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1893
Dienstag den 28. Februar
Nr. 50
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen.
Gratisbeilage: Gießener Kamitienökätter.
Axntlicher Theil
2.
1.
2.
3.
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4.
««nahmt von Anzeige« zu der Nachmittag» für bta folgenden Tag »rscheinmdrn Nummer bi» vor». 10 Uh».
Die Lietzener
5Se»ir<<«iri(t»i werben dem Anzeiger rtchentlick dreimal Ittgdtgi.
Der
SMtan £njdger erscheint täglich, «U Au-nahme de» Montag».
festeste Stlltze des Reiches und der Einzelstaaten. Dteselbe zu schützen und zu kräftigen ist unsere erste und ernsteste Aufgabe, weil durch das Blühen und Gedeihen der Land- wirlhschast die Wohlfahrt aller anderen Berufszweige gesichert ist. Wir fordern daher: 1) Genügenden Zollschutz für die Erzeugnisse der Landwirthschaft und deren Nebengewerbe- 2) deshalb keine Ermäßigung der bestehenden Zölle, keine Handelsverträge mit Rußland und anderen Ländern, welche die Herabsetzung der deutschen landwirthschaftlichen Zölle zur Folge haben, und eine entsprechende Regelung unseres Verhältnisses zu Amerika- 3) Schonung der landwirthschaftlichen, besonders der bäuerlichen Nebengewerbe in bäuerlicher Beziehung- 4) Absperrung der Diehnnfuhr aus seuchenverdächtigen Ländern- 5) Einführung der Doppelwährung als wirksamster Schutz gegen den Rückgang des Preises der landwirthschaftlichen Erzeugnisse- 6) gesetzlich geregelte Vertretung der Landwirthschaft durch Bildung von Landwirthschasts- Kammern- 7) anderweitige Regelung der Gesetzgebung über den Unterstütznngswohnsitz und den Contractbruch der Arbeiter - 8) Revision der Arbeiterschutz-Gesetzgebung, Beseitigung des Markengesetzes und Verbilligung der Verwaltung; 9) schärfere staatliche Beaufsichtigung der Productenbörse, um eine willkürliche, Landwirthschaft und Confum gleichmäßig schädigende Preisbildung zu verhindern- 10) Ausbildung des privaten und öffentlichen Rechts, auch der Verschuldungssummen des Grundbesitzes und der Heimstätten-Gesetzgebung auf Grund des deutschen Rechtsbewußlseins, damit den Interessen von Grundbesitz und Landwirthschaft besser wie bisher genügt wird- 11) möglichste Entlastung der ländlichen Organe der Selbstverwaltung.
Tagesordnung:
Vortrag des Herrn Landes-Oeconomierath Müller zu Darntstadt über die Förderung der Rindviehzucht durch die Gemeinden,
Vortrag des Herrn Gutsbesitzers Schiente über die Gülich'sche Kartoffelpflanzmethode,
Geschäftliche Mittheilungen.
8krtt(|ähriflet Jtfo««e»fxU»reU • 2 Mark 20 Psg. mtt Lringcrlohn.
Durch bit Post bezog« 2 Mark 50 Pf-.
Nebactton, Uxpedttto« unb Druckerei:
S4«(Mt«|<*t.k Fernerecher 51.
Tagesordnung:
Prüfung der Rechnung für 1892,
Vertheilung des nach dem Abschluß dieser Rechnung verbleibenden Ueberschuffes zur Unterstützung gemeinnütziger Anstalten,
, Feststellung des Voranschlags pro 1893,
. Ergänzungsmahl des Vorstandes.
Gießen, den 25. Februar 1893.
Der Vorstand der Mathildenstiftung für die Provinz Oberheffen.
v. Gagern, Provinzialdirector.
Aklt Annoncm-Vurkaux M In- unb Au»lanbr» nthm« Anztige« für kn „Gießener «»zeiger" entgegen.
i Ausland.
Budapest, 25. Februac. Oberst Wagner, Regiments- commandant in Karlsburg, welcher in der strengen Kälte zwei Bataillone ausmarschiren ließ, worüber der Abgeordnete Uzron im Parlamente interpellirte, wurde strafweise versetzt.
Basel, 25. Februar. Infolge des neuerdings ausgebrochenen Zwistes beider Gruppen der conservativen Partei des Cantons Tessin hat das Comilv beschlossen, die Partei ; solle sich bei den morgen stattfindenden Ständerathswahlen nicht bet heiligen- ein liberaler Sieg und Verstärkung der Freisinnigen im Ständerath ist dadurch gesichert.
Bekanntmachung,
betreffend Landwirthschaftliche Versanimlung.
Mittwoch den 8. März l. I., Nachm. 2 Uhr, wird auf Lony's Bier kell er (Westanlage) zu Gießen eine Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen abgehalten werden.
Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirks- und Orts-Vereins, sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntnis; zu geben und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Bekanntmachung
betr. die Mathildenstiftung für die Provinz Oberheffen.
Die diesjährige Hauptversammlung der Mathilden- ftiftung für die Provinz Oberhessen findet Dienstag den 14. März l. I , Nachmittags .3 Uhr, im Negierungsgebäude zu Gießen statt, wozu die verehrlichen Mitglieder der Stiftung ergebenft eingeladen werden.
Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung von Verloosungcn innerhalb des Großherzogthums.
Der Stadtvorstand zu Alsfeld beabsichtigt mit dem am 24. Juli l. I. daselbst stattftndenden Zuchtviehmarkt eine Ver- loosung von Vieh und landwirthschaftlichen Geräthen zu verbinden.
Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ver- loosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 5000 Loose zu 1 «M. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60pCt. des Brutto-Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Der Vertrieb der Loose ist in der Provinz Oberheffen gestattet.
Gießen, den 25. Februar 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 24. Februar 1893.
Der Director des landmirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. Jost.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Februar. Dem Vernehmen nach bot der Rittergutsbesitzer Frogge auf Döberitz bei Spandau dem Kaiser sein Besitzlhum als Geschenk an zur Errichtung eines großen militärischen Lagerplatzes, wie solchen die Franzosen in Chalons besitzen.
Berlin, 25. Februar. Heule Nachmittag gegen 3 Uhr ist Ahlwardt im Reichstage erschienen.
Berlin, 25. Februar. Der Reichstagsabgeordnete Möller (nat.-lib.) hat gestern sein Mandat niedergelegt, nachdem dasselbe von der Wahlprüfungs Commission als ungiltig erklärt worden war.
Berlin, 25. Februar. Die S t i ch w a h l zwischen Jungfer und Herlwig findet am 4. März statt.
Berlin, 24. Februar. Das Programm des Bundes deutscher Landwirthe lautet vollständig: Die deutsche Landwirthschaft ist das erste und bedeutendste Gewerbe, -die
Feuilleton.
Felix.
Aus dem Leben eines Knaben von ZoL v. Reuß.
(1. Fortsetzung.)
Junger Ehestand pflegt überhaupt wie eine appetitlich angerichtete Schüssel zu sein, ein Jeder kommt herbei, um sich die süße Speise einmal anzusehen, obgleich er weiß, daß sie nur ein Schaugericht ist. Besonders das Offiziercorps glaubte noch immer Verpflichtung und Anrecht zu besitzen auf Schönheit und Liebenswürdigkeit der nachgelassenen Tochter eines beliebten, erst vor einem Jahre verstorbenen Kameraden. Auch Herr v. Laporte kam häufig, wie er einst in das Haus >des MajorS v. Bern gekommen war. Die leidenschaftliche .Zuneigung, die er einst sür die Tochter seines Vorgesetzten gezeigt, schien noch keineswegs erloschen.
An Felix dachte man nicht viel, auch der Vater nicht. Mur unten im Speicher war noch Raum sür ihn. Ulrich, der alte Hausmann, rückte sogar die Kisten und Fäffer dichter an die Wand, um für den einzigen Enkelsohn seines verstorbenen Prinzipals Raum zu schaffen. War er doch einst Zeuge der Hochzeit seiner „Haustochter" mit Herrn Stalling, dem ersten Buchhalter und späteren Compagnon gewesen, und hielt darum streng darauf, das Andenken des verstorbenen Chefs bei seinen Nachkommen zu erhalten.
„Du weißt doch noch, was das P. heißt?" frug er, den Pinsel in den schwarzen Farbentopf tauchend, um den Namen der Firma auf die Baumwollensäcke aufzutragen.
„Stalling und Petersen! Was sonst?"
„Eigentlich müßte es aber „Petersen und Stalling" heißen," meinte die Hauspostille, „der frühere Prinzipal, der Vater Deiner seligm Mutter, müßte von rechtswegen zuerst genannt werden. Sie sagen, cs klingt anders bester. Aber wart! Die alten Schablonen sind bald schlecht, dann werde ich neue bestellen, wie's sein muß. Dein Vater hat jetzt andere Dinge im Kopfe. Soll ich die große Waage vom Balken nehmen zum Soldatenspielen, Felix?"
„Ich spiele nicht mehr Soldaten, lieber Räuber und Gensdarmen," erklärte Felix trotzig.
„Was haben Dir denn unsere Grenadiere gethan? Die Offiziere sind doch jetzt hier zu Hause, überhaupt 's ist der richtige Taubenschlag oben. Aber ich lasse mich hängen, wenns Deinem Vater paßt, er läßt sichs nur aus Verliebtheit gefallen. Eigentlich hat er gewaltig schlechte Laune."
