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22.2.1893 Zweites Blatt
 
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Rr. 45. Zweites Blatt. Mittwoch Den 22. Februar

1893

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Gießener Anzeiger

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Anrts- unb Anzergeblcrtt für den Kreis Giefzen.

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mit einem Male in aller Welt erklang. Und jetzt? Der herrliche Hohenzollernsohn ergriff die Zügel der Regierung als Sterbender? 99 LeidenStage waren ihm unter der Krone gegönnt! Eugenie, entthront, heimathlos, verlor ihren einzigen Sohn durch den Speer eines afrikanischen Wilden? Leffeps seit länger als Jahresfrist geistig umnachtet, ist in Folge der Panama-Affaire, ein 87jähriger Greis, von einem Gerichtshof zu fünf Jahren Gefängniß verurtheilt worden!---

Die von Berliner Blättern gebrachte Nachricht von der angeblichen Verlobung des Reichskanzlers Grasen Caprivi mit einer jungen Wittwe, einer Frau Oberst v. Lehmann, begegnet in anderen Blättern Zweifeln. Es wird sich ja wohl bald Herausstellen, welche Bewandtniß es eigentlich mit der ganzen Meldung hat.

Gerson v. Bleichröder, der Chef der Weltfirma S. Bleichröder tn Berlin, ist am Sonntag Mittag im Alter von 70 Jahren verschieden. Das von dem Verstorbenen hinterlassene Vermögen wird auf annähernd 100 Millionen Mark geschätzt. Erben des Bankhauses sind der Commerzien- rath Schwabach, der Vetter des Verewigten, sowie Hans und Georg v. Bleichröder.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Februar. Das Kaiserp aar gedenkt an diesem Donnerstag Mittag in Neu streit; zu einem Besuche der Grobherzoglichen und der Erbgroßherzozlichen Herrschaften einzutreffen. Soweit bekannt, werden b.e Majestäten noch am Abend des genannten Tages wieder uach Berlin zu- rückreisen.

Den lebhaften Agrardebatien, welche die vorige Woche im Reichstage wie im preußischen Abgeordnetenhause gezeitigt hatte, ist in Berlin die Gründung eines Bundes der deutschen Landwirthe auf dem Fuße nachgefolgt. Man muß gestehen, daß sich dieser Act äußerlich in imposanten Formen vollzog, waren doch über achttausend Landwirthe aus allen Theilen Deutschlands herbeigeeilt, so daß die Theil- nehmer in zwei Versammlungen tagen mußten. In denselben herrschte der gleiche leidenschaftliche Ton, wie er von den parlamentarischen Vertretern deS Agrarierthums bereits bei den handelspolitischen Debatten der letzten Tage angeschlagen worden war, und die nämlichen Klagen über die Nothlage der Landwirthschaft erschollen wiederum. Außer einer Reso« lution an den Reichstag, welche sich gegen den Abschluß weiterer Handelsverträge ausspricht, sofern sie Zollherab­setzungen enthalten sollten, wurde in den Versammlungen ein vorläufiger Programmentwurf des neugegründeten Bundes angenommen. Das Programm stellt als Zweck der Ver- nnigung die Zusammenschließung aller landwirthschaftlichen Interessenten ohne Rücksicht auf deren Besitzstand und poli­tische Parteirichtung hin, damit hierdurch der der Landwirth­schaft gebührende Einfluß auf die Gesetzgebung gewahrt und jener eine ihrer Bedeutung entsprechende Vertretung in den parlamentarischen Körperschaften verschafft werden könne. Das Programm zählt dann die Wege auf, durch welche diese Ziele zu erreichen seien, und formulirt schließlich elf Hauptforde- rungen der Landwirthschaft, so Ablehnung einer Ermäßigung der Getreidezölle und der hierauf basirten etwaigen weiteren Handelsverträge, Einführung der Doppelwährung, Bildung von Landwirthschafts-Kammern, Schonung der landwirthschaft- I ltchen Nebengewerbe, besonders der bäuerlichen, in bäuerlicher Beziehung, Revision der Arbeiterschutzgesetzgebung u. s. w. Es ist also eine förmliche neue Partei im Entstehen begriffen, | welche den ausgiebigsten Schutz der landwirthschaftlichen Jn- eressen auf ihre Fahne geschrieben hat, und sicherlich dürfte die politische Macht und der Einfluß dieser Partei nicht zu unterschätzen sein.

