1893
Sonntag den 22. Oktober
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Drittes Blatt
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sogar einzelne Stimmen aus der freisinnigen Vereinigung
geliebter Gatte,
Tabakfabrikatsteuer sich ausgesprochen.
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währte, sogar nur auf dreizehn Sitze. Ihre Abgeordneten hatten während des Wahlkampfes theilweise erklärt, sie würden i nur bei gesetzlicher Festlegung der zweijährigen Dienstzeit und vorausgehender Regelung der Deckungsfrage sich zur Bewilligung der großen Lasten der neuen Heeresvorlage verstehen, stimmten aber im Reichstage ausnahmelos ohne Vorbehalt dem Regierungsentwurfe zu. Neuerdings haben
Wahlbewegung hatte es von Anbeginn an nicht den Anschein, als ob die freisinnige Vereinigung mit der freisinnigen Volkspartei in Streit gerathen würde. Eugen Richter, der nach einander in der Provinz Sachsen, in Posen, Ost- rnd Westpreußen, in Schesien und in Berlin die Wahlbewegung etn- leitete, enthielt sich jedes Angriffes auf die Vereinigung. Diese verhielt sich vollständig passiv — ihr Führer Dr. Barth reiste zu Beginn der Wahlbewegung in Geschäfksangelegenhciten nach Amerika, — bis sie vor einigen Wochen plötzlich mit einem Angriffe aus die Vo kspartei hervortrat, wahrscheinlich in der Hoffnung, durch eine Verbindung mit den Nationalliberalen und Freiconservatlven für sich und ihre Verbündete einige Mandate der Volkspartei zu gewinnen. Den auch in weiteren Kreisen bekannten Abgeordneten Albert Träger, Dr. Otto Hermes und Parrisius (der bekannten Autorität auf dem Gebiete des Genossenschaftswesens) beabsichtigt sie Justizrath Makower und Lehrer Tews entgegenzustellen. Wie der Wahlkampf enden wird, ist vorläufig nicht abzusehen. Da die freisinnige Vereinigung im Abgeordnetenhause höchstens fünf bis sieben Sitze erhalten wird, so scheint in Berlin keine große Neigung zu bestehen, sich der überhaupt nicht recht zukunftreichen Partei anzuschließen.
Ein recht unwürdiger Kampf spielt sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ab, der Kampf um die Shermanacte, durch welche die Regierung gezwungen ist, durch regelmäßige Ankäufe von Silber diesem einen künstlichen Preis zu erhalten. In Amerika ist eS nicht, wie bei uns möglich, daß die Mehrheit eine Debatte schließt und die Abstimmung vornehmen läßt. Infolge dessen ist es der Minderheit der Silbersreunde möglich, durch steten Widerspruch gegen die Abstimmung der Shermanacte für unabsehbare Zeit die Entscheidung in dieser hochwichtigen Frage htnauszuschieben.
Die Gietzrner pe*tru*iratitt »erben dem Anzeiger »tchentlich dreimal
1i «gelegt
Diehener Anzeiger"
Wochenbriefe aus der Residenz.
(Ortginalbericht für den „Gießener Anzeiger".) Darmstadt, 20. October 1893.
3m Hose. — Semesterbegina. — Aus dem Kunstleben. — Verschiedenes.
Seitdem das Trauerjahr für den unvergeßlichen ver- fibtbtnen Großherzog verflossen, ist es am hessischen Hofe tnkber etwas lebhafter geworden. Unser alloerehrter Groß- Ürjv.g Ernst Ludwig nimmt jetzt an größeren öffentlichen Aranstaltungen wieder mehr Thril, als in den vergangenen Sonaten, so hat er ja bekanntlich erst vor wenig Wochen
Protectorat über das mittelrheinische Turnfest gnädigst iüitcnommen und nur ein plötzlich eingetretener Unfall ver- Äderte das persönliche Erscheinen des hohen Herrn inmitten ®tr Festgenoffen. Gegenwärtig ist viel fürstlicher Besuch in Qr Residenz. Die Frau Prinzessin Heinrich von Preußen tid deren Schwester, die Großfürstin Sergius von Rußland uil ihrem hohen Gemahl, ferner Großfürst Paul von Ruß- flcib und Prinzessin Victoria zu Schleswig-Holstein sind zu Cliggrcm Besuche eingetroffen und im „Neuen Palais" ab- Megen. Der Großherzog zeigte sich mit den hohen Gästen m dieser Woche allabendlich im Hoftheater, das er jetzt über- fcupt wieder sehr häufig besucht. Ob in diesem Winter be- mls wieder größere Hoffestlichkeiten stattfinden werden, ist ich unbekannt.
