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Der Vorstand.
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Drittes Blatt. Sonntag den 29. Januar
1893
Kichener Anzeiger
Keneral-Unzeiger.
vierteljähriger ASonnementspret» r 2 Mart 20 Pfg. mi< Vringerlohn. Durch die Post bezöge* 2 Mart 50 PH.
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I Kratis«-ik-g-: gamitiencrafta.
Odenwald-Granite.
Das allgemeine Streben, der deutschen Industrie Erwerbszweige zu erschließen, welche den Wohlstand der Bevölkerung sichern und heben, hat sich erfreulicher Weise auch in der deutschen Steinindustrie Bahn gebrochen und lenken namentlich die Granit- und Syenitwerke unsere Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf sich.
Schon zu Römerzeiten fanden die deutschen Granite des Odenwaldes eine ausgedehnte Verwendung zu Bauzwecken, wovon die Riesensäule, der Altarstein rc. am Felsberg i. O., sowie auch mächtige, bearbeitete, jedoch liegengebliebene Felsstücke Zeugniß geben.
Seit dieser Zeit ruhte der Bruchbetrieb im Odenwald vollständig und erst der neueren Zeit war es Vorbehalten, die Granitindustrie wieder aufzunehmen. Unser Jahrhundert der Erfindungen konnte sich der Sache nicht verschließen und ließ für die Bearbeitung des Urgesteins Maschinen erstehen, welche dieselbe wesentlich erleichtern und die in dem Gestein verborgenen Schönheiten erst voll und ganz zur Geltung bringen.
Veranlassung zu diesen Zeilen geben uns einige Proben deutscher Granite und Syenite, welche uns von dem Syenitwerk Schönberg, Hartmann und van der Heyden in Frankfurt a. M. zur Verfügung gestellt wurden. Wir waren über die Schönheit der Gesteine thatsächlich überrascht- ein uns bemusterter rother Granit trägt fast vollständig den Character des schwedischen Wyrbo und ersetzt diesen in Farbenschönheit, geschlossenem Korn und hoher Politurfähigkelt vollständig. Originelle und sonst nicht vorkommende Gesteine sind ferner der uns bemusterte grüne Odenwald-Granit und der wegen seiner schwarz-weiß-rothen Färbung Reichsgranit genannt,
FsrUUeton.
Wochendriese aus der Residenz.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 27. Januar 1893.
Au8 Darmstadt« Vergangenheit. — Vom Polytechnikum. — Aus dem Vereinsleben. — Kunst und Wiffenschaft.
Unser verdienter Stadtverordneter Herr Arnold Berg- fträßer hielt neulich einen interessanten öffentlichen Vortrag über Darmstadts Entwickelung seit Aufstellung der Städteordnung im Jahre 1874. Die kleine Skizze bot ein außerordentlich anschauliches Bild von dem Leben in der Residenz und von deren Bedeutung Anfangs der 70er Jahre und in der Gegenwart. Damals war Darmstadt überall als „Residenz gelangweilter Lieutenants" verrufen, wie Ludwigsburg und Karlsruhe galt cs als unfreundliches, ödes Philisternest, dem jeder fröhlich und lebenslustig Gesinnte gern fernblieb. Heute ist's gottlob ganz, ganz anders, auf der „Rheinstraß', so breit sie ist," wimmelt jetzt nicht mehr der berühmte „eine" Accessist von ehemals, jetzt herrscht dort den ganzen Tag über ein bewegtes Treiben, Läden sind in großer Anzahl neu entstanden und gegenwärtig