1893
Nr. 30L Zweites Blatt. Freitag dev 22. December
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Feuilleton.
Ggspsro.
Eine romantische Weihnachtsgeschichte. (Literarisches Eigenthum
»on Hugo Andres u. Co., Frankfurt a d. Oder.)
(1. Fortsetzung.)
„®ut," sagte der Oberaufseher, indem er ein kleines rotheS Buch aus der Tasche zog. „Nummer Zweihundert- sechs und Zweihundertsieben, achter auf das Regulativ des Gefängnisses. Wenn Ihr zu entfliehen versucht, ohne daß es Euch gelingt, dann bekommt Ihr Prügelstrafe. Wenn eS Euch gelingt, auS dem Hafen zu kommen und Ihr dann ergriffen werdet, dann bekommt Ihr drei Jahre in doppelten Ketten. Sobald Ihr vermißt werdet, werden drei Kanonen« schüffe abgefeuert und die Alarmflagge wird auf jeder Station gehisst. Signale werden an die Küstenwache und an die Polizeibehörden der zehn nächsten Dtstricte telegraphirt. Ein Preis wird auf Euren Kopf gesetzt. Bekanntmachungen werden über jedes Thor von Toulon geheftet und an alle Städte des Kaiserreichs gesandt. Es ist gesetzmäßig, auf Euch zu feuern, wenn Ihr nicht lebendig ergriffen werden könnt."
Nachdem er dies mit grimmigem Wohlgefallen vorgelesen hatte, nahm der Oberaufseher wieder seine Cigarre, steckte das Buch in seine Tasche und ging fort.
Nun war alles vorüber, — alles unglaubliche Staunen, die träumerische Stumpfheit, die nicht ganz erloschene Hoffnung der letzten drei Tage. Ich war ein Verbrecher und (Sclaverei in der Sclaverei) an einen Berbrechergenoffen angekettet.
DaS wars, das also wars, was der Aufseher gemeint hatte, alS er von Verheirathung sprach! Und der finstere Mensch, der so beleidigend mit dem Fuße gestampft hatte, der Grobschmied, der meine Kette genietet hatte, das war der Pfarrer gewesen! — O Gott!
Ich iah meinen Genossen an und fand, daß seine Augen auf mir lagen. Er war ein dunkler Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit breiter Stirn und finsterem, tückischen Gesichtsausdruck- nicht viel größer als ich, aber außerordentlich kräftig gebaut.
„So," sagte er, „Ihr seid aus Lebenszeit, nicht wahr? DaS bin ich auch."
„Woher wißt Ihr, daß ich auf Lebenszeit bin?" fragte ich stumpf.
„Daher," und er berührte meine Kappe rauh mit dem Rücken seiner Hand. „Grün ist für Lebenszeit, roth für einen Zeitraum. Wofür seid Ihr hier?"
„Ich conspirirte gegen die Regierung."
Er zuckte verächtlich mit den Schultern.
„Zum Teufel, dann seid Ihr wohl ein Verbrecher aus der feinen Welt? Es thut mir leid, daß Ihr nicht eine Koje für Euch allein habt, wir armen Sträflinge hassen solche Gesellschaft."
„Sind hier viele politische Gefangene?" fragte ich nach einer Weile.
„Keine in dieser Abtheilung."
Dann, als ob er meine unausgesprochenen Gedanken erriethe, fügte er mit einem Eide hinzu: „Ich bin kein Unschuldiger, ich bin jetzt zum vierten Male hier. Hörtet Ihr jemals von Gasparo?"
„Gasparo, dem Fälscher?"
Er nickte.
„Der vor drei oder vier Monaten entsprang und —"
„Und die Schildwache über die Mauer warf, als sie gerade im Begriffe war, Alarm zu machen- der Mann bin ich."