Wenn Felix das Hausinventar auch nicht vollständig verstand, ahnte er doch, was Ulrich meinte. Auch er hatte schon empfunden, daß der Papa anders war als sonst. Aber nur, bis die neue Mama in seine Nähe kam. Dann-schien er alles zu vergessen, selbst Felix. Diese fortgesetzte Zurücksetzung hatte allmälig die leidenschaftliche Erbitterung wachgerufen. Hier brauchte er sich auch nicht zu beherrschen, hier ward ihm sogar Haß und Trotz gegen die neuen Verhältnisse als Verdienst angerechnet. So ballten sich die Fäuste eisenfest zusammen und die Füße stampften wüthig den Erdboden.
„Just so hitzig war Dein Großvater seltg auch," stimmte das Hausinventar darum auch lobend ein.
Der Frühling kam ins Land. Durch die Blätter erklangen verlockende Anpreisungen von Badeorten und neuentdeckten Sommerfrischen und die Modistinnen wetteiferten mit der Natur, um ihre Schätze auszustellen. Hildegard war mit einer bekannten Familie ins Bad gereist und so hätte für Felix eine glückliche Zeit kommen können, wenn der Vater nicht immer ernster geworden wäre. Es mußte ihn irgend etwas bedrücken. Auch die regelmäßigen Berathungen, welche der Prinzipal mit dem Procuristen zu haben pflegte, wurden häufiger. — Felix beobachtete den abgöttisch geliebten Vater unausgesetzt, und da er die Freude gewahrte, mit welcher dieser die letzten, besseren Schularbeiten durchsah, ward er fleißiger. Sonntags wanderten sie auch miteinander zu kleinen Excursionen vors Thor hinaus, ganz wie früher.
Felix' neues Glück dauerte aber nicht lange, Frau Stalling kehrte pünktlich zurück. Von Neuem ward der Knabe über die Seite geschoben. Es gab nun Landparlhien und kleine Gartenfeste draußen im „Familiengarten", an denen alte und neue Bekannte theilnahmen. Leider verstärkten sich dabei die Sorgenfalten aus Herrn Slallings Stirn. Endlich schien ein letzter Entschluß gefaßt. ,
„Die Firma ist durch überseeische Häuser in Verlust geräthen, sehr plötzlich," trat er eines Tages an die Gattin
heran, welche um diese Zeit immer am blumenverzierten Erkerfenster zu sitzen pflegte. Ich muß durchaus selbst nach Süd- amer.ka reisen, H'.lda, wenn tiefe Verluste nicht noch folgenschwerer werden sollen!" schloß er, indem er sie scharf beobachtete.
Em Zeichen des Bedauerns würde ihn sehr beglückt haben. Trotz alles Glückes, alles Stolzes, den er in ihrem Besitze empfand, mußte er oft an die Anfangszeit seiner ersten Ehe denken. Es hatte Jahre gedauert, ehe ihn Meta, die Erbin der Firma Petersen, erhört hatte, man war unter demselben Dache lange Zeit umeinander herumgegangen. Als aber der Bund geschlossen, war er kein äußerlicher geblieben. Aber auch Hildegards Antheilnahme blieb keineswegs aus.
„So — hast Du Sorgen, armer Mann?" frug sie freundlich.
„Noch nicht eigentlich — ich hoffe ihnen zu begegnen! . . Wer grüßte soeben von der Straße herauf, Hilda?"
„Lieutenant Laporte?"
„Du kennst — ihn lange schon?" frug Herr Stalling, wie beklemmt.
Hildegard erröthete flüchtig und sagte endlich: „Er war längere Zeit der Adjutant meines lieben verstorbenen Vaters und kam ost in unser Haus."
Herrn Stallings Miene war ruhig, schien aber noch ernster zu werden. Er wußte, daß Herr von Laporte zu den eifrigsten Verehrern Hildegards gehört hatte, aber er hatte es gleich anderen für eine einfache Courmacherei gehalten. Laporte galt als Ehrenmann und Hildegards Ruf war stets unantastbar gewesen. Dennoch hieß er den jungen Offizier in seinem Hause kaum willkommen. Auch wußte er, daß das Comptoirpersonal bereits bemerkt hatte, daß der Lieutenant sein Pferd vor dem Erkerfenster häufig courbettiren ließ.
„Ich möchte Dir einen Vorschlag machen, Hilda," sagte er überlegend.
„Nun?" frug diese entgegenkommend.
„Möchtest Du nicht mit Felix für den Rest des Sommers nach dem Familiengarten übersiedeln? Der Junge braucht frische Luft."
(Fortsetzung folgt.)


