1893
Sonntag den 28. Mai
Mr. 123. Zweiter Blatt.
Amts- und Aiizeigeblatt fiw den Kreis (Siegelt
chratisöeikage: Gießener Kamilienbkätter
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folgt stattfinden: Donnerstag den
Alle Annoncen.Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
8. Juni im Rathhause zu 8 Uhr,
Der Gtetzeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener AlnrniktenblLtter werden dem Anzeiger wdchentlich dreimal beigelrgt.
die für dauernd untauglich befundenen Militärpflichtigen, soweit denselben eine besondere Ladung zugeht; die zum Landsturm I in Vorschlag gebrachten Mili-
dabei eine historische Gruppe die Entwickelung des Radfahrsports vor Augen führen. — Die Vorschläge des Rennfahr- ausschusses harren nur noch der Bestätigung durch den Sportö- ausschuß und den Bundesvorstand, dann sollen die Ausschreibungen dazu sofort erlassen werden. Auch der Wob- nungsausschuß wird nun seine Thätigkeit beginnen, um den hoffentlich bei günstiger Witterung in Hellen Schaaren nach Leipzig strömenden SportSgenossen Unterkommen nach beliebiger Wahl zu bieten und zu vermitteln. — Jedenfalls wird nichts unterlaffen werden, um den Aufenthalt in Leipzig und alle Veranstaltungen zum X. Bundestage deS D. R.-B. möglichst genußreich und für den schönen Radsport förderlich zu gestalten.
* Iserlohn, 22. Mai. Wie s gemacht wird. Der Viehhändler L. St. zu Iserlohn hat ost genug auf bäuerliche Leichtgläubigkeit und Unbeholfenheit speculirt und er hat bo- bet seinen „Profit" gemacht, aber schließlich ist er doch herein- gefallen und zwar gründlich. Er hat nämlich auf zwei Wechselchen, die ein Landwirth unterzeichnete, daheim in seinem Kämmerlein aus 50 Mk. ganz nett und säuberlich 250 Mk. gemacht, resp. auS 60 Mk. 260 Mk. Feines, glattes Geschäft- allein in diesem Falle ging es anders, als in so vielen anderen, in denen das fatalistische Bauerngemütb sagte: „da soll woll nix te maken sin," der so Ubervortheilte Bauer ließ die Sache an sich herantreten und so kam sie vor Gericht und jener Ehrenmann vor die Strafkammer. Roch wäre am Ende der Angeklagte in Folge der Schwierigkeiten, mit der solch- Sachen klarzustellen sind, seinem Verhängmß entgangen, wenn der feine Mann sich nicht selbst hereingelegt hätte. Es wurde nämlich festgestellt, daß er bereits früher einmal von demselben Bauern sich ein Blanco-Accept hatte geben lasten, das er mit 190 Mk. ausfüllen sollte und daS er mit 510 Mk. ausgefüllt hatte- als der Landwirth auf- sässig wurde, hat St. das Accept mit Mühe und Roth wieder erlangt und vernichtet und dem Manne jene 190 Mk. als Schweiggeld angerechnet. Der Halsabschneider wurde zu 1 Jahr 4 Monate Zuchthaus verurtheilt.
* Schwarze Storche wurden in diesem Frühjahr in der Gegend von Ragnit in Ostpreußen [mehrfach beobachtet. So wurde vor einigen Wochen ein Paar in der Trappöner Forst gesehen, und im vorigen Jahre hat ein solches in der angrenzenden Keggon-Forst gemstet. Die seltenen Bogel werden geschont.
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tärpflichtigen;
c. die zur Ersatz-Reserve in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen ;
d. die von der Ersatz-Commission als tauglich und em- stellungSfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen;
e. die von den Truppentheilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlaßenen Soldaten;
f. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.
Den Großherzoglichen Bürgermeistereien, deren Gemeinden zum Aushebungsbezirk Griinberg gehören, werden beson-
Vermißtes.
* Berlin, 25. Mai. Eine Versammlung der freisinnigen Partei im diesigen sechsten Wahlkreise prokla- mirte die Condidatur Eugen Richters.
* Leipzig, 19. Mai. Die Vorbereitungen zu dem großen Jahresfeste des Deutschen Radfahrer-Bundes, das in der Zeit vom 11. bis 15. August a. c. hier statt- finden wird, nehmen nun greifbare Gestalt an. Der weitaus größte Theil der Herren, die vom Hauptausschuß um ihren Beitritt zum Ehreucomitee ersucht wurden, hat bereits freundlich zugesagt. Die E nzelinscenirung des für den 12. August Abends geplanttn Volksfestes im Park und auf der Festwiese des neuen Schutzenbames (Schützenhofes) ist in bewährten Händen. — Den Korso am 13. August werden mehrere interessante Dekorationswagen schmücken, auch soll
meine Herren, daß mein Bruder 170 Pfund Sterling hinterlassen. Wo ist denn das Geld?" — „Im Monde, Sie Esel!" schrieen die Schwindler. „Wir wollten Sie nur für Ihre freche Antwort strafen!" Nun bezahlen Sie den Wirth oder es gibt Haue!" Der arme Mann hatte kein Geld bei sich, weil er auf den Empfang der 170 Pfd. Sterl. gerechnet hatte. Daher erhielt er die versprochene Tracht Prügel und . flog dann zur Thüre hinaus.