Ich hatte von ihm gehört als von einem Manne, der frühzeitig zu einer langen Einzelhaft in dunkler Zelle Der« urtheilt worden war und der aus seiner Einsamkeit, ganz zu einem wilden Thier verhärtet, herausgekommen war. Ich schauderte, und als ich schauderte, bemerkte ich, daß sein böses Auge mich mit Gehässigkeit beobachtete. Von diesem Augenblicke an haßte er mich. Von diesem Augenblicke an verabscheute ich ihn.
Eine Glocke erklang und eine Abtheilung Sträflinge kam von der Arbeit. Sie wurden sofort von einem Wärter durchsucht und zwei und zwei an eine schräge, hölzerne Pritsche gekettet, welche bis in die Mitte der Halle reichte. Dann ward uns unser Abendbrod gereicht, bestehend aus einer Schüssel Bohnen, einer Ration Brod und Schiffszwieback und einem Maß dünnen Weines. Ich trank den Wein, aber ich ksnnte nichts effen. Gasparo nahm, was er wollte von
meiner unberührten Ration, und diejenigen, welche mir am nächsten waren, balgten sich um den Rest. Als das Abendessen zu Ende war, ertönte ein schrilles Pfeifen nach der Halle hin, jeder Mann zog seine schmale Matratze aus der Pritsche, welche unsere gemeinschaftliche Bettstelle ausmachte, hervor, wickelte sich in ein Stück Decke aus geflochtenem Seegras und legte sich für. die Nacht hin. In weniger als fünf Minuten herrschte tiefe Stille. Dann und wann hörte ich den Grobschmied mit seinem Hammer herumgehen, um die Gitter und Schlösser in allen Corridoren zu untersuchen- dann und wann ging der Wächter mit seiner Muskete auf der Schulter vorüber. Zuweilen ächzte ein Sträfling oder schüttelte seine Fesseln im Schlaf. So gingen die langweiligen Stunden vorüber. Mein Genoffe entschlummerte tief und selbst ich verlor zuletzt das Bewußtsein.
Ich war zu schwerer Zwangsarbeit verurtheilt. In Toulon ist diese Arbeit verschieden, sie besteht in der Arbeit in den Steinbrüchen, in den Bergwerken, im Laden und Löschen der Schiffe, im Pumpen in den Docks, im Trans« portiren von Kriegsvorräthen und Aehnlichem. Gasparo und ich waren mit etwa zweihundert anderen Sttäflingen in einem Steinbruch etwas jenseits des Hafens beschäftigt. Tag für Tag, Woche für Woche, von sieben Uhr Morgens bis sieben Uhr Abends, wiederhallten die Felsen von unseren Schlägen. Bei jedem Schlage klangen unsere Ketten und sprangen von dem steinigen Boden zurück. In jenem glühend heißen Klima folgen während des Sommers und des Herbstes furchtbare Ungewitter und tropische Dürre aufeinander. Oft und oft bin ich nach stundenlanger Arbeit unter einer brennenden Sonne bis auf die Haut durchnäßt in mein Gefängniß und zu meiner Pritsche zurückgekehrt. So zogen die letzten Tage des traurigen Frühlings vuiübcr und dann folgten der noch traurigere Sommer und die Herbstzeit.
