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26.5.1893 Erstes Blatt
 
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m. 121 Erstes Blatt

Freitag den 26. Mai

1893

Ter chte^ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montagö.

Die Gietzrner Aamikienbkälier werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

vierteljähriger Abonnementspreli: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

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Zlints- und Zlnzeigeblutt fitr den Kreis Gietzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

chratisbeil'age: Gießener Aamikienblatter.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Tbeil.

Nr. 18 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 19. d. M., enthält:

(Nr. 2101.) Staatsvertrag zwischen Deutschland und den Niederlanden, betreffend die Eisenbahn von Sittard nach Herzogenrath. Vom 28. November 1892.

Gießen, den 24. Mai 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Harbach.

Nachdem in einem Gehöft zu Harbach die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden ist, haben wir die Sperre des be- treffenden Gehöfts und weiter verfügt, daß Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine aus der genannten Gemarkung bis auf Weiteres nur zur sofortigen Abschlachtung und nur auf Grund eines Gesundheitszeugnisses der Bürgermeisterei ausgeführt werden dürfen.

Gießen, den 24. Mai 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern.

Lehrer-Conferenz

des Confercnz-Bezirks Gießen Mittwoch den 31. Mai, Bormittags 10 Uhr

in Gießen, (Lieder- 116, 142, 143.)

des Confercnz-Bezirks Grünberg Donnerstag den 1. Juni, Bormittags IO Uhr in Grünberg.

(Lieder: 31, 59, 190.)

Gießen, den 24. Mai 1893.

________________Büchner, Schulrath.________________

Bekanntmachung.

Die Provinzial - Fohlenweide bei Merlau beginnt in diesem Jahr wegen seitheriger allzutrockener Witterung erst am 15. Juni. Die Fohlen muffen an diesem Tage zwischen 10 und 1 Uhr Mittags daselbst mit gezeichneter Halfter und Kette, sowie mit Gesundheitsschein von Großherzoglicher Bürgermeisterei oder Veterinärarzt abgeliefert und den 15. October d. I um dieselbe Tageszeit abgeholt werden, wobei der Besitzer beim Einfangen behilflich sein muß.

Die Fohlen erhalten, nebst Behandlung und Weidefutter auf circa 34 Hektaren, bei trockenem Wetter Kleegras oder bei nassem Wetter Heu und außerdem pro Tag und Stück 1V2 Pfund Hafer aus der Vereinskaffe. Jeder Besitzer kann jedoch Haferzusatz in Natur oder durch Selbstzahlung geben lassen.

Das Weidegeld für bezeichnete Zeit von vier Monat beträgt pro Fohlen 39 Mk. 04 Pf. oder pro Tag 32 Pf. und muß die Hälfte beim Eintrieb und die andere Hälfte vor dem 1. August l. I. an die Verwaltung resp. Groß­herzoglichen Baurath Dr. Dieffenbach in Grünberg bezahlt werden. Allenfallsige Kurkosten der Fohlen muß der Eigen- Ihümer bezahlen. Letzterer kann wegen begründeter Verhält­nisse sein Fohlen zu jeder Zeit zurücknehmen und bezahlt dann nur die benutzte Weidezeit. Kranke und bösartige Thiere, sowie über IVi Jahr alte Hengste, welche die anderen Thiere stören, können ausgeschlossen werden. Sonstige Auskunft er- thellt der genannte Großherzogliche Baurath Dieffenbach. Bei weiter anhaltender trockener Witterung kann die Weide auch früher geschloffen werden.

Laubach, den 20. Mai 1893.

Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins von Oberhessen. Friedrich Graf zu Solms-Laubach.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 24. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empsingen gestern u. A. den Postdirector Wüst von Friedberg und den Regierungsrath Melior von Gießen.

Berlin, 24. Mai. Der Kaiser hat sich nach Pröckel- Witz in Ostpreußen behufs Abhaltung von Jagden begeben, lieber den Tag der Rückkehr des hohen Herrn von diesem Ausfluge ist bis zur Stunde noch nichts Genaueres bekannt.

Vielfach ist die Meinung verbreitet, daß die Reichs­regierung gesonnen sei, behufs Deckung der Kosten der euch dem neuen Reichstage vorzulegenden Militäroorlage Auf eine Erhöhung der Brausteuer und der Verbrauchsabgaben

von Branntwein zu verzichten und statt dessen mit einer stärkeren Belastung des Tabaks oder auch mit Einführung eines Branntwein-Monopols vorzugehen. DerReichsanzeiger" erklärt indessen jetzt diese Behauptungen als unbegründet und lediglich zur Beunruhigung weiterer Jnteressenkreise erfunden, eine Erklärung des ossiciellen Blattes, welche hoffentlich den Versuchen, die Gerüchte über die angeblich geplante Brannt- wein-Monopolisirung oder über eine beabsichtigte Tabaksteuer-. Erhöhung im Wahlkampfe zu verwerthen, rasch ein Ende machen wird. Uebrigens versichern anderweitige Berliner Meldungen, daß die verbündeten Regierungen keineswegs entschlossen seien, an der bislang vorgeschlagenen Deckungs­weise der Kosten der Militärvorlage starr festzuhalten, viel­mehr würden sie bereitwilligst die Möglichkeit einer ander­weitigen Deckung der erforderlichen Mittel erörtern, falls eine solche von der Reichstagsmehrheit vorgezogen würde. Bis jetzt mangele es aber, ganz abgesehen von der Ungewiß­heit über die Mehrheitsbildung im künftigen Reichstage, an einigermaßen verläßlichem Anhalt dafür, daß andere Steuer­pläne größeres Entgegenkommen finden würden.

