1898
Nr. 304. Erstes Blatt. Donnerstag oen 28. December
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen.
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Mental tag erscheinenden Nummer bi» Benn. 10 Utzr. ^UUUllCHVlUllCl. Anzeigen für den .«ießenrr Anzeiger-
Deutsches Reich
Berlin, 24. December. Das preußische Staatsmini sie rium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenken Grafen Eulenburg wiederum zu einer Sitzung zusammen, welcher auch der Reichskanzler Graf Caprivi beiwohnte. Dem Vernehmen nach wurde der officielle Eröffnungstermin für die Landtagstagung festgesetzt und über verschiedene, dem Landtage vorzulegende Gesetzentwürfe Beschluß gefaßt. Unter denselben soll sich auch der Gesetzentwurf, betreffend die Mittelschulen, befinden.
— In den nächsten preußischen Haushalts- Voranschlag ist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, auch eine Summe eingestellt worden, um die Vorbereitungen dafür zu treffen, daß der schon lange gehegte Plan größerer Museumsbauten — Antikenmuseum, Renaissancemuseen rc. — zur Ausführung gelangen kann. Ist damit, schreibt das officiöse Blatt weiter, das Bedürfniß vom Staatsministerium anerkannt worden, daß die schon lange in Aussicht genommenen Bauten unternommen werden, so handelt es sich doch für das nächste Etatsjahr noch nicht um eigentliche Bausummen, sondern um die Bewilligung der Mittel für die Freilegung des erforderlichen Platzes.
— Petition gegen die Labakfabrikatsteuer. Der fortschrittliche Verein „Waldeck" hatte die Stadtverord- neten-Dersammlung ersucht, gegen die geplante Tabakfabrikatsteuer Stellung zu nehmen. Der Petitions-Ausschuß der Sradtverordneten-Versammlung, welchem dies Gesuch zur Begutachtung von der Versammlung überwiesen worden ist, hat mit Rücksicht darauf, daß ein speciellcS Jntereffe für die Stadt insofern vorliege, als zu erwartet, sei, daß ein Rückgang der Tabakindustrie auch eine nachtheilige Wirkung auf die Jmmobilienwerthe haben werde, beschlossen, der Versammlung zu empfehlen, das Gesuch dem Magistrat zur Berücksichtigung zu überweisen und zwar mit dem Ersuchen, er möge in Gemeinschaft mit der Stadtverordneten-Versammlung gegen den Tabaksteuerentwurf beim Reichstage petitiontren.
— Der preußische Landtag wird zum 16. Januar zusammenberufen. Die amtliche Bekanntmachung steht unmittelbar bevor. Wie verlautet, beabsichtigt Se. Majestät der Kaiser, den Landtag persönlich zu eröffnen.
Berlin, 23. December. Heute Mittag wurde die Nummer 52 des „Sociali st" wegen eines aufreizenden Artikels unter der Ueberschrift „Festliche Betrachtungen" polizeilich beschlagnahmt.
Stuttgart, 23. December. Anläßlich der in letzter Zeit stattgehabten Vorgänge zwischen Preußen und Württemberg, betreffend die Militärconvention, wird Anfang Januar eine sensationelle Broschüre von einem mit den gegenseitigen Verhältnissen vertrauten Politiker erscheinen- die Schrift soll so interessante Momente enthalten, daß dieselbe in ganz Deutschland großes Aufsehen erregen wird.
Berlin, 25. December. Se. Majestät der Kaiser und König begaben sich am 24. d. MtS. nach dem Gottesdienste in der Friedenskirche zu Potsdam um 1 Uhr 15 Min. mittelst Sonderzuges nach Charlottenburg und nach der Ankunft daselbst in daS Mausoleum, woselbst Allerhöchstdieselben längere Zeit allein in der Gruft verweilten und anläßlich des hundertjährigen Hochzeitstages der hochseligen Urgroßelten, an den Särgen weiland Ihrer Majestäten des Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise Kränze' niederlegten. Um 3 Uhr Nachmittags kehrten Seine Majestät der Kaiser und König nach dem Neuen Palais zurück. Daselbst fand um 4 Uhr das Diner statt, zu welchem die Hofstaaten Ihrer Majestäten des Kaisers und Königs und der Kaiserin-Königin geladen waren. Zu diesem Diner waren auch der Militär- Gouverneur der Kaiserlichen Prinzen, sowie die Lehrer Höchst, derselben mit Einladungen beehrt worden. Nach aufgehobener Tafel fand in althergebrachter Weise die Weihnachtsbescheerung der Majestäten, der Kaiserlichen Prinzen und der Allerhöchst zur Tafel Befohlenen statt. Nach Beendigung der Bescheerung verblieben Ihre Majestäten allein im Neuen Palais. Heute Vormittag wohnten Allerhöchstdiefelben dem Gottesdienste in Potsdam bei.
Hannover, 25. December. Der Präsident des evangelischlutherischen Landes-Confistoriums der Provinz Hannover, Dr. Mejer, Mitglied des Staatsraths, ist nach längerem Leiden hier gestorben.