Mein Strafgenosse war ein Piemontese. Er war Einbrecher, Fälscher und Brandstifter gewesen. Bei seiner letzten Flucht hatte er einen Todtschlag begangen. Gott weiß es, wie sehr meine Leiden durch diese schreckliche Gemeinschaft vermehrt wurden, — wie ich vor der Berührung seiner Hand zurückschrak, — welchen Ekel ich empfand, wenn sein Athem mich traf, während wir des Nachts Seite an Seite lagen. Ich bemühte mich, meinen Ekel zu verbergen, aber vergeblich. Er wußte es ebemo gut, wie ich es wußte, und er rächte sich an mir in jeder Weise, die seine rachsüchtige Natur nur erdenken konnte. Daß er mich tyrannisirte, war nicht zu verwundern, denn seine physische Stärke war ungeheuer und er ward im ganzen Hasen als ein Despot angesehen, dem sich alles fügte. Aber bloße Tyrannei war das Geringste, was ich zu ertragen hatte. Ich hatte eine seine Erziehung erhalten und er beleidigte absichtlich und fortwährend mein Anstandsgefühl. Ich war an körperliche Arbeit nicht gewöhnt und er legte mir den größten Theil unserer täglichen Arbeit auf. Wenn ich der Ruhe bedurfte, bestand er darauf, zu gehen. Wenn meine Glieder steif waren, wollte er durchaus liegen und weigerte sich, sich zu bewegen. Er sand Freude daran, gotteslästerliche Lieder zu singen, und erzählte abscheuliche Geschichten von dem, was er in seiner Einsamkeit gedacht und beschlossen hatte. Er drehte sogar seine Kette auf solche Weise, daß sie mich bei jedem Schritt wund reiben mußte. Ich war damals gerade zweiundzwanzig Jahre alt und war von meiner Kindheit an kränklich gewesen. Ihm das zu vergelten ober mich zu vertheidigen, würde gleich unmöglich gewesen sein- mich bei dem Oberaufseher zu beklagen, würde nur noch dazu gedient haben, meinen Tyrannen zu noch größerer Grausamkeit zu provociren.
Endlich kam ein Tag, wo sein Haß schwächer zu werden schien. Er erlaubte mir zu ruhen, wenn unsere Ruhestunde gekommen war. Er sang nicht mehr die Lieder, welche ich verabscheute, und saß zu Zeiten in Gedanken vertieft da.
(Fortsetzung folgt.) । ■■ 11 1 । " ■ ■■ ■■ ' —
Dermifötes«
* Frankfurt a. M., 20. December. Im neuen Panorama am Hauptbahnhof ist seit Kurzem die Aufstellung des Rundgemäldes, das die Schlacht bei Lützen und den Tod Gustav Adolfs darstellt, vollendet. Nach der Herstellung der plastischen Decorationen, die in wenigen Tagen zu erwarten ist, wird die Eröffnung des Panoramas erfolgen. Die Situation ist um die Mittagszeit des Kampftages, am 6. November, gedacht. Auf der Plattform erblickt das Auge zunächst das brennende Lützen und die vier vielfach demolirten Windmühlen, bei denen 24 Geschütze der kaiserlichen Artillerie aufgefahren sind und verfolgt dann die von Lützen über Markranstädt nach Leipzig führende Straße. Bon da aus
beobachtet man den Angriff der schwedischen Kürassiere und des schwedischen Fußvolkes gegen die kaiserlichen Schützen und die Pappenheimer Kürassiere. Links gelangt man dann zu der Darstellung des Todes Gustav Adolfs, der, im Begriffe, seinem bedrängten rechten Flügel zuzuetlen, mit seinem geringen Gefolge unter die andringenden feindlichen Reiter gerathen ist und von ihnen erschossen wird. Sein Page, von Leubelfing, sucht den König, obgleich selbst schwer verwundet, zu decken, während andere Begleiter, darunter der Herzog Franz Albrecht von Lauenburg, sich durch die Flucht retten. Die folgende Gruppe zeigt den erfolgreichen Angriff von Karl Harts Dalekarlier, die den feindlichen Centrums- flügel sprengen, sowie den Angriff der 24 Schwadronen Pappenheimer Kürassiere, die das schwedische Fußvolk zu Boden schleudern, dabei aber ihren Führer, den Grafen von Pappenheim, verlieren. Nach dieser Gruppe gelangt der Beschauer zum kaiserlichen Heerführer Wallenstein, der sich im Mitteltreffen der Schlacht befindet. In seiner nächsten Nähe liegt der Abt von Fulda schwer verwundet am Boden. Bei einer Untergruppe gewahrt man, wie Feldzeugmeister Brenner fällt und Graf Harrach mit den Kürassieren gegen den linken schwedischen Flügel vorgeht. Die gegen das kaiserliche Centrum vorgehenden Schweden nehmen die kaiserliche Batterie zum zweiten Male, die gesummte kaiserliche Reiterei wird geworfen und des Königs Leichnam wiedererobert. Damit ist der Beschauer wieder am Ausgangspunkt angelangt.
