Ausgabe 
27.5.1893 Zweites Blatt
 
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rtt. 122. Zweit«« Blatt.

Samstag dm 27. Mai

1893

Gießewr Anzeiger

General-Wnzeiger.

Amts« und Zlnzeigeblatt für den Kreis Gieszen

Rkdaction, Expedition und Druckerei:

Sckiurgrahe Wr.7.

Fernsprecher 51.

Vierteljähriger Htvonnementspreir: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pf-.

Dir Gießener ^amikienstälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der chiehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Kamitienblätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

der Ladungen ist innerhalb 5 Tagen anzuieigen. Die Gr. Biirgcrmcistcrcicn, deren Gemeinden zum Auehebnngsbczirk Gießen und Lich gehören, werden auf die denselben bereits zngcgangcne besondere Verfügung vom 24. l. Mts. verwiesen, welche genau zn befolge» ist. Die Militärpflichtige« sind außerdem anzuweiscn, ihre Loosungsschcine mit zur Stelle zu dringen.

Die zur Beurtheilung von Reklamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.

Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich anzuzeigcn und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weg- gezogen ist, zugleich anzugebcn, wohin derselbe verzogen ist.

Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober- Ersatz-Geschäfte bis zum Schluß des gesammten Geschäfts selbst anwesend zu sein, um bei der Untersuchung von Feld- dienstuntauglichen sowie Invaliden ev. Auskunft geben zu können, auch haben sich dieselben darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen, den Ladungen entsprechend, eine Stunde vor Beginn des Geschäfts zur Stelle sind.

Gießen, am 25. Mai 1893.

Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.

Dr. Melior, Regierungsrath.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betr. das Ober-Ersatzgeschäft für 1893.

Nachdem der Reiseplan Seitens der Grofih. Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 19. Infanterie-Brigade geändert wor­den ist, wird das Ober-Ersatzgeschäft für 1893 im Kreise Gießen nunmehr wie solgt stattfinden:

Donnerstag den 8. Juni im Rathhause zu

Lich, Vormittags 8 Uhr,

Freitag den 9. Juni daselbst, Vorm. 8 Uhr, Samstag den 10. Juni in dem Schulhause in

der Schulstraße zu Gießen, Vormittags 8 Uhr, Montag den 12. Juni daselbst, Vorm. 8 Uhr, Freitag den 16. Juni daselbst, Vorm. 8 Uhr, Samstag den 17. Juni im GasthausZum

Rappen" zu Grünberg, Vormittags 8 Uhr.

Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden -Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzog­lichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Infanterie- Brigade in fämmtlichen Aushebungsorten zu ge­sellen:

a. die für dauernd untauglich befundenen Militärpflich­tigen, soweit denselben eine besondere Ladung zugeht;

b. die zum Landsturm I in Vorschlag gebrachten Mili­tärpflichtigen ;

2. die zur Ersatz-Reserve in Vorschlag gebrachten Mili­tärpflichtigen ;

d. die von der Ersatz-Commission als tauglich und ein­stellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließ­lich derjenigen aus früheren Jahrgängen;

e. die von den Truppentheilen zur Disposition der Er­satz-Behörden entlassenen Soldaten;

f. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.

Den Großherzoglichen Bürgermeistereien, deren Gemein­en zum Aushebungsbezirk Grimberg gehören, werden beson­dere Ladungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche den Betreffenden unverzüglich zuzustellen sind. Der Vollzug

Feuilleton.

Heiteres aus dem Schlitlenfahrerleben.

lieber das Treiben der LondonerSchlittenfahrer" Wechsel- und Waarenschwindler) erhält dieKöln. Volksztg." von ihrem Correspondenten ab und zu ausführliche Schil­derungen, welche die Gemeingefährlichkeit dieser Gaunersorte irefflich beleuchten. Vor einiger Zeit hat das genannte glatt nun wieder einen Artikel veröffentlicht, in dem diesem Capitel auch eine humoristische Seite abgewonnen ist. Oer Berichterstatter erzählt u. A.:

