Ausgabe 
22.11.1893 Erstes Blatt
 
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Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Korrespondenz-Bureau.

Flensburg, 20. November. Infolge des anhaltenden Nordoststurmes sind die niedrig gelegenen Stadttheile am Hafen völlig überfluthet. Der Verkehr auf der Schiffs­brücke sinder auf Kähnen statt. Die Dampfschiffsverbindungen sind abgeschnitten. Die Fluth ist im Steigen. Der Schaden ist bedeutend.

Rostock, 20. November. Durch einen Nordoststurm hat Hochwasser die niederen Stadttheile überschwemmt. In Warnemünde sind die Moolen überfluthet. Die Bismarck­promenade ist gefährdet und wird durch Sandsäcke zu schützen versucht. Der Wassersland ist ein Meter über der Normal­höhe.

Lübeck, 20. November. Das Hochwasser, das bis Mittag stieg, begann gegen Abend langsam zu fallen. Der Bahnbetrieb zwischen Lübeck und Travemünde, der eingestellt ist, da der Bahndamm überfluthet wurde, wird voraussichtlich erst am 22. d. M. wieder ausgenommen werden können. Die Maaren aus den Schuppen am Gestade sind mir Mühe ge­borgen worden. Vielfache Beschädigungen von Telephon­leitungen, Gebäuden, einzelnen Schiffen und Flößen sind vor­gekommen. Abends setzte ein neuer Sturm ein.

Bayreuth, 20. November. Infolge heftigen Schnee­sturmes ist der Telephonbetrieb auf mindestens acht Tage gestört. Die Drähte sind sämmtlich zerrissen.

Graz, 20. November. Unter den Hunderten an der Bahre des Grafen vonHartenau niedergelegten Kränzen ist auch ein solcher des Prinzen Albrecht von Preußen Namens des Regiments Gardes du Corps.

Graz, 20. November. Die Leichenfeier des Grafen Hartenau begann Nachmittags 2 Uhr in dem Trauer­gemach, worin die Leiche aufgebahrt war. Pfarrer Leiden­frost gedachte in der Trauerrede der Eigenschaften des Herzens und Geistes des Verstorbenen. Nach der Einsegnung der Leiche bildete sich der Trauerzug- hinter dem Sarge schritten der vom Kaiser von Oesterreich entsandte Flügeladjutant Lonay, Prinz Heinrich von Battenberg, der von der Königin von England entsandte Botschafter Monson, Herzog Wilhelm von Württemberg, Prinz Franz Joseph von Battenberg, Graf von Erbach, die bulgarischen Deputationen, der Statthalter v. Knebeck, der commandirende General mit der Generalität und das Offiziercorps, sowie zahlreiche andere Leidtragende. Unter militärischen Ehren begab der Trauerzug sich nach dem Friedhof, woselbst die provisorische Beisetzung erfolgte. An der Gruft hielt der bulgarische Minister Grekow eine Ge- dächtnißrede.

Brüssel, 20. November. Von allen Küstenstädten treffen schreckliche Nachrichten über den Seesturm der verflossenen Nacht ein. Ein Orkan von seltener Heftigkeit wüthete die ganze Nacht hindurch. Der kleine Leuchtthurm von Calais ist umgestürzt. Mehrere Ostender Fischerboote kehrten mit erheblichen Verlusten an Mannschaften und Geräthen heim. Mehrere Villas am Seestrande sind zerstört. In Antwerpen sind auf den Quais die Dachbedeckungen aus Zink zum Theil zerstört. Die Telegraphenstangen sind umgeworfen. In der Umgegend von Brüssel sind zahlreiche Dächer zerstört, Kamine umgeworfen und Bäume entwurzelt.

Paris, 20. November. Wie aus Cherbourg gemeldet wird, ist während des Sturmes der deutsche Dreimaster Corrientos" gescheitert und völlig zerstört worden. Von vierzehn Mann Bemannung sind neun gerettet worden. Zwei Leichen wurden gefunden. Von der Nord- und Süd­küste wird das Fortdauern des Sturmes gemeldet.

