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21.7.1893 Erstes Blatt
 
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Rr. 169 Erstes Blatt. Freitag dm 21. Juli 1899

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, eit Ausnahme deS Montags.

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Theil.

Gießen, den 19. Juli 1893. Betr.: Das Abhallen von Tanzmusiken und öffentlichen Lustbarkeiten.

DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Grptzh. Vürgermeistereie« des Kreises.

Im Hinblicke auf die diesjährige Nothlage der Land- wirthschaft sind in mehreren Kreisen die Tanzmusiken und öffentlichen Lustbarkeiten bereits beschränkt worden. Auch wir empfehlen den Großh. Bürgermeistereien, eventuell nach Anhörung des Gemeinderaths, bei ihren Berichten über Ge­suche um Tanz«Erlaubniß die gegenwärtige Nothlage in Er- wägung zu ziehen, wie dies einzelne von Ihnen bereits gethan haben. In der Regel werden wir Tanz - Erlaubniß nur bei den üblichen Kirchweihen ertheilen, wenn der Gemeinderath nicht gegenteiligen Antrag stellt; unter allen Umständen werden diese Festlichkeiten aber auf zwei Tage zu beschränken sein und wird für sogenannte Nachkirchweihen Tanz-Erlaubniß nicht ertheilt werden.

___________v. Gagern.___________________

Gießen, den 17. Juli 1893. Betr.: Besichtigung der Faselthiere.

DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen

M die Grasch. Bürgermeistereien des Kreises.

Die Kör-Commissionen haben bei Besichtigung der Ziegen­böcke zu tadeln gefunden, daß die zur Zucht verwendeten Böcke meistens aus dem Orte des Halters stammen und daß sich die Folgen der Inzucht vielfach schon recht nachtheilig bemerkbar machen. Wir geben Ihnen deshalb auf, bei Neu­anschaffung von Ziegenböcken strenge darauf zu sehen, daß nur fremde Böcke, nicht solche aus dem Wohnorte des Halters angekauft werden.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Juli. DieNordd. Allgem. Ztg." wendet sich gegen die Behauptung derKreuzzeitung", daß es ein schwerer Fehler der Regierungen gewesen sei, auf den Antrag Huene einzugehen, ohne der Mehrheit im alten Reichs- rage sicher zu sein, sowie ferner gegen die Behauptung, die

Regierung hätte bei dem Fe st halten an ihrer Vor­lage vielleicht eine Mehrheit von 80 Stimmen erlangt. Die Nordd. Allgem. Zig." betont: Hielten die verbündeten Re­gierungen gewisse Abstriche an ihrer von Anfang an nur in Bezug auf die Compensationen für die zweijährige Dienstzeit als unabänderlich erklärten Vorlage überhaupt für zulässig, so durften sie nicht zögern, ihr Entgegenkommen zu beweisen. Das Verlangen derKreuzzeitung", daß sie dem vorigen Reichstage eine künstliche Hartnäckigkeit hätten zeigen sollen, kennzeichne sich als eine mindestens ungeschickte Zumuthung.

