Ausgabe 
30.8.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 203. Erstes Blatt. Mittwoch deu 30. August

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betr. Maul- und Klauenseuche zu Munster und Odenhausen.

Nachdem die in mehreren Gehöften und unter den Schaf­herden zu Odenhausen sowie in einem Gehöfte zu Münster ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die Aufhebung der Gemarkungs- und Gehöftsperre verfügt.

Die Ausführung von Rindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen aus genannten Gemarkungen darf indessen bis aus Weiteres, sofern sie nicht zum Zwecke sofortiger Ab­schlachtung geschieht, nur auf Grund tyierärztlicher Gesund- lheitsscheine erfolgen. Für Thiere, welche zur sofortigen Ab­schlachtung ausgeführt werden, bedarf es eines Gesundheits­scheines der Gr. Bürgermeisterei Odenhausen bezw. Münster.

Gießen, den 28. August 1893.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche» Reich.

Berlin, 28. August. Die wiederholt ausgemachten Ge­rüchte über einen beabsichtigten Besuch des Kaisers Wilhelm in Schloß Fredensborg zur Zeit der An­wesenheit des Czarenpaares daselbst erweisen sich nun doch als unbegründet. Dies erhellt aus den osficiösen Mit- iheilungen über die weiteren Reisedispositionen Kaiser Wilhelms. Ihnen zufolge wird der Kaiser nach Beendigung der großen Manöver in Deutschland von Stuttgart aus nach Oesterreich- Ungarn zu den dortigen Manövern und Hofjagden reisen, alsdann über Wien nach Berlin zurückkehren, hier einen Tag verweilen und sich nunmehr zur Theilnahme an den schwedischen Hofjagden auf Elchwild direct nach Gothenburg begeben. Nach Beendigung seines Aufenthaltes in Schweden reist der Monarch auf dem kürzesten Wege nach seinem Jagdschlösse Rominten in Ostpreußen, woselbst er bis in die zweite October- -woche zu weilen gedenkt. Ueber einen Abstecher des Kaisers ; mach Schloß Fredensborg enthält also dieses Programm nichts, eS kann demnach auch von keinem bevorstehenden Zusammen­treffen deS deutschen Herrschers mit dem Czaren mehr die Rede sein.

Die Befürchtung, die man hier und da noch immer hegt, als ob die Projecte einer Erhöhung der Bier- und der Branntweinsteuer noch keineswegs als aufgegeben zu betrachten seien, sind durch die Versicherungen derNordd. Allg. Ztg." in ihrem kürzlich veröffentlichten Steuerartikel zerstreut worden. Bestimmt wird hierin aus die Erklärung deS Reichskanzlers im Reichstage, daß die geplante Bier- und Branntweinsteuer fallen gelassen worden sei, hingewiesen und betont, daß es mit dieser Erklärung sein Bewenden habe. Zugleich erinnert dieNorddeutsche" daran, daß ja Reichs- schatzsecretär v. Maltzahn eben wegen des Scheiterns dieser von ihm befürworteten Steuerprojecte seine Entlassung ge­nommen habe. Um so schärfer verficht das officiöse Blatt die erhöhte Besteuerung des Tabaks behufs Stärkung der Reichsfinanzen, doch tritt es der Meinung freisinniger Blätter, man denke in Berliner Regierungskreisen wieder an das Tabak­monopol, energisch entgegen.

