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Drittes Blatt. Sonntag den 24. September ________________
Sießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
1893
Vierteljähriger >!#■■< mc*U»ttUi 2 Marl 20 Psß. urc Bnngerlohn.
Durch die Post bqo<e 2 Mark 50 Pj§.
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Zum Bezug des „Gietzenev Anzeiger" für des 4. Vierteljahr 1893 laden wir hiermit ergebenst rin. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich- tm-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" fernes in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wisfens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschäft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Ilaterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Aietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. ausgeben zu wallen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. October den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Äummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements
betrag durch Quittung erheben Riffen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
Die Hoffnungen auf eine Friedensära und einen Aufschwung des wirthschaftlichen Lebens.
Obwohl das Vorhandensein ehrgeiziger und kriegslüsterner Parteien im Westen und Osten Europas nicht abzu- läugnen ist, so durchzieht doch in der Hauptsache ein mächtiges Sehnen nach Ruhe und friedlicher, ertragreicher Arbeit die Gemüther der Völker, und die Hoffnungen auf eine lange Friedensära und einen Aufschwung des wirthschaftlichen Lebens sind im Steigen begriffen. Nicht irre machen lasten darf man sich an diesen Hoffnungen und Vertrauen durch zeitweise Alarmgerüchte oder üble geschäftliche Erfahrungen, denn der Schutz des europäischen Friedens liegt in so festen Händen und wird mit so colossalen Machtmitteln unterstützt, wie cs seit Menschengedenken noch nicht der Fall gewesen ist. Auch ist auf politischem und socialem Gebiete das Aufrollen einer großen Frage in den nächsten Monaten und Jahren nicht zu befürchten, denn die Anzeichen für eine politische oder sociale Umwälzung sind in keinem europäischen Staate vorhanden. Zudem wächst in allen Ländern, auch wenn es in Frankreich und Rußland osficiell nicht zugestanden wird, das Vertrauen zu der Friedensliebe und der friedlichen Cultur- arbeit Deutschlands und zu der Fähigkeit des deutschen Reiches und seiner Verbündeten, den Frieden in Europa zu gebieten und Umwälzungen vorzubeugen. Nicht wenig trugen dazu die Verstärkung des deutschen Heeres und die von aller Welt bewunderten großen militärischen Schauspiele in Elsaß- Lothringen, Baden und Württemberg und die damit verknüpften aufrichtigen und herzlichen Huldigungen für unseren thatkräftigen Kaiser, den erlauchten Schi, mherrn des Reiches, bei, und eine ebenso herzliche als deutliche Kundgebung der Friedensmächte sist ferner auch die Anwesenheit des Kaisers Wilhelm und des Königs Albert von Sachsen an der Sette des Kaisers und Königs Franz Josef zu den großen Manövern in Ungarn. Dagegen sind und bleiben die Flottenbesuche zwischen Rußland und Frankreich nur Theaterstückchen mit Blendfeuerwirkung. Da scharf urtheilende Franzosen, wie der im ,/F'garo" erschienene Artikel „alliance ou flirt“ be weift, und nüchtern denkende Russen, wie man in letzter Zeit in mehreren russischen Zeitungen lesen konnte, selbst scharfe Kritiken über das „in der Luft schwebende französisch-russische Bündniß" fällen, so können diese Demonstrationen weiter
nichts als diplomatische Taclik sein und müsten auf den wirklichen Gang der Politik ohne Einfluß bleiben.
Die Hoffnung auf eine Friedensära kann sich deshalb zur Zuversicht steigern, und damit scheint auch die große Vorbedingung für ein neues Aufblühen des wirthschaftlichen Lebens gegeben zu sein, zumal billiger CapitalzinSfuß, billige. Lebensmittel und billige Rohproducte den Unternehmungsgeist auf industriellem und commerziellem Gebiete zu neuen Thaten ermuntern. Bei dem innigen Zusammenhänge aller Zweige deS wirthschaftlichen Lebens, wonach ein Unternehmen immer belebend auf eine Anzahl andere wirken muß, ist dann aber, wenn sich erst der Unternehmllngsgeist mehr regt, ein allgemeiner wirthschaftlicher Aufschwung zu hoffen.
