Ausgabe 
30.11.1893 Zweites Blatt
 
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und Anzeigeblutt für den Ureis <8iefzen

Gratisbeilage: Hießener Kamilienbtätter.

Stinbe konnte sich jedoch retten, dagegen kamen vier andere

mal wahrscheinlich, aber immerhin möglich, und diese Mög-

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riner Stimme die Existenz des Staates abhing, ja nicht ein-

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nicht zu begegnen. Scat zu verzichten.

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«»»ahme von Anzeigen zu bn NachmiNagi für bm Mgenbrn Lag erfcheioenden Nummer bi» Bar«. 10 Uhr.

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die allzu bekannten Gesichter starrten. Aber wir müssen ihnen nachrühmen, sie fanden sich mit großem Tact in ihre bemit- leidenswerthe Lage. Der Sohn zog den Hut wie vor einem seiner vornehmsten Patienten, der Vater folgte diesem Bei­spiel. Der Sohn bückte sich ehrerbietig nach dem gefalteten Zettel, den der andere vor Entsetzen hatte fallen lassen, und überreichte ihn mit einer anmuthigen Bewegung dem Eigen» thümer. Dann schritten sie, ohne ein Wort zu wechseln, auf die Herren, welche die Wahlhandlung leiteten, zu, erledigten ihr Geschäft, grüßten sich wieder stumm mit einer Schwenkung dcS Hutes und entfernten sich auf demselben Wege, auf

ltchkeit genügte. ......

in das Kaffeehaus zu begeben, um dort einen Scat zu machen, in dieser Stunde ließ sich die schwarze That unentdeckt

liberalen Wahlzettel in der Hand und faltete ihn eben zu« sammen. Seine Seele dachte nicht an Verrath, eher wollte ihn eine Art Reue anwandeln, wenn er sich vorstellte, wie ~ ~ - ' * . Doch hin-

welchem sie gekommen waren.

Als sie am anderen Morgen zusammentrafen, unterhielten sie sich angelegentlich über dies und jenes, nur die ReichStags- wahl wurde mit keiner Silbe erwähnt. Auch fernerhin hüteten sich wie auf stillschweigende Verabredung hin beide, den schwarzen Fleck auf dem blanken Schild ihrer Ehre ein fremdes Auge sehen zu laffen. Uud schwerlich wäre die Ge­schichte jemals unter die Leute gekommen, wenn sie nicht der junge Doctor der Medicin einst zur Mitternachtsstunde in überheiterter Laune einem Bekanntenkreis aufgetischt hätte. Am nächsten Tage machte sie natürlich durch die ganze Stadt die Runde.

dem Gemeinwohl!

Mittag war vorüber, die Uhr schlug eben halb 2 Uhr. Die städtische Turnhalle war in einen Wahltempel umge­wandelt, sie hatte einen Eingang vorn und einen anderen hinten. Stolz und siegesbewußt schritt unser junger Doctor der Medicin über die Schwelle der Vorderthür- er hielt seinen

klagte fast nur polnisch sprach, mußte die Verhandlung mit einem Dolmetscher geführt werden. Der bereits 14 Mal vorbestrafte T. gestand mit großer Ruhe ein, daß er die

Dermifd^es.

* Stettin, 24. November. Nach zweitägiger Verhand­lung wurde heute ein Mordbrenner, der Arbeiter Joseph Tomaczack, zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verunheilt. T. hatte in der Nacht zum 17. Juli d. I. in der Absicht, feine Familie umzubringen, ein von fünf Arbeiterfamilien bewohntes, zum Gut Groß-Schönfeld bei Fiddichow gehöriges Gebäude in Brand gesteckt. Frau Tomaczak mit ihrem

Brandstiftung ausgeführt habe.

* Stettin, 26. November. Ein entsetzlicher Unglücks­fall ereignete sich gestern Abend auf der Oder bei Bredow. 12 Arbeiter wollten sich in einem kleinen Boote von dem der Firma James Stevenson gehörigen KohlenlagerplatzHedwtgS- Hütte" nach dem andern Ufer übersetzen lassen. Trotzdem bereits völlige Dunkelheit eingetreten war, versäumten eS die Insassen des Bootes eine Laterne anzustecken. So wurde das kleine Boot vom Bord deS stromabwärts fahrenden DampfersDemmin Paket" nicht gesehen und überrannt. DaS Boot zerschellte in Stücke und sämmtliche Insassen fielen ins Wasser. Auf ihr Hülfegeschrei eilte der Schleppdampfer Louise" herbei, dessen Mannschaft Rettungsversuche anstellte. ES gelang auch sieben Personen noch lebend dem nassen Element zu entreißen, eine achte Person war bereits dem Verscheiden nahe, fünf Arbeiter sind ertrunken. Eine Leiche wurde gestern Abend bereits gefunden.