Paris, 19. November. Von der französischen Nordküste wird das Wüthen eines großen Sturmes im Canal ge­meldet. Weiter wurden sieben Schiffbrüche in der Nähe ver­schiedener Hafenorte berichtet. Die gescheiterten Schiffe scheinen ausschließlich französische oder englische Mannschaft gehabt zu haben, die überall gerettet worden zu sein scheint. In Havre ertrank ein Looise. Die Kriegsflotte in Cherbourg ist ständig unter Dampf, da jeden Augenblick der Bruch der Anker ge­fürchtet wird. Selbst in den Küstenstädten richtete der Sturm Verheerungen an. Auch aus Süd-Frankreich werden Stürme gemeldet.

Paris, 19. November. Depeschen aus Havre, Fecamp

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Erstes Blatt. Mittwoch den 22. November

1893

Gießener Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, betreffend die Bildung der Schöffen- und Schwurgerichte pro 1894.

Die Auslassung der Schöffen für 1894 findet Donnerstag den 7. December 1898, Bormittags 11 Uhr

in öffentlicher Sitzung Gerichtssaal 18 statt.

Gießen, den 14. November 1893.

Großherzogliches Amtsgericht.

Gebhardt.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 21. November. Seine Königliche Hoheit der Prinzregent Luitpold von Bayern trifft morgen (Dienstag) Nachmittag 2 Uhr über Aschaffenburg dahier ein. Äm Bahnhofe findet großer Empfang statt. Se. Königl. Hoheit der Prinzregent wird im Großherzoglichen Residenz, schloß Wohnung nehmen.

Berlin, 20. November. Die geschäftlichen Präludien der neubegonnenen gesetzgeberischen Thätigkeit des Reichstages sind mit den kurzen Sitzungen vom vergangenen Donnerstag urib Freitag erledigt worden. Nunmehr hebt an diesem Donnerstag die eigentliche parlamentarische Arbeit an, mit brr für genannten Tag festgesetzten ersten Lesung der neuen Handelsverträge. Die am Schluß der Freitagssitzung ein- getretene fünftägige Pause in den Reichstagsverhandlungen hat den Mitgliedern des Hauses hinreichende Gelegenheit ge­geben, sich in die Einzelheiten der getroffenen handelspolitischen Abkommen Deutschlands mit Spanien, Rumänien und Serbien jis vertiefen, man ist also auf allen Seiten für die bevor­stehende parlamentarische Schlacht um die Handelsverträge gerüstet. ES wird in ihr zweifellos heiß hergehen, dennoch gilt schon jetzt als ziemlich gewiß, daß die Reichsregierung und die Anhänger ihrer Handelsvertragspolitik die Sieger bleiben, daß die neuen Verträge Seitens des Reichstages sanctionirt werden, wenn auch, wie es wahrscheinlich ist, die­selben zunächst an eine Commission gelangen. Sicherlich werden im Laufe dieser Verhandlungen auch kräftige Streif­lichter auf die schwebenden deutsch-russischen Handelsvertrags­unterhandlungen fallen, von denen man noch immer sagen kann:Nix Genaues weiß mau nicht V* Bet den Handels­vertragsverhandlungen wird die Regierung zugleich die nach­trägliche Zustimmung zu den Kampfzöllen gegen Rußland nachsuchen- selbstverständlich wird die Volksvertretung wohl oder übel die Zollerhöhungen und hiermit den nun schon in den vierten Monat hineindauernden wirthschaftlichen Krieg mit dem Czarenreiche gutzuheißcn haben.

Berlin, 19. November. Parlamentarisches. Der von den Grafen Kanitz, Mirbach und Genoffen im Reichstage eingebrachte Antrag zur Einführung der Doppelwährung hat die Form eines vollständigen Gesetzentwurfs ganz nach dem Muster des deutschen ReichsmünzgesetzeS. An Stelle der Goldwährung soll hiernach die Gold- und Silberwährung treten und die beiden Metalle nach dem früheren Werthe von 1:15*72 ausgeprägt werden. Die Centrumsfraction res Reichstages hat sich heute constituirt und zu ihrem Vor­sitzenden den Abgeordneten Graf Hompesch, zum Stellvertreter des Vorsitzenden den Abgeordneten Reindl gewählt. Die übrigen Vorstandsmitglieder der Centrumsfraction in der letzten Session wurden ebenfalls wiedergewählt. Das Centrum, die conservative und die nationalltberale Fraction des Reichs­tages hielten heute Vormittag im Reichstage Fr actio ns- Sitzungen ab, um sich zunächst zu conftituiren und sodann die Handelsverträge einer Besprechung zu unterziehen.