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Eines TageS saßen die „bemoosten Häupter' Schlittenfahrer in der erwähnten Kneipe in HoundSditch berathschlagten, in welcher Weife sie den Tod ihres Freundes ausnützen könnten. Da ließ sich ein Polizeibeamter an- melden. Der Mann des Gesetzes schrieb nieder, was ihm gesagt wurde. Zum Schluste fragte er, welcher Religion der Verstorbene angehörte. Einer der „Schieber" war sogleich mit der Antwort zur Hand, daß B. ein Schlittenfahrer gewesen. Diesen Namen kannte der Beamte nicht und er fragte daher vorsichtig, welche Religion das nach englischen Begriffen sein würde, und er erhielt zur Antwort, daß Schlittenfahrer und Jew (Jude) dasselbe seien. Die Folge davon war, daß der einst fo verbissene Antisemit einen Tag später auf dem jüdischen Kirchhofe von Israeliten begraben wurde.
An den Bruder des Verstorbenen hatten die Schwindler nach Berlin gedrahtet, er solle 20 Pfd. Sterl. Begräbniß- kosten schicken, damit der Verstorbene ordentlich begraben werden könne. Die Antwort des Berliners lautete, er wolle nichts für seinen Bruder im Tode thun, weil er zur Lebzeit jemer Familie durch seinen Lebenswandel zu viel Kummer bereitet habe. Dieser Brief rief unter den versammelten Schiebern" große Entrüstung hervor und sie beschloffen, "schreckliche Rache" zu üben. Der Oberschieber wurde mit der Angelegenheit betraut und nach wenigen Tagen schrieb er an den Berliner, daß er sehr bedauert habe, daß der leibliche Bruder des Verstorbenen nichts für diesen thun wolle. „Ich hnbe das um so mehr bedauert," so schloß er seinen Brief, ..weil es sich jetzt herausstellt, daß Ihr Bruder noch 170 Pfd. Sterl. binterlaffen, die Sie als nächster Verwandter höchst wahrscheinlich erhalten werden." Wenige Tage daraus schrieb der Berliner zurück, er gräme sich sehr um seinen Bruder, besonders aber, weil er als Ortsarmer begraben worden sei, trotzdem er noch so viel Geld Hinterlasten. Er werde nun« mehr sofort nach London kommen, um die Nachlastenschast
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Pon den 170 Pfd. Sterl. war selbstredend keine Spur vorhanden- im Gegentheil, der Verstorbene war seinem Haus- wirth in Lernan Street noch 18.4.7 V2 Pfd. Sterl. für Kost und Wohnung schuldig geblieben. Der Wirth freute sich ungemein, als die Schlittenfahrer ihm die Mittheilung machten, der Bruder des Verstorbenen komme nach London, um alle Schulden des letzteren zu bezahlen. Der Berliner traf wirklich in London ein und ging birect nach der Schlittenfahrerkneipe. Die „Herren" wechselten eine Menge Höflichkeiten und leerten eine Anzahl Flaschen Wein auf die Kosten und das Wohl des lieben Gastes. Dieser sprach den Wunsch aus, das Grab des Verstorbenen zu sehen, und man führte ihn auch hin. Auf dem Kirchhofe angelangt, sagte er: „Das ist ja ein merkwürdiger Kirchhof!" „Durchaus nicht," sagte einer der Schieber, „der Kirchhof ist, wie alle Judenkirchhöfe sind." „Ja, mein Bruder war aber Protestant!" Als ihm nun die Mittheilung gemacht wurde, fein Bruder habe „seinen Glauben vor Jahresfrist geändert", rief er schmerzerfüllt aus: „Auch das hat er uns noch angethan!"
