1894
Sonntag den 1. Juli
Amts- und Anzeigeblatt für den «reis Gieren.
chralisbeikage: Hießener Kamikienökätter.
Deutsches Reich
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Gerüchte, welche davon wissen wollten, daß der Kaiser den Antritt dieser Reise in Folge der Vorgänge in Frankreich verschoben habe, erweisen sich als durchaus unbegründet. Als ein beruhigendes Anzeichen kann auch die begonnene Urlaubsreise des Staatssecretärs im Auswärtigen Amte, des Herrn v. Marschall, gelten- derselbe würde Berlin gewiß nicht verlassen haben, wenn jetzt internationale Verwickelungen drohten. Bedenklich waren allerdings die in Frankreich — in Lyon, Grenoble, Marseille und noch anderen Orten — begangenen Ausschreitungen gegen die Italiener, da hierdurch eine gewisse erregte Stimmung in Italien gegenüber Frankreich hervorgerufen worden war. Indessen ist dem energischen Vorgehen der beiderseitigen Regierungen im Allgemeinen gelungen, die wachgerufenen nationalen Leidenschaften wieder zu beschwichtigen. Auch haben diese Zwischenfälle er
freulicherweise keinerlei Trübung in dem offiziellen Verhältnisse zwischen Frankreich und Italien hinterlassen, wie aus der herzlichen Dankdepesche des bisherigen französischen Ministerpräsidenten an den König Humbert anläßlich dessen Beileidskundgebung beim Tode Carnots und weiter aus den entgegenkommenden Mittheilungen des französischen Ministers des Auswärtigen, Hanotaux, an den italienischen Botschafter Restmann erhellt.
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Berlin, 29. Juni. Der Kaiser empfing am Donnerstag Abend in Kiel den Botschafter der französischen Republik, ° , .AI.... _A» 5Rnrh hnr
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geschloffen, um die verdienten und alle gleich beliebten Doeenten | durch einen großen Festcommers zu feiern. Es ist eine stattliche Zahl von Jahren ehrenvoller Thätigkeit, auf die die Genannten zurückblicken können. Und wie hat sich die Technische Hochschule Darmstadts in dieser Zeit entwickelt! Rur noch kurze Zeit und sie wird einen prachtvollen Monumentalbau als Sitz erhalten, um dessen Zustandekommen gerade die genannten Herren sich große Verdienste erworben haben. Auf die festliche Veranstaltung und ihren Verlauf kommen wir in unserem nächsten Briefe ausführlicher zu sprechen, da ja auch für die Musenstadt Gießen die Kenntniß der akademischen Verhältniffe und Ereigniffe von Interesse sein dürfte.
Jndeß rückt nun auch die Zeit des Musik fest es immer näher heran. Die zahlreichen Comites sind in eifrigster Thätigkeit. Auf dem Festplatz wird unausgesetzt fleißig gearbeitet. Die an tropische Vegetation gemahnenden gärtnerischen Anlagen unserer Handelsgärtnervereinigung werden jedenfalls — das läßt sich schon jetzt erkennen — eine Sehenswürdigkeit von großer Bedeutung werden und den Feftplatz in großartiger Weise zieren. Der [Verkauf der Karten für die Concerte soll sehr rege sein, auch Dauerkarten, die zu allen Festlichkeiten außer den Concerten berechtigen, sind bereits an vielen Stellen zu haben. Schon am nächsten Sonntag wird die gesamwte Decoration des Festplatzes völlig beendet sein. An diesem Tage findet eine große Begrüßungsfeier der bereits erschienenen fremden Gäste statt. Ansprachen, Musik- und Liedervorträge, auch lebende Bilder usw. sollen auf das Festprogramm für diesen ersten Abend gesetzt sein. Hoffentlich ist uns der Himmel diesmal gnädiger gesinnt, wie beim vorjährigen Turnfest und wie in den vergangenen Wochen, bei Regenschauern macht unser Exercierplatz gerade keinen „festlichen" Eindruck. Ueber das künstlerische Programm, die Mitwirkenden usw. ist an dieser Stelle schon öfters berichtet worden, über den Verlauf im Einzelnen wird der „Gießener Anzeiger" seinen Lesern in Specialberichten Nachricht geben.