Kisfiugen,27. August. Etwa tausend Frankfurter, welche heute im Sonderzug auS der alten Kaiserstadt am Main hierhergekommen waren, brachten dem Fürsten Bismarck vor dessen Wohnung in der oberen Saline eine große Ovation dar. Fürst Bismark, der mit stürmischen Hochrufen empfangen wurde, antwortete, wie wir einem Tele­gramm derFrkf. Ztg." entnehmen, auf die kurze Anrede deS Juftizraths Dr. Humfer mit beinahe halbstündigen Aus­führungen. Er dankte für den Besuch, bat um Nachsicht wegen der ihn behindernden rheumatischen Schmerzen und ging dann auf seine Frankfurter Lebensabschnitte ein. Die Annexion sei aus nationalen Gesichtspunkten zu entschuldigen. Daß 1866 kein freiwilliger Anschluß Frankfurts an Preußen erzielt werden konnte, habe seinen Grund wohl darin, daß Senator Fellner unterlassen habe, zu Hause za bestellen, was er (Bismarck) ihm in Brünn aufgetragen hätte. Als Brücken­kopf für die Ueberbrückung der Mainlinie und als Vorbild für den Anschluß der übrigen süddeutschen Länder an den norddeutschen Bund sei das mittelrheinische Handelsemporium unentbehrlich für Preußen gewesen. Im Weiteren wendete sich Bismarck gegen den Vorwurf des ParticulariSmus, der neuerdings in jener Presse, die bei der Herstellung des Reichs nicht mugewirkt habe, gegen ihn erhoben werde. Er verlange im Gegentheil, daß die Landtage ihr Interesse an den

nationalen Einrichtungen und der Reichspolitik wieder mehr [ betätigen möchten, indem sie von ihren Ministern Aufschluß über die Thätigkeit im Bundesrath verlangten. Der Reichs­kanzler sollte sich nicht emancipiren vom Votum deS preußischen Staatsministers.Ich ängstige mich vor einem Reichskanzler, der Niemanden befragt als sich selbst und seinen Adjutanten." Die Rede schloß mit einem Hoch aus Frankfurt, der Fürst fügte, zu den Comitsmitgliedern gewendet, hinzu:Et qui illam regit! Fürst Bismarck war wohlgelaunt und stand während der ganzen Dauer seiner Rede, nur manchmal leicht auf den Stock sich stützend. Der Vorsitzende des Frankfurter Kaufmännischen Vereins, Herr C. L. Schäfer, brachte das Hoch auf die Fürstin aus, die vom Mittelfenster deS Ober­stockwerkes den Vorgängen beiwohnte. Dann wurde das Comite inS HauS gebeten, während die Versammlung, Hoch rufend, auseinanderging. Ein Commers imWürttemberger Hof" füllte die Zeit bis zur Rückfahrt des ZugeS aus, die nach 8 Uhr angetreten wurde.

Ausland.

Von der Commission des internationalen Saatenmarktes in Wien ist soeben zum ersten Male eine ziffernmäßige Zusammenstellung der Ernteergeb­nisse in Europa für das Jahr 1893 veröffentlicht worden. Wenn man eine Mittelernte gleich 100 setzt, so stellen sich für die einzelnen Länder folgende Resultate heraus: Oesterreich: Weizen 90, Roggen 89, Gerste 94, Hafer 83. Ungarn: Weizen 98100, Roggen 8592, Gerste 83110, Hafer 7997. Deutschland: Weizen 75105, Roggen 80109, Gerste 75105, Hafer 4582. Dänemark: Weizen 100, Roggen 100, Gerste 70, Hafer 50. Schweden: Weizen 100, Roggen 90, Gerste 85, Hafer 85. Norwegen: Weizen, Roggen 95, Gerste 99, Hafer 90. Schweiz: Weizen 80,

Roggen 70, Gerste, Hafer 65. Holland: Weizen 87,

Roggen 92, Gerste 77, Hafer 72. Belgien: Weizen 87,

Roggen 95, Gerste 77, Hafer 50. Frankreich: Weizen 82,

Roggen 85, Gerste 86, Hafer 86. England: Weizen 90,

Roggen, Gerste 75, Hafer 80. Rußland: Weizen 75150, Roggen 70120, Gerste 70115, Hafer 75130. Ru­mänien : Weizen 111, Roggen 130, Gerste 100, Hafer 130. Serbien: Weizen 180, Roggen 75, Gerste 90, Hafer. Bulgarien: Weizen 74, Roggen 61, 'Gerste 77, Hafer 80. Aus dieser Zusammenstellung erhellt u. A., daß von den in ihr aufgezählten Ländern Rußland und Rumänien im Durch­schnitt die beste Ernte in allen vier Hauptgetreidearten ver­zeichnen können.