* Das große Loos im Kehrichtkasten. Der Hauptgewinn der Rothen Kreuz-Lotterie im Betrage von 100000 Mark ist — so berichten Berliner Blätter — nicht abgehoben worden. Wie jetzt mitgetheilt wird, soll die „glückliche" Spielerin des betreffenden Looses das Dienstmädchen eines Berliner General - Directors einer Berufsgenoffenschaft fein. Die besagte Küchenfee, die schon wiederholt Lotterie zu spielen pflegte, ohne allerdings dabei Glück zu haben, bekam ein Trinkgeld von 3 Mark und beschloß, mit diesem Nebeneinkommen wiederum ihr Glück in der Rothen Kreuz-Lotterie zu versuchen. Sie ging also zu einem bekannten Loosehändler, kaufte sich ein Loos und schrieb, mehr aus abergläubischer Frömmigkeit, als aus Vorsicht, die Nummer ihres Looses in ihr — Gesangbuch, welches sie schon in früheren Jahren zu derartigen profanen Notizen zu benutzen pflegte. Die Ziehung kam und das Mädchen sah, wie die Herrschaft bemerkte, wiederholt in der Zeitung die Liste der Gewinne nach. Als nun vor einigen Tagen die Notiz durch die Blätter ging, daß der Hauptgewinn noch nicht abgeholt fei, machte die Hausfrau ihrem Mädchen Mittheilung davon, und fragte, ob sie denn etwas gewonnen habe. Das Mädchen gestand, daß sie, nachdem sie mehrere Male vergeblich in den Gewinnlisten nachgesehen — aus Aerger! — das Loos in den — Mülleimer geworfen habe. Als man nun die Zeitungsnotiz mit der Einzeichnung in dem Gesangbuch verglich, stieß das Mädchen einen Schreckensschrei aus: die aufgebotene Nummer des Hauptgewinns war die ihrige! — Was war nun zu thun? Eine Mittheilung an die Lotterie-Direction erwies sich natürlich als zwecklos, da dieselbe den Gewinn einzig gegen Herausgabe des Looses auszahlen kann und nur verpflichtet ist, das Geld 90 Tage nach vollendeter Ziehung aufzubewahren - später verfällt es für die Zwecke der Lotterie. Eine Anfrage bei dem Müllkutscher ist auch schon geschehen und ein junger Mann, der Buchhalter des Herrn, hat von der „Gewinnerin" das Versprechen empfangen, 5000 Mark Belohnung zu erhalten, wenn er es durchsetzt, daß der Kehricht untersucht wird und man darin das Loos findet — ein etwas aussichtsloses Beginnen, wenn man sich erinnert, daß ganze Wagen von Müll aus hunderten von Häusern zu gleicher Zeit fortgeführt werden. So erzählte der Dienstherr des betreffenden Mädchens seinen Bekannten. Es liegt bisher keine Ursache vor, die Erzählung etwa in die Rubrik „Jägerlatein" zu erweisen, dieselbe wird vielmehr durch folgende der „K. Ztg." aus Berlin zugegangene Mittheilung bestätigt: Das betreffende Mädchen heißt Sophie Jahncke und ist seit längerer Zeit beim Director der Brauerei- und Mälzerei- Berufs-Genossenschaft, Herrn M. Schlesinger, Wilhelmstraße 38, in Stellung. Nachdem sie drei Tage lang, vom 4. bis 7. December, die Gewinnlisten durchgesehen, war sie der Ansicht, daß die Lotterie beendet sei, und warf das Loos am 7. December Abends fort. Erst durch Zufall ist der wahre Sachverhalt vor drei Tagen herausgekvmmen. Ein Immediatgesuch an den Kaiser ist gestern abgegangen. Es wird versucht werden, den Beweis für den frühem Besitz des Looses durch Eid zu erbringen.


