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23.2.1893 Zweites Blatt
 
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Alicestraße 22, I. besucht auf sofort -t Schweizer.

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h. Wolf. Glasermeister, Bahnhofstraße 32. ___

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Zweites Blatt. Donnerstag beu 23. Februar ________________

GießenerAnzeiger

Henerat-Anzeiger.

1893

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Arnts- und Anzeigeblutt fät den Alveis Gieren.

»n£ | Hralisöeikage: Hießener Jlamikienbkätter.

Amtlichere Theil.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz der Direc- tion derArminia", Lebens-, Aussteuer- und Militärdienst- kosten-Verstcherungs-Actiengesellschaft in München die Aus­dehnung des Geschäftsbetriebs ihrer Gesellschaft auf die Lebens- und Rentenversicherung unter Aufrechthaltung der früheren Bedingungen gestattet hat.

Gießen, den 21. Februar 1893. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, o. Gagern.

DermikNte».

Interessante Augenblicksbilder aus dem Reichstag während der ersten Lesung der großen Militärvorlage, mit Originalbildern von Otto Gerl ach, entwirft O. Elster in den Heften 12 und 13 der bekannten vornehmen Familien­zeitschriftUniversum". Seine Charakteristik der einzelnen hervorragenden Redner ist eine ausgezeichnet lebendige und treffende, und durchaus unparteiisch wird er den Vertretern der Rechten wie der Linken des Hauses gleicherweise gerecht. Wir greifen mit Genehmigung der Redaction desUniversum" die Schilderungen heraus, welche sich auf zwei hervorragende Parteiführer beziehen, auf Eugen Richter und Rudolf von Bennigsen. Den ersteren bezeichnet Elster als den bei der Militärvorlage ohne Zweifel beachtenswerthesten politischen Gegner des Reichskanzlers und führt dann aus: ÄlS schneidigster Redner der Opposition und als größter Kenner unserer Militärorganisation stand er im vordersten Treffen des Redekampfes. Wer dieFreisinnige Zeitung" deS Herrn Richter aufmerksam verfolgt, der wird allerdings in seinen Reden nicht viel Neues finden, denn Herr Richter liebt es, seine Vorstudien zu den Vorlagen als Leitartikel in seiner Zeitung zu veröffentlichen. Wer aber daS freisinnige Blatt nicht täglich liest, der wird erstaunt über die Sach- kenntniß und die Schlagfertigkeit sein, womit Herr Richter eine Regierungsvorlage zu behandeln weiß. Der freisinnige Redner spricht stets vom Platze aus. Seine klare, scharfe Stimme füllt den Saal vollständig aus, ja in Momenten der Erregung nimmt die Stimme einen schrillen, fast gellenden Klang an. Herr Richter ist einer unserer ersten Parlaments- redner. Seme Reden sind sorgfältig ausgearbeitet, ohne

wörtlich niedergeschrieben zu sein. Nur die Stichworte und das Zahlenmaterial notirt sich der Redner auf längliche Zettel. Von gewissenhaftestem Fleiß, spricht Herr Richter niemals unvorbereitet zu einer Vorlage. Ist er aber ge nöthigt zu einer Erwiderung, so ist er von bewunderungs- werther Schlagfertigkeit. Sein Witz ist allbekannt, schade, daß dieser Witz oft durch seine Schärfe verletz:. Der Redner schadet dadurch entschieden der durch ihn vertretenen Sache. Doch hört man dem sreisinnigen Redner stets aufmerksam zu. Häufig werden seine Ausführungen von dem Gelächter und dem Beifall der politischen Freunde, noch häufiger durch den Widerspruch der politischen Gegner unterbrochen. Eine durchaus andere, wenn auch nicht weniger eigenartige Natur ist Rudolf v. Bennigsen, der Führer der national- liberalen Partei. Herr v. Bennigsen ist Oberpräsident der Provinz Hannover, und es zeugt von nicht geringer Charakter­festigkeit und Ueberzeugungstreue, daß er in dieser Stellung eines hohen Verwaltungsbeamten an den politischen Idealen seiner Jugend und seiner besten Mannesjahre festgehalten hat. Rudolf v. Bennigsen, der schon seit dreißig Jahren in der politischen Arena in den vordersten Reihen steht, ist noch immer derselbe Vertreter des nationalen und liberalen Idealismus, wie vor 1866 in der Hannoverschen Kammer, als er das Hannoversche Ministerium Borrtes und Platen bekämpfte. Allseitig erkennt man die staatsmännische Be­gabung des nationalliberalen Führers an; sein Wort wird selbst an höchster Stelle gern entgegengenommen, und wenn man dem parlamentarischenOn dit Glauben schenken darf, so war er es, welcher den Monarchen bewog, auf das Volks­schulgesetz des Grafen Zedlitz zu verzichten. Wie dem aber auch sein mag, soviel steht fest, daß der Kaiser es liebt, den Oberpräsidenten von Hannover in ein vertrautes Gespräch zu ziehen. Freilich wird man vergeblich versuchen, Herrn v. Bennigsen zu Mittheilungen über diese Gespräche zu ver- anlaffen. Herr v. Bennigsen ist eine schweigsame, ver­schlossene Natur, und selbst die vertrautesten Parteifreunde erfahren wenig von den Zwiesprachen zwischen ihm und dem Monarchen. Aber in Bennigsens parlamentarischen Reden kann man Andeutungen genug finden, welche dem kundigen Politiker Aufklärung über Stimmungen und Anschauungen in den allerhöchsten Kreisen geben. Herr v. Bennigsen selbst küßt sich freilich durch diese Anschauungen nicht bestimmen, seine eigenen Anschauungen zu ändern. Er liebt es, in Andeutungen zu sprechen und in seine stets groß angelegten Reden Mahnungen nach oben und unten hin einzuflechten,

