Ausgabe 
24.5.1893 Fünftes Blatt
 
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«ine aus dem Boden der Milirärvorlage steht, während der andere Gegner derselben ist. Diese zweifache Strömung innerhalb der Centrumspartei spielt offenbar auch in der auffälligen Verzögerung der Veröffentlichung des offiziellen Wahlaufrufes des CentrumS ihre Rolle.

Der deutsch'fpanifche Handelsvertrag soll nach monatelangen Verhandlungen unmittelbar vor seinem Ab­schlüsse stehen. Die Unterzeichnung erfolgt dem Vernehmen nach dieser Tage in Madrid.

Sobleaz, 20. Mai. Im Wahlkreise Altenkirchen- Wetzlar erklärte der nationalliberale Bürgermeister Krämer, eine Wiederwahl anzunehmen. Im Wahlkreise Neuwied stellt daS Centrum den seitherigen Abgeordneten Bender auf.

Halle, 20. Mai. Der Professor der Staatswiffenschaften Dr. Hugo Eisenha rdt ist heute gestorben.

Leipzig, 20. Mai. DemGen.-Anz." zusolge wurden gestern sieben wegen Hoch verrat HS Angeklagte auS Duis­burg hier eingeliefert. Der Prozeß vor dem Reichs­gericht werde am 7. Juni beginnen und drei Tage währen.

Arr-land.

Wien, 20. Mai. Die Parteileitung der Socialisten Oesterreichs beschloß, eine ausgedehnte Agitation für das allgemeine Wahlrecht einzuleiten und dafür große Volksversammlungen mit dem allgemeinen, gleichen, binden Wahlrecht als Tagesordnung einzuberufen. Ferner werden Broschüren in großen Massen unter die Arbeiter vertheilt, in denen daS ganze Actionsprogramm zur Geltendmachung der socialdemokratischen Forderungen entwickelt wird.

Bern, 20. Mai. In Folge des durch die Trockenheit und den Frost in einem großen Theile der Schweiz hervor­gerufenen Nothstandes der Landwirthschaft beschloß die Direction der im Herbste in Bern abzuhaltenden schweize­rischen landwirthschastlichen Ausstellung, sowie der Vorstand der Oeconomischen Gesellschaft des (Santon Bern einstimmig, in der am Montag zusammentretenden Versammlung der Ab­geordneten der schweizerischen landwirthschastlichen Vereine, welche die Ausstellung mit Hilfe deS Bundes und der Cantone veranstalten, zu beantragen, daß die Ausstellung auf 1895 verschoben werden solle. Die Versammlung der Abgeordneten wird voraussichtlich diesen Antrag annehmen.

London, 20. Mai. DerStandard" meldet auS Odessa, daß 43,000 Juden in vergangener Woche nach England und Australien auSgewandert sind.

Chicago, 20. Mai. Während der heutigen Sitzung des Frauencongresses stürzte eine 12 Fuß hohe Tribüne, auf welcher sich etwa 75 Frauen befanden, zusammen. Acht Frauen, sämmtlich Amerikanerinnen, sind mehr oder minder schwer verwundet, getödtet wurde Niemand.

Ueucfk Nachrichten.

Depeschen der Bureau .Herold".

Potsdam, 23. Mai. Gestern Vormittag fand in Gegen­wart des Kaiserpaares daS Stiftungsfest des Lehr- Jnfanteriebataillons statt. Der Kaiser toastete auf die Armee.

Brüssel, 23. Mai. Unter dem Vorsitze des englischen Parlamentsmitgliedes Buck wurde gestern der Arbeiter- congreß hier eröffnet. Der Saal ist mit englischen, deutschen und französischen Flaggen geschmückt. Auch rothe Fahnen sind angebracht. Di^Eröffnungörede wurde beifällig ausgenommen. ES sind 38 Engländer, 15s Franzosen und nur wenige Deutsche anwesend. Dem Vernehmen nach wohnt rin höherer Polizeibeamter auS Paris den Sitzungen bei.

Tralle (Irland), 23. Mai. Bei einem mit Vieh beladenen Eisenbahnzug, welcher zwei Paffagierwagen mit sich führte, verlor der Locomotivsührer die Gewalt über die Brems­vorrichtung. Beim Passiven einer Brücke stürzten sieben Schweinewagen auS einer Höhe von 40 Fuß in den Fluß. Die zurückgebliebenen Wagen wurden stark beschädigt- der Locomotivsührer und zwei Heizer sind tobt, elf Passagiere schwer verletzt.

khristiania, 23. Mai. Bei einem Erbrüt sch in Varbalen sinb 119 Menschen umgckommen, 44 wurden gerettet.