Wuchergesetz. Wie dieDeutsche volkswirthschaftl. Corresp." erfährt, sind die königlichen Regierungspräsidenten angewiesen worden, die Aufmerksamkeit der Landräthe auf daS Gesetz vom 19. Juni dS. Js., betreffend die Ergänzung der Bestimmungen über den Wucher, hinzulenken. In dem Erlaß werde betont, daß gerade in gegenwärtiger Zeit, wo die Landwirthschaft in vielen Bezirken darniederliegt und der Ausfall der Futterernte die Landwirthe zu Viehverkäufen und Darlehnsaufnahmen treibt, die Bestimmungen des neuen ®e» sttzes einen wirksamen Schutz der bedrängten Landwirthe gegen die Ausbeutung ihrer Nothlage zu wucherischen Zwecken bilden. Die Landräthe sollen angewiesen werden, die land- wirthschaftlichen Vereine besonders auf die neuen, schutz- bringeuden Bestimmungen hinzuweisen.

Das Tabaksteuergesetz ist von den mit der Borberathung beauftragten Ausschüssen im Text vielfachen

Abänderungen unterworfen worden, es wird eine völlig um- gearbeitete Vorlage dem Plenum unterbreitet. An Zoll soll erhoben werden von 100 Kilogramm Tabakblätter 40 Mk., Cigarren 400, Cigaretten 500 und anderem fabricirten Tabak 250 Mk. Der Bundesrath soll ermächtigt fein, Brasil - karolten zur Herstellung von Schnupftabak unter Controle der Verwendung zum Zollzusatz von 180 Mk. für 100 Kg. zuzulaffen. Der Zoll für Rohtabak kann bis zu neun Monaten gestundet werden. Nach näherer Bestimmung des Bundes­raths ist für Halb- und Ganzfabrikate, die im Jnlande ganz oder zum Theil aus ausländischem Tabak hergestellt sind, bei der Ausfuhr der dafür entrichtete Zoll zurückzuzahlen. Die Steuer soll betragen für im Jnlande hergestellte Cigarren und Cigarretten 33Vb pCt., für Kau- und Schnupftabak 50 pCt., für Rauchtabak 662/3 pCt. des Facturapreifes, zu dem die Fabrikate ausschließlich der Steuer von dem Fab- rikanten verkauft werden. Ueber Controle der Pflanzer, des Rohtabakhandels, der Tabakfabrikation, des Handels mit Tabakfabrikaten, die Nachsteuer u. s. w., sind die Bestimm­ungen meist anders formulirt worden.

Gegen die Weinsteuervorlage in ihrer jetzigen Fassung dauert im Bundesrath der Widerstand der süd­deutschen Regierungen fort. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß man sich auf beiden Seilen zu Zugeständnissen bequemen und etwa die Mitte zwischen der Preußischen auf 50 Mk. und der süddeutschen auf 70 Mk. lautenden For- berung als Werthgrenze bestimmen wird.

