Ausgabe 
24.6.1893 Erstes Blatt
 
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Zungen genehmigt. Es wurde durch die vorgenommenen Aenderungen bestimmt, daß als Amtsdauer deS 1. und 2. Hauptmannes anstatt 1 Jahr 3 Jahre festzusetzen, das Rechnung-- und Kastenwesen so zu regeln sei, daß alljährlich ein Voranschlag aufzuftellen ist. Die Drucklegung der Satzungen soll auf Kosten der Stadt geschehen.

Der Verein der Gastwirthe von Gießen und Umgegend hat sich mit einer Eingabe an die Bürger­meisterei gewandt, nach welcher 1) den Händlern verboten werden soll, gleich zu Anfang des Wochenmarktes Einkäufe auf demselben zu machen, 2) das auf Wein und Branntwein zu entrichtende Octroi gleich wie bei den anderen Gegen­ständen bei der Einführung an den Thorhäusern entrichtet werden kann. Bisher wurden nämlich die Einfuhrscheine über Getränke an den Thoren verabfolgt, wogegen das Octroi selbst auf dem Steueramt zu entrichten war. Die Wirthe erblicken in dem seitherigen Verfahren eine Belästigung. Nach den zunächst eingeholten Gutachten des Herrn Octrot- inspectors hat sich derselbe gegen eine Aeoderung deS bis­herigen Verfahrens, das sich 50 Jahre bewährt, geäußert - damit würde eine Ueberlastung der Octroierheber herbeigeführt. Die Versammlung spricht sich, ohne die gegen eine Aenderung des bisherigen Verfahrens geltend gemachten Gründe ohne Weiters anzuerkennen, dafür aus, daß zur Zett eine Aende­rung nicht zu empfehlen sei. Man würde sich nach Fertig­stellung der Ueberführung an den Bahnhöfen (neben Hotel Lenz), in welcher eine Anzahl Räume geschaffen würden, schlüssig werden müssen über die Einrichtung einer 5. Octroi- erhebestelle Durch diese würde, weil bei ihr vorwiegend die mit der Bahn ankommenden Gegenstände veroctroirt würden, eine Entlastung der Erhebestelle am Seltersthor eintreten. Es wird nach einer Anzahl weiterer Erwägungen, in welchen auch eine Revision des Octroireglements und -Tarifs ins Auge gefaßt wurde, beschloffen, auf daS Gesuch des Gast- wirthevereins zurückzukommen, wenn über die Errichtung einer 5. Octroieerhebestelle Beschluß gefaßt ist. Ueber den das Verbot des Auskaufes von Maaren Seitens der Händler betreffenden Theil des Gesuches konnte noch nicht verhandelt werden, da den Gesuchstellern aufgegeben wurde, die Städte zu bezeichnen, in denen ähnliche Verbote bestehen.

Das nicht auf der Tagesordnung stehende Gesuch des Herrn Wilh. Zörb um Erlaubniß zum Wirthschaftsbetrieb imFeldschlößchen" an der Rodheimerstraße wird, soweit sich dasselbe auf den Ausschank von Branntwein bezieht, befürwortet.

CocciU* unb Provinzielles.

Sieben, 23. Juni 1893.

cf Die Landes Universität begeht am 1. Juli, 11 Uhr in der großen Aula die übliche Jahresfeier mit folgendem Programm: 1. Der 95. Psalm von Moritz Hauptmann. 2. Festrede des Rectors. 3. Preisvertheilung. 4. Motette (Psalm 9) von Ernst Friedr. Richter.

