Ausgabe 
29.10.1893 Zweites Blatt
 
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Erstes Blatt

Sonntag den 29. Oktober

1893

Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gietzen

| Kratisbeikage: Hießenrr Aamikienbkätter.

Alle Annoncen-Burraux dkS In- und Au-landk- nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

n nähme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.

Ikedaction, Expedition und Druckerei:

Schntstrah« Nr.7.

$emft>re(6n: 51.

Vierteljähriger JU««netsetiU?rcUl 2 Mark 20 Pfg. mH Bringerlohn.

Durch bie Post Keg-ga» 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener WeeffitelCaittt »erden dem Anzeiger »dchentlich dreimal dagelegt.

Der #<t|txtr Anzeiger erfcheint täglich, Wtti Ausnahme des Montags.

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

Arntliche»' Theil.

Gießen, am 27. October 1893.

Betr: Herbst - Controlversammlungen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lasten.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Bei den diesjährigen Herbst - Controlversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmeldeamt Siesten gehörigen:

1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve.

2) Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlastenen aller Waffen.

8) Diejenigen der Landwehr I. Aufgebots angehörigen Mannschaften, welchen ein besonderer Gestellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbst-Controlversammlung zu« gegangen ist.

Die Ersatz-Reservisten haben bei der Herbst-Control- versammlung nicht zu erscheinen.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Lontrolpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu Hungen

ein 17. November 1893, Vormittags 8 Uhr 30 Min., am Friedhof die Bewohner von

Mersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langs« borj, Muschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, iiab«rtshaujen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Mhges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.

B. Zu Lich

am 18. November 1893, Vormittags 8 Uhr 30 Min., ntbtii der Kirche die Bewohner von

Abach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettings- stufen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher- hvf, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Rieder»Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.

C. Zu Lollar

am 20. November 1893, Vormittags 9 Uhr, neben dem mmcit Bahnhofsgebäude die Bewohner von

Nendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Lliubringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainz- !«, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Ztiedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.

D. Zu Grünberg

an 21. November 1893, Vormittags 8 Uhr 30 Min., an tzrr Kirche die Bewohner von

Alertshausen, Beltershain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Dere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach nti: der Kolbenmühle und Sommermühle, Kestelbach mit der Mcnau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bing« wchle, Georgenhammer, Strelles-Mühle und Walk - Mühle, Lndenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Shmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- uib Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Rinhardshain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Nollenbach, Veitsberg und Wirberg, Stangenrod, Stock- htiisen, Weickartshain, Weitershain mit Hainerhof, Winnerod.

E. Zu Gietzen

üi Oswalds Garten

l) am 22. November 1893, Vormittags 8 Uhr 30 Min. die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.

2) Am 23. und 24. November 1893, Vormittags 8 Uhr, die Bewohner von Annerod, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchelheim, Klein« Linden, Oppenrod und zwar:

Am 23. November 1893, Vormittags 8 Uhr, die Offiziere, Sanitäts-Offiziere und Beamten der Reserve M sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den 3abuen 1886, 1887 und 1888 eingetreten sind.

Am 24. November 1893, Vormittags 8 Uhr, ßmaitliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1889, 1890, 1891, 1892 und 1893 eingetreten sind.

3) Am 27. November 1893, Vormittags 8 Uhr, sämmt- liche Reservisten der Garde, Jäger, Cavallerie, Feld« und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luft­schiffertruppen , des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitäts-und Veterinärpersonals, Büchsenmachergehülfen, Oeconomie - Handwerker, Marine - Mannschaften, sowie sämmtliche zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen und alle übrigen im Reseroeverhältniß stehenden Mann­schaften.

Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor'm Appell auf dem Dienstwege durch das Hauptmeldeamt einzu­reichen und müssen durch die Bürgermeisterei beglaubigt sein, werden aber nur im dringendsten Rothfalle genehmigt.

Fußmannschaftcn, also Leute der Infanterie, Jäger, Pioniere, Eisenbahntruppcn, des unberittenen Trains, der unberittenen Feld-, sowie der Fuß-Artillerie, ferner zum Sanitätspersonal Gehörige haben diesmal ausnahmsweise überhaupt keine Aussicht auf Befreiung.

Tie Lcute treten in bürgerlicher Kleidung an: Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher wegzulegen.

