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Rt. 94. Samstag den 22. April

1893

Set

«scheint täglich, Wtt luLnahm» bei Montags.

Me Gießener Heeiriteltiliit wewben dem Ängriftt mSch«ttltch dreimal

Leige(t|L

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

vtetteltädri,« IfmmMbFtMl 2 Mark 20 Pfg. mtt vringerloha. Durch die Post bez^M 2 Mark 50 Pßg.

Kebadien, »0>tb*t»e und Srudetei:

S-r»hprecher 61.

Anrts- und Anzeigeblutt für den Avers Gieren.

Hratisöeilage: Hießener JamilienSkätter

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gietzeu

weilen Kaiser

Victoria als

Königshofe

»«nähme oo« »ngeige« zu der Nachmittags für ba lelynbfn tag erscheinenden Nummer bis 8»neu 10 UH

Ullk Uono»cen.Burkanx des In» mrd Uusla«des nehme» leietae« für den .Gießener »«zeiger- entgegen.

an die (Srofth. Bürgermeistereien bezw. Local Polizeibeamten des Kreises.

erlangt durch die Gegenwart des deutschen Kaiserpaares eine Bedeutung, die über den Character eines blosen fürstlichen Familienfestes wett hinausragt. Mit dem Erscheinen der deutschen Majestäten in Rom erfährt die traditionelle Freund­schaft zwischen den Häusern Hohenzollern und Savoyen, sowie das seste politische Bündnißverhältniß zwischen dem deutschen Reiche und Italien aufs Reue eine kräftige und klare Be« sregelung und in diesem Bewußtsein hat die deutsche Nation ihr erhabenes Herrscherpaar mit den besten Wünschen bei der Fahrt gen Süden geleitet, in dieser Erkenntniß ist aber auch den hohen Reisenden auf italienischem Boden und zumal in Rom selbst, ein wahrhaft begeisterter, echt volksthümlicher Empfang geworden. Im italienischen Volke lebt noch heute die Erinnerung daran, daß es seine nationale Einigung wesent­lich den Erfolgen der preußischen Waffen von 1866 und später denjenigen der deutschen Waffen vom Jahre 1870 mit ver­dankt, kräftig fort. Auf den Schlachtfeldern, auf welchen die deutsche Kaiserkrone geschmiedet wurde, ist auch die Bahn nach

Rom für die Italiener freigemacht, ist die Erhebung der ewigen Stadt" zur Hauptstadt des geeinigten Italien ermög­licht worden, und mit letzterem Ereignisse erfuhr ja die natio­nale Einigung der Italiener erst ihre Krönung. Alle diese historischen Thatsachen haben in den weitesten Kreisen des italienischen Volkes längst ihre volle Würdigung gefunden, während man daselbst auch zugleich den Werth der politischen Freundschaft Deutschlands mit dem Apenninenkönigreich zu schätzen weiß, unter dem Eindruck dieser Empfindung ist darum dem deutschen Kaiscrpaare ein so jubelnder Empfang bei seinem Einzuge in Rom zu Theil geworden. Noch zahlreiche andere fürstliche' Gäste sind neben Kaiser.Wilhelm und seiner erlauchten Gemahlin am italienischen Hofe anläßlich des sil- bernen Ehejubiläums des Königs Humbert und der Königin Margarita anwesend, wie Erzherzog Rainer von Oesterreich, Großfürst Wladimir von Rußland, Prinz Georg von Griechen- land und noch zahlreiche andere Fürstlichkeiten. Auch durch diese glänzende Fürftenversammlung im Quirinal wird den Italienern selbst wie den übrigen maßgebenden Nationen Eu­ropas die einflußreiche Stellung, welche sich Italien in der Weltpolitik errungen hat, wiederum zum Bewußtsein gebracht. Der Besuch der deutschen Majestäten beim Papste findet an diesem Sonntag den 23. April, Mittags, statt. Der Besuch wird sich genau in denselben Formen bewegen, welche schon bei dem erstmaligen Besuche Kaiser Wilhelms im Vatican im Jahre 1888 beobachtet wurden. ___________________

Ausland.