In Reichstagskreisen soll allgemein die Ueberzeugung vorherrschen, daß die Verhandlungen der Militär»Com­mission ohne jedes positive Ergebniß bleiben würden. Diese Anschauung ist in Hinblick auf den gesammten bisherigen Ver­lauf der Commissionsarbeiten und auf den vollständig nega» ilven Ausfall der erstmaligen Commissionsabstimmungen, betreffend die zweijährige Dienstzeit, allerdings nicht un­begründet. Die Wahrscheinlichkeit wächst daher, daß das eigentliche entscheidende Wort erst bei der zweiten Plenar­lesung der Militärvorlage gesprochen werden wird. Da der Reichstag erst in seinem nachösterlichen Sessionsabschnitt zur S pezialberathung der Militärvorlage gelangen wird, so ist ledenfalls noch genügend Zeit zu weiteren Verständigungs- Ersuchen in der Militärfrage vorhanden.

Literatur und Kunst.

Für die herannahende Oslerzeit dürfte es für die Confirmanden kein schöneres Geschenk geben, als die .Sternbibel» aus dem Hetnrichs'schen Verlage in Leipzig. Der Aufmerksamkeit aller möchten wir dies Prachtstück angelegentlich empfehlen.- Der wundervolle, klare Druck ist auch für schwache Augen leicht lesbar die Bilder sprechen ungemein an und werden sich tief in die Herzen aller Kinder, welche sie beschauen dürfen, einplägen; dabet ist die Sternbibel trotz ihres stattlichen Formates doch noch handlich, sie vereinigt also alte Eigenschaften, die eine rechte Hausbtbel besitzen soll. In dem Prospect, der von jeder Buchhandlung kostenfrei erhältlich ist, sagt Herr Prof. Dr. Beyschlag in Halle. Die Verlagshandlung hat, wie mir scheint, ihre Aufgabe fehr glücklich gelöst, indem sie fürs A. T-, das eine größere Mannigfaltigkeit der Style verträgt, Kopten ver­schiedener älterer Meister gewählt, fürs N. T. aber die gleichmäßigeren, edel und fromm empfundenen Zeichnungen eines Zettgenosfen vorge­zogen bat. - Die Ausführung ist auf der Hohe der gegenwärtigen Technik; der Druck würdig und schön. Und besonders freut es "sich daß der reotdtrte Text, die Frucht siebzehnjähriger gewissenhafter Arbeit deutscher Theologie, zu Grunde gelegt ist, durch welche der Luther schen Uebersetzung von ihrem Geist und ihrer Kraft nichts genommen, aber das Verständniß - namentlich des A. T. wesentlich erleichtert wird. Herr Pfarrer Lic. Weber in M. - Gladbach: Der Unterzeichnete hat mit Freuden von der Herausgabe einer neuen illustrtrten Hausbtbel Kenntniß genommen und kann dtefelbe nach den Proben, die er ge­sehen hat, nur nach jeder Richtung hin empfehlen. Der Schatz aller Schätze, das heilige Gotteswort, kann nicht schön genug ausgestattet werden und es ist das hier in Druck und Bild, Papier und Format so trefflich geschehen, daß die Bibel einen Schmuck jedes chriitlichen Hauses bilden wird. Ich wünsche dem schönen Werk von ganzem Herzen die weiteste Verbreitung. Wir können diesen kompetenten Urtheilen nur den herzlichen Wunsch beifügen, daß das schöne Werk auch in vielen Häusern unserer Stadt und unseres Kreises Eingang finden möchte. Es ist ein prachtvoller Schmuck und verdient gekauft zu werden von Jedem, der nur irgend die Kosten erschwingen kann.

Bekanntmachung,

betreffend Feldbereinigung in der Gemarkrng Steinbach

Die Arbeiten des III. Abschnitts des II. Feldbereinigungs- äezirks zu Steinbach (Feld zwischen der Lreisstraße noch Aarbenteich und dem alten Anneröder Weg), nämlich die bei Bildung der (<'rsatzgrundstücke angefertigten Zutheil- ungSkarten, das Zutheilungsverzeichniß, die Jüter-Geschoffe, das Verzeichniß der übergehenden Obstbäume liegen in bei Zeit vom 15. bis einschließlich 28. Februar l. I. auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Steinbach zur Einsicht der Betheittgten offen.

Termin zur Entgegennahme von Einwendungen gegen diese Arbeiten findet Mittwoch den 1. März l. I., Nachmittags von 2^/z bis 4 Uhr in dem Nathhaus zu Steinbach statt.

