Ausgabe 
30.7.1893 Zweites Blatt
 
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1893

Sonntag den 30. Juli

Nr. 177 Zweites Blatt

Gratisbeilage: Gießener Aamilienblätter.

Feuilleton

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Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Wer fitzt im neuen Reichstag?

Eine der kürzesten Sessionen des Reichstages ist vor Kurzem geschlossen worden, aber der Schluß hat das In­teresse nicht erlöschen können, das diese aus so widerspruchs­vollen Elementen zusammengesetzte Volksvertretung auch in den persönlichen Verhältnissen ihrer Mitglieder erweckt. Im Gegentheil! In der Aufregung der Wahltage, in der fieber­haften Spannung der Debatten über die Militärvorlage fand sich keine Zeit, nur auch einmal die einzelnen Vertreter ihrer Persönlichkeit und ihren Verhältnisien nach näher ins Auge zu fassen. In wenigen Tagen werden wir das heute in alle Winde zerstreute Parlament wieder festgefügt und dauernd beieinander haben in Joseph Kürschners handlichem kleinen ReichstagsbuchDer neue Reichstag" (Preis 50 Pfg.), das mit bewunderungswürdigerFixigkeit", den Schwierig- keilen der Materialerlangung zum Trotz, den Wahlergebnissen auf dem Fuße folgt. Wir können heute schon Einiges aus dem ersten Theile unseren Lesern verrathen, das ohne Zweifel von allgemeinem Jnteresie ist. So wissen die zettungslesenden Männer zwar aus den Berichten, daß der Alterspräsident

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. IO Uhr.

** Handwerker- und Kunstgewerbeschnlen im Großherzog- thum Hessen. Gegenüber dem Vorjahre sind in dem abge-

besitzer 3, Kreisdirectoren 2, Kupferwerksbesttzer 1, Landes­director 1, Landesöconomierath 1, Landesrath 1, Landgerichts- räthe (auch O.-L.-G.) und Präsidenten 12, Landrath 7, Landrichter 1, Landschaftsdirector 1, Landschastsrath 8, Lederhändler 1 , Legationsrath und -Secretär 4, Lehrer (a. Ghm.) 4, Lithograph 1, Maurermeister 1, Metzger 2, Militär (Berufs-) 36, Mühlenbesitzer 3, Musikalienhändler 1, Musiker 1, Oberamtmann 1, Oberpräsident 1, OberstiftungS- rath 1, Oeconomierath 3, Photograph 1, Posthalter 1, Pro­fessor (a. Univ. u.Akad.) 6, Rechtsanwalt 21, Redacteur 18, Referendar 1, Regierungsrath (auch Geh. und G.-O.R.) 6, Regierungspräsident 2, Rector 1, Rentner 11, Sattler 1, Schiffsrheder u. -Besitzer 2, Schloßhauptmann 1, Schneider 3, Schornsteinfeger 1, Schriftsteller 40, Schuhmacher 2, Staats­minister a. D. 1, Staatssecretär a. D. 1 , Stadträthe 4, i Stadtverordnete 7, Standesbeamte 4, Statistiker 1, Stifts« rath 1, Stiftsvorsteher 1, Theaterintendant 1, Tischler 2, Uhrmacher 1, Viceconsul a. D. 1, Wachszieher 1, Weinguts­besitzer und -Händler 3, Wirkl. Geh. Rath 3, Zeitungs- Verleger 2, Zuckerfabriksdirector 1.

Man sieht, Kürschner hat auch diesmal sein altes Talent bewährt, zeitgemäß zu sein und den Nagel auf den Kopf zu treffen. Wie wir hören, hat sein Erfolg von 1890 auch Andere bestimmt, sich seine Idee zu nutze zu machen, aber das Publikum wird zu keinem Surrogat greifen, wenn es ein in allen Kreisen verbreitetes, von fast allen Reichstags- , Mitgliedern unterstütztes Werk zu gleichem Preis erwerben

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Amtliche* Theil.