München, 24. December. Wie die „Münchener Neuesten Nachrichten" melden, ist der zur Zett hier weilende Profeffor Dr. Schweninger gestern Abend nach FriedrichSruh abgereist.
Ausland.
Prag, 23. December. In der Angelegenheit des Dynamit-Attentats gegen Wolf in Rakonitz wurden neun Personen verhaftet. Die Polizei verhaftete ferner zwei Mitglieder des geheimen Bunds „Omladina". Einer der Hauptangeklagten wurde gegen eine Caution von 10000 Gulden entlassen.
Budapest, 23. December. Bischof Tschopen von Rosenau forderte die Geistlichkeit in einem Hirtenbriefe auf, während der Feiertage die Gläubigen auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die denselben Seitens des freimaurerischen Judenthums und des mit diesem verbundenen Liberalismus drohen.
Lüttich, 23. December. In der Kohlengrube Piquette stürzte eine Gallerte auf einer Strecke von 500 Metern ein. Die Zahl der Verunglückten ist noch unbekannt. Die Rettungsarbeiten sind in vollem Gange.
Paris, 23. December. Aus Juristenkreisen verlautet, der socialistische Abgeordnete Viviani habe bestimmt die Bertheidigung DaillantS übernommen.
Paris, 23. December. Wie „La Vöritö" mittheilt, hat der Czar dem Cardinal-Erzbischof von Parts, sowie allen den Bischöfen, die an den Ruffenfesten theilgenommen haben, hohe Orden verliehen.
London, 23. December. Zwischen den hierher geflüchteten Anarchisten und den hier wohnenden englischen Anarchisten sind ernstliche Zerwürfnisse entstanden, da letztere ihre Sicherheit durch das Zusammenströmen soviel Verfolgter gefährdet glauben.
London, 29. December. NnSländtsch«' Anarchisten haben ein in französischer Sprache abgefaßtes Manifest heraus gegeben behufs Massenverbreitung auf dem ganzen Continent. Das Attentat Vaillants wird in der Flugschrift als eine unvergleichliche That gepriesen- gleichzeitig werden arge Drohungen gegen die Richter und die Geschworenen aus- gestoßen.__
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correfpondenz-Bureau.
München, 26. December. Seine Majestät der Kaiser hat dem Prinzen Ludwig Ferdinand den Schwarzen Adlerorden verliehen. Der preußische Gesandte Graf zu Eulenburg hat dem Prinzen die Auszeichnung am Weihnachtsabend überreicht.
London, 26. December. Nach dem vorläufigen Berichte des Ackerbauamtes von Großbritannien ist der im Jahre 1893 erzielte Ernteertrag an Gerste um 10 Millionen Bushel geringer gewesen als im Jahre 1892, obgleich 40,000 Acker mehr mit dieser Frucht bestellt waren- der Hafere.rtrag ist um 6 Millionen Bushel gegen das Vorjahr zurückgeblieben, obwohl 150,000 Acker mehr angebaut waren. Weizen hat einen um 9 Millionen Bushel geringeren Ertrag geliefert, 300,000 Acker waren weniger mit dieser Frucht angebaut worden.
Palermo, 26. December. In Lercara fand gestern vor dem Bürgermeisteramt eine Kundgebung statt. Die Demonstranten richteten gegen die Polizei einen Steinhagel und verwundeten viele Wachmänner. Auch die zur Unterstützung der Polizei anrückenden Truppen griff die Menge mit Steinen und Beilen an und versuchte dieselben zu ent- waffnen. Die Truppen machten von der Schußwaffe Gebrauch. Vier Individuen wurden getödtet, einige verwundet. Schließlich trieb daS Militär die Tumultuanten auseinander. Die Arbeitervereine des Ortes bliebet übrigens der Mant- festation fern - die Demonstranten gehören größtentheilS nicht der Gemeinde Lercara an.
Amsterdam, 26. December. Heule fand eine Kund- gebung von etwa 2000 beschäftigungslosen Arbeitern unter Anführung eines socialiftischen Comites statt. Die Manifestanten zogen im Zuge durch die Hauptstraßen. Die Polizei versuchte die Menge zu zerstreuen, dieselbe sammelte sich jedoch stets von Neuem. Schließlich zog die Polizei blank und zerstreute die Manifestirenden mit blanker Waffe. Hierauf begann die Menge die Polizisten mit Steinen zu bewerfen. Mehrers Personen, darunter drei Mitglieder des socialiftischen Comitös und ein Polizist, wurden ver- wundet. Der Socialist Geel, welcher schwer verletzt wurde, mußte ins Krankenhaus geschafft werden.
Berlin, 27. December. Das heute verkündete Urtheil i gegen Bankier Hugo Löwy wegen der in voriger Woche * verhandelten Betrugsfälle lautet auf schuldig in einem Falle von Betrug in idealer Concurrenz mit schwerer Urkunden
fälschung. Löwy wurde unter Zusammenfaffung mit früheren Strafen zu einer Gesarnmtstrafe von fünf Jahren Zuchthaus und sechsjährigem Ehrenverlust vcrurtheilt.