Nom, 20. April. Die Stadt macht mit ihrem Flaggen­schmuck und der durch die Straßen wogenden Menschenmenge einen festlichen Eindruck. Schon seit 11 Uhr ist der Verkehr unterbrochen und vom Bahnhof nach dem Quirinal ist ein Militärcordon gezogen. Auf dem Bahnhof sind die Mitglieder der deutschen Botschaft, eine Vertretung der Bocken­heimer Husaren, die Herren des archäologischen Instituts und des Historischen Seminars, der Consul, sowie eine Anzahl junger Mädchen und Kinder der deutschen Colonie unter Führung der Gattin des Consuls zur Begrüßung des deutschen Kaiserpaares anwesend. Pünktlich um 12 Uhr 50 Minuten fährt der kaiserliche Extrazug in die Bahnhofs­halle ein. Die Musikbande der Ehrencompagnie stimmt die preußische Hymne an, die Königsfamilie und der Minister treten auf den Perron hinaus. Schon vom Wagen aus winkt der Kaiser ihnen freundlich zu- dann, nachdem er abgestiegen, umarmt er herzlich den König, ebenso wie die Kaiserin die Königin. Darauf überreichen die jungen Mädchen der deutschen Colonie der Kaiserin ein Bouquet, während der Kaiser mit dem Prinzen von Neapel und den Ministern Giolitti und Brin spricht. Beim Hinaustreten auf den Bahnhofsplatz in«

Deutscher Reich.

Berlin, 20. April. Seit Donnerstag

Wilhelm II. und Kaiserin Auguste hochwillkommene Gäste am italienischen zu Rom, um daselbst die Feier des silbernen Ehejubiläums der italienischen Majestäten mitzubegehen. Die schöne Feier

toniren die Musik-Corps die preußische Hymne. Der König steigt mit dem Kaiser in den ersten Wagen, die Königin nimmt mit der Kaiserin im zweiten Wagen Platz. Herr von Mar­schall fährt mit Giolitti und Brin. Auf dem ganzen Wege zum Quirinal werden die Souveräne ununterbrochen warm begrüßt. Auf dem Quirinalplatz ist die Menge lebensgefähr­lich gedrängt; 22 Vereine haben hier ihre Aufstellung ge­nommen und bereiten den Monarchen bei ihrer Vorbeifahrt eine stürmische Ovation. MitViva Fltalia wechselndViva Falleanza* undViva la Germania! Da die Rufe und das Beifallklatschen der Menge fortdauern, nachdem die Monarchen bereits den Quirinal betreten haben, treten daS Kaiserpaar und das Königspaar mit dem Prinzen von Neapel auf den Balkon hinaus, um zu danken. Die Königin macht die Kaiserin auf das prächtige Panorama mit der Peters- kuppel aufmerksam, das sich von hier bietet und auf das die Kaiserin einen langen Blick wirft- dann verneigen sie und der Kaiser sich leicht vor der Menge, während die Königin glück­lich lächelnd den Gruß durch Schwenken ihres Taschentuchs erwidert. Heute Abend findet Beleuchtung der Denkmäler statt.

Rom, 20. April. Die deutsche Kaiserin begab sich nach 4 Uhr, von einer Hofdame begleitet, nach dem Pantheon, vor dem sie vom Minister Martini erwartet wurde. Mar­tini reichte der Kaiserin den Arm und führte sie in den Tempel, woselbst sie ihren Namen in das Album der Be­sucher eintrug. Die Kaiserin besichtigte dann unter Führung Martini's das Pantheon und fuhr nach wenigen Minuten in den Quirinal zurück. Eine halbe Stunde später erschien der Kaiser mit dem General Mocenni und legte am Grabe Victor Emanuels einen Lorbeerkranz mit goldenen Beeren nieder. Der Kranz war vorher hingeschickt worden, der Kaiser hatte aber Ordre gegeben, ihn bis zu seiner Ankunft aufzu­bewahren, weil er selbst ihn am Grabe niederlegen wollte. Vor dem Pantheon war nur wenig Volk versammelt, das dem Kaiser applaudirte.