Nun fuhr die ganze Gesellschaft nach der früheren Wohnung des Berstorbenen. Der Hauswirth des Verstorbenen war außer sich vor Freude und stellte eine Flasche Wein nach • der anderen auf. Bei der dritten Flasche sagte er, daß es ihm angenehm sein würde, wenn jetzt zu dem geschäftlichen Theile des Tages übergegangen werde. Der Verstorbene habe mehrere Monate keinen Pfennig Kostgeld bezahlt, fo daß bei feinem Tode eine Schuld von mehr als 18 Pfd. Sterl. angefammett fei, worüber er sich erlaubte, eine ausführliche Rechnung vorzulegen. „Gut, gut," antwortete der Berliner, „ich bezahle gern, was mein lieber Bruder schuldig blieb. Das ist ja ganz selbstverständsichZiehen Sie nur jeden Heller und Pfennig ab, den Sie zu fordern haben." — „Ja, wovon soll ich den Betrag denn abziehen?" fragte der Andere. — „Nun, selbstredend doch von den 170 Pfund Sterling, die mein Bruder Ihnen in Verwahrung gab." — „Was?" schrie der Wirth, „Ihr Bruder 170 Pfund Sterling mir in Verwahrung gegeben? Lumpen hatte er, aber nicht Geld. Sogleich bezahlen Sie, was Ihr Bruder schuldig geblieben, oder Sie gehen hier nicht lebendig von der Stelle!" — „Na," sagte der Berliner, „nu aber raus! Sie schrieben mir doch,
Feuilleton.
Heiteres aus dem Schlittenfahrerteben.
(Fortsetzung.)
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Bekanntmachung,
betr. das Ober-Ersatzgeschäft für 1893,
Nachdem der Reiseplan Seitens der Grotzh. Ober-Ersatz-Commisfion im Bezirk der 49. Infanterie-Brigade geändert worden ist, wird das Ober-Ersatzgeschäft für 1893 im Kreise Gießen nunmehr wie
Lich, Vormittags
Freitag den 9. Juni daselbst, Vorm. 8 Uhr, Samstag den 10. Juni in dem Schulhause in der Schulstraße zu Gießen, Vormittags 8 Uhr, Montag den 12. Juni daselbst, Vorm. 8 Uhr, Freitag den 16. Juni daselbst, Vorm. 8 Uhr, Samstag den 17. Juni im Gasthaus „Zum
Rappen" zu Grünberg, Vormittags 8 Uhr.
Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzog- lichen Ober-Ersatz.Commission im Bezirk der 49. Jnsanterie- in sämmtlichen Aushebungsorten zu ge-
dere Ladungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche den betreffenden unvermalich zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladunacu ist innerhalb 5 Tagen anzuzeigen. Tic Gr. Bürgcrmciftcreicu, deren Gemeinden zum Aushcbungsbczirk Gießen und Lich gehören, werden aus die denselbeu bereits zugcgangcne besondere Verfügung vom 24. l. Mts. verwiesen, welche genau zn befolge» ist. Tic Militärpflichtigcn sind außerdem anzuwcifen, ihre Loosungsschcine mit zur Stelle zu bringen.
Die zur Bcurtheilung von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu crschciucn.
Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich auzuzcigcn und ist, wenn ein Militärpflichtiger von feinem bisherigen Wohnorte weg- gezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.
Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober- Ersatz-Geschäfte bis zum Schluß des gesammten Geschäfts selbst anwesend zu fein, um bei der Untersuchung von Felddienstuntauglichen sowie Invaliden ev. Auskunft geben zu können, auch haben sich dieselben darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen, den Ladungen entsprechend, eine Stunde vor Beginn des Geschäfts zur Stelle sind.
Gießen, am 25. Mai 1893.
Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.
Dr. Melior, Regierungsrath.
Man wird es begreiflich finden, daß es mit dem „Schieben" nicht immer glänzend geht und daß dann manche Schieber am Hungertuche nagen. In einer so traurigen und schlechten Zeit kamen vier Schwindler auf den Gedanken, nach Hüll zu reifen, um dort ihr Glück zu versuchen. Ohne einen Penny in der Tasche zu haben, zog das Quartett zum Londoner Thor hinaus. Ein „Schlitttnfahrer" ist nie lange in Verlegenheit, und erst recht nicht ein so geriebenes Quartett. In Hüll angelangt, überlegten die Bier, was sich anfangen ließe. „Wißt Ihr was," sagte der eine, „wir gründen eine Hochschule für Sprachunterricht. Wir geben uns als deutsche Professoren aus, suchen einige Herren für unser Unternehmen zu interessiren und betteln bann auf beren Namen baS Gelb zum Anfängen ber Schule zusammen. Und fo geschah es. Bald war die Schule eingerichtet und eine Menge zahlungsfähiger Schüler hatte sich angesammelt, weil das Unternehmen von angesehenen und reichen Personen unterstützt war und weil mit den „vier deutschen Professoren" viel Re- clame gemacht wurde.
Einer der Schwindler unternahm es, den Jungen fchein- weise Sprachunterricht zu ertheilen, ein anderer kochte für die vier Mann das Essen, und zwei besorgten die auswärtigen Geschäfte, die darin bestanden, daß man nach achter Schlittenfahrer-Weise Pianos bezog und nicht bezahlte. Die „Deutsche Hochschule" mit ihren Protectoren zog. Bald erhielt die Bande mehr Pianos, als sie unterbringen konnte, und so mußte sie sich auf andere Gebiete begeben.
(Schluß folgt.)