Bekanntmachung.

betreffend die Veranstaltung von Verlobungen innerhalb des Großherzogthums.

Der Vorstand des Gewerbehallevereins in Darmstadt hat bei Großh. Ministerium des Innern und der Justiz darum nachgesucht, in Gemäßheit des § 46 der Statuten des Vereins eine Verloosung von Jndustrregegenstanden zu Weihnachten laufenden Jahres veranstalten zu dürfen und ist demselben die Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ver- loosung unter der Bedingung ertheilt worden, daß nicht mehr als 20000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 65pCt. des Brutto-Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

Der Vertrieb der Loose ist im Großherzogthum gestattet. Gießen, den 27. Juli 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Melior.

Ihren Lesern noch berichten, vom großen Commers, den der Ausschuß der Studierenden des Polytechnikums am ver° gangenen Samstag dem aus dem Directorenamt ausscheidenden Prof. Henneberg und seinem Nachfolger, Prof. Dr. Lepsius, gab. Der große Saalbausaal war diesmal Schauplatz der studentischen Feier, die Gallerten waren mit allerhand studen­tischem Zierrath schön geschmückt, Fahnen und Wappen grüßten rings herab, dazu hatte sich ein reizender Damenflor einge­funden, was dem Fest erhöhten Glanz verlieh. Salamander und Reden stiegen in großer Zahl. Die ganze Feier legte von Neuem davon Zeugniß ab, daß die Darmstädter Studenten­schaft durch die hier bestehende, im Ausschuß begründete Einigkeit mehr und mehr zur Bedeutung gelangt. Es ist noch gar nicht lange her, da merkte man überhaupt nicht, daß ein paar Hundert Musensöhne sichstudierens halber hier aushielten, von studentischem Leben und Treiben war kaum etwas zu verspüren. Das ist nun ganz anders ge­worden. Die Zahl der farbentragenden und nichtfarbentragenden Verbindungen an der technischen Hochschule hat rapid zuge­nommen und die von diesen veranstalteten Feste gehören zu den beliebtesten geselligen Veranstaltungen der Residenz. In diesem Semester war wieder eine sehr große Zahl von Studierenden immatrikuliert; was vor wenig Jahren noch Niemand geglaubt hätte, ist eingetreten, die tech­nische Hochschule hat jetzt mehr Hörer wie die Landes-Um- versität.

An verschiedenen Unterhal ungen, Concerten, Vortragen rc. war die vergangene Woche reich. Im Sommertheater gab s die Premiöre von Hermann Sudermanns ergreifendem Drama Sodoms Ende", außerdem feierte der auch in Gießen be­kannte Komiker, Herr Rupp, vor fast ausverkauftem Hause sein Benefiz in dieser Woche, zu dem er sich die köstliche DarmstädterNationaldichtung", die DialectposseDatterich gewählt halte. Am 3. September beginnen die Vorstellungen im Großherzoglichen Hoftheater, das mit zahlreichen neuge- wonnenenen Kräften seinen diesjährigen Winterfeldzug e- ginnen wird. Eine große Anzahl von Novitäten ist uns versprochen, hoffentlich wird dies Versprechen auch prompt gehalten und erfüllt.

Wochenbriese aus der Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 28. Juli 1893.

Vorfeier zum Turnfest. Festprogramm. Vou der Tech­nischen Hochschule. Allerlei.