Berlin, 18. Juli. Ein namentlich aus Universitäts- Professoren gebildeter Ausschuß erläßt einenAufruf an die Deutschen im Auslande!" Der Aufruf führt aus, daß auch in den gelehrten Berufszweigen eine Ueberfüllung um sich greift, die es vielen tüchtigen Kräften wünschenswerth erscheinen läßt, sich im Auslande Raum für auskömmliche Beruftzthätigkeit zu verschaffen. Sollen die überschüssigen Sfräfte nicht hilflos und nutzlos in der Heimath bleiben oder, allein aufs Geradewohl hinausgezogen, in der Fremde an unrechtem Ort hilflos und nutz'os sich vergeuden, so bedarf es einer Nachweisstelle für aeademische Berufsarbeit im Aus­lande. Vor Eröffnung einer solchen bedarf es der Uebersicht, in welchem Umfange das Bedürfniß nach academisch gebildeten Deutschen im Auslande vorhanden ist. Wir richten deshalb, heißt es weiter, namentlich an alle Deutschen im Auslande die Bitte um Auskunft, ob sich an ihrem Wohnorte lohnende Thätigkeit für deutsche Lehrer, Aerzte, Apotheker, Chemiker, Ingenieure, Juristen, Geistliche oder bergt bietet, sei es einzeln oder in größerer Zahl. Wir hoffen um so mehr auf die Bruderhilfe der Deutschen im Auslande, als eine Stärkung des deutschen Elements an ihrem Wohnorte in ihrem eigenen idealen und realen Jnrereffe liegen dürfte. Alle Mit­theilungen sind an Sanitätsrath Dr. Konr. Küster in Berlin SW. Tempelhofer 12, zu richten.

Berlin, 18. Juli. Sänger und Turner sind bekanntlich schon seit längerer Zett mehr oder minder in den Dienst der socialdemokratischen Agitation gestellt - die Arbeiter­sängerbunde, die bekanntlich schon nach Tausenden von Mit­gliedern zählen, sind sehr geschickt dem ganzen Organisations- netze angepaßt. Seit dem socialdemokratischen Turntage in Gera scheinen auch die socialdemokratischen Turnvereine an Mitglieder zu gewinnen, auch hat die Socialdemotratie ihr Augenmerk auf die Radfahrer geworfen- socia'.demokratische Radfahrvereine, die namentlich während der Wablbewegung der Partei recht gute Dienste geleistet haben sollen, bestehen

schon seit einigen Jahren in einzelnen Städten (Leipzig, Nürnberg u. s. w.). Nun wird die Gründung eines social­demokratischen Radfahrerbundes beabsichtigt und ein neuer Ring soll in die socialdemokratische Partei geschmiedet werden. Der RadfahrclubVorwärts" in Nürnberg hat, wie demRhein. Cour." geschrieben wird, die Vorarbeiten zur Gründung in die Hand genommen und in wenigen Wochen dürfte das neue socialdemokratische Gebilde wohl zu Stande kommen. Nach den Radfahrern dürften dann die Ruderer an die Reihe kommen und immer maschiger und fester wird das Netz der socialdemokratischen Organisationen- die Social­demokratie wird hier und dort kaum noch Wahlvereine ge­brauchen, sie kann sich auf zahlreiche andere Vereinigungen stützen.

Aus Elsaß Lothringen, 17. Juli. Bis Ende der fieberiger Jahre pflegte die reichsländische Bevölkerung am 14. Juli massenhaft nach den französischen Grenzstädten, namentlich aber auch nach Paris zu gehen, um.das National fest mitzufeiern. In den letzten Jahren hat der Zuzug aus Elsaß- Lothringen jedoch immer mehr abgenommen. Besonders schwach war er in diesem Jahre - die Unruhen in Paris, die man hier ernster aufgefaßt zu haben scheint, als an Ort und Stelle selbst, haben wohl Manchen von der Reise abgehalten.

Nerrefte

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Stockholm, 19. Juli. Das Kaiserpaar traf Abends 71/2 Uhr in Tullgarn ein, begleitet von dem schwedischen Kronprinzenpaar, das derHohenzollern" entgegengefahren und um 61/2 Uhr begegnet war. Der Kaiser trug die schwedische Admiralsuniform, der Kronprinz von Schweden die deutsche Generalsuniform. An der Landungsstelle befand sich eine dichtgedrängte Menschenmenge. Auf der Brücke wurden beim Passiren des Kaiserpaares von jungen Mädchen Blumen gestreut.