L. G. Das 6. Concert des Gießener Concert-Vereins wurde eingeleitet durch die kirchliche Fest-Ouvertüre:Ein feste Burg ist unser Gott" für Orchester, Chor und Orgel von O. Nicolai. Die Composition bringt zunächst einen VerS des Chorals vom Chor mit begleitendem Orchester zu Gehör und spinnt sich dann in eine Fuge, deren Motiv ab­wechselnd vom Chor, den Streichern und Bläsern ausge­nommen wird, fort und endet in einem Amen. Das Haupt- intereffe concentrirte sich auf die mächtige Bruch'sche Campo« sition des Schiller'schen Liedes von der Glocke. Der Eindruck war ein vollbefriedigender. Mag man zu der Bruch'schen Musik, der man nicht mit Unrecht den Vorwurf der Stil- losigkcit mgcht, eine Stellung einnehmen, welche man will, das kann man dem Tondichter nicht absprechen, daß er in dem Aufbau, in der wirkungsvollen Behandlung des Chor­satzes, in der Ausmalung einzelner Stimmungsbilder und in der Verwerthung einer imposanten Instrumentation eine Routine besitzt, wie Wenige. Wir erinnern nur an den schaurigen Feuerchor, an den schwermüthigen Letchenchor, an den Lobpreis derheil'gen Ordnung", einen Chor voll dithyrambischen Schwungs, an den mächtig-wuchtigen Revo- lutionS-Chor mit dem vorauSgchenden wilden, leidenschaft­lichen Banden - Marsch. Dazu kommen Einzelmalereien. So z. B.: Die hüpfenden Achtelfiguren der Geigen und Flöten während des Baßsolos:Weiße Blasen sah' ich springen" - der aufsteigendeÄ2stel-Lauf der hohen Holzbläser, den zuckenden Blitzstrahl characterisirend; die ausflackernde Feuersäule, der heulende Sturm, das Jammern und Wimmern der geängsteten Bewohner, das Krachen der Balken u. v. A. wird mit großem Geschick musikalisch darzustellen versucht. Und wie gewaltig packend, wie schrecklich ertönt aus dem Chor der Angstschrei: Riesengroß"!! wie vernichtend der unmittelbar folgende Schmerzensruf:Hoffnungslos!" wie erschütternd klingt das Alt-Recitativ:Leergebrannt ist die Stätte", begleitet von einem einzigen Instrument des Orchesters, der Bratsche, deren Solo von der Clarinette fortgesetzt wird. Abgesehen von einigen Unreinheiten im Leichenchor und von einigen, die uns den Componisten von seiner besten Seite zeigen!

schwerfälligen Läufen: (Durch der Straßen lauge Zeile" undDurch der Hände lange Kette u. s. «."), löste der Chor seine keineswegs leichte Aufgabe in zufriedenstellender Weise. Besonders wirkungsvoll war das Recitativ:Gefährlich ist'S den Leu zu wecken" mit seiner großartigen Steigerung bis zu den Worten:DaS ist der Mensch in seinem Wahn", die in ihrer Einfachheit einen mächtigen Gegensatz zu dem Vorhergehenden bildeten. Ebenso darf der Schlußsatz: Ziehet, ziehet, hebt!" mit seinen volltönenden, himmelan- strebenden Jubelaccorden als wohlgelungen hervorgehoben werden und auch den vorletzten Chor rechnen wir zu den befferen Leistungen, wenn auch dem Soloquartett bei dem kleinen aber schwierigen Fugenthema:Die ihren Schöpfer wandelnd loben" ein kleines Mißgeschick begegnete. Unerwähnt möchten wir aber nicht lassen, daß das Chorwort bezüglich einer einheitlichen Aussprache und insbesondere der Behand­lung desg" Manches zu wünschen übrig ließ. Das Orchester spielte mit großer Hingabe und sichtbarem Ernst und leistete in rythmischer Beziehung größtentheils Gutes - die dynamischen Schattirungen waren ebenfalls wohl beachtet, nur wäre bei der Begleitung der k-Slellen eine größere Mäßigung der Bläser am Platze gewesen. Der Streicherchor hielt sich gut; die Contrabäffe hätten bei der Wiederholung des Marsch­motivs nach dem Revolutionschor, am Schlüsse frühzeitiger mit ihrem eintactigen Motiv (cis-e-his-e) in das pp über­gehen müssen, um damit den nur noch aus der Ferne hör­baren Marsch auSklingen zu lassen. Von den Solisten ist in erster Linie Herr A. Müller aus Frankfurt a. M. zu nennen. Die wohlklingende, von einer musterhaften Aus­sprache unterstützte Stimme wird noch durch einen geschrnack- und empfindungsreichen Vortrag beseelt. Fräulein S trauß- Kurzwelly verfügt über eine schöne, leicht ansprechende Mezzosopran-Stimme, die, im Großen und Ganzen gut ge­schult, in der Höhe, sobald sie stark genommen wird, einen etwas scharfen Klang zeigt. Den gesanglich wie ästhetisch recht schönen Leistungen gebührt alle Anerkennung. Eine merkwürdige musikalische Auffassung zeigte sie bei der Wieder­gabe des Arioso, dessen Tempo viel zu überhastet war. Die Altistin Fräulein Schäfer aus Frankfurt a. M. hat zwar keine große, aber eine angenehme, in der Tiefe noch nicht ausgeglichene Stimme. Sie gefiel durch ihre saubere In­tonation und ihre deutliche Aussprache, an der wir nur die Behandlung des Consonantenw" zu beanstanden haben, der, bei dem Bemühen, ihn möglichst klangvoll zu bilden, häufig das Geräusch des Blaselautsf" bezw.v" annahm. Die Stimme des Herrn Zarneckow ist nicht voluminös und kam in den Terzetten, Quartetten und Ensemble-Stücken nicht recht zur Geltung. Aber die große Innerlichkeit des Vor­trags und die bet aller Natürlichkeit doch kunstvolle Behand­lung der Sprache (abgesehen von der eigenthümlichen Aus­sprache des Anlaut-St.) brachte doch Manches zu recht wirkungsvollem Ausdruck. Herr Gör lach entledigte sich seiner Aufgabe an der Orgel mit allem Geschick. Die Re- gistrirung war in Bezug auf Klangfarbe und Klangfülle geschmackvoll und wohlabgewogen gewählt, die Begleitung sicher und exact.

