Ausgabe 
27.7.1893 Zweites Blatt
 
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1893

Nr. 174 Zweites Blatt. Donnerstag den 27. Juli

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Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

und Anzeigeblatt für den Ktek Gießen

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Kchulstrahe "SSt.7.

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Vierteljähriger AöonnemcntspreiL, 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.

Durch die Poft btjogm 2 Mark 50 Pfg.

Dir Gießener

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Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme drS Montags.

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Hratisbeikage: chießener Iamikienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In. und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Feuilleton.

Heber die Amerikanerin

plaudert ein Berichterstatter derftöln. Ztg." in den im Feuilleton dieses Blattes erscheinendenbunten Bildern aus Chicago" wie folgt:

Ja, die Amerikanerin! Wer könnte dich beschreiben, du Sphinx, wer könnte dir gerecht werden, du vieltausendfarbige Lacerte! In Deutschland stellt man sich die Amerikanerin gewöhnlich als eine reiche und elegante Person ohne Bildung vor, die sich schon Morgens früh mit Seide und Brillanten schmückt und dann tagsüber auf Schaukelstühlen herumliegt und Candy schleckt, um Abends in Gesellschaft zu gehen und zuflirten"! Nun ja, es giebt schon solche, aber es gibt auch andere, ganz andere! Nämlich tapfere Arbeiterinnen auf der Heerstraße des Lebens, die sich als ledige Mädchen fleißig und selbstständig durch die Welt schlagen, als Ehe­frauen ihre Männer durch Mitarbeit in deren Geschäften oder durch eigenen Erwerb redlich unterstützen. Man be­kommt ordentlich Hochachtung vor diesen schlanken, blassen, zarten Dingerchen, wenn man sie beobachtet, wie fleißig und stramm sie arbeiten: hinter dem Schalter der Post und Tele« graphie, hinter den Ladentischen der großen Geschäfte, in der Schreibstube des Rechtsanwalts, im Empfangszimmer des Arztes, an den Maschinen der großen Druckereien, an den Staffen der Gasthöfe. Ueberall Damen, mitten unter den Herren und die gleichen Geschäfte erledigend. Sehen Sie, ich ziehe die Damen vor, sagte uns der Besitzer eines großen Geschäftes, denn sie sind regelmäßiger und nicht so frech wie die männlichen Beamten,- sie trinken nicht, sie bummeln nicht, sie rauchen nicht und sie schwätzen nicht während der Arbeit. Zudem sind sie sehr zuverlässig und rechnen durchgehends beffer als die Männer. Und dazu sind sie viel billiger! warf ein Europäer ein. "Why ? sagte der Amerikaner ver­wundert. Warum sollten sie billiger sein? Man bezahlt doch den Dienst, nicht die Person. Nein, billiger sind sie nicht. Ich schreibe eine Stelle aus: 25 Dollars die Woche. Es melden sich ein paar Leute und ich nehme den besten Bewerber. Ob Mann oder Weib: 25 Dollars die Woche. Da haben Sie den Hauptunterschied zwischen der Frauen­

arbeit in Europa und in Amerika. Bei uns drüben ist die Frau die Geduldete, hier die Gleichberechtigte. Dieser erste Erfolg, der nichts anders ist als der Ausfluß der ameri­kanischen Gerechtigkeit und Vorurtheilslosigkeit, stieg den Frauen naturgemäß zu Kopfe und auf diesem Erfolg bauten sie ihre Bestrebungen nach vollkommener Gleichberechtigung auf. In einzelnen Gegenden sind sie weit vorgedrungen da­mit. Wie Sie wissen, gibt es mehrere Staaten, in denen weibliche Rechtsanwälte plaidiren, weibliche Geistliche predigen, weibliche Richter Recht sprechen und bei der letzten Präsi­dentenwahl trat, wie Sie sich wohl noch erinnern werden, eine Dame sogar als Bewerberin um die Stelle eines Leiters der Geschicke der Vereinigten Staaten auf und heimste wirk« lich viele Tausend Stimmen ein.