* Gegen den Frühschoppen. Aus Baden wird der ,,F. Z." berichtet: DaS Oberhaupt einer Stadt unseres Landes wandte sich jüngst in einem Rundschreiben an die ihm unter­stehenden Beamten gegen den Frühschoppen:Mit Bedauern , so heißt es in dem Schriftstück,sehe ich einen Brauch um sich greifen, der dem Interesse des Dienstes widerspricht und i mit einer gewissenhaften Pflichterfüllung unvereinbar ist: das Frühfchoppcntrinkcn während der Dienststunden. ES wurde mir wiederholt hinterbracht und ich nahm Veranlassung, mich persönlich davon zu überzeugen, daß einzelne der Herren Verwalter, Buchhalter usw. gegen 10 Uhr Vormittags, mit­unter auch zu anderen Tageszeiten, ihre Bureaus verlassen, um mit ihren Stammgesellschaften in den Weinrestaurants den sogenanntenFrühschoppen" zu nehmen. . . Ich darf I erwarten, daß der hier gerügte Mißstand aufhört und I würde ich andernfalls gegen die pflichtvergessenen Beamten I so verfahren, wie eS meine Pflicht erheischt. Während I der freien Zeit können die Angestellten nach Belieben ver- I kehren, innerhalb der Dienstzeit haben dieselben auf ihrem I Posten zu sein."

* Der deutsche Schlosserverbaud zu Berliu errichtet am 1. April 1894 zu Roßwein in Sachsen eine Schlosser- I sachschule, in welcher nicht nur theoretischer, sondern auch I praktischer Unterricht ertheilt werden soll. Die Schule steht unter Aufsicht des Stadtraths zu Roßwein.

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Humoreske von R. Udolf.

(Nachdruck verboten.)

Der Vater war höherer Regierungsbeamter in einer deutschen Mittelstadt und der Sohn hatte sich als practischer Arzt in demselben Orte niedergelassen. Der Vater beschäs- ligie sich mit Politik, weil daS sein Beruf so mit sich brachte, Ml der Sohn stürzte sich in die Wogen deS Parteigetriebes, veil er neben feiner Praxis, deren Ausübung noch nicht den vierten Theil deS Tages in Anspruch nahm, irgend einen Zeitvertreib haben mußte. Der Vater war selbstverständlich eoniervativ, der Sohn war dagegen freisinnig, warum, können vir nicht angeben, er wußte es vermuthlich selbst nicht so zrriau. Aber Vater und Sohn betrieben die Politik mit An'taud, wenn auch mit Eifer, sie machten auch keine Be­kehrungsversuche, jeder war duldsam gegen den Standpunkt des Anderen und brachte diesem Standpunkte sogar eine ge­wiße wohlwollende Achtung entgegen, ein Beweis dafür, «ft wie großem Unrecht uns moderne Dramatiker glauben machen wollen, daß politifche Meinungsverschiedenheiten zwischen Vater und Sohn nothwendig zu einem tragischen Eonflicte führen müsse. Kurz und gut, das Verhälrniß zwischen dem höheren RegierungSbeamten und dem jungen Doctor der Medicin war ein musterhaftes, wiewohl keiner auch nur einen

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vollbringen.

Unser practischer Arzt wir müssen eS zu seiner Schande gestehen hatte seiner Seele keinen so schweren Entschluß abzuringen wie sein gewissenhafter Vater. Er war glücklich, diesen ohne Mühe überlistet zu haben, und schwelgte nun in der Hoffnung, seiner Partei vielleicht durch die eine Stimme, die er den Gegnern abgefangen hatte, zum Siege verhelfen zu können. Don seinem Vater hatte er eine viel zu hohe Meinung, um auch nur den leisesten Verdacht zu hegen, daß dieser seinem Versprechen nicht treu bleiben werde. Er selbst dachte keinen Augenblick daran, seiner Partei seine Stimme vorzuenthalten.Die Wahlen sind der Krieg," sagte er sich, und im Kriege ist jedes Mittel erlaubt." Man sieht, daß die Behauptung, die Politik verderbe den Character, nicht ganz grundlos ist. Der Doctor nahm sich vor, jedenfalls eine Vorsicht anzuwenden. Es wäre doch zu ärgerlich ge­wesen, wenn er aus der kleinen Unredlichkeit ertappt worden wäre. Nach dem Mittageffen pflegte der alte Herr mit großer Regelmäßigkeit sein Schläfchen zu machen- da konnte man sicher sein, ihm auf dem Wege nach dem Wahllocale Freilich hieß es da auf den geliebten Aber^ welches Opfer bringt man nicht