Wien, 23. Mai. In Simmering äscherte eine Feuers­brunst 30 Gebäude ein, darunter 13 Wohnhäuser.

Locales und provinzielle».

Sieben, 23. Mai 1893.

** Der Oberhesfische Keschichtsverein beabsichtigt, am 28. Mai, nächsten Sonntag, einen Geschichtsausflug mit Damen nach Kirchberg und Staufenberg zu unter­nehmen. DaS malerisch gelegene Kirchelchen in Kirchberg ist sehr alt (1497) und enthält eine größere Anzahl von höchst intercffanten Grabsteinen der alten Adelsgeschlechter der Umgegend. Herr Profeffor vr. Matthäi hat die Güte gehabt, die bau- und kunstgeschichtliche Führung zu übernehmen. Sehr wahrscheinlich wird auch der Marburger GeschichtSvercin an dem Ausflug theilnehmen. Ebenso willkommen sind Ge­schichtsfreunde auS der Umgegend.

** DaS Kaiserliche Postamt hat der Großh. Handels­kammer mitgetheilt, daß die Anbringung eines zweiten Brief­kastens an dem hiesigen Eisenbahn Stationsgebäude (diesseits der Absperrung) höheren Ortes ge nehmig t ' worden sei­ber Brieskasten sei in Bestellung gegeben und der Zeitpunkt der Benutzung desselben werde s. Z. durch denGieß. Anz." bekannt gemacht werden.

* Diebstahl? Ein Maurer von Alten-Buseck, welcher am Samstag Nachmittag nach seiner AnSlöhnung deS Guten etwas zu viel gethan und in Folge besten in einer hiesigen Wirthschaft sein Schläfchen machte, vermißte, als er wieder erwacht war, sein Gelb im Betrage von 20 Mk. Am an­deren Morgen würbe baS vermißte Gelb an derselben Stelle gefunden, wo der angeblich Bestohlene geseffen, und demselben wieder zugestellt.

Sachbeschädigung. Gestern entwendeten mehrere Stadt­schüler einem Fischer auf der Bleiche ein Fischgarn, trennten das Garn vom Gestell und zerschnitten daffelbe bis zur Unbrauchbarkeit.

Sachbeschädigung. In der Nacht zum ersten Feiertag wurde an einer Wohnung der Rodheimerstraße eine und in derLöberstraße zwei Fensterscheiben in böswilliger Absicht zertrümmert

* Zu bedauerlichen Ausschreituageu ließen sich am Abend deS ersten Feiertags einige S o l d a t e n deS hiesigen Regiments hinreißen. An diesem Abende verfolgten drei Musketiere zwei hiesige Bürger auf dem Wege durch bie, Gartenstraße nach dem Schiffenbcrger Weg und der Licherstraße. Schimpf­namen, wieSchlammbeißer" u. s. w., fielen hinter den ruhig ihres Weges gehenden Bürgern her. Als einer der­selben sich das Gebühren verbat, machte ein Soldat Miene, den Säbel zu ziehen. Als die Bürger einen deS Weges kommenden Unteroffizier aufgefordert, die Soldaten zurecht zu weisen, soll derselbe geantwortet haben, das ginge ihm nichts an. An demselben Abend ging ein Gefreiter mit gezogenem Säbel durch die Neuen-Bäue, schlug an Fenster­laden und belästigte eine Dame.

♦♦ Eine Warnung möchten wir im Interesse der Gesund­heitspflege an alle Diejenigen richten, welche bei dem gegen­wärtig niedrigen Wasser st and der Wieseck Wäsche in derselben auS- resp. fertig rein waschen wollen, wie wir zu beobachten Gelegenheit hatten. Wenn man berücksichtigt, wie viele Abwässer dahin abge'eitet, wieviel Unrath in die­selbe überführt und infolge besten diese verschlammt und ver­engt wird, so daß nur ein trügerischer oberer Wasserspiegel scheinbar reines fließendes Master zeigt, welches jedoch, im Geringsten bewegt, Brutstätten von Typhus- und anderen Krankheitskeimen erregt, welche in die vorerst mit Mühe durch Kochen und Brühen gereinigte Wüsche nun einbringen unb sich alSdann bired bem menschlichen Körper übertragen. Wie mancher Krankheitsfall, über besten Ursprung man sich in ber Gewißheit, alles gesunbheitsschäbliche bermieben zu haben, keine Erklärung zu geben vermag, ist hierauf zurückzusühren. Darum Vorsicht!

vermachtes.

