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Nr. 143 Erstes Blatt. Mittwoch de» 21. Juni___________________________893

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Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener ?-amitie»VtLtier r rden brm Anzeiger .'chemlich dreimal bfigdegt

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Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Maßregeln gegen die Maul« und Klauenseuche, hier den Besuch der Märkte.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche in den meisten Orten des Kreises, in welchen sie im Frühjahr d. I. aus­gebrochen war, wieder erloschen ist, haben wir die unterm 21. April d. I. getroffene Anordnung, wonach alle diejenigen einerlei ob Händler oder Landwirthe, welche Vieh auf Märkte treiben wollen, im Besitz thierärztlicher Gesundheits­scheine sein müssen, versuchsweise wieder aufgehoben.

Hiernach bedürfen die Landwirthe beim Auftrieb von Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen auf Märkte eines Zeug­nisses überhaupt nicht, die Händler bedürfen in solchem Fall eines Gesundheitsscheines der Bürgermeisterei. Soweit die Thiere aus Orten stammen, in welchem ein Thierarzt wohnt, und soweit es sich um Treibherden von Schafen und Schweinen handelt, bedarf der Händler indeß auch fernerhin eines thier­ärztlichen Zeugnisses. Den Treibherden stehen bezüglich des Erfordernisses thierärztlicher Gesundheitsscheine die von Händ­lern auf Wagen auf die Märkte gebrachten Herden gleich.

Gießen, den 20. Juni 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 20. Juni 1893. Betreffend: wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Grotzh. Bürgern»eiftereie« bei Kreises.

Sie wollen, soweit in Ihren Gemeinden nicht die Maul- rmd Klauenseuche herrscht, die vorstehende Verfügung alsbald in ortsüblicher Weise verkündigen lassen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche zu Lang Göns.

Nachdem seit dem Erlöschen der Maul- und Klauen­seuche bis jetzt in der Gemarkung Lang Göns Seuchenanfälle nicht mehr aufgetreten sind, haben wir der Großh. Bürger­meisterei Lang-Göns die Erlaubuiß zur Ausstellung von Ge- sundheitsfcheinen für Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine, die von Händlern ausgeführt werden, wieder ertheilt. In- soweit die bezeichneten Thiere von anderen Personen aus­geführt werden, bedarf es der Ausstellung von Gesundheits­scheinen nicht.

Gieß-en, den 20. Juni 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung.

Alle im Bereiche des Kreises Gießen ansässigen Invaliden vom Feldwebel rc. abwärts, welche auf Grund des Mtlitär-Pensions-Gesetzes vom 27. Juni 1871 anerkannt sind und welche

1) die Kriegszulage gemäß § 71 des Gesetzes vom 27. Juni 1871 beziehen, oder

2) die Zulage für Nichtbenutzung des Civilversorgungs- scheins gemäß §76 des Gesetzes vom 27. Juni 1871 bezw. § 12 des Gesetzes vom 4. April 1874 be­ziehen, soferne sie am Kriege 1870/71 oder an einem Kriege vor 1870/71 Theil genommen haben, oder seit diesem Kriege durch eine militärische Action oder auf Seereisen invalide geworden sind (Marine) und sich nicht im Genüsse einer Verstümmelungszulage gemäß § 72 des Gesetzes vom 27. Juni 1871 befinden, oder 3) auf Grund der §§ 84 und 85 des Gesetzes vom 27. Juni 1871 einer Pensionsbeschränkung unter­liegen,

haben sich bis spätestens 1. Juli d. Js. unter Vor- legung ihrer Militärpapiere sowie des PensionsquittungS- buches bei dem Hauptmeldeamte Gießen Seltersweg 55 persönlich oder schriftlich zu melden.

Gießen, den 15. Juni 1893.

CaSpary, Oberstlieutenant z. D. und Eommandeur des Landwehr­bezirks Gießen.

Nach der Wahlschlacht.

Obwohl die am vergangenen Donnerstag vollzogenen Wahlen zum deutschen Reichstage in ihren Ergebnissen noch

nicht sämmtlich bekannt sind, so läßt sich daS Wahlgemälde doch schon einigermaßen überblicken. Entschieden dessen hervor­stehendsten Zug stellen die überaus zahlreichen Stichwahlen dar, welche vorzunehmen sind. Allerdings ließ bereits die Auf- stellung von ca. 1450 Candidaten für die vorhandenen 397 Reichstagsmandate die Nothwendigkeit vieler Stichwahlen voraussehen, aber schwerlich konnte man ahnen, daß sie sich in so überwältigend großer Anzahl erforderlich machen würden. Bei den letzten Reichstagswahlen vom 20. Februar 1890 waren 151 Stichwahlen zu vollziehen, und bereits diese Zahl galt allgemein als ungewöhnlich hoch, diesmal sind jedoch muthmaßlich weit über 200 Stichwahlen vorzunehmen, und letztere werden demnach auch erst die wirkliche Entscheidung im Wahlkampfe bringen.