So weit sind wir hier in Illinois noch nicht, aber die Frauen haben doch auch hier schon Zutritt in allen möglichen Stellungen der Verwaltung, des Handels und der Industrie gefunden und, wie schon gesagt, man beobachtet sie mit Achtung und Theilnahme bei der Arbeit. Und diese Theil- nahme verringert sich gewiß nicht, wenn man sie nach voll­brachter Arbeit bescheiden und selbstverständlich im Restaurant ihre bescheidene Mahlzeit einnehmen sieht oder wenn man ihnen nachschaut, wie sie sicher und ruhig in dem betäubenden Menschengewühl ihres Weges ziehen, ihre Bahn besteigen und so fort. Ob sie auch so gute Gattinnen und Mütter sind? Wer weiß, ich möchte es nicht bestreiten, aber ich möchte es auch nicht ganz bestimmt behaupten. Wenn ich sie so be­trachte, die durchgehends übermäßig schlanken Mädchengestalten mit dem herben Ausdruck um Mund und Wangen, mit den kühlen, grauen oder blaugrauen Augen, die einem so über­legen ruhig anschauen, dann denke ich mir, daß sie von der Natur wohl mehr dazu geschaffen sind, gute Kameraden eines Mannes zu fein, körperlose Wesen, die den Kampf ums Dasein getreulich mit durchfechten, als leidenschaftliche Liebesgöttinnen, um deren Huld ein Jüngling eine Dummheit macht, ein Mann ein Verbrechen begeht. Es steckt aber auch in diesen amerikanischen Weibern eine ganz andere Lebensanschauung als in unseren europäischen. Sie wollen nicht der Epheu sein, der sich liebend an irgend einer Eiche emporrankt, son­dern ihr Sinn geht danach, selbst Eiche zu sein. Die Heirath um der Heirath willen ist ihnen eine Lächerlichkeit, und wenn

keine Verbesserung ihrer Lage, und zwar eine wesentliche Ver­besserung, dabei herauskommt, so bleiben sie lieber Fräulein Lehrerin, Fräulein Bureauvorsteherin oder Fräulein Post- secrelär, als Frau zu werden. Und manche, die es gar nicht nöthig hätte, nimmt nach der Eheschließung die frühere Thä- tigkeit wieder auf, nur um vom Manne nicht wirthschaftlich abhängig zu fein, sondern über ein eigenes Einkommen zu verfügen und den Mann zu unterstützen.

Erleichtert wird den amerikanischen Frauen ihr ganzes Leben durch die hohe Stellung, die hier das Weib einnimmt. Wo auch immer ein Weib sich zeigt, wird es von jedem Amerikaner als Lady behandelt. Sobald eine Frau einen Fahrstuhl betritt, nehmen alle Männer, die sich darin be­finden, sofort den Hut ab. Sobald eine Frau in einen besetzten Straßenbahnwagen tritt, räumt ihr ein Mann einen Platz ein. Doch das sind schließlich äußere Dinge, auf die ich einen besonderen Werth nicht lege; ich theile sie nur mit, weil ich gerade von der Stellung der Frauen rede. Was ich weit, weit höher schätze, das ist die Thatsache, daß hier ein Weib in jedem Geschäft und jedem Bureau arbeiten kann, ohne befürchten zu müssen, daß Jemand ein unpassendes Wort an sie richtet, und weiter die Thatsache, daß in Amerika ein Weib in jedes Speisehaus eintreten und zu jeder Tages- und Nachtzeit über die Straße gehen kann, ohne daß ein Mann sich erlauben würde, sie anzureden oder ihr zu nahe zu treten. Und sollte es ausnahmsweise einmal geschehen, so würde jeder anwesende Amerikaner den Frechen sofort züchtigen und sich der Dame annehmen. Als ich diese Behauptungen zuerst hörte eine deutsche Dame sprach mir davon in Newyork hielt ich sie für übertrieben. Eigene Beobachtungen und die übereinstimmenden Mittheilungen von Eingeborenen und Deutsch-Amerikanern haben mich aber mittlerweile belehrt, daß dem in der That so ist. In der Stadt und auf dem weiten Gelände der Ausstellung gehen Damen selbst zu den spätesten Abendstunden völlig unangefochten allein ihres Weges. Niemand sieht sie auffällig an, Niemand behelligt sie durch ein Wort. Diese Erscheinung ist der Bewunderung würdig und der Berherzigung werth. Es ist beschämend für uns Bewohner des alten Culturlandes Europa, wenn wir unsere Zustände damit vergleichen.

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Lande, gesucht. cknbergerstr. 47. [6372 unges braves Ki-chea e Stunden des Tages zv iidit. SWerstrake 16.

