Nr. 306. Zweites Blatt. Samstag den 30. December 1893
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Politische Jahresrundschau.
DaS Jahr 1893 ist seinem allgemein politischen Character nach für Europa wenigstens wiederum ein Jahr deS Friedens gewesen, wie sich dies erfreulicher Weise schon von dem Dorangegangenen Jahre sagen liefe. Wohl hat auch der ver- floffene Zeitabschnitt die vorhandenen principiellen Gegensätze, welche sich seit Langem in der hohen Politik gegenüberstehen, nicht völlig zu überbrücken vermocht, aber eS gelang doch dem Einflüsse der mafegebenden Monarchen und Staatsmänner, jede bedenklichere Störung der Völkerharmonie zu verhindern, und Dank dieser Bestrebungen können die Völker Europas mit der begründeten Aussicht auf die fernere Erhaltung des Friedens in das neue Jahr eintreten. Wenden wir uns nun nach dieser allgemeinen Skizzirung der europäischen Lage den einzelnen Staaten zu, so erscheint für uns Deutsche das Deutsche Reich begreiflicher Weise in erster Linie. In treuer Freundschaft ist dasselbe nach wie vor mit Italien und Oesterreich-Ungarn verbunden, für den unerschütterlichen Fortbestand dieses für den Frieden Europas so wichtigen Verhältnisses zeugte namentlich die Reise, welche das deutsche Kaiserpaar im April 1893 zum Besuche deS italienischen Hofes unternahm, dann die Thetlnahme des italienischen Thronfolgers Victor Emanuel an den deutschen Kaisermanövern und die Zusammenkunft zwischen dem Kaiser Wilhelm und dem Kaiser Franz Joseph in Güns anläßlich der grofecn ungarischen Manöver. Erwähnenswerth ist übrigens auch der fast einwöchige Besuch, welchen der Grofefürft-Thronfolger Nikolaus von Rufeland im Januar am Berliner Hofe ab- ftattete, ein Vorgang, welcher sichtlich eine wieder eingetretene leise Wendung zum Besseren in den seit Jahren so kühlen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Czarenreiche martirte.
Unstreitig das hervorragendste politische Ereigniß in Deutschland während des verflossenen Zeitraumes bildete die Auflösung des Reichstages infolge der Ablehnung der Mili- taroorlage, wodurch bie Vornahme allgemeiner Neuwahlen nöthig wurde. Der neue Reichstag wies eine für die Regierung etwas günstigere Zusammensetzung auf, so dafe am 15. Juli die Genehmigung des so hart umstrittenen Heeres- gesetzes mit einer kleinen Mehrheit erfolgte. An diese erste große von dem neuen Reichsparlamente positiv gelöste Aufgabe knüpften sich aber in der Folge fernere nicht minder bedeutsame Aufgaben an, in Gestalt der Handelsverträge mit Rumänien, Spanien und Serbien, sowie der neuen Reichssteuer- und Finanzreform-Vorlagen. Von diesen wichtigen Fragen hat der Reichstag diejenige der neuen Handelsverträge noch unmittelbar vor der Weihnachtsvertagung durch definitive Annahme der Verträge entschieden, die aufgerollten principiellen Steuer- und Finanzfragen aber nimmt der Reichstag ungelöst mit in das Jahr 1894 hinüber und zwar unter recht ungünstigen Aussichten für die geplanten Reformmaßregeln. Neuwahlen fanden außer im Reiche auch in verschiedenen Einzelstaaten statt - so wurden Landtagswahlen in Preußen Bayern, Sachsen, Baden, Hessen vorgenommen, doch ergaben sie nirgends größere Veränderungen in der Zusammensetzung der betreffenden Landtage. Abberufen wurden durch den Tod aus der Reihe der regierenden deutschen Bundesfürsten Fürst Georg Victor von Waldeck, Fürst Adolf Georg von Schaumburg und Herzog Ernst von Coburg-Gotha. Das Ableben des letzteren Herrschers hatte zur Folge, daß wegen der Kinderlosigkeit Herzog Ernsts deffen nächster Verwandter, sein Neffe Herzog Alfred von Edinburg, den erledigten Thron von Coburg-Gotha bestieg. Von Veränderungen in den höchsten Reichsämtern sind zu verzeichnen der Rücktritt des Reichsschatzsecretärs v. Maltzahn-Gültz und dessen Ersetzung durch den bisherigen Landesdirector von Posen, Grasen Posadowsky-Wehner, sowie der durch den Tod des Reichs- justizsecretärs Hanauer veranlaßte Wechsel im Reichsjustizamte, zu dessen Leiter der bisherige Director im Reichsamte des Innern, Nieberding I., ernannt wurde. Eine förmliche ' Cabinetserneuerung fand in Baden statt, hervorgerufen durch den Rücktritt deS Ministerpräsidenten Dr. Turban und des Finanzministers Dr. Elstätter; dafür trat ein neues Ministerium Nokk-Buchenberger-v. Brauer in die Erscheinung. Auch im preußischen Kriegsministerium war ein Wechsel zu verzeichnen, da Herr v. Kaltenborn-Stachau demissionirte, an deffen Stelle der frühere Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf abermals mit dieser Würde bekleidet wurde.