Immerhin weisen schon die bisherigen Wahlergebnisse verschiedene recht charakteristische Seiten auf. Vor Allem ragen die relativen Wahlerfolge der Socialdemokraten hervor- es ergiebt sich eine erstaunliche Zunahme der socialdemokra- tischen Stimmen, sowohl in den bisherigen überwiegend so- cialistischen Wahlkreisen als auch in Bezirken, wo bei früheren Reichstagswahlen nur verschwindend wenige socialdemokratische Stimmen abgegeben wurden. Definitiv gewählt sind gleich im ersten Wahlgange, soweit die vorliegenden Meldungen reichen, 24 Socialdemokraten- dieselben haben hierbei die I Wahlkreise Breslau West, Sonneberg, Kiel, erobert, dagegen verlor die Socialdemokratie Bremen und Aschersleben an die i freisinnige Vereinigung, resp. an die Nationalliberalen. Bei ; etwa einem Drittel der vorzunehmenden Stichwahlen aber sind die Socialdemokraten unter theilweise recht günstigen Aussichten mitbetheilipt und wenn hierbei die bürgerlichen ! Parteien nicht allenthalben stramm gegen die socialdemokra- 1 tische Partei zusammenstehen, so mag eS sich leicht ereignen, : daß die Zahl der socialistischen Abgeordneten im neuen Reichs- > rage durch die Stichwahlen auf mindestens 50 steigt. Be- j merkenswerthe Erfolge in allerdings beschränktem Rahmen haben auch die Antisemiten erzielt, speciell im Königreich Sachsen, wo sie mehrere Wahlkreise errangen und in anderen zur Stichwahl stehen. Von antisemitischen Führern ist Ahl- wardt in Arnswalde wiedergewählt, und zwar doppelt, nämlich auch in Neustettin. Die conservative Partei hat durch den siegreichen Vormarsch der Antisemiten einigen Abbruch erlitten, von der ihr politisch am nächsten stehenden Partei, den Frei- conservativen, sind nur einige wenige Vertreter bis jetzt gewählt.

Ueberaus schwere Verluste hat die freisinnige Volkspartei erlitten, die Zahl der ihr schon im ersten Wahlgange ver­loren gegangenen Mandate dürfte sich aus 15 bis 18 be­laufen- bis jetzt ist noch kein einziger Dolksparteiler als ge­wählt bekannt, selbst Herr Eugen Richter muß sich in seinem alten Wahlkreise Hagen erst noch einer Stichwahl mit dem socialdemokratischen Mitbewerber unterziehen, wobei einerseits die Nationalliberalen, andererseits die Centrumsanhänger in Hagen-Schwelm den Ausschlag geben. Bei den Stichwahlen wird es zwar der freisinnigen Volkspartei gelingen, in einer Anzahl von Wahlkreisen zu siegen - dafür wird sie jedoch höchst wahrscheinlich in so manchem anderen Wahlkreise unterliegen. Die durch die Militärvorlage in die frühere freisinnige Ge- sammtpartei hiueingetragene Spaltung macht sich eben in diesen Niederlagen bemerklich, wobei es für Herrn Richter nur ein schwacher Trost ist, daß die freisinnige Vereinigung gleichfalls nur wenig erreicht hat. Besser dagegen ist vom Centrum die auch in seinen Reihen ausgebrochene Spaltung überstanden worden- seine regierungsfreundlichen Dissidenten wurden ganz vereinzelt gewählt, dafür siegten im Rheinland, in Westfalen, in Schlesien, in Württemberg fast allenthalben die der Militärvorlage feindlichen Centrumscandidaten. Un­entschieden ist für das Centrum noch der Wahlausfall in Bayern, da hier die officiellen Centrumscandtdaten einer Reihe von Bauerbündlern in der Stichwahl gegenüberstthen. Ueber- raschend günstig haben sich die Nationalliberalen im ersten Wahlgange gehalten, sie haben es bis jetzt aus etwa 20 Ab­geordnete gebracht, die vielen Stichwahlen, in denen die Nationalliberalen engagirt sind, werden indessen die Gesammt- zahl ihrer Vertreter im neuen Reichstage zweifellos wiederauf mindestens 40 bringen. Die Polen kehren vermuthlich in alter Stärke wieder, ebenso die süddeutschen Demokraten- von den welfischen Candidaten ist dagegen noch keiner gewählt worden. Im Elsaß sind erfreulicher Weife abermals mehrere deutsch­freundliche Abgeordnete neben gemäßigten Protestlern und Clericalen gewählt worden.