Madrid, 27. December. Die Anarchisten Bernal, Civarol, Codiria und Corazuelo haben eingestanden, an dem Attentat im Theatro Sicco theilgenommen zu haben - der Anarchist Ruggieri wurde in die Festung Montjuich bei Barcelona abgeführt.
Orleans, 27. December. Heute Nacht zerstörte eine Bande Individuen unter dem Rufe „Es lebe die Anarchie!" die GaSlaternen und zahlreiche Fensterscheiben. Die Polizei stellt Nachforschungen an.______________________________________
Zur deutschen landwirthschaftlicheu Ausstellung in Berlin 1894.
Es ist offenbar von großem Jntereffe, daß die deutschen Landwirthe so bckld als möglich davon unterrichtet werden, in welcher Hinsicht man auf der im Juni 1894 zu Berlin stattfindenden Wanderausstellung der deutschen LanbwirthschaftS* Gesellschaft bedeutende Leistungen erwartet und muß deshalb schon jetzt hervorgehoben werden, daß diese landwirthschaft- liche Ausstellung vorzugsweise die Erfolge der deutschen Viehzucht und Rassenveredelung allen Jntereffenten vor die Augen führen soll. Maßgebend ist dabei der Umstand, daß die deutsche Viehzucht erstens ein Gebiet ist, wo noch sehr viel verbessert werden kann, daß aber zweitens auch eine verhältnißmäßig große Anzahl deutscher Landwirthe und Viehzüchter schon solche bedeutende Resultate in Bezug auf die Züchtung ausgezeichneter Pferde, Rinder, Schafe und Schweine auftutifen, daß dies« veredelten Rassen sehr wohl allen denjenigen Landwirlhen, welche in ihrer Viehzucht noch nicht auf dieser Höhe stehen, einen großen Ansporn zur Veredelung ihrer Thiere geben können. Die großen Erfolge, welche die deutsche Pferdezucht auf der Weltausstellung in Chicago davon getragen hat, geben nun aber auch den Anhalt dafür, daß auch auf der landwirthschaftlichen Ausstellung zu Berlin gerade die Pferdezucht in hervorragender Weise zur Anerkennung gebracht und systematisch darauf schon jetzt hingearbeitet werden muß. Wie man hört, sind auch entsprechende Vorbereitungen für diese Abtheilung der Ausstellung in Ostpreußen, Posen, Pommern, Hannover, Schlesien, Oldenburg und Sachsen be reits im Gange. Hoffentlich wird sich aber auch Süddeutschland, zumal Bayern mit seinen schweren Arbeitspferden, an der Ausstellung betheiligen. Auf Veranlassung des preußischen Kriegsministeriums soll die landwirthschastliche Ausstellung zu Berlin auch mit einer Anzahl der brauchbarsten Militärpferde beschickt werden, um allen Pferdezüchtern und Pferdebesitzern zu zeigen, welcher Pferdetypus als der brauchbarste für Militärzwecke und somit auch für viele andere Zwecke gilt. Es soll dabei eine ganz neue AusstellungSklasse von Pferden für den Heeresbedarf gebildet werden. Man darf daher wohl auf diese Ausstellung eine große Hoffnung hin sichtlich der Erfüllung ihrer Aufgabe setzen.
CocaUs uttb l-rovliizlelles.
Hießen, den 27. December 1893.
* * Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 1. December dem Bürgermeister Ernst Ludwig Karl Best zu Affenheim das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: „Für langjährige treue Dienste" zu verleihen.
* ♦ Ernennungen Der Gerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Laubach Joseph Garnier wurde zum Gerichts- schreiber bei dem Amtsgerichte Reinheim und der Gerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Schotten Johannes Keil zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Laubach ernannt.
• * NeujahrSbriefe. Beim Herannahen des Jahreswechsels machen wir nochmals auf die kürzlich besprochene postalische Einrichtung aufmerksam, wonach frankirteStadtbriesc, Po st karten undDrucksachen schon vom 26. December ab an größeren Orten zur Post geliefert werden können. Diese Sendungen sind in einem Briefumschlag mit Oer Aufschrift „hierin franfirte NeujahrSbriefe für d en Ort" zu legen, der am Postschalter abgegeben ober in einen Briefkasten geworfen werden kann. Auch bringen wir den rechtzeitigen Ankauf der zur Neujahrszeit erforderlichen Freimarken undPo st karten inErinnerung.
• * Die Shristbescheernng für arme Kinder der katholischen Gemeinde fand am ersten Feiertag Abends in „Steins Garten" statt. Herr Pfarrer Beyer gab in seiner Ansprache zunächst der Freude Ausdruck über das wachsende Interesse, welches die Gemeinde an b:r Bescheerung nehme, wie bies bic große