Das Wintersemester an derTechnischen Hoch- ßcku le hat in dieser Woche seinen Anfang genommen und vir verlautet ist der Zudrang der Studirenden wieder außer- «idemtlich groß. Einen immer mächtigeren Aufschwung nimmt üti studentische Leben in der Residenz. Die Zahl der farben- »az-nden Verbindungen hat sich in den letzten Jahren ver- 2opp>elt, während die Couleurstudenten früher nur in geringer M auftraten, erscheinen sie jetzt in großer Menge. Neben im schon lange bestehenden 8. C. hat sich vor nicht langer > ein Darmstädter D. C. coiMuirt, dem zwei Burschen- I-h-fien angehören, außerdem existiren.noch eine freischlagende
Vermischte-.
♦ DaS im Sommer d. I. eingeweihte ZünglivgsvereinS- Gebäude in Paris ist nach Außen wie nach Innen prächtig ausgestattet. Der franz. Architect wurde nach Amerika geschickt, um dort Studien zu machen und nach den bewährtesten Einrichtungen seine Pläne zu entwerfen. Das Gebäude enthält in sechs Stockwerken einen großen Saal, mehrere kleinere
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Der
Hutner Anzeiger «scheint täglich, ictt Ausnahme be« Montag«.
V rbindung und zahlreiche sogenannte „schwarze" Vereinigungen, von bpnen der „Akademische Verein" am meisten bekannt ist, da er öfters mit geselligen Veranstaltungen in die Oeffentlichkeit tritt. Von außerordentlicher Bedeutung für die Hebung und Förderung des studentischen Lebens in Darmstadt hat sich die Thäligkeit des Studentenausschusses erwiesen, der die Interessen der Studirenden ganz vorzüglich vertritt und außerdem für die Veranstaltung größerer studentischer Feste sorgt. Jedenfalls ist das rasche Emporblühen studentischen Wesens in unserer nicht ganz mit Unrecht als etwas philiströs verschrieenen Stadt nicht zum mindesten das Verdienst dieser rührigen Commission. Bekanntlich sind die Räume unserer Technischen Hochschule infolge des alle Jahre zunehmenden Andranges von Studirenden längst zu enge geworden, und es wird denn auch gegenwärtig bereits mit allem Eifer an dem Bau des neuen Polytechnikums, wie der Darmstädter mit Vorliebe sagt, gearbeitet. Schon ragt ein ganzer mächtiger Gebäudecomplex auf dem großen Platze im Herrengarten, wo ehemals die Großherzogltche Meierei stand, empor. Wenn das neue Institut erst glücklich vollendet sein wird, wird Darmstadt, was die Studentenzahl anlangt, wohl mit mancher großen Universitätsstadt wetteifern können.