Von bemerkenswerthen Ereigniffen aus dem Darmstadter Veretnsleben wäre für diesmal die Generalversammlung des Kriegervereinsbezirks Darmstadt szu erwähnen, die am verfloffenen Sonntag hier stattfand. Alte Localpreffe hat ausführlich darüber berichtet - im Ganzen zahlt der Verband 38 Vereine, von denen 31 in der Versammlung vertreten waren.
Die Section Darmstadt des Deutsch-Oefterreichi- fchen Alpenvereins hat am Samstag und Sonntag einen zweitägigen Ausflug nach Herrenalb im Schwarzwald unternommen, der sehr schön verlaufen sein soll.
Von sportlichen Vereinen hatte die Darmstadter Schützengesellschaft auf dem Bundesschießen in Mainz und der Bicycleclub auf auswärtigen Rennbahnen schöne Erfolge zu verzeichnen.
Der Plan, im Herbste in Darmstadt unter Betheiligung von Vereinen und Privaten ein großes historisches Volksschauspiel zu veranstalten, wird wohl nun nicht verwirklicht werden können. Herr Dr. Otto Devrient in Jena, deffen Volksstück aus der Zett des dreißigjährigen Krieges „Gustav Adolf" zur Aufführung ausersehen war und der auch selbst die Titelrolle verkörpern und das ganze Werk einstudiren sollte, ist plötzlich in Stettin gestorben.
Den in der letzten Nummer gebrachten Nachrichten über die Personalveränderungen im Hoftheater könney wir auf Grund von Notizen in hiesigen Tagesblättern noch htnzufügen, daß auch das Chorpersonal bedeutend verstärkt werden soll, um in Zukunft bet Aufführungen großer Wagneropern allen, auch den weitgehendsten Anforderungen entsprechen zu können. Wie es hieß, sollen allein noch zehn Herren für das Chorperfonal gewonnen wotden sein. Da auch viele Novitäten in Aussicht gestellt sind, so gehen wir wohl einer intereffanten Spielzeit entgegen, die hoffentlich das halt, was sie bis jetzt verspricht.
Ein hoher Fürstenbesuch steht uns für Anfang nächster Woche bevor. Se. Majestät Köntg Albert von Sachsen wird am Montag in Darmstadt eintreffen und etwa bis Mittwoch hier verweilen. Im Schlosse findet am Montag Abend große Galatafel statt und für den Dienstag ist ein größerer Jagdausflug nach Jägersburg anberaumt worden. Die sonst übliche Festvorftellung muß diesmal unterbleiben, da das Hoftheater augenblicklich Ferien hat. Wann die bereits neulich angekündigten übrigen Fürstenbesuche stattfinden werden^ ist mit Bestimmtheit noch nicht anzugeben.
Zum Schluffe des heutigen Briefes sei noch erwähnt, daß nunmehr auf der neuen Johanniskirche auch bereits das Geläut angebracht ist und seine Probe glänzend bestanden hat. Die Glocken stammen aus der bekannten Gießerei von Hamm in Frankenthal.
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Der •tefaut Anzeiger erscheint täglich, eit Ausnahme bei Montags
Die Gießener
»erben bcei Anzeiger ,»ch«tlich dreimal
Feuilleton.
Wochenbriefe ans der Residenz.
(Ortginalbericht für dm „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 28. Juni.
Sommervergnügungen. Eine Jubiläumsfeier. Das Mufikfest. Allerlei.