Der Schlittenfahrer V. verband sich mit dem Erzschlitten- sahrer I., um einmalin Baumwollwaaren zu machen". Es glückte den Beiden auch, einen großen Posten einer deutschen Zaumwollweberei abzujagen. Die beiden Geschäftstheilhaber .reuten sich ungemein über den gelungenen Streich. V. saß I einem Club und dachte darüber nach, wie er I. betrügen 'onne, um das Geld für die Maaren, wenn sie verkauft seien, allein behalten zu können. I. saß in einem anderen Club md dachte genau wie sein Theilhaber. Nun gibt es hier in London zwei mächtige Firmen vonSchürfern", über deren ivahren Character die Welt in Erstaunen gerathen würde, erführe sie, daß es Schwindelfirmen sind. Ich habe die feste lleberzeugung, könnten die beiden Firmen vernichtet werden, bieSchlittenfahrt" wäre in gegenwärtigem Umfange un­möglich. In ihren gewaltigen Speichern verschwindet so Manches, was den (meist deutschen) Fabrikanten von gewissen- iojen Schurken abgeschwindelt wurde. Sie kaufen nur gegen Cassa. Nachdem eine Rechnung und Quittung zum richtigen Preise ausgestellt, werfen sie dem Schlittenfahrer seinen Sündenlohn hin- die Maaren gehen mit dem nächsten Schiff nach Australien oder Afrika, wo sie wieder zum richtigen Preise auftauchen. Dieehrlichen" Inhaber dieser Firma firib schon ihres Reichthums wegen gegen Angriffe gefeit, aber demnach können sie hereinfallen, wie es in dem Falle der ob'M erwähnten Schlittenfahrer V. und I. geschah. Das ttivr so: I., der Altvater der Schlittenfahrer, war mit

Gießen, den 24. Mai 1893.

Betr.: Die Besichtigung der Faselthiere.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der zu den Körbezirken Gießen und Hungen-Lich gehörenden Gemeinden des Kreises.

Die Besichtigung der ^Gemeinde - Zuchtstiere, Zuchteber, Ziegen- und Schafböcke durch die Kör-Commissionen Gießen bezw. Hungen-Lich wird an folgenden Tagen stattfinden:

Samstag den 27. Mai zu Hausen, Garbenteich, Watzenborn, Steinberg und Lang-Göns;

Montag den 29. Mai zu Steinbach, Albach, Annerod, Oppenrod, Burkhardsfelden und Reiskirchen;

Mittwoch den 31. Mai zu Rödgen, Trohe, Großen- Buseck, Alten-Buseck und Wieseck;

Donnerstag den 1. Juni zu Gießen, Daubringen, Mainzlar, Staufenberg, Ruttershausen und Lollar;

Samstag den 3. Juni zu Heuchelheim, Klein-Linden, Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden und Leihgestern-

seinem Plane zuerst fertig- er besaß den Frachtbrief über die auf dem Bahnhof lagernden Maaren. Damit ging er zu einer der beiden erwähnten Firmen und ließ sich daraus einen Vorschuß von 8 Pfd. Sterl. zahlen. V. war zu dem Be­schluß gekommen, daß er die Maaren sofort haben müsse, und da das ohne Frachtbrief nicht möglich, so fälschte er sich einfach einen solchen, holte die Maaren und verkaufte sie an die zweiteSchärferfirma". Als die erste Firma eine Stunde später die Maaren in Empfang nehmen wollte, war nichts mehr da, und da sie die Oeffentlichkeit zu scheuen hatte, zog sie es vor, die 8 Pfd. Sterl. zu verlieren und den Mund zu halten.

Rache ist aber süß, und Rache wollten die Herren Schärfer haben. Daher beauftragten sie einige durchtriebeneBrüder", folgenden Stteich gegen die andereSchärferbande" aus­zuführen: Zwei Schlittenschieber gingen nach Paris und gründeten dort eineFirma"; zwei andere Schieber grün­deten gleichzeitig in London eineFirma" und darauf begann der Tanz. Eines Tages gingen die Londoner Schieber zu der auserlesenen und zu betrügenden Schärferfirma und zeigten eine bill of lading für mehrere aus Paris kommende Ballen Seidenstoffe. Die Sendung war mit 3000 Pfund Sterling versichert und lagerte zur Verzollung im Zollamt. Die Schwindler gaben vor, kein Geld zum Verzollen der erschwindelten Maaren zu haben, und erklärten sich daher bereit, die ganze Sendung gegen ein Entgelt von 1200 Pfd. Sterling losschlagen zu wollen. Der Handel war gemacht, die Schlittenfahrer steckten ihre Checks ein und machten sich aus dem Staube. Vorsichtshalber hatten sie sich die Summe in mehreren kleinen Checks ausstellen lassen, damit diese sich leicht unterbringen ließen. Das gelang denn auch und alle Checks waren im Augenblicke durch Helfershelfer umgesetzt. Einer dieser Gefälligkeitsmenschen, ein berüchtigter Clubwirth, Hehler und Schieber, war dabei zu langsam. Als der ihm zugewiesene Check bei der Bank vorgewiesen wurde, war schon etwas passirt", und so wurde der Mann angehalten. Die Schärferfirma hatte nämlich die angeblichen Ballen mit Seidenstoffen inzwischen verzollt und nach Hause geholt. Das

Dienstag den 6. Juni zu Langsdorf, Bettenhausen, Bellersheim, Obbornhofen, Utphe, Trais - Horloff und Inheiden;

Donnerstag den 8. Juni zu Hungen, Steinheim, Rodheim, Rabertshausen und Langd;

Freitag den 9. Juni zu Lich, Birklar, Muschenbeim, Dorf-Gill, Grümngen, Holzheim, Eberstadt und-Ober- Hörgern.