Außerordentlich reich an interessanten Darbietungen war das Kunstleben tn der vergangenen Woche- wir müssen uns an dieser Stelle nur auf wenige Angaben beschränken, die wir zum Theile den Darmstädter Tagesblättern entnehmen, da wir natürlich nicht allen Veranstaltungen bei- gewohnt haben. Der Sonntag brachte uns das hochintereffante Gastspiel des italienischen Sängers Cavaliere Leone Fuma- galli vom königl. Theater Argentina in Rom. Der berühmte Gast sang den „Rigoletto" in der gleichnamigen Oper — nur der 3. Act der Oper wurde gegeben — und den Tonio in Leoncavallos „Bajazzo". Das ausverkauste Haus spendete der virtuosen Leistung des fremden Künstlers und unseren trefflichen einheimischen Kräften geradezu frenetischen Beifall. Cavaliere Fumagalli hat infolge dessen gestern Abend nochmals den „Rigoletto" gesungen, doch liegen mir noch keine Berichte über die Vorstellung vor. Die Hofmusik-Concerte nahmen am vergangenen Montag unter den glänzendsten
Der amerikanische Vereinsturnlehrer bezieht 5000 Frcs. Gehalt! Das ganze Haus wurde von einem amerikanischen Vereinsfreunde für etwa 400000 Frcs. erbaut. Die Pariser Freunde zahlten den sehr hohen Preis des Grundstücks ; ein einziger derselben, ein Bankdirector, steuerte allein 100000 Frcs. bei. Wenn man bedenkt, wie schwer es in Deutschland hält für christliche Zwecke auch nur kleine Summen in größerer Anzahl zu erhalten und wie sich namentlich immer noch nur sehr Wenige finden, welche für ein Werk, wie das der Jünglingsvereine, etwas thun — so ist dieses Beispiel christlicher Opferfreudigkeit aus Paris für uns wahrlich ein beschämendes — hoffentlich aber auch ein solches, welches zur Nachahmung nicht ohne Erfolg auffordert!
* Guter Rath kostet Lehrgeld. Ein Abonnent einer Fachzeitschrift schreibt dem Blatte: „Ihre jüngst gegebene Anweisung, aus einer Hammelkeule eine Rehkeule herzustellen, habe ich versucht, muß Sie aber bitten, in Zukunft Ihre guten Räthe für sich zu behalten, wenn Sie keinen besseren wissen. Ich habe die Keule schön geputzt, habe sie im Schweiße meines Angesichts geklopft, alle Ihre guten Lehren mit dem Wachholderreisig und dem Schinkenbeutel getreulich befolgt und sie dann nach Vorschrift 24 Stunden lang eingegraben. Als ich sie wieder ausgraben wollte, hatte das meines Nachbars --große Dogge schon aus's Beste besorgt!"
* Untereinander gebracht. Offizier: „Ist die Herrschaft zu Hause?" — Bursche: „Die Herrschaft ist sehr zu be» dauern — sie macht selb st Besuche!"
politische Wochenschau.
Gießen, 21. October 1893.
Während im Reiche die Ferienstille nach wie vor an- tauert und nur tn Sachen der Tabakfabrikat- und Weinsteuer ltid)tc Geplänkel zwischen der Regierung und der Opposition ihltfmben, hat die preußische Wahlbewegung angesichts bt-3 -nahen Termins für die Urwahlen einen verhältn ßmäßig feiert Grad von Lebhaftigkeit erreicht. Wir haben schon «nbch bemerkt, daß die tntereffanteste und parteipolitisch btbriitiamfle Erscheinung in dem diesjährigen Wahlkampfe die Wtinandersetzungen zwischen der freisinnigen Volkßpartei und ter freisinnigen Vereinigung bilden. Beide Gruppen waren beka»ntlich bis zum 6. Mai dieses Jahres in der deutsch- skeisinnigen Partei vereinigt. Die verschiedene Stellung der bei kn Gruppen zu der Militärvorlage in der zweiten Be- roihiing machte damals die Scheidung zur Nothwendigkeit. -i- kurz vor der entscheidendFn Abstimmung war die ge- iaoiüite Partei einmüthig in der Verurtheilung der Militär- öotlnge tn der Gestalt deS RegierungSentwurfeS. Da be- gönnen unter dem Vortritt des früheren Reichstagsabgeordneten und Majors a. d. Hinze sechs Mitglieder