DermifdptH.
♦ Elberfeld, 20. September. Die hiesige Strafkammer verhandelte gestern gegen die Ehefrau eines Eisenbahnbeamten von Solingen, ein früheres Ladenmädchen, welches es verstanden hatte, in verhältnißmäßig kurzer Zeit sich das nette Sümmchen von ungefähr 11 000 Mk. zusammenzustehlen. Sie war fünf Jahre lang bei einem Conditor in Köln Verkäuferin, ging dann weg und heirathete in Solingen ihren jetzigen Mann. Für diesen stellte sie sofort eine Caution von 900 Mark, einer Verwandten lieh sic 8000 Mark und von dem Rest ihrer „Eriparnisse" schaffte sie sich ihre häusliche Einrichtung an. In Solingen wurde sie mit einem Kaufmann bekannt- sie wußte es so einzurichten, daß sie bei Andrang des Publikums bedienen helfen konnte. Das dauerte indeß nur so lange, bis der Kaufmann eines Tages ein Zehnmarkstück vermißte. Er hatte nämlich davon gehört, daß es mit den „Ersparnissen" der Frau eine eigene Be- tvaridtniß habe, fuhr nach Köln und theilte dem Kölner Conditor seinen Verdacht, daß die Angeklagte eine abgefeimte Diebin sein müsse, mit. Jener wußte, daß er ganz infam bestohlen worden war, fuhr nach Solingen und sagte der Angeklagten auf den Kopf zu, daß sie ihn bestohlen habe. Sie gestand sofort, daß sie nach und nach dem Kölner mindestens 10500 Mk. aus der Ladenkasse entwendet habe, dem Solinger dagegen etwa 500 Mk. Sie hatte täglich in die Kasse gegriffen und die gestohlenen Gelder dann so lange in ihrer Commode aufbewahrt, bis es sich der Mühe lohnte, sie in die Sparkaffe zu bringen. Welche Summen sie täglich gestohlen hat, geht daraus hervor, daß sie am 19. Mai 1885 500 Mark, am 2. Juni 1885 100, im Februar 1888 2900, im September 1888 1659, im December 1889 4400 und im Jnnuar 1890 950 Mark bei der Solinger Sparkasse einzahlte. Die Angeklagte, die übrigens geständig war, wurde zu 18 Monaten Gefängniß ver- u r t h e i l t.
Feuilleton.
Vor hundert Jahren.
lFortfetzung auS Nr. 217, 2. Bl.)
Gefühl, Freundschaft, Herz und Gemüth spielten vor bändert Jahren eine andere Rolle als heutzutage. Egoismus pb eS auch damals, aber eine solch graffe Selbstüberhebung, Eigenliebe und Selbstsucht, wie sie sich jetzt überall hervor- drängt, hatte man damals noch nicht. In den Stammbuch- Ursen drückt sich das Freundschaftsgefühl besonders deutlich US. So schreibt H. PH. Schmidt aus dem Darmstädtischen, der Theol. Beflß. im Jenner 1786 unter den Stammbuches die Worte: „Ungeheuchelter Freundschafts Denkmal".
Ein anderer schreibt:
„Hoffnung ist durchs Leben eine sanfte Führerin",
„Wie auf Blumenfluren schweben wir auf ihrem Pfad dahin!" Gießen, tm Jänner 1787.
FreundschaftS Denkmal
von Deinem aufrichtigen Freund Hrch. Wetsmann der Theol. Brfl. ausm Elsaß.
Mit dem wärmsten Gefühle der Freundschaft renootrt
Jena, im Jänner 1788.
Einigemal wiederholt sich der Vers:
„Liebe schadet öfters, Freundschaft niemals!"
Darunter in der Regel:
Denkmal wahrer Freundschaft von Deinem Fr. u. Br. pp. pp.