** Schützen Verein Gießen. Am gestrigen Abende tagte der Festausschuß zum demnächstigen Schützenfeste im Schützen- haus, um über den Ausfall des Festes in Folge der ungün­stigen Zeitverhältnisse zu berathen. Nach eingehenden Ver­handlungen und mit besonderer Rücksicht darauf, daß dem Verein durch den bereits im Entgegenkommen zum Radfahr­verein frühzeitig sertiggestellten Bau der Festhalle rc. bedeu­tende Kosten erwachsen sind und daß zum andern die Lösung bereits eingegangener Verbindlichkeiten nach Außen dem Schützenverein empfindlich treffen würde, konnte man nicht umhin, sich für Abhaltung des Festes vom 9.11. Juli zu ent­schließen. Die einzelnen Ausschüsse werden nun ihre Auf­gabe voll und ganz aufnehmen uno gleich wie in früheren Jahren mit Unterstützung und dem Wohlwollen der hiesigen Einwohnerschaft, das Schützenfest wie überall, so auch in unserer Stadt, als ein eingebürgertes Volksfest zu verwirk­lichen suchen.

* Berichtigung. In unserer gestrigen Notiz über den Schluß des Rad sahr festes muß es anstatt K. Hansel (als Dritter im Vereinsfahren) Konrad Hamel heißen, desgleichen die Vorgabe bei H. Carls anstatt 250 Meter nur 200 Meter.

** Entsprungen. Heute früh entsprang ein aus Stein­berg hier eingelieferter Sträfling von der Außenarbeit.

** Für Laudwirthe DieDarmst. Ztg." meldet: Mit Rücksicht auf die bestehende Nothlage hat das Großh. Ministerium der Finanzen den Verwaltungen der Oberhessischen Eisenbahnen und der Main-Neckar-Bahn die Ermächtigung ertheilt, bis Ende September für Futter- und Streumittel, welche in Wagenladungen als Frachtgut auf hessischen Sta­tionen eintreffen und an landwirthschaftliche Bezirksvereine, Ortsvereine, Consumvereine oder an Gemeinden adressirt sind, auf den hessischen Strecken eine Ermäßigung im Betrage eines Drittels der Fracht zu gewähren. Die gleiche Er­mäßigung wird mit Genehmigung der Großh. Regierung von

den Verwaltungen der hessischen Ludwigsbahn und hessischen Nebenbahnen im Privatbetrieb gewahrt.

V Reiskirchen, 23. Juni. Freudig wird hier begrüßt, daß Großh. Regierung die schleunige Erweiterung der GeleiS- anlagen unserer Station angeordnet hat, damit der bisher nur zwischen Gießen und Großen-Buseck verkehrende Arbeiter- Frühzug von hier abgelassen werden kann. Dankbar aner- kennen wir die hierin liegende Fürsorge für unsere die Zahl 100 übersteigenden Arbeiter, welche in Gießen täglich be­schäftigt sind.