Die Militärpapiere (Paß und Führungszeugniß) müssen zur Stelle sein.

Sämmtliche Mannschaften stehen im Lause des ganzen Coutroltages bis einschließlich Mtternacht unter dem Militärgesetz.

Gießen, den 20. October 1893.

Caspary,

Oberstlieutenant und Commandeur des Landwehr-Bezirks Gießen.

Gefunden: 3 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Brosche, 1 Spazierstock, 1 Notizbuch, 2 einzelne Glacehandschuhe, 1 gestrickte Kinderkappe, 2 Kindersäbel, 1 Hundehalsband, 1 Leibriemen, 1 Bierkarren.

Zugelaufen: 1 Stallhase.

Gießen, den 28. October 1893.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Nerieste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Korrespondenz -Bureau.

Karlsruhe, 27. October. Professor Grashof, einer der bedeutendsten Lehrer der Jngenieurwissenschaften der Gegen­wart, ist gestern gestorben.

Rom, 27. October. Der Papst empfing heute den Bischof Korum von Trier in längerer Audienz.

Petersburg, 27. October. DasJourn. de St. Peters- bourg" bespricht den Empfang der russischen Seeleute in Paris und bemerkt dabei: Die Pariser Bevölkerung, welche noch vermehrt wurde durch anderthalb Millionen Be­sucher aus den Provinzen, gab dem Auslande das merk­würdige Schauspiel absoluter, musterhafter Ordnung, welche trotz des überströmenden Enthusiasmus, in dem sich alle Klassen und alle Parteien zusammenfanden und der sozusagen bei­spiellos war, durch keinerlei Unordnung gestört wurde. Auch kein Zwischenfall ernster Natur ist vorgekommen, welcher auf den Glanz der denkwürdigen Feste irgend einen Schatten werfen konnte.

Spezzia, 27. October. Bei dem gestrigen Diner zu Ehren der en gli sch en Gäste an Bord desLepanto" brachte der Herzog von Genua einen Trinkspruch auf die Königin von England und die englische Flotte aus, mit der Italien stets die besten und freundschaftlichsten Beziehungen pflegte, und bewillkommnete die berühmten Gäste. Admiral Seymour trank auf das Wohl des Königs Humbert und der italienischen Marine. Er erklärte, er schätze sich glücklich, im Beginne seiner Commandoführung über das Mittelmeer- Geschwader die hervorragendsten Häfen Italiens besucht zu haben. Der Admiral drückte dann noch den Wunsch aus, den italienischen Kameraden öfter zu begegnen.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 27. October. Bon zuverlässiger Seite wird ge­meldet, daß das kaiserliche Militärcabinet auf Allerhöchsten Befehl um Uebersendung der Acten nach Erledigung des Hannovers chen Spielprozesses beim Justiz­ministerium nachgesucht hat. Der Kriegsminister hat in der gleichen Angelegenheit dem Kaiser einen längeren Vortrag gehalten. ES sollen durchgreifende Maßnahmen gegen die im Offiziercorps herrschende Spielwuth geplant sein.

Berlin, 27. October. DieNordd. Allgem. Zeitung" erklärt auf das Bestimmteste, daß die in Nr. 276 derFrank­

furt« Zeitung" ausgesprochene Anschauung, der zufolge die Tabakfabrikat st euer nach der Gesetzvorlage nicht vom Nettoberrage des FacturawenheS der Fabrikate, sondern vom Facturawerthe zuzüglich der Fabrikatsteuer zu entrichten sein werde, als durchaus irrig.

Berlin, 27. October. Der beim Bau der FriedrtchS- brücke beschäftigte Arbeiter Malinsky ist an asiatischer Cholera erkrankt. Er hat sich durch Genuß von Spree­wasser angesteckt.

Berlin, 27. October. DerReichsanzeiger" meldet auS Zerpenschleuse und Wittenberge je 1 Erkrankung an Cholera, aus Neuenkirchen 2, auS Frauend orf 4 Erkrankungen, aus Stettin 1 Todesfall.

Potsdam, 27. October. Bei einer gestern hier ver­storbenen Arbeiterfrau wurde asiatische Cholera fest- gestellt.

Swinemunde, 27. October. Ein Bergarbeiter ist an Cholera gestorben.