Die geplante Vorfeier zum 21. Mittelrheinischen Kreis­turnfest hat am vergangenen Sonntag richtig stattgefunden. Der Himmel war dem Festcomits gnädig gesinnt und schenkte den wackeren Turnern ein prächtiges Wetter, das auch für die eigentlichen Festtage anhalten möge. Um 3 Uhr mar­schierte der stattliche Festzug, aus Vereinen und Schülern gebildet, vom Versammlungsplatze, dem kleinen Woogplatze aus, ab. Auf dem Festplatze entfaltete sich bald ein buntes, bewegtes Getriebe. Die Residenzbewohner waren in außer­ordentlicher großer Zahl erschienen und folgten mit großer Aufmerksamkeit den turnerischen Vorsührungen, die von 4 bis 7 Uhr geboten wurden. Unsere wackere Turngemeinde und die Schaar der mitwirkenden Schüler boten durchweg schöne Leistungen und haben sich um das Gelingen der Vorfeier jedenfalls ein hübsches Verdienst erworben. Um 8 Uhr Abends begann in der Festhalle das Concert der Hilge'schen Capelle, das eine sehr bedeutende Menschenmenge anzog. Daneben fanden turnerische Probeaufführungen verschiedener Art statt, denen von Seiten des Publikums lebhafter Beifall gespendet wurde. Auch die tüchtige Singmannschaft unserer Turngemeinde war auf dem Platze erschienen und brachte unter der umsichtigen Leitung ihres Dirigenten, des Herrn Lehrers Roth, einige Chöre zum Vortrag. Im Ganzen nahm die Feier einen sehr eigenartigen und wohlgelungenen Ver­lauf, der uns für die Festtage, die mit Ende dieser Woche ihren Anfang nehmen, das Beste hoffen läßt. Vor Allem muß der Himmel freundlich dreinschauen, dann wird's schon gehen.

Ueber das Festprogramm und den Schauplatz des Festes seien heute noch einige Worte gestattet. Am 29. Juli

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Gießen, 29. Juli 1893.

also am Tage des Erscheinens dieses Berichtes ist für den Abend die osficielle Begrüßungsfeier in der Riesen-Fest- halle angekündigt, dabei werden Seitens der Vertreter des Festausschusses, der Stadt, der Regierungsbehörden und der Festgäste verschiedene Ansprachen gehalten werden. Natürlich fehlt es auch nicht an geselligen Veranstaltungen, Gesang und Turnkunst werden auf dem Programm vertreten sein, ja man hat sogar eigens für den Begrüßungsabend gemeinsam vor­zutragende Chorlieder angefertigt. Am 30. Juli folgt dann Vormittags der feierliche Empfang der noch eintreffenden Gäste an den Bahnhöfen. Schon um 11 Vs W soll dann der Festzug beginnen, der sich jedenfalls sehr imposant ge­stalten wird. Nach einem Zug durch die Hauptstraßen geht s dann zum Festplatz. Hier beginnen um 2 Uhr die officiellen turnerischen Vorführungen, denen natürlich ein festlicher Auf­marsch sämmtlicher Festtheilnehmer, sowie eine Ansprache vorausgehen werden. Auch diesmal wird's an Unterhaltung mancherlei Art nicht fehlen, für diese ist überhaupt auch für den Rest der Festtage bestens gesorgt, ein ganzerJuxplatz' wird vorhanden sein mit seinen üblichen Darbietungen. Von der Festhalle sei noch nachträglich berichtet, daß sie 100 Meter lang, 30 Meter tief und 22 Meter hoch ist. Für Post und Telegraph, Preßvertretung, Festausschuß rc. sind eigene Räume reserviert. Sehr hübsch ist die geräumige Hofloge für Seine Königliche Hoheit den Großherzog, aus dessen hohen Besuch man für den Begrüßungsabend sowohl, wie für die turneri­schen Vorführungen der nächsten Tage bestimmt rechnet. Unmittelbar gegenüber der Hofloge liegt die geräumige Bühne, auf der geturnt und gesungen werden soll. Im Ganzen bietet die Festhalle Raum für 3500 Besucher, sie ist also viel größer als alle seither auf Kreisturnfesten benutzte gletch- artige Bauten. Ihre Leser sehen also, es ist zum Empfang unserer Gäste Alles aufs Schönste hergerichtet, die Festtage in der Residenz werden, wenn nicht der Himmel noch zu guterletzt uns mit Regenschauern bedenkt, jedenfalls einen frohen und wohlgelungenen Verlauf nehmen und die edele Turnkunst fördern und verherrlichen. Also herzlich willkommen

' zum Feste in Darmstadt!