Mahnungen, die sich meistens auf die Erhaltung deS socialen Friedens und den Schutz des gewonnenen Gutes der natio­nalen Einheit beziehen. Wenn Herr v. Bennigsen spricht, hört das ganze Haus aufmerksam zu. Seine Rede fließt glatt und leicht dahin. Er spricht stets ohne Concept, ja selbst ohne Notizen und Dispositionen. Ihm stehen Töne und Worte zu Gebote, die, weil sie aus vollem Herzen quillen, auch zum Herzen bringen. Dem Eindruck seiner Rede können sich auch seine politischen Gegner nicht ent­ziehen. Tritt bei Eugen Richter der scharfe Verstand, der treffende, ost beißende Witz in den Vordergrund, so nimmt bei Rudolf v. Bennigsen das Gemüthvolle, die herzliche, ehrlich gemeinte Mahnung den Zuhörer unwillkürlich gefangen. Er wird niemals die Grenzcu des parlamentarischen Anstandes und der guten Sitten überschreiten; er will nicht verletzen, er will gewinnen; er will nicht durch scharfe Dialektik be­weisen, sondern durch den Appell an das Herz, an das Gemüth überzeugen; er ist weit weniger Kritiker als Herr Richter, aber seine Mahnungen und Erinnerungen sind vielleicht einflußreicher, als die scharfe Kritik des freisinnigen Führers. Bon einem gewissen allzugroßen Optimismus ist Herr v. Bennigsen nicht frei zu sprechen. Dieser Optimismus entspringt seiner idealen Anschauung aller Dinge, die er zumeist auf ihren Werth in Bezug auf die nationale Aus- geflaltung des deutschen Vaterlandes betrachtet. So ist Herr v. Bennigsen entschieden eine der sympathischsten Erscheinungen des deutschen Parlaments, wie man auch sonst zu seinen politischen Anschauungen und seiner politischen Vergangenheit sich stellen mag. Er wurzelt mit seinem ganzen Wesen noch in jener Zeit der politischen Ideale, aus deren Schooß die deutsche Einheit emporgewachsen ist, in jener Epoche deS Werdens und Vergehens, die den Untergang aller Dynastien und den Glanz der neuen deutschen Kaiserkrone gezeitigt hat. Seine Rede zur Militärvorlage spiegelte das Wesen Bennigsens getreulich wieder. Niemand im Hause vermochte sich dem Eindruck der Rede zu entziehen; es herrschte während der­selben eine fast weihevolle Stimmung im Hause und wir sahen, wie nach der Rede selbst freisinnige Abgeordnete dem nationalliberalen Redner dankend die Hand schüttelten. Wir wollen auf den politischen Standpunkt des Redners nicht eingehen, aber der Wunsch ist sicherlich ein durchaus be­rechtigter, daß es im deutschen Parlamente niemals an Männern fehlen möge, welche gleich Rudolf v. Bennigsen die politischen und nationalen Ideale deS deutschen Volkes hochhalten.

Feuilleton.

Ueberlistet.

Erzählt von Hermann Robolsky.

(Nachdruck verboten.)

Ich hatte mich," berichtete ein junger amerikanischer Arzt, der an einer deutschen Universität seine Studien ge­macht,an den Director der Irrenanstalt zu N. gewandt und ihn um die Erlaubniß gebeten, das Internat für geistig Gestörte näher in Augenschein nehmen zu dürfen. Meine Bitte fand Gewähr. Schon Tags darauf empfing ich ein freundliches Gegenschreiden, das mich zum Besuche einlud. Die Heilanstalt war keine der größeren, wie sie mehrfach im Reiche vorhanden, sondern nur eine private; aber sie wurde von tüchtigen Kräften geleitet und der Oberarzt galt als einer der bedeutendsten Psychiater der Jetztzeit.

Gegen zehn Uhr Vormittags machte ich mich auf den Weg nach der Anstalt. Die Gebäulichkeiten lagen etwa fünf­zehn Minuten von dem Städtchen entfernt. Ein Garten, ebenso ein kleines, parkartiges Gehölz umfriedete die Anlage und eine etwa zehn Fuß hohe Mauer schloß das Ganze von der Außenwelt ab.