* Zürich, 20. Mai. Der GesangvereinL i e d e r h a l l e" aus Karlsruhe, der eine Pfingstfahrt nach hier macht, wurde bereits in Winterthur enthusiastisch begrüßt. Bei der Ankunft Hierselbst begrüßte der Präsident derHarmonie", Schneebeli, die badischen Sänger, die man dann unter Hoch­rufen in das HotelNational" führte, wo Begrüßungs­ansprachen gehalten wurden. Um 8 Uhr fand in ber Pre- bigerkirche ein Festconcert statt, baß sehr stark besucht war. Jeber Vortrag war von stürmischem Beifall begleitet, beson­ders gefeiert wurden die Compositionen von Musikdirector Angerer-Zürich und Musikbirector Gageur Karlsruhe. Frau Elise Bareiß glänzte durch mehrere Solovorträge. Der Rein­ertrag in Höhe von 2000 Franken würbe ben Züricher Ferien- colonien überwiesen.

* Was die Dürre ausmacht. Aus Mühlheim i. Els. wirb geschrieben: Die ungewöhnliche, nun schon seit nahe brei Monaten anhaltenbe Dürre dauert noch immer fort. Die Futternoth ist, da auch das Gras der Wiesen verdorrt, sehr groß, und die Forstverwaltung hat deßhalb vielen Ort­schaften schon die Erlauvniß ertheilt, gegen geringe Vergütung Gras auS dem Walde zu holen. In den französischen Grenz­gebieten soll die Noth noch größer fein, ebenso im Badischen. Man erfährt, daß auß badischen Ortschaften, die am dles- feitigen Rheinufer Waldungen besitzen, mehrere hundert Köpfe starke Viehheerden mittelß Flöße über den Rhein in den Wald- biftrictGrün" geschafft worden sind, wo man für sie eine förmliche Alpenwirthschast eingerichtet und notdürftige Stallungen für die Nacht errichtet hat. Die Melker mästen täglich einigemate die Milch in Kähnen über ben Rhein be» förbern. Viele Bauern finb bereits genöthigt, ihren Viehstand zu verringern- das Fleisch wirb daher billig, Milch und Butter aber thener werden.

* Die vorlauten Schafe. DieWiener Prefle" schildert folgende Scene: Ort und Zeit der Handlung: die jüngste Sitzung ber Gesellschaft der Aerzte. Hosrath Profeffor Dittel:Hochverehrte Herren! Ich begrüße Sie..." (Man hört ein lautes Mäh!) . . . Profeffor Dittel setzt noch­mals ein:Ich begrüße Sie und gebe ber Hoffnung Aus­druck ..." Määäh . . . Profeffor Dittel (einigermaßen irrt» tut):daß ihre rege Teilnahme auch fernerhin. . ." Määäääh!... Allgemeine schallende Heiterkeit. Auflösung des Räthselß für den Leser: Dr. v. EiselSberg halte zum Zwecke der Demonstration über die Wirkung der Schilddrüsen- Exstirpation zwei junge Schafe in den Saal bringen lasten und diese waren so vorlaut, bem Herrn Hofrath mit ihrem Mäh in bie Begrüßungsrede zu fallen.

Verkehr, Land- nnd PoK»u>irtbfd>afL

Gründ«--, 20. Mai. Fruchtpreise. Weizen^., Korn X---, Gerste X Hafer X Erbsen X--,

Linsen X 00.00, Wicken X--. Lein X 00.00, Kartoffeln X 4.00,

Samen X.

Eingesandt.

Gießen, 23. Mai 1893.

Abwehr. TaS katholische Pfarramt Gießen, Herr Pfarrer Bayer, hat seinen im ..(siebener Tageblatt" Nr. 117 vom 20. Mai wider mich erhobenen Vorwurf, ich bitte als Leichenredner am Grabe de« Herrn Brauereibesitzers Friedel unwahre Behaup­tungen ausgesprochen, auch imGießener Anzeiger" 9hr. 118 vom 21. Mai, also einen Tag später, abermals öffentlich erhoben. Hier­durch bin ich genöthigt, meine imGießener ZageblatP Nr. 118 vom 21. Mai erlassene Abwehr dieses ganz ungehörigen BorwurfS auch im .Gießener Anzeiger", ber auch seinen besonderen Leserkreis hat, zu veröffenllichen. ,