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Christ. Dieben ist (geb. 1810, 1890 war es Graf Moltke, geb. 1800), aber den Damen verräth es Kürschner zuerst, daß der Vertreter des 2. elsaß-lothringischen Wahlkreises der Socialdemokrat Fernand Bueb (geb. 12. December 1865) an Stelle des Freiherrn v. Münch den Preis der Jugend­lichkeit verdient. Ihrer Geburt nach sind 18 Mitglieder 48er. Unter den Confessionen stehen die Evangelischen mit 208 obenan, die in allen Fractionen, ausgenommen die polnischen, vertreten sind, während die Katholiken, 137 Mann stark, keine Vertreter haben bei den Dänen, dem Freisinn beiderlei Gestalt, der Reichspartei und den Welfen. Jüdischen Glaubens sind 4 Volksvertreter, davon 3 bei den Socialdemokraten, von denen 27 sich als confessionslos bezeichneten. Etwas über ein Viertel aller Abgeordneten sind adeliger Abstammung, nämlich 102 gegen 126 im Jahre 1890. Unter den adeligen 1 Mitgliedern befindet sich auch ein Socialdemokrat, Herr v. Vollmar, nebenbei bemerkt im eben gewählten bayerischen Landtag überhaupt der einzige adelige Abgeordnete. Die Berufsarten sind im neuen Reichstage ungemein vielseitig vertreten, und neben dem einfachenBauern" und Hand­werker tagt diesmal der Staatsminister und Staatssecretär des auswärtigen Amtes a. D. Die Gutsbesitzer und Land- wirthe überwiegen, 145 Abgeordnete sind als solche bezeichnet, an zweiter Stelle stehen die Juristen mit 110 Mann. Wie sich sonst die Berufe vertheilen, wird am besten aus Kürschners instructiver Tabelle ersichtlich, die wir nachstehend folgen lassen: 1

Agent 1, Amtsgerichtsrath und -Secretär 8, Amtsrath 1, Amtsrichter 3, Amtsvorsteher 4, Aquariumsdirector 1, Arzt 6, ; Assessor a. D. 1, Bankarchivar 1, Bankdirector 1, Bauern- \ Verein-Schriftführer 1, Bergmann 1, Bergrath (a. G. u. O.) 3, Bergwerksbesitzer 3, Bildhauer 1, Brauereibesitzer 6, Brauerei­director 1, Buchdrucker 1 , Buchdruckereibesitzer 4, Buch- ' aSÄÄSK® 1i r." totl, Deichhauptmann 1, Domänenrath 1 , Drechsler 1, ' gewerbeverem in Verbindung stehenden gewerblichen. Fort- Fabrikanten 20, Forstmänner 3, Fürstliche Personen 7, Gast- j bildungsschulen die neu gegrihrteten J

wirthe 6, Geistliche 26, Gemeinderath und Gemeinde-Bevoll- Dreieichenhain und Goddelau, sowie die Fachschule! fj* f nächtigte 7 , Gesandter a. D. 1, Gutsbesitzer und Land- beinschnitzerei in Erbach i. O. hinzugekommen. Dagegen ist wirth $145 , Gymnasialdirector 2, Gymnasiallehrer (auch > die Handwerker - Sonntags - Zeichenschule in Neckar-Steinach Gymnasial-Profe sor) 4, Hofchargen 15, Holzhändler 1, In- außer Verbindung mit dem Landesgewerbeverein 0ct^Jcn* aenicHt 1 Juristen 110, Justizräthe (auch Geh.-O.) 7, ' Die Zahl der Orte, an welchen Handwerker-Zeichenschulen ! Kalkbrennereibesitzer 1, Kämmerer, ppstl., 5, Kammergerichts, bestehen, hat sich somit - d° in Erbach schon eme Sonn- ; rath 1, Kaufmann 18, Clavicrarbeiter 1, Kohlengruben- tags-Zeichenschule bestand von 76 auf 77 erhöht und ist

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General-Alnzeiger.tsu.?1

Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gießen.