Petersburg, 28. August. Czar Alexander hat auf seiner Reise von Petersburg nach Kopenhagen kürzlich der Einweihung des neuerbauten Libauer Kriegshafens beigewohnr. Im Anschluß an die Feier ist nunmehr ein Tagesbefehl Kaiser Alexanders an die baltische Flotte er­schienen, in welchem die Bedeutung des neuen Krtegshasens für Rußland hervorgehoben wird. Die Kundgebung des Czaren betont speciell, daß bereits sein Vater die Errichtung eines nicht zufrierenden Hafens für die baltische Flotte in Hinblick auf die Entwickelung der internationalen Beziehungen Rußlands und zur Festigung der russischen Seemacht im äußersten Osten für dringend nothwendig erachtet habe. Der Erlaß schließt mit dem Ausdrucke der Ueberzeugung, daß die i baltische Flotte jeden Versuch, in russisches Gebiet vorzu- ! dringen, zurückweisen und der russischen Flagge die ruhige ; Herrschaft in den einheimischen Gewässern sichern werde.

; London, 28. August. Der Riesen st rike der eng­lischen Bergleute befindet sich im entschiedenen Nieder­gange. Von den ca. 60000 Bergleuten in Wales, welche sich an dem Strike betheiligt hatten, hat etwa die Hälfte die Arbeit am Montag früh wieder aufgenommen. Auch in vielen anderen Bezirken des ausständigen Gebietes sind die Berg­leute infolge des Entgegenkommens der Grubenbesitzer wieder zur Arbeit zurückgekehrt. Wahrscheinlich wird in der laufenden Woche der BergmannSstrike völlig beendigt werden.

Neueste

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 28. August. DerReichsanzeiger" bringt wiederholt daS Verbot der Ein- und Durchfuhr ge- brauchter Kleider, Leib- und Bettwäsche aus Rußland zur Kenntniß. Ausgenommen von dem Verbot ist das Gepäck der Reisenden und das Mobiliar Umherziehender. Auf die Einfuhr der bezeichneten Gegenstände auS Finland bezieht sich das Verbot nicht.

Coburg, 28. August. Herzog Alfred erließ eine Proklamation, in der es heißt: Er habe der gesetzlichen

Erbfolgeordnung gemäß, nachdem er eidlich gelobt, die Ver­fassung beider Herzogthümer gewissenhaft zu beobachten und räftig zu schützen, tue Regierung im Vertrauen auf GotteS L)ilfe und Beistand übernommen und In bcr Hoffnung, daß ämmtliche Staatsdiener, sowie alle Angehörigen der Herzog­tümer ihm als rechtmäßigem Landesherrn Treue und Gehor- am leisten werden. Er ertheile dagegen die Versicherung, daß er die Handhabung von Recht und Gerechtigkeit und die Förderung der Wohlfahrt des Landes sich als oberste Auf­gabe seines Lebens gesetzt habe, so wie er auch dem Deutschen Kaiser und Reiche die von seinem Vorgänger erwiesene Treue mmerdar bewahren werde.

Hamburg, 28. August. Frau Cecilie Heine in Paris, die Großnichte deS Dichters, spendete dem hiesigen Betty Heine-Krankenhaus gelegentlich des 50jährigen Bestehens des­selben 40,000 Mk.