Folgender Geheimschrifteintrag reizt die freundlichen Leser vielleicht zur Dechiffrirung:
Diebo Gebogebond ubom diebo
Eubolebo baborgibon webolchebor
Diebo Blubomebon fabohrebondebon
Ribottebon haubosebon.
Die Versicherungen der wärmsten, dauernden, unveränderlichen, aufrichtigen, wahren, immerwährenden Bruderliebe und Freundschaft findet man auf jedem Blatte. In unserer Zeit schreibt man allenfalls noch, wenn- hoch kommt: Zur frdl. Erinnerung.
Auch gelehrte Einträge finden sich. So schreibt ein Theologe:
Evoa xpeia ö;l!
In memoriam amicitiae scripsit tuns amicus.
Jena, die 12. Jun. 1787. Kraftmann, Thol. stud.
Em Philosoph (!), der zugleich der G. G. Befl., schreibt: „Alles hat seinen zureichenden Grund und keine Ursach ist ohne Wirkung. So haben wir Füße um uns zu beschuhen und zu bestrumpfen; darum beschuhen und bestrumpscn wir uns, und Nasen um Brillen darauf zu setzen, darum tragen wir welche."
Ein anderer schreibt:
Melius est de actis Deorum scire quam credere.
Halae, die 2. Äug. 1788.
Von einem Herrn aus Friedberg findet sich der Horaz'sche Vers:
Virtus est vitium fuge re et sapientia prima stultitia carnisse.
Von einem Herrn aus Halle wurde nolirt:
Yorik.
We get forwarde in the world not so much by doing Services, as receiving them: you take a withering twig and put it in the ground; and tben you water it berause you hawe plantedit.
Ebenfalls von einem Hallenser stammt:
Aequam memento rebus in arduis servare menten, non secus in bonis. Ab insolenti temperatam
Latitia.
Ein Jenenser schreibt:
Le bruit est pour le fat, la plainte pour le sot
L’honnöte komme tromp6 s’eloigne et ne dit mot
Die Sentenzen aus fremden Sprachen könnten noch be
deutend vermehrt werden, es mag aber mit vorstehenden Proben sein Bewenden haben.
Weinhändler P. A. Brotzler von Ober-Willstadt schreibt: „Betrüger sind nicht immer Dieben" „Und Lügner werden niemals verblieben."
Was sich der gute Weinhändler wohl hierbei gedacht haben mag! Ein kleiner Seitenblick auf das Weinpanschen, welches man vor hundert Jahren auch schon verstand, ist möglicherweise beim Niederschreiben der Verse vorgekommen. — Die zwei Schnitzer in den Worten „Dieben" statt „Diebe" und „verdrieben" statt „vertrieben" hat der StammbuchS- eigenthümer später corrigirt.
Bor hundert Jahren existirten bekanntlich im lieben deutschen Vaterlande noch zahllose Staaten, Stäätchen, freie Reichsstädte und -Burgen,- das Album gibt ein Bild von der Zerriffenheit des Vaterlandes dadurch, daß viele Personen ihre Heimath einschreiben. So heißt es z. B.: auS'm Darm- städtischen, S'm Elsaß, s d. Westerburgischen, ausm Weil- burgischen, aus d. Grafschaft Leiningen, s'm Solms'schen, s d. Reichsburg Friedberg, S’m Erbach'schen, s'm Ans- bachischen, s'm Wertheimischen, s'm Odenwald, s Franken u. s. w. „Wer zählt die Völker, kennt die Namen!" könnte man mit Schiller sagen, denn der Länder und Ländchen ließen sich noch eine Unzahl aufführen. Dieser politischen und geographischen Zerriffenheit gegenüber darf es nicht Wunder nehmen, wenn von Freiheit und Vaterland so gut wie nichts zu finden ist. Selbst die Freiheitskriege von 1812—1815 gehen vorüber, ohne daß fich eine Sentenz fände, die auf das gewaltige Ringen der Völker zur damaligen Zeit Bezug nähme.
(Schluß folgt.)