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Werickr 189d.

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Finger breit von feinen Grundsätzen abwich.

Die ReichStagSwahlen standen vor der Thür. Vater und Sohn waren in der Stille für ihre Partei thätig, beide gaben sich aber voreinander den Schein, als ob sie sich nicht im Geringsten um die Sache kümmerten. Der Beamte kannte die Stimmung in der Stadt genau. Er wußte, daß die Aus- sicj ten der beiden Parteien sich so ziemlich die Waage hielten. Auch der Arzt gab sich keinen Täuschungen hin.Es kann ..............

aujj eine einzige Stimme ankommen," hatten die Häupter seiner I ber flUte Pater zu Hause auf dem Sopha lag. Pa rtei gesagt. Er merkte sich dieses Wort und machte eS bcrtcn ihrHdiese zarten Gewissensbisse nicht, in seinem Innern auch zu dem seinigen. I über die gelungene List zu frohlocken.

Der verhängnißvolle Tag war angebrochen.Heute Scheu wie ein Verbrecher schlich sich zur selben Minute wird ja wobl zum Reichstag gewählt," sagte der Sohn beim ber Beamte durch die Hinterpforte. Ihm war nicht ganz

Frühstück so oben hin zu seinem Vater. Der nickte scheinbar 0C^cuer bei der Sache, und wenn er nicht sicher gewußt

glkichgiltig mit dem Kopfe. hätte, daß jetzt sein Sohn beim Scat sitze, wäre er ohne

Du wählst natürlich auch?" forschte der Andere weiter. Weiteres davongelaufen. Er ahmte den Vogel Strauß nach

Ich denke, wenn ich gerade zufällig auSgehe," lautete unb schritt vorwärts, ohne sich umzusehen, indem er den Wahl-

btt Antwort. zettel mit ungewöhnlicher Sorgfalt zusammenfaltete.

Weißt Du," meinte der Sohn, indem er sich bemühte, g0 näherten sich beide von verschiedenen Seiten der He harmloseste Miene der Welt anzunehmen,Du würdest UrnC/ welche sich in der Mitte des Raumes befand. Nur

ja doch den conservativen und ich den freisinnigen Candidaten nod) wenige Schritte lagen zwischen ihnen, aber noch hatte

wählen, so daß sich unsere Stimmen gegenseitig aufheben. feincr bcn andern bemerkt, da jeder zu sehr mit seinem Stück

«lso bemühen wir uns lieber gar nicht zur Urne. Auf diese Papier beschäftigt war. Endlich war diese Arbeit vollbracht,

Weise bleibt unS ein Gang erspart." beide schauten zu gleicher Zeit auf und man kann sich

Ist mir recht," erwiderte der Beamte,ich habe heute vorstellen, mit welch unbeschreiblichem Ausdruck sich beide in jo wie so wenig Zeit übrig." |

Abgemachtrief der Sohn und entfernte sich.