Dwesch«- bei BureauHeroik

Berlin, 19. Juli. DieNordd. Allgem. Zeitung" erfährt, der Reichskanzler babc die Finanzminister der Bundesstaaten zu einer Besprechung mit dem Staats- secretär des Reichsschatzamtes auf den 6. August nach Frank­furt a. M. eingeladen zwecks Besprechung der besten Art der Deckung der durch die Heeresreform erwachsenden Mehr­ausgaben und verschiedener wichtigen Fragen der Reichs­finanzpolitik.

Lettilletsn.

Bcrsn-Verpflrgung.

Von A. O. Klaußmann.

Die Zeiten, in welchen sich die Passagiere auf einer Dampferfahrt über den Ocean felbst mit Proviant versehen mußten, sind glücklicherweise vorüber. Heutzutage übernehmen die Dampfergesellschaften die Lösung der Magenfrage und man darf wohl sagen, in durchweg befriedigendem Sinne. Geradezu luxuriös aber gestaltet sich die Lebensweise während einer Oceanfahrt für Diejenigen, welche eine Cajüte zweiter oder erster Klasse auf einem der großen Schnelldampfer mit ihren Mitteln vereinigen können.

Den besten Aufschluß hierüber gewährt gewiß ein Rund- gang durch die Vorrathskammern eines solchen Ozean-Wind- Hundes, auf dem, zumal in der Periode des Reisens, wo so Mancher Freunde oder Verwandte erwartet oder scheiden sieht, der Leser uns gern begleiten dürfte.

Wir wählen zu unserer Jnspection einen der Ham­burger Schnelldampfer, welche von den deutschen Linien die größten Schiffe sind.

Diese Dampfer nehmen verhältnißmäßig nur wenig Ladung. Sie sind für 350 Passagiere erster, 180 Passagiere zweiter Klaffe und für 700 bis 800 Zwischendecker ein­gerichtet. Dazu kommen ungefähr 340 Mann Besatzung, d. h. Matrosen, Heizer, Maschinisten, Kohlenzieher u. s. w. Küche und Keller müssen also auf einem solchen Dampfer stets für 1400 Personen eingerichtet sein und zwar müssen die Vorräthe für längere Zeit vorhanden sein, als die pro- jectirte Reise voraussichtlich dauern wird. Muß man sich doch bei Seefahrten immer auf Verzögerungen gefaßt machen-. Laut behördlicher Verfügung muß jeder Dampfer so viel Pro­viant mitnehmen, daß er event. für feine gesummte Menschen­ladung von Passagieren und Besatzung für drei Monate voll­ständig versehen ist. Natürlich nimmt man aber für diesen eisernen dreimonatlichen Bestand nicht Delicateffen mit, son­

dern Conserven, Pökelfleisch, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Mehl u. s. w.

Im Vordertheil des Schiffes befindet sich gewöhnlich die sogenannte Kartoffellast, in welcher beständig ein Vorrath von 30,000 Kilogramm unterhalten wird. Die Vorräthe müssen bet jeder Abfahrt complet gemacht werden und zwar geschieht dies durch bestimmte Lieferantenhäuser, die auf Grund von Bestellscheinen die Maaren äußerst schnell, in voraus bestimmter Qualität an Bord der Schiffe bringen.

Steigen wir bis unter das Zwischendeck in den Schiffs­raum, so kommen wir zur Eiskammer, der Bottlerei und den Provianträumen. Vierzig Tonnen Eis nimmt der Dampfer auf jeder Oceanfahrt mit und innerhalb des colossalen Eisraumes werden die Bierfässer verstaut, gleich­zeitig sind hier Wasserkühler aufgestellt, welche den Passa­gieren während der ganzen Zeit quellklares, gekühltes Trink­wasser liefern. Um die colossale Eiskammer herum befinden sich diejenigen Proviantkammern, in welchen Fleisch, Schinken, Wurst und andere Lebensmittel aufgehängt und verstaut sind, welche beständig der Kühlung bedürfen, um nicht dem Ver­derben ausgesetzt zu sein. Ungefähr 20,000 Kilogramm Ochsenfleisch, Kalbfleisch, Hammelfleisch und Schinken und Wurst sind in diesen Fleischkammern an eisernen Haken an der Decke und an der Wand befestigt.