Auf mein Schellen öffnete ein fünfzehn- ober sechzehn­jähriges Mädchen die Pforte und fragte nach meinem Begehr. Nachdem ich den Einladebrief vorgezeigt, nöthigte mich die Schließerin, näherzutreten.

Gehen Sie dort nur in die mittlere Eingangsthür," sagte die Kleine und wies mit der Hand auf das stattliche Hauptgebäude. Weiter kümmerte sich die Person nicht um mich.

Hof- und Gartenraum waren durch ein schlichtes Staket von einander getrennt. Ich warf einen Blick über die hübsch gepflegten Blumen- und Gemüsebeete. Auf einem Rasen­platz, den zwei mächtige Obstbäume beschatteten, standen mehrere Männer, die in ein lautes Gelächter ausbrachen, als sie mich erblickten.

Verblüfft über diese Ungezogenheit, blieb ich einen Augen­blick stehen, doch ich befand mich ja in einer Heilanstalt für geistig Gestörte. Die Leute waren zu bedauern. Jeden­falls gehörten sie aber zu den sogenanntenungefährlichen" Kranken, sonst hätte man sie schwerlich frei herumlaufen lassen.

Noch bevor ich die Granitstufen des großen Hauses er- stiegen, stellte sich mir plötzlich ein seltsam gekleideter, schon etwas ältlicher Herr in den Weg, der mich in kurz mili­tärischer Weise mit den Worten anrebete:

Sie sind Soldat gewesen und kennen mich nicht?"

Ich kann mich wirklich im Augenblick nicht besinnen," antwortete ich gefaßt,aber Sie sind General, wenn ich nicht irre?"

Der Unglückliche hatte nämlich seine dunklen Beinkleider an den Seiten rechts und links mit breiten rothen Papier­streifen beklebt; auf dem Kopfe aber trug er einen alten Landsknechthelm, den ihm wahrscheinlich irgend ein Mitleidiger mit Genehmigung des Directors geschenkt. An seiner Linken hing ein stark mit Rost überzogenes Schwert.

Mein Name ist Keith!" nahm der Irre eine gezwungen stramme Haltung an.Ich habe den Rückzug Friedrich des Großen bei Hochkirch geleitet 1"

So, so?" nickte ich, ohne ein Lächeln unterdrücken zu können.Das war am 14. October 1758. Aber Sie sind doch, so viel ich weiß, auf dem Felde der Ehre geblieben."

Geblieben?" wiederholte der Held.Nun, ich bin schließlich auch fortgegangen, aber die Geschichte hat mich todtgelogen. Sehen Sie," fuhr er bann lebhaft fort und zog eine Papierrolle aus der Tasche.Ich hatte einen Hauptplan zur Vernichtung der Feinde entworfen. Man wollte mich nur nicht aufkommen lassen. Jntriguen, Neid und Haß spielten sich gegen mich auf. Der große König wurde schändlich hintergangen."

,Jch habe davon gelesen," stimmte ich dem Unsinn bet. Haben Sie?" faltete der Mann die Rolle auseinander.

Sehen Sie, hier, wo der dicke Strich ist, hätte ich einen breiten Graben ziehen laffen, in den die Gegner mit mathe­matischer Genauigkeit stürzen mußten. Waren sie erst drin, wurde das Ganze unter Wasser gesetzt!"

In demselben Augenblicke strich ein Wärter an uns vorüber, der einen langen, bedeutsamen Blick auf den

Kranken warf.

Das ist auch so ein Schuft und Verräther!" raunte mir der große Stratege zu und entfernte sich so schleunig wie möglich.

Unbehindert ging ich nun in das Haus, um mich erst in das Bureau des Directors zu begeben. Schon auf dem Flur kam mir der freundliche Herr, den ich allerdings bisher nicht persönlich gekannt, entgegen und hieß mich in liebens- würdiger Weise willkommen.

Sie waren so freundlich, meinen Besuch anzunehmen," sprach ich verbindlich.Hoffentlich komme ich nicht zur Unzeit."

Keineswegs," entgegnete der Chef.Sie wollen sich hier umsehen, nicht wahr?"

Ich schrieb doch um die Erlaubniß dazu!" warf ich stutzig ein.

Ja, ja!" schüttelte der Vorsteher den Kops.Ach, es gehen bei uns so viele Schreiben ein. Doch kommen Sie nur."

Wir schritten den Hausflur herunter. Rechts und links zweigten sich Seitengänge ab, in denen Zelle an Zelle stieß.

Erst bogen wir links ein. Die Thüren waren nicht ver- schloffen, einige standen sogar weit auf.

Hier wohnen diegelinde Närrischen"!" sagte mein nun wortkarg gewordener Führer.Die Leute können überall umhergehen. Nur heraus aus der Anstalt dürfen sie nicht, denn," fügte er mit seltsamem Lächeln hinzu,die Gesellschaft würde fammt und sonders ausrücken."

Das ist ein characteristischer Zug der Irren," entgeg­nete ich,die Freiheit wollen sie alle wieder haben."

(Schluß folgt.)