- n-. Romrod bei Alsfeld, 22. Juni. Dieser Tage kam hier der Landwirth N. in angetrunkenem Zustande nach Hause. Bor der Hausthüre bekam derselbe mit seiner Frau einen Wortwechsel, der damit geendigt haben soll, daß die Frau ihren Mann zur Treppe hinunterstieß. Der Mann brach bei dem Falle daS Genick.

Friedberg, 21. Juni. Der heute hier abgehaltene Schweinemarkt, der allerdings nicht so stark wie der vorige beschickt war, wteS die für die Landwirthe erfreuliche Thatsache auf, daß die Schweinepreise nicht in dem gleichen Maße wie die für Rindvieh gesunken sind, da der Landwirth noch genügend Kartoffeln zum Füttern hat. ES wurden sogar heute sehr schöne Preise erzielt, so 10 M. für daS Pärchen.

z vermischtes.

Eia Wortspiel. Unter Hinweis auf daS in Nr. 144 d. Bl. abgedruckte Wortspiel überSedan" erhielten wir eine Zuschrift, wonach mit dem Worte noch ein Wort­spiel entsteht, wenn daS Sedan von hinten nach vorn gelesen wird: Rapoleons Anfang December, Ende September. (Bekanntlich wurde Napoleon am 2. December 1852 als Kaiser proclamirt.)

* Berlin, 22. Juni. Gestern Abend entstand auf einem Holzplatze vor Berlin ein großer Brand, welcher einen Schaden von etwa 300,000 Mk. verursachte.

kirchliche Anzeigen der Stadt Gietzen.

Evangelische Gemeinde.

Gottesdienst.

4. Sonntag nach Trinitatis, den 25. Juni:

In der Stadtkirche:

Vormittags 9/i Ubr: Pfarrverwalter Dr. Grein.

Vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Dingeldey.

Vormittags 6 Uhr: Kinderkirche. Pfarrer Schlosser.

Nachmittags 2'/, Uhr: Gottesdienst mit Christenlehre für die Neuconfirmirten aus der MatthäuSgemeinde. Pfarrer Schlosser.

In der Friedhofscapelle:

Vormittags 8V, Uhr: FrühgvtteSdienst. Pfarrer Dingel de»

Nachmittags 2«/a Uhr: Gottesdienst mit Christenlehre für die Neuconfirmirten aus der JohanneSgemeinde. Pfarrer Dr. Nau* mann.

Katholische Gemeinde.

Sonntag den 25. Juni, 5. Sonntag nach Pfingsten:

Samstag: Vormittags 10 Uhr wird anläßlich des 10jährigen Stiftungsfestes der kathol. Studentenverbindung Hasso-Rhenania ein feierliches Amt gehalten, Nachmittags um 4/e Uhr und Abends um 8 Uhr Gelegenheit zur hl. Beichte.

Sonntag: Vormittags von 6 Uhr an Gelegenheit zur hl. Beichte; um 6Vi Uhr erste hl. Messe; um 7/i Uhr AuSlhellung der hl. Communion; um 8>/, Uhr zweite hl. Messe; um 10 Uhr Hochamt mit Predigt; Nachmittags um 2 Uhr Christenlehre; darauf Andacht.

Gottesdienst in der Synagoge.

Samstag den 24. Juni:

Vorabend 7 Uhr, Morgens 8*> Uhr, Nachmittag» 4* Uhr, Sabbathausgang 9» Uhr.

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Freitag Abend 7 Uhr, SamStag Vormittag 8-° Uhr, SamStag Nachmittag 4« Uhr, SamStag Abend 9» Uhr.

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Witterungsaussichten

Wetterbäuswen, Südanlao-. t

2.1. 3unt, Moraen» 8 lldr

Mittlerer Barometerstand 6d 0° R. = 744,7 mm.

Barometer: Thermometer: Hygrometerstand:

min.736mm, max 7^7 mm +13WR-, + 17»/|®R.

Neigung zu Regen.

22.Juni. Mtktaas !2Ulrr min.7d8mm, max.74lmm +130 R.+23V|°R.

Wind und Regen.

Temperatur der Lahn und Luft nach Reaumur gemessen em 23. Juni, Mittags zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 17, Luft 15 Grao.

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