Eine Episode von speciellem Interesse repräsentirte der Depeschenwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Fürst Bismarck, da dieser Vorgang allseitig als die Einleitung zur Beseitigung der zwischen dem Monarchen und dem Altreichskanzler obwaltenden Verstimmungen aufgefaßt wurde. Ob unterdessen die „Aussöhnung" zwischen dem Kaiser und dem ehemaligen
Leiter der Geschicke des Reiches weitere Fortschritte gemacht hat, dies entzieht sich allerdings der öffentlichen Kenntniß, gewiß vereinigen sich aber in diesem Sinne die Wünsche aller wirklich patriotischen Kreise unseres Volkes. — Gerechte und lebhyjteste Entrüstung erregten nicht nur in Deutschland selbst, sondern auch weit über dessen Grenzen hinaus die nichtswürdigen Bubenstücke, die von französischem Boden aus, von Orleans, gegen Kaiser Wilhelm und seinen ersten poli- tischen Berather, den Reichskanzler Grafen Caprivi, in Scene gesetzt wurden. Glücklicher Weise gelang es, die unzweifelhaft geplant gewesenen Dynamit-Attentate noch rechtzeitig zu vereiteln, leider ist aber die Entdeckung der Urheber, die man wohl in den Reihen der anarchistischen Verschwörer zu suchen hat, bis zur Stunde noch nicht geglückt.
Auf handelspolitischem Gebiete wurde das Deutsche Reich durch das Scheitern der schon im Jahre 1892 eröffneten Handelsvertragsunterhandlungen mit Rußland in einen Zollkrieg gegen dieses gewaltige Reich gedrängt. Letzterer dauert zur Stunde trotz der schweren Schädigungen, welche der Zollkampf für beide Parteien im Gefolge gehabt hat, noch immer fort, und ob er durch den erstrebten deutsch-russischen Handelsvertrag seine Beendigung erfahren wird, erscheint nach wie vor ungewiß, da eben die hierauf bezüglichen neuen Verhandlungen zwischen Deutschland und Rußland noch fort; dauern. — Was schließlich die deutsche Colonialpolitik in dem verflossenen Jahre anbelangt, so kann man wohl als den hervorragendsten Vorgang in demselben den deutsch-englischen Vertrag über die gegenseitige Jnteressenbegrenzung im Hinterlande von Kamerun bezeichnen. Ferner wurde zum neuen Gouverneur von Deutsch - Ostafrika Freiherr v. Scheele an Stelle des Freiherrn v. Soden ernannt, welcher bedeutungsvolle Personalwcchsel hoffentlich zu erneutem Gedeihen dieser wichtigsten deutschen Colonie führen wird.