Außer Fleisch sind in diesen Kammern untergebracht Fluß- und Seefische, bann ausgeschlachtetes Geflügel in hun­derten und tausenden von Exemplaren, Wildfleisch, Krebse, Hummern, Schildkröten (lebend) u. s. w. In den Kühl­räumen stehen ferner die Fässer mit Butter, die Fässer und Kisten, in denen die feinen Käsesorten verpackt find. E n anderer Raum ist vom Boden bis zur Decke gefüllt mit Confervenbüchfen, welche Schnittbohnen, Spargel, Cham­pignon, Erbsen u. s. w. enthalten. In einem besonderen Raume sind Gewürz, Zwiebeln, Citronen, Apfelsinen, Nüsse, Bananen, Cakes, Ananas, Melonen, Aepfel u. s. w. unter­gebracht. In besonderen Räumen ist bas Pökelfleisch, sinb Häringe, Speck gestapelt, in anderen Hülsensrüchten, alles in Fässern, Kaffee, Zucker, Farina, Mehl, Brod letzteres

als eiserner Bestand, da sich an Bord eine Bäckerei befindet, welche täglich frisches Weißbrod für die gesammte Besatzung des Schiffes liefert. Für die Cajütenpassagiere ist noch eine große Conditorei vorhanden, in welcher ebenfalls täglich ge­backen wird.

In der sogenannten Bottlerei, die unter einem beson­deren Bottelier steht, liegen die colossalen Vorräthe der ver­schiedenen Marken Rheinwein, Rothwein, Flaschenbier, Champagner, Schaumwein, Liqueure, Branntwein, Selters­und Sodawasser, Cognac, Portwein, Sherry, Arac, Rum u. s. w., u. s. w. Außerdem lagert hier in der Nähe deS Kühlraumes Milch in Flaschen- in besonderen Kisten ist con- densirte Milch vorhanden, welche auf den Schiffen meist gratis an die Säuglinge des Zwischendecks und der Cajüten geliefert wird. Sonst müssen alle Getränke an Bord, mit Ausnahme des Wassers, besonders bezahlt werden. Man bekommt Wein, Spirituosen und Bier in vorzüglicher Qualität zu Preisen, welche keineswegs höher sind als die an Land. Die Bottlerei braucht gewöhnlich auf einer Fahrt von Ham­burg nach Newhork und zurück auf einem der großen Dampfer gegen 4000 Liter Bier in Fässern, 5000 Flaschen Bier, einige hundert Flaschen Porter und Ale, über 2000 Flaschen Mineralwasser, gegen 400 Flaschen Rothwein, gegen 600 bis 700 Flaschen Rheinwein, gegen 300 Flaschen Cham­pagner und Schaumwein, dann zusammen vielleicht 200 Flaschen Cognac, Rum, Arac und Liqueure.

Für jede der beiden Cajüten ist eine besondere Kammer vorhanden, in der man die Tafelutensilien, das Geschirr, die Bestecke u. s. w. verwahrt. Die Eleganz, die sich in der ganzen Ausstattung des Schiffes zeigt, erstreckt sich auf die zur Tqfel nöthigen Gerätschaften. Jedes Glas, und sei es selbst das kleinste Liqueurgläschen, ist aus CrystallglaS und zeigt eingeschliffen die Initialen und das Wappen der Gesell­schaft und gleichzeitig den Namen des Schiffes. Auf jeder großen und kleinen Schüssel, auf jedem Tellerchen ist daS Wappen der Gesellschaft und des Schiffes eingebrannt.

Tausende von Tassen hängen an der Decke der Kammer, wo sie kranzartig arrangirt sind, so daß sie selbst bet heftiger