Rom, 20. April. Der deutsche Kaiser entsandte einen Adjutanten zum Cardinal-Staatssecretär Rampolla, um ihm officiell seine Ankunft in Rom mitzutheilen und für Sonntag den Besuch des Kaiserpaares beim P a p st anzu­kündigen.

Rom, 20. April. Als Kaiser Wilhelm mit dem König gegen Abend den Corso Passtrte, versuchte ein Theil der Volksmenge die Pferde auSzuspannen und konnte nur mit Mühe daran von Wachen gehindert werden. Ueber das Ceremoniell beim Empfang des Kaiser paar es im Vatikan erfahre ich Folgendes: In der Sala Gialle sind vor einem Baldachin drei Sessel aufgestellt, auf dem mittleren nimmt der Papst Platz, zur Rechten der Kaiser, zur Linken die Kaiserin. Nach kurzer Unterhaltung entfernt sich letztere, um die Museen und die Peterskirche zu besichtigen, während

2lmtlid?cr Theil.

Gießen, den 20. April 1893.

Betr.: Die Vertilgung der Raupennester.

Soweit Sie unserer Verfügung vom 2. Februar 1893 Kreisblatt Nr. 30 noch nicht entsprochen haben, er­innern wir Sie an baldige Erledigung.

v. Gagern.

Gießen, den 20. April 1893.

Betr.: Die Wahl der Schulvorstandsmitglieder.

Die

Vrotzh. Kreis-Schulcommisston Gietzeu

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Soweit Sie mit Erledigung unserer Verfügung vom 30. März 1893 Anzeiger Nr. 80 noch im Rückstände sind, erinnern wir Sie an baldige Erledigung.

v. Gagern.

Frrrilleton.

Der kritische Tag.

Eine Examensgeschichte von Edgar Reinhold.

(2. Fortsetzung.)

,Ja," sagte dieser gemächlich,aber Sie müssen mir erst irgend eine Legitimation zeigen, der Herr Lieutenant könnte darnach fragen."

Eine Legitimation! Himmeldonnerwetter, auch das noch! Doch halt! Anton hatte ja in seiner Brieftasche noch die glücklich wiedergesundene alte Studentenkarte- war sie auch ungiltig, so stellte sie doch zweifellos seine Identität fest. Eiligst griff er in die Brusttasche seines Fracks und merkte in der Hast und Erregung nicht, daß das in Papier ge­wickelte Armband dabei herausfiel und einem Schutzmanne der Schnapsbruder war inzwischen in die Arrestzelle ge­bracht worden vor die Füße kollerte, der es in einer Anwandlung von Höflichkeit oder Neugier aufhob, sorgfältig betrachtete, dann stutzte, einen scharf prüfenden Blick auf den Verlierer warf und dann verstohlen einen Wink dem Wacht­meister gab, der eiligst zu seinem Untergebenen trat und mit diesem, unbekümmert um den Protest des unglückseligen Can- didaten, ein heimliches Zwiegespräch begann.

In diesem Augenblicke schlug es zehn Uhr und der Lieutenant des Reviers betrat die Stube. In seiner Angst wollte Anton auf ihn losstürzen, aber der Wachtmeister kam ihm zuvor:

Ich melde gehorsamst, Herr Lieutenant, daß ich eine Meldung von Wichtigkeit zu machen habe."

Und als Anton dennoch zu sprechen versuchte, wies ihn ein, wenn auch nicht unhöfliches, so doch nachdrückliches: Warten Sie bis nachher," zur Ruhe. Er wartete also.