Ich lade zu diesem Termin die Becheiligten unter dem Hinweis darauf, daß die Nichterscheinenden mit Einwendun­gen ausgeschlossen sind.

Gießen, 11. Februar 1893.

Der VollzugS-Commiffai: Nebel, Amtmann.

vermischtes.

* Geschäfte um jeden Preis! Mit welchen Mitteln die Lebensfähigkeit rutschender Actienbierbrauereien in München erhalten werden soll, das beweisen die neuesten Praktiken einer dortigen Brauerei. Dieselbe beabsichtigt nämlich, den gesammten Münchener Gassenausschank insofern zu monopolisiren, als sie zum gewöhnlichen Schankpreis den Privaten flaschen­weise das Bier ins Haus liefert. Ferner soll allen Jenen, die ihren Gesammtbierbedarf in diesen Flaschen beziehen, ein Eiskasten gratis in die Wohnung gestellt werden, damit im Sommer das Bier gratis frisch bleibt! Mehr kann man nicht verlangen!

* Eine Exemtion von Circuspferden. In Neumünster wurden am 13. d. Mts. sechs Pferde des Circus Blumenfeld und Goldtette gelobtet. Die Tödtung erfolgte mittelst eines Schusses, der das Gehirn durchbohrte. Das Erschießen der Pferde besorgte ein Pottzeisergeant, während das Zertheilen der Cadaver ein Abdecker vollführte. Bet sämmtlichen sechs getödteten Pferden wurde das Vorhandensein des Rotzes in mehr ober weniger fortgeschrittener Form constatirt unb in Folge dessen werden leider die letzten drei Circuspferde ge­tödtet werden. Welch einen harten Schlag dies für den Circusinhaber bedeutet, läßt sich denken.

* Die polizeilichen Feststellungen in der Leschonski'schen Mordsache in Berlin lassen in einen tiefen Abgrund blicken. Der jugendliche Mörder Paul Schmidt ist fast noch ein Knäbe, der im November v. I. sein 15. Lebensjahr vollendete. Die Eltern, die Tischler Schmidt'schcn Eheleute, sind an» scheinend ordentliche Leute. Paul Schmidt ift aber schon wegen Diebstahls vorbestraft. Er hat sich in letzter Zeit arbeitslos umhergetrieben und, wie er selbst angiebt, schon im Januar den Plan gefaßt, die L. umzubringen und zu berauben. Er war, da seine Eltern früher im Nebenhause wohnten, mit der Oertlichkeit der Verhältnisse der L. bekannt geworden. Im Januar hat er bereits längere Zeit vor der Thür gestanden, aber keinen günstigen Zeitpunkt zur Aus­führung des verbrecherischen Vorhabens gefunden. Am 1. d. Mts. hatte er auch erst kurze Zeit aufgepaßt. Da der Keller leer blieb, ging er hinein und stellte die Klingel ab. In der Rollkammer ergriff er ein Mangelholz und stellte sich hinter die Thür, die die Rollkammer mit der Wohnstube verbindet. Um das Opfer in die Rollkammer zu locken, stieß er mit dem Holz einige Male auf den Fußboden, die Frau öffnete die Thür, und als sie daselbst erschien, erhielt .sie einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß sie zusammen­brach und im Falle das sie begleitende Kind mit umriß. Da das Kind schrie, versetzte Sch. auch ihm einen Schlag und wandte sich dann der Commode zu, worin das Geld aufbe­wahrt wurde. Da er sie nicht öffnen konnte, zertrümmerte er den Deckel. Es ist fast unglaublich, daß diese Schläge in der Wohnung oberhalb des Kellers nicht gehört wurden. Nachdem er Uhr mit Kette und 150 Mk. an sich genommen, bemerkte er, daß Frau E. noch lebte. Er nahm nun ein Messer und versetzte ihr einen Stich in den Hals; bann verließ er unbemerkt den Thatort.