„Und der Regen der regnete jeglichen Tag", so hieß seit langer Zett das Leit- und Leidmotiv in allen Witterungsberichten aus Darmstadt. Endlich, endlich ist'S nun seit der Mitte der vorigen Woche bester geworden, die liebe Sonne strahlte wieder am lichten, wolkenlosen Himmel, als ob's gar nicht anders sein könnte und lockte die Residenzler hinaus in den Wald oder in die Berge des Odenwaldes oder hinüber zum Schützenfest im alten Mainz, das man an den Werktagen weit gefahrloser und gemüthlicher erreichen konnte, als am Sonntag des großen Festzuges. Die so überaus beliebten Saalbauconcerte konnten Dank des Witterungswechsels schon am vergangenen Sonntag, allerdings verspätet, ihren Anfang nehmen, und in dieser Woche war Darmstadt mit Garten- concerten fast überreich versorgt, sogar die fern der Stadt gelegene Ludwigshöhe hat sich jetzt zu Militärconcerten aufgeschwungen. Aber auch der Landwirthschaft hat die sonnige Witterung wirklich ernstlich Noth gethan. Die Heuernte hat durch den anhaltenden Regen stark gelitten, auch der Stand der Kartoffeläcker und in manchen Strichen auch der des Kornes könnte nach den Berichten über den Saatenstand günstiger sein. Nicht sehr erfreulich klingen auch die Berichte der Winzer aus der Bergstraße über die Aussichten auf ein gutes Weinjahr, dagegen ist die Obsternte bis jetzt sehr reich und besonders der Ktrschenhandel im Odenwald steht in voller Blüthe.
Von den Festlichkeiten, denen wir in der nächsten Zeit entgegengehen, sei für heute vor Allem der Jubiläumsfeier zu Ehren mehrerer allbeliebter Professoren der Technischen Hochschule gedacht, die am Samstag vom Ausschuß der Studentenschaft veranstaltet werden soll. Die Herren Profestoren Dr. Dippel, Kump a, Simons, Geh. .Hofrath Dr. Nell, Geh. Hofrath Dr. Schäfer, Geh. Baurath Dr. Wagner blicken jetzt auf eine 25jährige Docententhätigkeit im Dienste unserer alma mater zurück. Aus diesem Anlaß hat die ganze Studentenschaft sich zusammen-
— Der italienischen Deputirtenkammer ist vorder Reaierung ein Entwurf unterbreitet worden, welcher einen außerordentlichen Credtt von 100 000 Francs für die Repratiirung italienischer Arbeiter aus Frankreich verlangt. Der Entwurf wurde von der Kammer anscheinend ohne besondere Debatte dem Budgetausschuste überwiesen. Den Franzosenfreunden im italienischen Parlamente dürfte diefe Creditvorlage, welche direct durch die jüngste Jtattenerhetze in Frankreich veranlaßt worden ist, nichts weniger als gelegen kommen.
CocoUs unfc Provinzielles,
Gießen, den 30. Juni.
** Burg Gleiberg. Das in neuerer Zett erfreulicherweise wieder stärker hervorgetretene Jntereffe an der archt- tectonischen und landschaftlichen Existenzberechtigung unseres Gleiberg, mit dessen Geschichte auch die der Stadt Gießen verflochten ist (Gießen entwickelte sich bekanntlich aus der Ansiedelung der Gleiberger Burgmannen im 12. Jahrhundert), erinnert uns an einen 1883 in Spemanns Jllustrirter Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" weiteren Kreisen gewidmeten Artikel über die Burg Gleiberg. Da wir glauben, mit dem Abdrucke dieses Artikels manchem unserer Leser einen Dienst erweisen zu können, so lassen wir denselben hier folgen. Er lautet : „Wenig bekannt und bis vor Kurzem wenig besucht ragt auf einem Basaltkegel ein Stündchen von der Universitätsstadt Gießen entfernt eine zur Halste verfallene, halb aber
Elges.