Herr Pfarrer Baner wiederholt einige- geaen mich imGießener Tageblatt (besagte ziemlich in derselben Weile auch imGießener Anzeiger". Dem gegenüber wiederhole auch ich hier einfach meine

Abwehr. Er läßt aber auch manche» weg, wa» er vorher gesagt hatte: auch ich la"'e de-halb das Entsprechende hier in meiner Abwehr weg. Er fügt aber auch einige» diene dem früher Gesagten hinzu; demenUpiechend erweitere auch ich hier meine Abwehr

Dabei ist e» mir zum Vorau» lehr schmerzlich, daß Herr Pfarrer Bayer eS über sich gewinnen konnte, abermals so, wie ge­schehen, gegen die tief trauernde Frau Friedel zu verfahren bie er doch im bittersten Weh einer Gattin gesehen hatte, der er doch recht dankbar fein sollte, daß sie nach ber schweren Erkrankung ihre» Manne» so schnell die katholische barmherzige Schwester und 'einen Priester rufen ließ, und die durch seine Borwürfe geaen wich doch am meirten sich gekränkt fühlen muß. Denn Herr Pfarrer Bayer weiß doch so gut wie ich selbst, daß alle meine Behauptungen hd> nur gründen konnten auf bie Mittheilungen der Frau Friedet, die ttef bewegt unb erschüttert durch ihre» Manne» plötzliche» Erkranke» und Sterben, unb tief verletzt unb empört durch das Verhalten be* katholischen Pfarrer» in Hefen schweren Btunben, mir, ihrem evan­gelischen Pfarrer und Seelsorger, Iwfi suchend, au-sprach, wa» ihr Herz bewegte. Meint dann aber Herr Pfarrer Bayer, irgend Fernand in ganz Gießen halte eS nur für möglich, daß Frau Friedel alle ihre Mittheilungen an mich und an ihre theilnehmenden Verwandten und Freunde erfunden, rein auS der Lust gegriffen hätte, während ihr der katholische Pfarrer etwa nur christliche Liede undlheilnahme bewiesen habe/ Ich persönlich stehe nach den Vorwürfen beS katholischen Pfarrer» mit allem, wa» ich gethan und gesagt habe, zwischen den Mittheil- ungen der Frau Friedel und den Behauptungen bei Herrn Pfarrer Bayer. Beide stehen in vollstem 'Widerspruch zu einander. Ich erkläre, daß ich bei diesem Widerspruch ber Aussagen bei solchen Vorkommnissen der Frau Friedel unbedingt Glauben schenke Andere werden sicherlich dasselbe thunsie hält mit bestem Gewisie» alle ihre Mittheilungen sicher und fest aufrecht, sie erklärt meine in der Grabrede ausgesprochenen Behauptungen für völlig Überein­stimmend mit ihren Mittheilungen: sie hat die reine volle Wahrheit gesagt, bie durch kein Adleugnen de» katholischen Pfarrers erschüttert roerben kann.

Herr Pfarrer Bayer behauptet imGießener Anzeiger', wa» imGießener Tageblatt" nicht stand, et habe Frau Friede! nur erklärt, daß eS Vorschrift der katholischen Kirche sei: ein katholischer Vater, der nicht katholische Kinder Hobe, könne nur dann Mc Adio- lution erhalten, wenn er den festen Willen habe, Alle» zu thun, wa» er könne, damit die Kinder katholisch werden. Auch mit dieser Neußer ung erklärt der katholische Psarrer selbst seine Kirche für eine nach unserer evangelischen Austasfung intolerante: denn eine solche Vorschrift der katholischen Kirche bezeugt bei une, wo Evangelische unb Katholische neben einander wohnen, eine Geringschätzung, j« geradezu die Nichtanerkennung der evangelischen Kirche als einer Hell und Erlösung Hetenben Kirche. Wenn nun aber Herr Pfarrer Bauer im vorliegenden Falle wirklich nur nach der genannten 'Vorschrift feiner Kirche gehandelt hätte, bann hätten wir Evangelischen die» allerdings auch alS unschön unb intolerant empfunden, wir hätten aber dem katholischen Pfarrer persönlich keinen Vorwurf machen können. Unb wenn er allein in Folae dieser Vorschrift auch die kirchliche Beerdigung verweigert hätte, dann hätte ich dieselbe aller­dings auch übernommen, ich hätte bann aber in ber Grabrede kein Wort von biefer Sache gesagt.