Berlin, 19. November. Die einmaligen Ausgaben für militärische Zwecke belaufen sich auf 35 102456 Mk. ( 2146 402 Mk.). Neu werden verlangt 109 200 Mk. als erste Rate zur Ausstattung der Infanterie und Jäger mit Fahrrädern. Die Erfahrungen, welche sich bei den bisherigen Versuchen mit Fahrrädern, im Besonderen hinsichtlich ihrer Verwendung im Felddienst ergeben haben, lassen es angezeigt erscheinen, nunmehr mit der Beschaffung von Fahrrädern und der Nutzbarmachung derselben für den Kriegsfall in weiterem Umfange vorzugehen. Der Bedarf an Fahrrädern ist aus 2 für jedes Infanterie- und Jäger­bataillon, bezw. 4 für das Lehr-Jnfanteriebataillon, also auf 830 Stück veranschlagt, wovon noch 728 anzuschaffen sind. Da der Preis für das Stück auf rund 300 Mk. zu berechnen ist, so würden die Gefammtkosten aus der Beschaffung der Fahrräder sich auf 218 400 Mk. belaufen. An Gebäuden sind neu geplant: Magazingebäude in Spandau (über­schlägige Gesammtkosten (510000 Mk.), ein Körner- und Mehlmagazin in Coblenz (107000 Mk.), Magazingebäude in Lang fuhr (279 500 Mk.), Dienstgebäude für den Com- mandanten auf dem Truppenübungsplatz bei Ar y s (70000 Mk.), Erweiterung der KaserneKronprinz" in Königsberg i. Pr. (435 000 Mk.), Kaserne für ein Pionierbataillon in Königs­berg i. Pr. (1147000 Mk.), Stallungen in Lyck (601000 Mk.), Stabs- und Kammergebäude in Tilsit (104900 Mk.), Kaserne für eine reitende Abtheilung Feldartillerie in Brandenburg a. H. (922 500 Mk.), Kaserne für ein Jnfanteriebataillon in Torgau (610000 Mk.), Ausbau der Brückenkopf-Kaserne in Torgau (317580 Mk.), Kaserne für die Bedienungs­mannschaften einer fahrenden Abtheilung Feldartillerie in Glogau (470000 Mk.), Kaserne für ein Jnfanteriebataillon in Görlitz (1046000 Mk.), evangelische Garnisonkirche in Breslau (350000 Mk.), Kaserne für zwei Infanterie- bataillone in Köln (1 995000 Mk.), Kaserne für eine reitende Abtheilung Feldartillerie in Saarbrücken (760 000 Mk.), Kaserne für zwei fahrende Batterien Feldarttllerie in G ü st r o w (819000 Mk.), Dienstgebäude für das Bezirkscommando in Hamburg (382 300 Mk.), Kaserne für zwej Jnfanterie- compagnien unb Garnisonverwaltungs-Dienstgebäude in Celle (900000 Mk.), Erweiterungsbau des Militär-Reitinstituts in Hannover (740000 Mk.), Kaserne für drei Batterien Feld- artillerie in Kassel (1880 000 Mk.), Garnison-Waschanstalt in Frankfurt a. M. (250000 Mk.), Kaserne für zwei Escadrons in Karlsruhe (896000 Mk.), Kaserne für eine Abtheilung Feldartillerie in Graudenz (335000 Mk.), Er­weiterung der Cavalleriekaserne in Riesenburg (790000 Mk.), evangelische Garnisonkirche in T h o r n (530 000 Mk.), Lazarette bei Lockstedt (120000 Mk.), in Worms (215000 Mk.), in Osterode (310000 Mk.), zu Ergänzungen der Cadetten- anftalten in Wahlstatt (104400 Mk.), in Plön (193000 Mk.), Kriegsschule in Potsdam (755000 Mk.), Unterosfiziervorschule in Barten st ein (666000 Mk.), Kaserne für eine Batterie Feldartillerie in Neubreifach (153 000 Mk.), Kaserne für zwei Compagnien Infanterie in Bitsch (397000 Mk.), für ein Jnfanteriebataillon in Weißenburg (1 190 000 Mk.), Generales mm andogebäude in Metz (600 000 Mk.), Exercier- häuser in Pfalzburg und Metz (71000 Mk.), Erweiterung des KönigSthores in Posen (112800 Mk.), des Dieden-

hofener Thores in Metz (160000 Mk.), des MazellenthoreS in Metz (140000 Mk.) und des Siegburger Thores in Köln (36000 Mk.). Des Weiteren werden zur Erwerbung eines Uebungsplatzes für die Truppen des 4. Armeccorps als erste Rate 1,5 Millionen ver-langt, zur Anstellung eines Versuchs auf einem Remontedcpot, die Remonteu erst im Herbst an die Truppen auszugeben, 100000 Mk.