arbeitet man außerdem an der Fertigstellung eines mächtigen Hotelbaues, das jeder Großstadt Ehre machen würde. Die Trambahnen durch- bimmeln die Straßen und ein Einblick in ihre jährlichen Rechnungsablagen zeigt am besten, wie sich der Verkehr im Inneren der Stadt und mit den äußeren Theilen derselben gehoben hat. Und welche Unterschiede auf anderen Gebieten! Im Jahre 1874 gabs noch keine Wasserleitung, keine Canali- sation, die Schulgebäude waren unzureichend und gesundheitsschädlich, schmutzig und eng sahs in dem Gewinkel der Altstadt aus, kurz, es war wirklich recht öde und unbehaglich. Heute ist das alles, Dank unserer wackeren Stadtväter und der außerordentlichen Energie des verstorbenen Oberbürgermeisters Ohly.- anders geworden. Die Rohrnetze ter Wasserleitung und der Canalisation durchziehen auch die verborgensten Gäßchen, die Altstadt hat durch Abbruch der sogen. ,/Insel" Luft und Licht bekommen, ja, man plant gegenwärtig noch die Anlage einer ganzen Reihe von anderen baulichen Umgestaltungen, welche die Anlage neuer freier Plätze ermöglichen soll. Am Abend flammt überall das vom städtischen Electrizitätswerk gelieferte electrische Licht auf und die Schultauten haben sich so vermehrt, daß man — wie Herr Berg- sträßer mittheilte — nächstens der Frage der Bezirksschulen wird nähertreten müssen, besitzen wir doch jetzt drei Gym- riasien, zwei humanistische und ein Realgymnasium und dazu noch eine Realschule, und alle diese Anstalten sind sehr stark besucht. Ganz besonders wichtig ist die Entwickelung unserer Technischen Hochschule, die anfangs eine einfache Gewerbe- siihule war. Sie kann jetzt, was die Zahl der Studirenden
welche wegen ihrer feinen Politur und prachtvollen Farbenwirkungen besonders zu Bauarbeiten, Denkmälern und Erbbegräbnissen ein ganz vorzügliches Material liefern.
Die Härte der Materialien ist mindestens die gleiche, wie diejenige der schwedischen Granite und in Folge dessen ist auch die Dauerhaftigkeit dieser Odenwälder Granite eine beträchtliche. Die Materialien sind, wie man uns versichert, durchgehends gleichfarbig und rein, also ein ganz besonderer Vorzug, und es können selbst größere Dimensionen tadellos geliefert werden.
Die von obengenannter Firma erworbenen und in den letzten 2 bis 3 Jahren neu erschlossenen Brüche liegen im hessischen und badischen Odenwald und liefern Werkstücke von ganz ansehnlichen Dimensionen.
Der Betrieb des Syenitwerkes Schönberg befindet sich im Schönberger Thal, unweit der Steinbrüche und nur 1/2 Stunde von der Bahnstation Bensheim entfernt- derselbe ist auch für größere Aufträge mit allen maschinellen Verbesserungen der Neuzeit ausgestattet und verfügt über die ausgiebigste Wasserkraft, welche als billigste Betriebskraft große Vortheile bietet.
Wir haben die Ueberzeugung, daß die uns vorgelegten Granite den seither zur Verwendung gekommenen schwedischen Graniten erhebliche Concurrenz bereiten werden, zumal sich die Preise wesentlich billiger stellen und außerdem in Folge der centralen Lage der Fundorte, nach den meisten Plätzen ganz bedeutenden Frachtersparnisse- erzielt werden.