Gießener Anzeig er
Hmeral-Mzeiger.
noch bewohnbare Burg empor, die Burg Gleiberg- wohl verdient sie bekannt und besucht zu werden, denn landschaft» licher Reiz und architectonische wie historische Bedeutsamkeit schmücken dieses Schloß wie wenige Burgen gleichen Alters in deutschen Landen. Weitum reicht der Blick, verschiedene Mittelgebirge Deutschlands: Taunus, Vogelsberg und Westerwald und den ganzen Lahngau von Marburg bis Wetzlar kann überschauen, wer von den Mauerresten der Ruine oder gar von dem 120 Fuß hohen Wartthurme Rundschau halt- und interessant wie die Fernsicht ist auch die Geschichte dieser Burg. Schier tausend Jahre ist sie alt und manchen Sturm hat sie erlebt: um das Jahr 900 haben fränkische Gaugrasm sie erbaut — der hohe Wartthurm und das Gemäuer dicht um denselben wird auf Otto den Salier, Bruder des deutschen Königs Konrad L, den Franken (911—918), ruruckgeführt. Nach den Amtsgrafen, die von dem Gleiberg (,/Glizberg ) aus den Lahngau regierten, saß daselbst das erlauchte Geschlecht der Luxemburger (Lützelburger), dem die Kaiserin Kunigunde, Gemahlin Heinrichs des Heiligen (1002—1024) entstammte, und es ist hohe Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß btefc Fürstin, deren Brüder und Neffen sich urkundlich ausdrücklich „Herren von Gleiberg" nennen, auf diesem Schlosse geboren wurde. Der kurz nachher ausgebrochene Strett zwischen Kaiser und Papst spaltete auch die Familie der Gleiberger- ein Hermann Graf von Gleiberg hielt treu zu Kaiser Heinrich IV., aber ein Vetter desselben, ebenfalls Hermann von Gleiberg, auch der „Pfaffenkönig" benannt, ward Gegenkönig dieses Heinrich, fiel aber bei einem Sturme auf Limburg, während seine Anhänger den Gleiberg inne hatten- erst eme Belagerung, die des Königs Sohn, der nachmalige Kaiser Heinrich V. (1103) leitete, brachte den Gleiberg, der damals als ein sehr festes Kastell galt, zu Fall und in die Hande der kaiserlichen Partei. Die höchste Blüthe erreichte die Burg unter den Merenberger Grafen, die größte Ausdehnung jedoch unter den Nassauer Grafen, denen sie von 1336 ms 1816 gehörte - aber der dreißigjährige Krieg hat das Schloß hart mitgenommen- im Jahre 1646 wurde es, dadteheffen- darmstädtischen Truppen es von Gießen aus besetzt hatten, von den mit den Schweden verbündeten Hesien-Kaffetern
Herrn Herbette, in Privataudienz, welche an Bord der . kaiserlichen Yacht „Hohenzollern" stattfand. Herr Herbette drückte in der Audienz dem Kaiser den Dank der französischen Regierung für die sympathische Beileidsbezeugung des erlauchten Monarchen anläßlich der Ermordung des Präsidenten Carnot aus. Der Vorgang beweist von Neuem, welch tiefen Eindruck die würdig gehaltene Condolenzdepesche des deutschen Kaisers an Madame Carnot in Frankreich gemacht hat, während er außerdem für den vortrefflichen Stand der jetzigen officiellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zeugt.
— Die Deutschen der Provinz Posen beabsichtigen, dem Fürsten Bismarck ihre Huldigung in Varzin darzubringen, wohin er nächstens übersiedeln wird. Der Altreichskanzler hat zugesagt, die angemeldete Abordnung der Deutschen Posens in Varzin empfangen zu wollen.
— Die allgemeine Zuversicht, daß der europäische Friede durch dieEreigniffe inFrankreich keine Erschütterung erfahren werde, drückt sich u. A. auch darin aus, daß es bei den bisherigen Dispositionen Kaiser Wilhelms bezüglich seiner Nordlandsretse verbleibt. Die in einigen Blättern ausgetauchten
Anashme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, felgmben Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
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