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che das Kreisturnseii in Nachricht, daß zu den

unb Sonntag 8on ffurt Ahrpreiserniäßig. tägige Mtigleit) für 'den. Diejenigen Mil- aachen wollen, werden Samstag früh 10 Uhr, ir bei Hem Graveur von 2,70 Mk. dort zu tigt werden.

r kinM unter Vor­wenn er Ermäßigung 6556

Bekanntmachung,

die Wahl der Beisitzer für das Gewerbegericht der Stadt Gießen betreffend.

Für das demnächst in Wirksamkeit tretende Gewerbegericht sind 24 Bei­sitzer auf die Dauer von drei Jahren zu wählen und zwar die eine Hälfte aus der Zahl der wählbaren Arbeitgeber von den wahlberechtigten Arbeit, gebern und die andere Hälfte aus der Zahl der wählbaren Arbeiter von den wahlberechtigten Arbeitern.

Zum Beisitzer eines Gewerbegerichts kann nur berufen werden, wer das dreißigste Lebensjahr vollendet, in dem der Wahl vorangegangenen Jahr für sich und seine Familie Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln nicht empfangen oder die empfangene Unterstützung erstattet hat und in dem Bezirk des Gewerbegerichts seit mindestens zwei Jahren wohnt oder beschäftigt ist. Personen, welche zum Amt eines Schöffen unfähig sind, können nicht berufen werden.

Die Wahl findet Freitag, 28. Juli 1893, von Mittags 12 Uhr bis Abends 6 Uhr im Sitzungssaale des Bürger­meistereigebäudes statt.

Die wahlberechtigten Arbeitgeber und Arbeiter werden daher ein­geladen, in der angegebenen Abstimmungszeit sich persönlich einzufinden und ihre Stimmen abzugeben.

Gießen, 17. Juli 1893.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

_______________________Gnauth.______________________6329

Freitag den 28. Inti, yorm. von 11 Uhr an, wird der Mobilien - Nachlaß des Kaufmanns Wilhelm Rinn III. in Heuchelheim meistbietend daselbst versteigert. Besonders kommen zum Ausgebot: 2 Sophas, Tische, Stühle, Uhren, 1 Regulator, 1 zweithüriger Glasschrank, polirt, 1 Nähmaschine, Kommode, mehrere Betten, Nacht­tische, ein- und zweithürige alterthümliche Kleiderschränke, darunter einer mit Elfenbein eingefetzt, Spiegel, Sessel. Bücher, dabei Göthes Faust mit Zeichnungen, Meyers Conversations- Lexikon, 1 Obstmühle mit Kelter, 1 Kaffeebrenner, 3 arofte Teppiche, Koffer, Tasche, Bilder, Küchenschrank mit Glas­aufsatz, Porzellan, Weißzeug, Stoßkarren, Bütten, Küchen­geschirr, Silber-, Goldsachen u. f. w.[6531

doch achte man genau auf Firma und Etiquette: [9402

Th. Voigt, Würzburg, und nehme kein anderes. Vertreter gesucht.

Zwangsversteigerung. Freitag den 28. ds. Mts., Vormittags von 9V2 Uhr an, versteigere ich gegen Baarzahlung in der von dem Betr Schuldner im Hause des Herrn Dachdeckermcister Ehr. Jockel dahier innegehabten Wohnung:

HauS- und «üchengeräthe aller Art, darunter 1 Schreibtisch, 2 SophaS, 1 Weitzzeugschrank, 3 Tische, 6 Stühle, 1 Eommode, 1 Regulator, 1 gr. Spiegel, 1 Bertieow, 1 Bett, 2 Wasch­tische, 2 Nachttische u a. m.

Ferner ca. 13000 Stück «igarre«, 1 Deeimalwaage, 4 Pferdedecke«, 35 Fäßchen Wagensett, 1 Fatz mit weißer Aarbe, 1 Sack Bohnen und verschiedene andere Waarenrette, sowie leere Kisten und Weinflaschen.

Hungen, am 24. Juli 1893.

Seipel, 6525 Gerichtsvollzieher zu Hungen.

Aeisgeöotenes.

Ausverkauf!

Wegen der am ersten August vor­zunehmenden Verlegung unseres Ge- schäftslocaleS nach dem Hause des Herrn Bang, Seltersweg 25, wollen wir einen Theil unseres Waa- renlagers:

Corsetten, Schirme, Schür­zen, Hemden, Strümpfe, Handschuhe u. s. w.

zu herabgesetzten Preisen ausverkaufen.

Geschw. Aron, Marktstr. 32.

Der Ausverkauf findet bestimmt nur bis zum ersten August statt.

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