Gehen wir nun zu Oesterreich - Ungarn, dem älteren treuen Verbündeten Deutschlands, über, so tritt uns als hervorragendstes Ereigniß in Cisleithanien, in Oesterreich, der Sturz des Ministeriums Taaffe und dessen Ersetzung durch das Coalitionßcabinet Windischgrätz entgegen. Dieser für die gefammte innere Politik Oesterreichs hoch- bedeutsame Vorgang, welcher an die Stelle einer mit den österreichischen Slaven, speciell den Czcchen und Slovenen, stark kokettirenden Regierung eine unparteiische und gerechte Regierung gebracht hat, dürfte die weitere Entwickelung der Verhältnisse in Oesterreich in entscheidender, zugleich aber auch für den Gefammtstaat ersprießlichster Weise beeinflussen. Da dem neuen Ministerium eine zuverlässige Mehrheit zur Verfügung steht, so darf man wohl hoffen, daß es die seiner harrenden wichtigen Ausgaben, wie die Wahlreform, die Vollendung der ValutareguUrung, die Weiterführung des böhmischen Ausgleiches, verschiedene socialpolitische Probleme u. s. w., erfolgreich lösen wird. In Ungarn wurde die öffentliche Meinung vorwiegend durch die schon im Jahre 1892 aufgerollten kirchenpolitischen Streitfragen in Anspruch genommen. Namentlich konnte dies von der Angelegenheit der Civilehe gelten, da die betreffende vom Ministerium Wekerle energisch verfochtene Vorlage an sehr einflußreichen und mächtigen Stellen in Ungarn wie in Oesterreich auf starken Widerstand stieß. Es drohte deßhalb sogar eine Ministerkrisis, aber in letzter Stunde gab der Kaiser seine Einwilligung zur Einbringung der neuen kirchenpolitischen Vorlagen im ungarischen Unterhause, womit die Stellung des Ministeriums Wekerle bis auf Weiteres wieder befestigt worden ist.
(Schluß folgt.)
Cocalt* nnb provinzielles.
Hießen, den 29. December 1893.
** Kirchliche Dienstnachrichten. Am 20. December wurde dem von dem Herrn Fürsten zu Nsenburg-Büdingen präfen- tirten Pfarrassistenten Johannes Göbel in Bensheim die zweite evangelische Pfarrstelle zu Büdingen übertragen.
** Neujahrskarten - Unfug. Bei dem Herannahen des Neujahres, schreiben die „N. H. V.", dürfte es angezeigt fein, die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu lenken, der schon seit Jahren Anlaß zu berechtigten Klagen glebt, auf die Verbreitung anstößiger Neujahrskarten. An die schöne Sitte, Bekannten und Freunden zur Jahreswende durch Zusendung von Wünschen und Karten ein Zeichen der Liebe zu geben, haben sich allmälich häßliche Auswüchse angehängt, welche zu entfernen Pflicht eines jeden anständigen Menschen ist. Kaum ist der Glanz der Weihnachtsausstellungen in den Schaufenstern erblichen, so pflegen sich die Auslagen der Läden mit einer Fülle von Neujahrskarten und Bildern zu bedecken, mit seinen und ordinären, mit kostbaren und
billigen, hier mit Kunsterzeugnisfen von gediegenem Geschmacks dort mit Ausgeburten des Blödsinns und der Gemeinheit. Wir wollen die faden und läppischen Witze, womit ein Theil dieser letztgenannten Producte anzulocken sucht, nicht weiter befehden. Aber leider sehen und lesen die Kinder die gemeinen Darstellungen und Verse. Einen schamlosen Burschen, dessen Geschmack die Bilder getroffen haben, treibt die Lust, einem Mädchen in schlechtgewähltem Scherz ober in böswilliger Absicht solch einen Neujahrswunsch, natürlich ohne Namensnennung und als offene Postkarte zuzuschicken. Ist es zu viel verlangt, wenn wir wünschen, daß jeder Verkäufer von Neujahrs- karten, der auf den Ruf seines Geschäftes etwas hält, sich entschließen sollte, seinen Laden dem gemeinen Machwerk darunter zu verschließen. Demjenigen aber, der vermeint, mit der Versendung wlcher Karten ein Jux sich zu machen, möchten wir zu bedenken geben, daß die eigene Ehre und die Ehre des Nebenmenschen ein Gut ist, welches nicht um den Genuß eines billigen Scherzes geschädigt werden sollte.