Als sich die Thüre hinter jenem geschlossen hatte, war bic Sache für den Vater keineswegs abgemacht. Er hatte twar ohne Arglist das Versprechen gegeben, aber jetzt ver­wirrten ihm allerhand verlockende Phantasiegebilde die Sinne. Wenn er nun dennoch abstimmte? Das Gelöbniß feines Sohnes hatte er und daß dieser es halte, schien ihm zweifel­los. Auf diese Weise war also den Gegnern eine Stimme entzogen und was konnte nicht alles auf diese eine Stimme nntommen. Gerade sie konnte dem conservativen Candidaten zur Majorität verhelfen, vielleicht auf dies eine Mandat kam es an, ob Regierung oder Opposition im Parlament über die Mehrheit verfügte, und davon hing ja das Wohl und Wehe von ganz Deutschland ab. ES lag also in seiner Hand, den conservativen Candidaten siegen zu lassen, der Regierung die Majorität zu sichern, die Militärvorlage durchzubringen, daS Reich, das Vaterland zu retten. Welche verführerischen Aus- fichten für einen loyalen Regierungsbeamten. Zwar fiel andererseits das gegebene Wort in die Waagschale, aber e» handelte sich nicht einmal um ein regelrechtes Versprechen, nur um ein Uebereinkommen ohne jegliche Förmlichkeiten, daS im juristischen Sinne null und nichtig war. UebrigenS ging das Wohl deS Staates unter allen Umständen vor. Wie erhaben: im vollen Bewußtsein deS Verbrechens, dessen man stch schuldig macht, einen Eid zu brechen, um die Pflichten gegen daS Vaterland zu erfüllen, für diesen Wortbruch zu leiben in dieser und vielleicht auch in einer anderen Welt mit der süßen Genugthuung im Herzen, seine Regierung mehr gieliebt zu haben als sich selbst. Freilich handelte es sich im v.orliegenden Falle um so gefährliche Dinge nicht, und auf b.tr anderen Seite war es keineswegs sicher, ob gerade von

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Literatur und Aunst.

- Im Reiche de» «eiste». Jllustrtrte Geschichte der Wissen­schaften, anschaulich dargestellt von K. Faulmann, k. k. Professor. Mit 13 Tafeln. 30 Beilagen und 200 Textabbildungen. (Wien, A. HartlebenS Verlag.) In 30 Lieferungen L 50 Pf. Ltefgn. 1 bis 20 bereit» erschienen. Die unS heute vorliegenden Hefte 16 bi» 20 enthalten die Sprachwissenschaft, die Naturwissenschaften, die Geo­graphie, Astronomie, Geschichte, KriegSwtffenschaft, Theologie unb bie philosophischen Systeme deS achtzehnten JahrhmrdertS. Goethe» Vorwurf, die Deutschen besäßen die Gabe, die Wissenschaft unzu­gänglich zu machen, trifft da» vorliegende Werk nicht, denn der Ver­fasser versteht es, durch kurze übersichtliche Darstellung alle wissen­schaftlichen Fragen klar und verständlich darzulegen. Da» Werk ist durchweht von dem Geiste der modernen EntwtckelungSlehre und schildert daher in objecttoer Weise den Kampf der Meinungen. -Jn dieser Weise ziehen die Jahrhunderte an dem Leser vorüber, durch naturgetreue Abbildungen au» den besten Werken /"ustrtrt. Wer eine belehrende Unterhaltung sucht, wird dieses Buch mit größtem

Vergnügen lesen. ________1

-Universum-, illustrirte Familienzeitschrift (Verlag de» Universum, Dresden.) Das neueste (6.) Heft entölt folgende Bei­träge.Die Erbin von Helmstede", Roman von Wilhelm Jensen. Colombo auf Ceylon" von vr. Neu bauer.Todtenzauber der See", von P. G. Heim». -Erschöpfte Kinder« von C. Falken- bont.Henzt", Humoreske von Victor Blüthgen, mit Original-Illustrationen von Otto Gerlach.Gluck-Gluck , Roman von Karl von He igel. Rmrdschau: Biographie von Marte Dietrich. Auf der CheopS- Pyramide. Trinkschale des Emder StlberschatzeS. - SchillersDrache". - Humoristisches. Räthsel. Spiele rc. Die Jllustrattonen find auch in diesem Hefte von bester Ausführung.

- Dr Reudert» deutsche» «arlenma-arin, Zeitschrift für die Gesammt-Jnteressen des Gartenbaues 1893. Heft 21. Ein Blatt für Gärtner, Blumen- und Pflanzenfteunde. München, M. Schorß Verlag. Vierteljährlich (9 Nummern) Mk. 2.50. Da» rastlose VorwärtSstreben nach immer größerer Vollkommenheit welches dies gediegene Blatt vor allen ankeren auSzerchnet. wird

, durch die vorzüglich ausgeführten Jllustrattonen de» vorliegenden 1 Heftes auf» Neue bethäthtgt. Eine genaue Liste fürMarktzwecke

fich eignenden Chrysanthemum dürfte dem HandelSgärtner ein will­kommener Rathgeber auf diesem Gebiete sein. Dte Verlagshandlung stellt Probenummern kostenlos zur Verfügung.

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