Der so lange vergeblich erwartete Wahlaufruf der Centrumspartei fist endlich erschienen. Er charac- terisirt sich hauptsächlich durch seine entschiedene Stellungnahme gegen die Militärvorlage, von welcher der Aufruf sagt, daß sie dem Nährstande eine bleibende übermäßige, bis zur Er­schöpfung gehende Belastung auferlege. Der Wahlaufruf erklärt daher, daß der Widerspruch gegen die Militärvorlage und gegen den Antrag Huene das Feldgeschrei des Centrums in der Wahlschlacht sein werde. Die Partei sei aber bereit, unter Berücksichtigung der Steuerkraft des Volkes und des Budgetrechtes des Reichstages alles Erforderliche für ein starkes Landheer und eine ausreichende Seemacht zu bewilligen- das Centrum werde im Uebrigen an den Windthorst'schen Resolutionen als seiner Richtschnur in künftigen Heeresfragen festhalten. Weiter stellt die Kundgebung die Wiedereinbringung deS Jesuitenantrages im Reichstage in Aussicht, wendet sich gegen den Soctalismus, betont die Thätigkeit des Centrums in der socialpolitischen Gesetzgebung und schließt mit ver­schiedenen Forderungen.

Der antisemitische deutsch -soziale Parteitag hat in Hannover an diesem Dienstag mit allen gegen sieben Stimmen folgende Resolution beschlossen:Der Parteitag hält an der früher seitens des Parteivorstandes abgegebenen Erklärung, daß Ahl wardt nicht Mitglied der deutsch-sozialen Partei sei, fest und lehnt jede Verantwortung für die poli­tische Wirksamkeit des Herrn Ahlwardt ab."

Am Samstag ist von dem Provinzial-Schulcollegium die Dienstentlassung Ahlwardt's als Rector der städtischen Gemeindeschule verfügt worden. Es scheint der Ausgang des endlosen Disciplinarversahrens gegen ihn gar nicht abgewartet worden zu sein. Gegen diese Verfügung steht dem Entlassenen nur die Beschwerde an den Minister zu.

Dresden, 22. Mai. Das Generalcommando des zwölften (königl. sächs.) Armeecorps hat bestimmt, die Uebungszeit der Landwehrmannschaften ersten Aufgebots der Feldartillerie, in i deren Uebungszeit nach den erlassenen Bestimmungen der Wahltag gefallen wäre, um einen Tag zu verkürzen und gleich­zeitig derart zu verlegen, daß dieselbe vom 29. Mai bis 10. Juni dauert.

Ausland.

Wien, 24. Mai. Zu der gestrigen ossiciellen Begrüßungs­versammlung des Congresses deutscher Philologen und Schulmänner waren über 400 Theilnehmer aus Deutschland, Oesterreich und Ungarn erschienen. Vom Unter­richtsministerium war Ministerialrath Wolf anwesend. Der Präsident, Hosrath Härtel, begrüßte die Versammlung. Hof­schauspieler Levinsky trug ein von Baron Berger verfaßtes Festgedicht vor. Der übrige Theil des Abends wurde in geselliger Unterhaltung verbracht. Unter den Erschienenen aus Deutschland befanden sich die Professoren Kekule, Tobler, Erich Schmidt, Oskar Jäger und Geheimrath Oechelhäuser.

Aus Wien wird das Ableben des greisen Staats­mannes und ehemaligen österreichischen Ministers An ton Ritter v. Schmerlings gemeldet, der im politischen Leben des Donaustaates lange Zeit hindurch eine ungemein hervorragende Rolle gespielt hat. Der Verstorbene wurde am 23. August 1805 zu Wien geboren und trat mit 24 Jahren in den österreichischen Justizdienst ein, in dem er rasch avancirte. Schmerling machte sich bald einen populären Namen als frei­sinniger Politiker, zeichnete sich als solcher in der März­bewegung des Jahres 1848 aus und ward nach dem Sturze Metternichs von der neuen österreichischen Regierung nach Frankfurt a. M. gesandt, um an den Berathungen über einen Verfassungsentwurf für Deutschland theilzunehmen. 15. Juli