♦* Heber das nächstjährige Kaiser - Manöver weiß die „Kgsb. H. Z." zu melden, daß das 1. (ostpreufeische) gegen das 17. (westpreußische) Armeecorps operiren wird. Air Manöverfeld soll vorläufig die Umgegend von Heiligenbeil- Wormbitt-Christburg ausersehen sein. Nach einer anberen Melbung soll bie Gegenb bei Marienburg zum OperationS- felb ber beiben Corps gewählt werben. — Am 1. December finb bem „A.-V.-Bl." zufolge 44 Hauptleute bezw. Rittmeister in bas Gehalt ber 1. Klasse aufgerückt, barunter 23 von der Infanterie, 5 von der Cavallerie, 9 von ber Felbartillerie, 4 von der Fußartillerie, 2 vom JngenieurcorpS und 1 vom Train. Die Hauptleute ber Infanterie haben ein Patent vom November unb December 1890, die Rittmeister der Cavallerie vom Februar unb März 1889, die Hauptleute der Felbartillerie vom September 1890, bie ber Fufeartillerie vom December 1891 unb Januar 1892, bie vom Jngenieur- corps vom September 1890 unb ber vom Train vom März 1889. Cavallerie unb Train haben also das langsamste, Fußartillerie unb Infanterie bas rascheste Aufrücken. — Der Kaiser hat für Neubestellungen bas Muster eines Kochgeschirrs ausAluminium für die Infanterie, die Jäger unb Schützen, bie Pioniere unb Eisenbahn - Formationen genehmigt. — Die Gestaltung ber Pferbeschweife ist bekanntlich ber Mobe sehr unterworfen. Nachdem sie längere Zeit möglichst lang gelassen worben waren, werben sie jetzt gestutzt. Auch bie Armee folgt biefer unschönen Mobe, inbem ber Kriegsminister durch Verfügung vom 19. d. M. ange- geordnet hat, daß bei allen Dienstpferden der Cavallerie, ber Artillerie unb bes Trains die Schweife 25 cm. über den Sprunggelenken abgeschnitten werben sollen- nur die Pferde der Husaren sind von dieser Vorschrift ausgenommen.
** Die gleich helle Beleuchtung verschieden ausgestatteter Räume hat nach den angestellten Versuchen laut Mittheilung bes „American Archttect" zu folgenben Ergebnissen geführt. Ein mit schwarzem Tuche an ben Wänben bebeefter Raum würbe durch einen Beleuchtungskörper mit 100 Kerzen erleuchtet. Um nun in demselben Raum bei anderer Wand- rc. Bekleidung denselben Grad der Helligkeit zu erreichen, sind erforderlich: bei dunkelbrauner Tapete 87 Kerzen, bei blauer Tapete 72, bei hellgelber 60, bei hölzerner naturfarbener oder weißgestrichener Wandverkleidung 50, bei dunklem Paneel 80 Kerzen und bet glatten, einfach geweißten Wänden nur 15 Kerzen.
Nniverfitäts - Nachrichten.
— Aus Würzburg schreibt man der „Frkf. Ztg.": Nach soeben erschienenem amtlichen Personalverzeichntß zählt die Alma Julia in diesem Semester 1335 Immatdfulirtc Studtrende, ferner 90 in der ärztlichen Prüfung stehende Mediciner unb 17 Hörer. 746 sind Medi- ciner, 243 Juristen, 117 Theologen, 167 Philosophen (einschließlich 52 Pharmaceuten). 596 Studtrende sind Bayern, 460 Preußen. — In Basel sind gegenwärtig 435 Studtrende immatricuürt (gegen 442 im vorigen Winter und 429 im letzten Sommer), 87 (gegen 102 im Sommer) in ber theologischen, 46 (gegen 46) in ber juristischen, 160 (gegen 152) in ber mebicinischen unb 142 (gegen 129) in ber philosophischen Facultät. Der Heimath nach stnb es 350 Schweizer unb 85 Ausländer, unter letzteren 58 Deutsche, 10 Oesterreicher unb 9 Russen. In ber Gesammtzahl sind bie 3 weiblichen Stubirenben einbegriffen, bie — unseres WsssenS zum ersten Mal — in bem amtlichen Verzeichniß erscheinen; alle 3 stnb Schweizerinnen unb in ber mebicinischen Facultät inscrtbtrt.
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