Allein Herr Pfarrer Bayer ist persönlich weit über die erwähnte Vorschrift seiner Kirche hinauSgegangen. AlS er in da» HauS kam, war ber Kranke bereits bewußtlos geworden, ber Pfarrer konnte also mit diesem selbst nichts mehr verhandeln und da Herr Friedel ein Vater war, ber nicht ben festen Willen hatte. Alles zu thun, waS er konnte, damit feine evangelischen Kinder katholisch würden, so lag ber Fall zur Erledigung sehr klar da. Der katholische Pfarrer verhandelte aber ausdrücklich mit der evangelischen Frau unb Mutter. Noch während be» Leden» be» tobtkranken ManneS erklärte Herr Pfarrer Bayer ber Frau Friedel ebenso wie eS vorher die etwa» früher in da» HauS gekommene katholische barmherzige Schwester in ähnlichen Ausdrücken bereit» auch gethan hatte er erklärte ihr, sie könne jetzt noch alle» gut machen, wenn sie erkläre, mit ihren Kindern zur katholischen Kirche übertreten zu wollen. Die» ist Thatsache, und da» ist doch wahrliech eine Aufforderung, zur katholischen Kirche über» z u t r e t e n ! Frau Friedel wie» diese« Ansinnen zurück. AlS da­raus Herr Pfarrer Bauer, der trotz der vorbezeichneten Vorschrift seiner Kirche bem Sterbenden die letzte Oelung gespendet hatte, weiter äußerte, er könne, wenn bie Frau nicht erkläre, mit ihren Kindern zur katholischen Kirche übertreten, nach seinem Gewissen unb seinen kirchlichen Gesetzen den Mann nicht kirchlich beerdigen, da erklärte ihm letztere evangelisch fest, e r möge dann nach seinem Gewissen unb Gesetz thun, s i e werbe nach ihrem Gewissen und Glauben handeln. Trotzdem lag eS der tief erschütterten Frau sehr am Herzen, daß ihr Mann nach ben kirchlichen Gebräuchen seiner Kirche beetbigt werbe. Und als der Tob eingetreten und Herr Pfarrer Bayer nochmal« in daS Hau« gekommen war, fragte sie Ibn abermals, ob er denn wirklich für den Fall, baß sie ihren und ihrer Kinder liebertritt zur katholischen Kirche nicht verspreche, ihrem Mann bie kirchliche Beerdigung verweigern werde. Er antwortete ja, da« werde er thun; ohne DiSpen» au» Main, müsse er die Ve. gleitung an das Grab verweigern: und in jenem Falle erkläre er auch die gespendete letzte Oelung für null unb nichtig. Ta - Ver­sprechen bes lieber tritt« würbe nicht gegeben: dadurch war alw that- sächlich die letzte Oelung für null und nichtig erklärt. Und ivaS die kirchliche Beerdigung anlangt, so schrieb am Morgen nach dem Todestag Herr Pfarrer Bayer an Frau Friedel wörtlich: Gießen, 16. Mai 1893. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die Güte hätten, auf die Beerdigung durch mich zu verzichten. Bayer. Pi.' Hierdurch war die kirchliche Beerdigung ber Ankündigung gemäß t'hatsächlich abgelehnt. Oder ist jenes Schreiben etwa keine Ablehnung.' Hätte daraufhin bie Wiltwe nochmal» bitten unb stehen sollen? Da« wäre wahrlich zuviel verlangt! Da hatte denn hoch die schwer heimgesuchte Frau auch ihren evangelischen Pfarrer, von oem fu wissen konnte, baß er in solchem Falle dem katholischen Manne von ganzem Herzen bav kirchliche Begräbniß bereiten werde Angencht» jene« Schreiben« übernahm ich mit gutem Gewisieu unb freiem Herzen die Beerdigung be« katholischen Mitchristen, unb ich hielt es dabei für meine Pflicht und Aufgabe, zur Wahrung der Interessen meiner evangelischen Kirche da« am Grabe zu sagen, wa« ich gesagt habe Demnach waren und,sind meine Behauptungen in dieser meiner (Grabrede,diese beiben Behauptungen "des Leichenredner«," wie es im .Gießener Anzeiger" heißt, trotz aller wiederholten Ableugnung de« Herrn Pfarrer Bayer nicht unwahr, sondern voll­ständig wahr und richtig.

Dr. Naumann, Pfarrer.

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