Leipzig, 27. October. Der Strafsenat deS ReichSgerichtS hat die Verhandlung gegen die in Kiel verhafteten franzö­sischen Spione angeordnet.

Köln, 27. October. Socialdemokratischer Par­teitag. In der gestrigen bis 3 Uhr Nachmittags an­dauernden Sitzung wurde Punkt 6 der Tagesordnung,die Gewerkschaftsbewegung und ihre Unterstützung durch die Par­teigenossen", besprochen, wobei es zeitweise zu einer sehr erregten Debatte kam. Referent Legten führt in seinen ein­leitenden Worten aus, bereits zum dritten Male beschäftige obiger Antrag die letzten Delegirtentage und er könne nicht dringend genug empfehlen, der Parteitag möge heute definitiv zu dieser Frage Stellung nehmen und jedem Genossen zur Pflicht machen, einer gewerkschaftlichen Organisation anzu­gehören. Diese erziehe den Mann und mache ihn reif zum Beitritt in die politische Organisation. Redner ergeht sich in Ausfällen gegen mehrere Mitglieder des Parteivorstandes und speziell gegen Auer, der kein Freund des Ausschusses der Organisation von der Partei sei, worauf Auer in längerer Ausführung die auf ihn abgegebenen Pfeile zurücksendet und betont, daß er persönlich und viele seiner Freunde absolut keine Gegner dieses Antrages seien, im Gegentheil, man habe 1872 beschlossen, beide Organisationen sollten sich ergänzen und danach habe man bisher auch so gehandelt. Legten solle die persönlichen Gehässigkeiten auf Seite schieben, und wenn er nicht fähig sei, sich ein reifes Urtheil über diese Sache zu bilden, so möge er lieber seine Weisheit für sich behalten. Das Urtheil Legiens stamme aus dem Organ der Unab­hängigen, er solle dafür sorgen, daß die scandalösen Vorgänge aufhören. Zu obigem Anträge liegen drei Resolutionen vor, zu deren Begründung die einzelnen Verfasser das Wort er­halten. In der heutigen Vormittagssitzung kamen haupt­sächlich die Gewerkschaftler zu Wort, welche sich bei der gestrigen hitzigen Debatte zurückgehalten hatten. Ein Redner bittet bei Eröffnung der Discussion, die persönlichen Reibe­reien zu vermeiden und wirft Auer vor, daß er zu weit ge­gangen sei. Der Parteileitung habe wenig Interesse an der gewerkschaftlichen Bewegung. Das habe Bebel offenbart, als er die Gewerkschaftsbewegung als aussichtslos bezeichnet habe. Keßler-Berlin sagt, die Gewerkschaften wollten das große Wort führen und suchen das Heft in die Hand zu bekommen. Ein anderer Redner spricht für die Verwerfung der Resolution des Dr. Arons, welche jeden Genossen zum Anschluß an die Gewerkschaften verpflichtet. Damit gebe man den Gegnern eine scharfe Handhabe zur Bekämpfung der Gewerkschaften. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wurde angenommen. Referent Legten erhält das Schlußwort. Er vertheidigt sich in geschickter Weise gegen die Anschuldigungen AuerS und Bebels in der gestrigen Sitzung und führt aus, man spreche immer für Erziehung der jüngeren Kräfte in der Partei, wenn diese aber von der Leitung in der Weise angegriffen würden, wie es gestern ihm gegenüber geschehen sei, dann werde es später schlimm um die Partei stehen. Auer erwidert in ruhigem Ton. Er befürchte, daß die Zwistigkeiten der Gewerkschafts- organisatton das Grab bereitet habe. Legten leide an der fixen Idee, der Parteivorstand hätte wenig Sympathie für die Gewerkschaft. Er sei gestern sehr erregt gewesen, heute wolle er höflicher sein. In namentlicher Abstimmung wird folgende Resolution des Parteivorstandes mit allen gegen einige Stimmen angenommen: Der Parteitag drückt wiederholt seine Sympathie für die Gewerkschaftsbewegung aus und legt den Parteigenossen die Verpflichtung auf, unermüdlich für die Erkenntniß der Bedeutung der Gewerkschaftsorganisation zu wirken und mit aller Kraft für ihre Stärkung einzutretm.

Kolo, 27. October. Socialdemokratischer Par­teitag. In der heutigen Dormittagsfitzung wurde die De-