ihre Stellung zu lindern und stimmten am 6. Mai im Widerspruch mit der großen Mehrheit der Fraction für die Heeresverstärkung in dem von der Regierung gewünschten Umfange. Daraufhin beantragte Eugen Richter in der am Abend desselben Tages slaltßindenden Parteisitzung zu erklären, daß die Befürwortung btr Regierungsvorlage mit der Gesarnmthaltung der Partei nicht übereinstimme. Nunmehr ergab es sich, daß eine mit! re Anzahl von Mitgliedern der Partei nur, um sich nicht zu rompromitiren, gegen die Regierungsvorlage gestimmt Ijattt, aber geneigt war, bet einer Wiederwahl für die Regierung einzutreten. Dergestalt wurde die Trennung der dkidttn Theile nöthig. Diejenigen, welche den bisher eingenommenen Standpunkt verlassen wollten, schlossen sich mit ifrtn näheren Freunden zur freisinnigen Vereinigung zu- iomnien, während die bei weitem überwiegende Mehrzahl unter Eugen Richters Führung ihrer früheren Haltung treu Hieb unb den Namen freisinnige Volkspartei annahm. Der ReichSwahlkampf endigte für beide Gruppen nicht sehr
Auspicien ihren Anfang. Das Hoftheater war wieder ausverkauft und die großartigen Leistungen unseres Künstler- orchesters, sowie der Solisten, Fräulein Schauseil und Herr Stavenhagen, wurden mit großem Beifalle gelohnt. Am Mittwoch schloß sich bann das Eröffnungsconcert des Männerchores „Humanitas" an, das gleichfalls einen glanzvollen Verlauf nahm. Von künstlerischen Kräften wirkten Fräulein Neumeyer, die Herren Stury, Werner und Döbber vom hiesigen Hoftheater mit. Arn Dienstag verschaffte uns das Gastspiel der Frau Baumeister vom Berliner Theater in Berlin einen vergnügten Theaterabend. Für die nächste Zeit stehen bereits wieder zwei große Concerte in Aussicht, eins wird vom Musikoerein veranstaltet, das andere soll Wohlthätigkeitswerken dienen und zum Besten der hiesigen Vereinigung der barmherzigen Schwestern stattfinden. Die Musikfreunde können sich also gewiß nicht über Mangel an Anregung und Unterhaltung beklagen.
Von allgemeinen Fragen bildet das neue Strahen- bahnproject noch immer den Hauptgegenstand der meisten Ditcussionen. Neuerdings wird viel gestritten, welches der beiden ausgearbeiteten Projecte den Vorzug verdiene, ob das des Ortsgewerbevereins oder das des Mathildenhöhevereins, die Entscheidung wird wohl in nicht allzu ferner Zett in der Stadtverordnettn - Versammlung gefällt werden. — Einen sehr erfreulichen Nachtrag kann ich heute an meinen jüngsten Bericht über das finanzielle Ergebniß des Turnfestes machen. Die in diesem ausgesprochene Hoffnung, das End- ergebniß möge sich nicht ungünstiger gestalten, als die private Berechnung im Voraus angenommen hatte, hat sich glänzend erfüllt. Nicht weniger wie 13000 Mk. sind als Reingewinn erzielt worden, das ist viel, viel mehr, als man je erwartet hatte. Der Festausschuß hat in Anbetracht dieses erfreulichen Resultates beschlossen, einen größeren Theil der erzielten Summe an hiesige gemeinnützige Vereine zu vertheilen und außerdem sämmtliche Darmstädter Turnvereine und olle Per- fönen, die amtlich bei dem Turnfeste thätig waren, zu einer großen Nachfeier einzuladen. Wir wollen den Gießenern nur aufrichtig wünschen, daß ihnen in zwei Jahren das gleiche Resultat beschieden sein möge. Z.
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THEE-MESSMER
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chratisbeilage: chießener Iamisienökätter. 1
günftig. Die freisinnige Vereinigung brachte es, Ho^em sie auch Abgeordneten, welche früher nicht zur frei- j >inen Partei gehört hatten, Aufnahme in ihre Reihen ge-
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