte ein Doctor werden- der alte Zimmermann aber wurde penfionirt und ein junger Lehrer, Herr Ahlers, trat an seine Stelle. Darum blieben die Mädchen am Orte — sie sollten in der Stadt ntcht „verbildet" werden- Ilse aber wurde auf ihres Großvaters Kosten in eine Pension geschickt, während Philipp im Dorfe blieb, denn Jacob Steffens sagte: „Wäre ich nicht aus Schulen gekommen, ich wäre ein anderer Kerl geworden," wobei er allerdings Ursache und Wirkung verwechselte, denn nicht die Schulen in der Stadt, sondern sein Leichtsinn war schuld daran.
Ein paar Jahre vergingen - die Thalmühle blühte im alten Flor- Margareth und Life waren große Mädchen geworden- Bruno hatte auf dem Gymnasium schon die zweithöchste Klaffe erreicht- Ilse war eine junge Dame geworden und rauschte in Seide daher, wenn sie einmal auf ein paar Tage nach Langendorf kam. Lange hielt sie es aber da nicht aus, denn ihr paßten weder der Miftgeruch, noch die Fliegen, noch das üble Verhältniß zwischen den Eltern. Philipp, ihr Bruder, arbeitete wie ein Knecht, dennoch vermochte der arme Junge das Verderben des Erlenhofes nicht aufzuhalten. Hier war noch alles beim Alten, das heißt, es ging, jetzt freilich rascher, bergab. (Fortsetzung folgt.)