Budapest, 28. August. Soeben wird amtlich der erste Cholera fall in der Hauptstadt gemeldet. Ein Arbeiter in Altofen ist erkrankt und gestern gestorben. ES ist Cholera asiatica constatirt. In Siebenbürgen verhetzten Agi- tatoren die rumänische Bevölkerung, so daß die Bauern in Mikes ein kleines Choleraspital niederrissen und mit Sensen bewaffnet die Beamten angriffen unter der Behauptung, die Magyaren machten die Cholera, um die Rumänen auS- zurotten.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 28. August. Der Kaiser trifft gutem Ver­nehmen nach am 1. September in Coblenz mit dem Kron­prinzen von Italien zusammen. Voraussichtlich wird auch der Großherzog von Baden zugegen sein. Der Großherzog von Luxemburg wird den Kronprinzen durch einen besonderen Gesandten begrüßen laffen.

Berlin, 28. August. In den ersten Tagen der nächsten Woche werden voraussichtlich die Commissarien zur definitiven Feststellung der auf der Ftnanzmintster.Conferenz in Frank­furt vereinbarten Steuerprojecte aus allen Bundesstaaten in Berlin zusammentreten.

Berlin, 28. August. DerReichsanzeiger" schreibt: Die Gesammtzahl der seit dem 15. August in Deutschland gemeldeten Cholerafälle beträgt 11, davon seien acht tödtlich verlaufen.

Berlin, 28. August. Im Vororte Friedenau fand gestern Abend eine Anarchisten-Versammlung statt, welche so stürmisch verlies, daß sie aufgelöst wurde. Werner sprach abermals über den Züricher Congreß und griff die Socialisten auf das Heftigste an.

Berlin, 28. August. Ab 1. September wird das Meistgewicht im Postpacketverkehr mit Italien von 3 auf 5 Kilogramm erhöht. Die Taxe bleibt unverändert.

Berlin, 28. August. Von den beiden Tächtern des Schiffseigenthümers Primow, welche an Cholera asiatica erkrankt waren, ist eine gestorben.

Spandau, 28. August. Die bisherige Kaserne des 4. Garderegiments, welche zur Aufnahme des nach Spandau übersiedelnden Coblenzer Kaiserin-Augusta-Regiments bestimmt war, brennt seit heute Nachmittag. Die Berliner Feuer­wehr wurde alarmirt.

Kiel, 28. August. Wegen Verdachts der Spionage wurden zwei Franzosen an Bord der LustyachtJnsect" in- haftirt. Bei der Durchsuchung der Yacht wurden photo­graphische Apparate und zahlreiche photographische Aufnahmen und Platten beschlagnahmt.

Gotha, 28. August. Die Leiche deS verstorbenen Herzogs Ernst ist heute früh von Reinhardsbrunn nach dem Bahnhofe von Schnepfenthal gebracht und von da mittels Extrazug nach Coburg überführt worden. Der ganze Hof­staat, die Minister, die Geistlichkeit, die Vertreter der ver­schiedenen Städte, Deputationen der Vereine und Schulen geleiteten die Leiche nach Schnepfenthal.

Coburg, 28. August. Die Trauerfeierlichkeiteu begannen um 11 Uhr, um welche Zeit der Extrazug mit der Leiche Herzogs Ernst eintraf. Der Kaiser traf bereit« um 10 Uhr 43 Min. hier ein und wurde vorn Herzog Alfred empfangen. Die Straßen, welche der Leichenzug passirte, waren in Schwarz gehüllt und mit Trauerpforten versehen. Die Krieger- und Turnvereine und die Feuerwehr bildeten Spalier. In der Moritzkirche fand der Trauergottesdienst statt, worauf die Beisetzung der Leiche erfolgte.

Rom, 28. August. Vor dem Palais Alfieri platzte gestern Abend eine Bombe. Der Urheber des Attentate« wurde selbst schwer verwundet. DaS Palais Alfieri dient dem CassativnShos zu seinen Sitzungen.

Paris, 28. August. Zufolge den Erklärungen eines am russischen Hofe sehr angesehenen Flottenmalers findet der