1848 erhielt Schmerling seine Ernennung zum Reichsminister, er konnte sich jedoch in dieser Stellung infolge seiner ent» schieden antipreußischen Gesinnung nur wenige Monate halten. Vom Juli 1849 bis Anfang 1851 war er Justizminister int Ministerium Schwarzenberg, dann ward er zum Senatspräsi­denten des obersten Gerichtshofes und später zum Präsidenten des Oberlandesgerichtes in Wien ernannt. Nach Einführung der neuen österreichischen Reichsverfassung erblickten die öster­reichischen Liberalen in Schmerling den zukünftigen Reformator Oesterreichs und seine 1860 erfolgte Ernennung' zum StaatS- minister mit besonderen Vollmachten wurde daher von der öffentlichen Meinung deS Kaiserstaates freudig begrüßt. Aber Schmerling rechtfertigte in nur sehr geringem Grade die auf ihn gesetzten Erwartungen; seine innere wie seine äußere Politik, welch letztere durchaus gegen Preußen gerichtet war, wies schwere Fehler und bedenkliche Mißgriffe auf. Am 27. Juli 1865 ward er auf Ansuchen seines Ministerpostens enthoben und zum Präsidenten deS obersten Gerichtshofes ernannt, worauf zwei Jahre später seine Berufung in daS österreichische Herrenhaus als erbliches Mitglied erfolgte. 186165 war Schmerling Mitglied des böhmischen Land­tages, zugleich vertrat er von 186167 die Stadt Wien in der Landesversammlung Niederösterreichs. Seit seiner Be­rufung auf den Posten als Leiter des obersten Gerichtshofes trat Ritter v. Schmerling im politischen Leben Oesterreichs nur noch wenig hervor, doch wurde er bis zuletzt als einer der Veteranen der liberalen Partei gefeiert. Das Hinscheiden des verdienten Patrioten hat in weiteren Kreisen Oesterreichs allgemeine Theilnahme hervorgerufen.

Paris, 24. Mai. Die Akademie der Wissenschaften wählte Professor Wiedemann in Leipzig zum correspondirenden Mitgliede der physikalischen Section.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondmz-Bureau.

Berlin, 24. Mal. Der Kaiser hat dem General v. Rauch anläßlich dessen heutigen 50jährigenDienstjubiläums das Großkreuz des Rothen Adlerordens mit Brillanten ver­liehen. In der beigefügten königlichen Cabinetsordre spricht der Kaiser dem General seinen Dank aus für die Dienste, die er den Vorfahren geleistet hat, und drückt gleichzeitig seinen innigen Glückwunsch aus. Ferner übersandte der Kaiser sein Bildniß in einem prachtvollen Goldrahmen und mit eigenhändiger Unlerschrist. Auch die Kaiserin Friedrich, sowie Prinz Alexander sandten Glückwünsche. Prinz Fried­rich Leopold erschien an der Spitze einer Deputation des Regiments der Garde-du-Corps. Außerdem erschienen zahl­reiche andere militärische Deputationen zur Gratulation.

Leipzig, 24. Mai. Bei der heutigen zweiten Plenar­sitzung der allgemeinen deutschen Lehrer-Ver­sammlung hielt Kreisschulinspector Scherer-Worms einen Vortrag über die Simultanschule in ihrer Eigenschaft als Schule der Zukunft. Trotzdem die für die Simultanschule eintretenden Thesen des Referenten vielfachen Widerspruch fanden, wurden sie doch von der Mehrheit der Versammlung genehmigt. Ein weiterer Beschluß stimmte der Vereinigung des allgemeinen deutschen Lehrertages zu. Morgen findet die letzte Plenarversammlung statt.

Wien, 24. Mai. Der Congreß deutscher Philo­logen und Schulmänner har die Bildung der einzelnen Sectionen vorgenommen. Zu Vorsitzenden derselben wurden gewählt u. A.: Wackernagel-Basel (indo-germanische Section), Finger Wien (naturwissenschaftliche Section), Christ-München (philologische Section), Meyer-Lübke-Wien (romanische Section), Uhlig Heidelberg und Jäger-Köln (pädagogische Section).

Wien, 24. Mai. Der Congreß deutscher Philo­logen und Schulmänner wurde heute in dem Festsaale der Universität feierlich eröffnet. Die Zahl der Anwesenden, unter denen sich die Minister unter Führung des Grafen Taaffe befanden, betrug mehr als tausend. Der Präsident Haertl begrüßte den Congreß und bewillkommnete zunächst jene, welche aus dem deutschen Reiche und den Ländern der deut­schen Zunge herbeigeeilt waren, und sprach alsdann seine auf­richtige Freude über das Erscheinen der zahlreichen Arbeits­genossen aus Ungarn, Böhmen', Galizien, Krain, Italien, Bulgarien, Serbien und Rumänien aus. Hierauf begrüßte der Vicebürgermeister die Versammlung Namens der Stadt Wien. Im Namen des Kaisers begrüßte die Anwesenden der Unterrichtsminister Dr. v. Gautsch, welcher in seiner Ansprache die Verdienste seines Amtsoorgängers Grafen Thun hervorhob, dessen Denkmal heute enthüllt werden soll, und auf die Gemeinsamkeit der staatlichen Zwecke in den Schul­fragen hinwies. Kein staatliches Schulwesen dürfe sich isoliren. (Lebhafter Beifall). Die Anwesenden begaben sich hierauf zur feierlichen Enthüllung des Denkmals für den Grafen Thun.