Es kam ja nun auch aus einige Minuten mehr oder weniger nicht an, er kam doch zu spät zur Prüfung. Indessen hin­gehen wollte er auf jeden Fall, sagte er sich mit verbissenem Ingrimm- hatte er heute so viel Pech gehabt, wollte er auch den Kelch bis auf die Neige leeren und seinen Durchfall mit allen Chicanen haben.

Die Conferenz zwischen dem Lieutenant und seinem Wachtmeister währte eine ganze Weile, ohne daß Anton Feller sich erklären konnte, worüber eigentlich verhandelt wurde. Schließlich setzte der Lieutenant sich an den Tisch, studirte aufmerksam das vorhin angefertigte Protokoll und winkte dann dem Delinquenten denn als solchen begann Anton bereits sich zu betrachten, ohne daß es ihm jedoch klar war, was er verbrochen heranzutreten. Das Verhör begann:

Sie haben angegeben, der Rechtscandidat Anton Feller und auf dem Wege zur Referendariatsprüsung zu sein."

Ja-"

Können Sie sich über Ihre Person ausweisen?"

Anton überreichte seine Erkennungskarte, die vorhin der Wachtmeister zu beaugenscheinigen nicht mehr Zeit gehabt hatte. Der Lieutenant betrachtete das Document, dann den Inhaber desselben und sagte kopfschüttelnd:

Wenn Sie wirklich Rechtscandidat sind, dann mußten Sie doch bei der Exmatrikulation die Karte abgegeben haben. UeberdieS ist mir erinnerlich, daß eine Anzahl studentischer Erkennungskarten als verloren angemeldet wurde. Sehen Sie doch einmal nach, Wachtmeister, ob die des atud. jur. Anron Feller darunter ist."

Der Wachtmeister schlug nach und berichtete schmunzelnd: Jawohl, Herr Lieutenant, als verloren angemeldet und von der Universität für ungiltig erklärt am 27. Februar."

Also ist daS jedenfalls keine Legitimation," bemerkte

der Lieutenant ernst,das hätten Sie wissen müssen. Wie kann ich nun glauben, daß Sie der rechtmäßige Inhaber der Karte find?"

Anton berichtete wahrheitsgetreu die Geschichte von der verloren gewesenen und wiedergefundenen Studentenkarte.

Der Polizeiosfizier sagte:Das mag ja so gewesen sein"

Es mag nicht nut so gewesen sein, sondern es ist so gewesen," brach hier der durch die vermeintlichen Weitläufig, teilen gereizte Candidat los,und ich darf nun wohl bitten, mich hier nicht länger zurückzuhalten."

Halten Sie sich, wenn ich bitten darf, in den einer königlichen Behörde gegenüber zu beobachtenden Grenzen," entgegnete der Offizier scharf, fügte dann aber gleich freund­licher hinzu:Ich begreife das Unangenehme Ihrer Lage vollkommen, denn als Mensch schenke ich Ihren Worten vollere Glauben, als Polizeibeamter darf ich es vorläufig unter keinen Umständen thun, bis Ihre Angaben ausreichende Bestätigung gefunden haben."

Aber ich selbst habe mir doch gar keine Ausschreitung zu Schulden kommen lassen."

ES handelt sich gar nicht um Ihr Rencontre mit dem Proleten, deßwegen hätten Sie längst hier fortkommen können. Aber Sie werden gleich selbst sehen, daß ich gar nicht einmal die Befugniß habe, Sie sofort zu entlassen. Geben Sie einmal das Ding her," wandte sich der Lieutenant an betr hinter Anton in dienstlicher Haltung stehenden Schutzmann, welcher nun dem Offizier einen in Papier gewickelten Gegen­stand überreichte, das gefundene Armband, den glückverheißenden Talisman, wie Anton sofort erkannte.

Das inquisitorische Frage- und Antwortspiel begann so­fort wieder:

Gehört dieses Armband Ihnen?"