Uebrigens birgt das große Deutschland noch eine reiche Fundstätte von werthvollen Bausteinen und wenn das einheimische Material nicht immer wie bisher dem fremden nachgestellt und ohne alle Prüfung als minderwerthig bezeichnet wird, so dürfte es für viele deutsche Werke eine
anlangt, mit der Landesuniversität concurriren, und wenn erst ihr neues großartiges Heim auf dem Platze der ehemaligen Hofmeierei steht, wird ihre Bedeutung sicherlich noch steigen. Auch das studentische Leben nimmt einen mächtigen Aufschwung. Der Darmstädter 8. 0., der dem Weinheimer 8. O.-Verbande angehört, besteht aus zwei Corps, „Hassia" und „Rhenania", der D. C. aus zwei Burschenschaften, „Ger- mania" und „Frisia", daneben giebts noch eine ganze Anzahl von nicht Farben tragenden Corporarionen. Eine sehr rege und außerordentlich erfolgreiche Thätigkeit entfaltet der Studentenausschuß. Auf das in unserem ersten Plauderbriefe erwähnte Eisfest folgte am Montag im weißen Saale der „Stadt Pfungstadt" ein Recitalionsabend, auf dem unser rühmlichst bekannter Herr Hofschauspieler Edward Arthur Fitzers Epos „Der Meisterdieb" vortrug. Im gesellschaftlichen Leben tritt die Studentenschaft freilich nicht in dem Maße hervor, wie in Gießen, das machen die Verhältnisse in der Stadt natürlich unmöglich, doch fehlt es auch hier nicht an akademischen Tanzkränzchen und Bällen. Nur'etwas beklagen die Herren Studiosen in Darmstadt gar sehr: das Fehlen eines Cafes, wie es jede größere Stadt besitzt, das aber unbegreiflicherweise hier immer noch fehlt, trotzdem es allgemein gewünscht wird. Nun, dieses Verlangen wird wohl auch bald gestillt werden und die Residenz, die bisher in erster Linie Garnisonsstadt war, wird sich dann immer mehr auch zur Studentenstadt entwickeln, der gute Wille dazu ist da und das ist vorerst die Hauptsache.
Aus dem Vereinsleben giebts ein neues Ereigniß von Wichtigkeit zu melden. Es hat sich nämlich ein neuer großer Männer - Gesangverein in den oberen Gesellschaftskreisen gebildet. Er verdankt sein Zustandekommen einer bedauerlichen Secession im „Mozartverein", der durch den Austritt vieler tüchtiger Mitglieder aus dem activen Chor schwer geschädigt worden ist. Die neue Vereinigung, die unter der vortrefflichen musikalischen Leitung des zweiten Capellmeisters unserer Hofbühne, des Herrn Musikdirectors Dr. Keiser steht, w ll durch ihre Veranstaltungen der Wohl- thätigkeit dienen, entsprechend diesem Zwecke hat sie den Namen „Humanitas" erhalten. An Gesangvereinen ist in unserer Stadt im Allgemeinen kein Mangel. Der „Musikverein", der genannte „Mozartverein", der im Frühjahre die Feier seines fünfzigjährigen Bestehens durch ein großes Massenconcert unter Mitwirkung von Vereinen aus den Nachbarstädten Frankfurt, Mainz, Mannheim und Wiesbaden begehen will, die „Melomanen", die „Liedertafel" und viele andere kleinere Gesellschaften sind auf eine sorgfältige Pflege der edlen Sangeskunst bedacht. Für Instrumentalmusik sorgt der „Jnstrumentalverein", der erst am letzten Sonntag einen wohlgelungenen Kammermusikabend veranstaltete. Auch mit Vereinen anderer Art sind wir reich, man möchte fast sagen überreich, gesegnet. Die „Rudergesellschaft" hat Gießen aller
dankbare und lohnende Aufgabe sein, neue werthvolle Steinbrüche zu erschließen.
(Der deutsche Steinbildbauer und Steinmetz.)
VerinischLes.
* Ein glückliches Ländchen ist Luxemburg. Schon seit Jahren brauchen die Einwohner des Großherzogthums gar keine Steuern zu bezahlen, und das Budget genügt, ohne daß jemals neue Abgaben erforderlich wären, zur Bestreitung aller obligatorischen und faculativen Verwaltungskosten. Auch im Jahre 1893 wird allem Anscheine nach in dieser Hinsicht keine Aenderung eintreten. Die Kammer hat kürzlich das Budget für dieses Jahr bewilligt, welches sich in den Einnahmen auf 9 536400 Frcs. und den Ansgaben auf 8 498133 Frcs. beläuft, so daß also ein Ueberschuß von 1 100000 Frcs. vorhanden ist.