* Sic transit gloria mundi! Als im Jahre 1867 der Suezcanal feierlich eröffnet wurde, waren es unter den illustren Geladenen drei Persönlichkeiten, auf denen Aller Augen ruhten. Das waren der preußische Kronprinz, die Kaiserin Eugenie und Leffeps. Alle drei umgab ein eigenartiger Zauber. Friedrich Wilhelm, mit der siegenden Gewalt feiner Schönheit, mit dem frischen Lorbeer vom Schlachtfeld bei Sadowa, der Sproß einer ruhmreichen Dynastie, der künftige Erbe einer Königskrone wie ver­heißungsvoll schien diesem die Sonne zu leuchten- Eugenie, die spanische Gräfin, durch eine seltsame, einzig dastehende Verkettung der Umstände auf den glänzendsten Thron Europas gehoben, wahrlich eine Schicksalsfügung kühner als die Phantasie des Dichters- endlich Leffeps, ein Ritter vom Geiste, ein Fürst der technischen Wiffenschaft, dessen Name

Ausruf und Bitte

um Beiträge zu einem Denkstein für Hans Herrig.

Im Mat vorigen Jabres starb zu Weimar Hans Herrig, der Dichter und Schriftsteller. In fetnsübligen Dichtungen und gedankenttefen Schriften hat er uns ein edles Vlrmächtniß hinter­lassen; einen bleibenden Ehrenplatz im Herzen seines Volkes aber sichern ihm die von ihm ausgegangene Wiederbelebung der Volks­spiele und lein FestspielLuther". Die Idee der Volksspiele hat Wurzel gefaßt und wird noch reife, herrliche Früchte zeitigen: gerade an den Orten, denen die ständige Schaubühne fehlt, schlug die neue würdige Aufgabe wie ein zündender Funke ein, in freudiger Be­geisterung die ganze Bevölkerung mit sich fortreißend. In mehr als hundert Städten, in allen Theilen des deutschen Vaterlandes hat HerrigsLuther" seit Jahren wieder und wieder ungezählten Tausenden, Hoch und Niedrig, Arm und Reich, Stunden weihevollen GenteßenS bereitet.

Da gilt es eine Ehrenschuld der Dankbarkeit abzutragen. Wir glauben dies zu erreichen, indem wir ihm in seiner Vaterstadt Braunschweig, wo ihm auch die letzte Ruhestätte bereitet ist, einen Denkstein errichten, um das Bild des selbstlosen Mannes nachfolgenden Zeiten und Gefchlechtern zu erhalten. Alle aber, die mit uns em­pfinden, bitten wir herzlich, bei diesem fchönen Werke durch Beiträge, sie seien groß oder klein, uns zu unterstützen.

Ehrt Eure Deutschen Meister! Dann bannt Ihr gute Geister.

Kader, Hof- und Domprediger. Bolko Graf v. Hochberg, General-Intendant der König!. Schaufptele. Jhue, Hofbauratb. Riordan, Geb. Oberregierungsrath, Director oer Nationalgallerte. Otto v. Leixner, Schriftsteller. March, Regicrungsbaumeister. Robbe, Landesöconomterath. Schubart, Regterungsrath. Grnst v. Wildenbruch, Berlin. - HanS Paul Freiherr v. Wolzogen, Bayreuth. Graf v. Wintzingerode, Landesdirector, Boden­stein. Wilhelm Raabe, Schriftsteller. Mufeumsdirector Prof. Dr. Riegel, Braunschweig. Prof. Dr. W. Staedel, Darmstadt. D. DibeliuS, Conststorialralh und Stadtsuperintendent, Dresden. D. Förster, Superintendent, Halle a. S. Lemmerman«, Bankier. Landesrath Dr. Liebrecht. Dr. E. Kamlah. Freiherr W. «uigge, Hannover. Pfarrer Rebensburg, Köln. «. Pilet, Kaufmann, Magdeburg. Stadtfarrer Michahelles, Nürnberg. Hofprediger Dr. Brau«. «Übel, Geh. Hofrath, Secretär Ihrer Majestät der Königin o. Württemberg, Stuttgart. August Trittins, Waltershausen in Thüringen. Professor Dr. Reinicke, Wittenberg. Oberbürgermeister «üchler, Worms.

Vorstehenden Ausruf veröffentlichen wir in der Ueberzeugung, daß das Unternehmen auch in unserer Stadt in dankbarer Erinnerung an Herrigs Luthersestspiel durch Beiträge unterstützt wird. Jeder der Unterzeichneten ist zur Entgegennahme solcher Beiträge bereit.

Gießen, im Februar 1893.

Dr. Baur, pract. Arzt. Dittgeldey, Pfarrer, Herber, Buchhändler. Dr. Hromm«, Professor. Geh. Hofrath Dr. Ottcke«, Professor. Schlosser, Pfarrer. Dr. Siebe«, Professor. D. Stade, Professor. Dr. Wimmenauer, Professor.