Sie wollen die Besitzer der Bullen, Eber, Ziegen- und Schafböcke anweisen, an den bezeichneten Tagen zu Hause zu bleiben und die Thiere der Kör-Commission bei bereit Ein­treffen vorzusühren, sich auch selbst bereit halten, um der Com- Mission auf Nachsuchen förderlich sein zu können, bezw. die Beigeordneten hierzu anweisen.

__________________v. Gaqern.___________________

Bekanntmachung,

betr. Obstbauverein.

Herr Obstbautechniker Metz von Friedberg wird die nachstehend verzeichneten Orte des Kreises Gießen an den beigemerkten Tagen zum Zweck der Abhaltung von Ver­sammlungen und von Hebungen in den Baumstücken be­suchen. Alle Mitglieder des Obstbauvereins und Freunde des Obstbaues werden zu zahlreichem Besuch eingeladen.

Gießen, 19. Mai 1893.

Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen. Rebel, Amtmann.

29. Mai Ober-Bessingen, 31. Mai Steinbach,

30. Mai Nieder - Bessingen, 1. Juni Garbenteich.

verkehr, £anÖ» «nd volkrrvirthschaft.

t »obeuhausen (Kr. Schotten), 25. Mai. Der heutige erste Tag unseres zweitägigen Psing st markteS gehörte dem Lteh- martt. Der Rtndvtehmarkt zeigte schwachen Austrieb bei sehr mattem Handel. Die Preise hielten sich auf der seitherigen ntederm Stufe, nur diejenigen für die Saugkälber fielen noch tiefer. Der Futter­mangel und das Anhalten der Trockenung drücken eben Handel und Preise beim Rindvieh immer ersichtlicher. Auffallend bleibt e8, daß man bei solch tiefen Preisen für Kälber hier noch 50 bis 60 Pfennig für ein Pfund Kalbfleisch bezahlt. Recht gut war der Schweinemarkt befahren; hier entwickelte sich denn auch ein viel lebhafterer Handel bei sehr hohen Preisen. Man bezahlte für das Paar Ferkel zweiter Qualität im Durchschnitt 50 bis GO Mark, erster Qualität 60 bis 70-80 Mk. Die Läufer waren im Verhältniß zu denjFerkeln billiger; es galt das Paar durchschnittlich 80 bis 90 und 90 bis 110 Mk. Fette Schweine waren nicht aufgetrieben. Der morgige Markt gehört dem Krämermarkt.

angegebene Gewicht stimmte, aber der Inhalt bestand in alten Lumpen!

* * *

Wenn so einAltmeister der Schlittenfahrt" dasDieS- feitige segnet", so regt sich in den Gemüthern seinerSöhne" etwas. Es ist nicht Trauer um den theuren Dahingeschiedenen, der einst seinenSchlitten" mit lustigem Geläute durchs Leben führte, sondern es ist der Wunsch, daß derMantel" des tobten Schiebers zurückbleibe, sei es in der Form einer Hinterlassenschaft in blankem (Selbe ober in verkäuflichen Maaren, ober sei es bie eine ober andere guteVerbindung", durch die sich etwas erschwindeln läßt. Zu den derartig Be­trauerten gehörte auch der Altmeister v. R., der zu Lebzeiten in allen Zweigen der Schlittenfahrer-Kunst" unübertroffen war. Dieser R. machte außer den Wohlthätern Londons auch der deutschen Kaufmannschaft viel zu schaffen und wickelte" so manchen Fabrikantenein". Als R. seinem Ende nahe war, lag er im deutschen Hospital und dachte darüber nach, ob er schon einmal in seinem Leben etwas Gutes gethan- er fand, daß er sich dessen nicht anzuklagen habe. Da traten unmittelbar nacheinander zwei seiner Söhne" ein, die sich feind waren; sie wollten ihrem Freunde noch einmal die Hand drücken und trafen nun gegen ihren Willen an seinem Sterbebette zusammen. Was R. in seinem ganzen Leben nicht vorgekommen, geschah auf seinem Sterbe­bette : er that etwas Gutes, indem er seine beiden Freunde miteinander aussöhnte.

Ein Anderer, B., hatte ein bewegtes Schlittenfahrer­leben hinter sich, als derSensenmann" ihn auf offener Straße niederschlug. B. war von seiner Schlittenfahrer­kneipe in Houndsditch aus mit einem Vermögen von 9 Pence und zwei Pfandscheinen auf dem Wege nach dem deutschen Hospital, um sich dort ärztlichen Rath zu holen, als bet Tob ihn ereilte. Er hatte nur noch Zeit, einem Poli- giften bie Abresse der Kneipe in Houndsbitch anzugeben. Da natürlich eine Leichenschau erforberlich war, wurde bie Polizei beauftragt, ben Namen und bie Beziehungen des Verstorbenen festzustellen. (Fortsetzung folgt.)