• Erziehung und Schweincfütterung. Unter dieser Spitz- marke schreibt I)r. Ewald Hauser Folgendes: „Erziehung. Für die beste Bearbeitung der Frage: „Was läßt sich zur Pflege einer gediegenen, recht volksthümkichen Bildung in Arbeiterkreisen thun?" zahlt die Erfurter Academie der Wissenschaften einen Preis von 500 Mk. — Schweinefütterung. Für die beste Arbeit über „Schweinesütterung" zahlt das sächsische Ministerium einen Preis von 3000 Mk. — Es ist am Ende des 19. Jahrhunderts offenbar lohnender, sich mit dem- Volk der Schweine zu befassen, als den Fragen der Menschenbildung nachzugehen. Auch ein Zeichen der Zeit!" — Diese Gegenüberstellung beweist zwar nicht ganz so viel, wie Dr. Ewald Hauser für selbstverständlich hält, indem er sie in dieser Form veröffentlicht, aber charakteristisch für das Ueber- gewicht der materiellen Fragen in unserer Zeit ist sie immerhin, I und darum mag sie hier Platz finden.
dtngs vor uns voraus, denn auf dem Woog kann man nicht gut große Regatten veranstalten, dafür lassen sich die drei Radfahrvereine und die Turngemeinden Darmstadt und Bessungen die Pflege ihrer Sportszweige desto eifriger angelegen sein, und für touristische Bestrebungen sorgen der „Odenwaldclub", die Section „Darmstadt" und die Sectton „Starkenburg" des deutsch-österreichischen Alpenvereins. Gegenwärtig haben natürlich die Carnevalvereine den größten Zulauf, bet ihren Sitzungen gehts stets überaus lustig und lebhaft zu - die am letzten Sonntag veranstaltete „Damensitzung" der „Narrhalla" verdient vor allem wegen der trefflichen Eröffnungsscene „Auf freier Volksbühne", vorgetragen von „Schalk Fupp" ifo hat man den Namen eines hier vielbelachten Originals umgestaltet) besondere Erwähnung.
Im Hoftheater hat Theodor Reichmann fein Gastspiel mit Verspätung erst am Donnerstag im „Fliegenden Holländer" begonnen. Der berühmte Künstler war durch Krankheit verhindert, schon am letzten Sonntag als „Hans Sachs" aufzutreten, was er nun an diesem Sonntag, den 29. Januar, nachholen wird. Inzwischen hat Herr Hofmüller, ein alter Liebling der Darmstädter, im „Bettelstudent" und am Sonntag im „Waffenschmied" Triumphe gefeiert. Auch von einer Jubiläumßvorstellung gibts zu berichten: Die „Puppenfee", das überall mit größtem Beifall ausgenommene Ballet, dem hier eine ganz großartige Ausstattung zu Theil geworden war, wurde zum 25. Male gegeben und fand noch immer ein ausverkauftes Haus. Der Dienstag brachte Schillers „Räuber" mit Herrn Wagner als „Franz" und dem Ihrem Publikum wohlbekannten Herrn Hacker als „Karl Moor". Am Mittwoch hatte der biedere L'Arronge mit feinen „Wohlthätigm Frauen" eine Heimstätte in unserem Kunstlcmpel und der heutige Freitag soll unS „Nathan den Weisen" mit Herrn Werner m der Titelrolle bescheeren. Dann bleibt uns noch zu berichten, daß Herr Privatdocent Dr. Bruno Sauer aus Gießen am Samstag im „Historischen Verein" einen außerordentlich interessanten Vortrag über „Pergamon und seine Kunstschätze" gehalten hat. Einen größeren Vortragscylus schloß am Mittwoch der geistvolle Aesthetiker Herr Emil Manerhof mit einer fein» sinnigen Characterisirung Henrik Ibsens. Der genannte Herr hat sich durch seine Vorträge den besonderen Dank des gebildeten Publikums erworben, denn feine literarhistorischen Erörterungen zeugten von einer anßerordentlichen Vertiefung in den Stoff und einer durchaus eigenartigen Auffassung der behandelten Kunstwerke.
Das nächste Mal wird unser Brief wohl etwas mehr vom Carneval und seinen Freuden berichten können. Und daß wirs nicht vergessen, das ersehnte Thauwetter ist ein- getroffen und hat uns von unseren Leiden erlöst, nach dem trüben Witterungsbericht des letzten Briefes wollen wir das hiermit dankbar constatiren. Z.