Im Uebrigen muß eben, ehe sich die Zusammensetzung ' des neuen Reichstages und hiermit zunächst daß Schicksal * der Militarvorlage definitiv beurtheilen läßt, das Ergebntß ' der vielen Stichwahlen, die in ihrer großen Mehrheit am 24. Juni stattfinden, abgewartet werden. Wesentlich wird

deren Ausfall von dem geschlossenen Zusammenhalten der bürgerlichen Parteien gegenüber der Socialdemokratie ab­hängen - ob dies allenthalben geschieht, ist freilich schon jetzt fraglich, man darf aber wenigstens hoffen, daß in der großen Mehrzahl der Fälle, in denen es sich um die Entscheidung zwischen einem socialdemokratischen Candidaten und einem solchen der bürgerlichen Parteien handelt, die letzteren sich ,egenseitig kräftig unterstützen werden.

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 19. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 17. Juni dem Kreisrath des Kreises Alzey Karl Ludwig Wolf, dem Kreisrath des Kreises Friedberg Dr. Johannes Julius Braden, dem Kreisrath des Kreises Dieburg Friedrich Heß und dem Kreisrath des Kreises Büdingen Alfred Klietsch den Charakter alsGeh-.imer RegiernngSrath" zu verleihen.

Darmstadt, 18. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog fuhren gegen 4 Uhr mit Ihrer Großherzog­lichen Hoheit der Prinzessin Alix nach dem Dieburger Ge­meindewald, von wo ein Waldbrand gemeldet worden war. Derselbe war in den Theilen zunächst der Fohlenweide entstanden und bereits gelöscht, 11 Hectar waren verbrannt.

Berlin, 17. Juni. Dem Bundesrath ist die Uebersicht der Ergebnisse des Heeres-Ergänzungsgeschäfts für das Jahr 1892 zugegangen. Darnach werden in den alpha­betischen und Restantenlisten geführt 1463495 Mann. Davon entfallen auf das 1. Armeecorps 56 859 Mann, auf das 2. 71440, auf das 3. 118757, auf das 4. 99742, auf das 5. 70043, aus das 6. 98 518, aus das 7. 122 490, auf das 8. 82164, auf das 9. 107 483, auf das 10. 77 450, auf das 11. 81044, auf die großherzoglich hessische (25.) Division 30 615, auf das 12. königl. sächsische Armeecorps 94912, auf das 13. königl. württembergische Armeecorps 56 903, auf daS 14. 65 400, auf das 15. 17 535, auf das 16. 9250, auf das 17. 63 464 Mann. Dazu kommen 1. k. bayerisches Armeecorps 56084, 2. k. bayerisches Armeecorps 83072 Mann. Bon den aufgeführten 1 463 495 MaNn sind als unermittelt in den Restantenlisten geführt 43 932 Mann, ohne Entschuldigung ausgeblieben 114 554 Mann, anderwärts gestellungspflichtig wurden 359870, zurückgeftellt 507144, ausgeschlossen 1280, ausgemustert 30043 Mann, dem Land­sturm 1. Aufgebots überwiesen 118 313, der Ersatzreserve 81 349, der Marine-Ersatzreserve überwiesen aus der seemännischen bezw. halbseemännischen Bevölkerung 281 Mann, aus der Landbevölkerung 166 Mann. AuSgehoben sind 169 830, über­zählig geblieben 21074, freiwillig eingetreten 14 660 Mann. Im Ganzen also 1463 495 Mann. Bon den Ausgehobenen sind gekommen für das Heer zum Dienst mit der Waffe 161 660 Mann, zum Dienst ohne Waffe 3598, für die Marine sind ausgehoben aus der Landbevölkerung 2578, aus der see­männischen und halbseemännischen Bevölkerung 1994 Mann. Es sind ferner vor Beginn des militärpflichtigen AlrerS freiwillig eingetreten in daS Heer 14 749, in dir Marine 974 Mann. Wegen unerlaubter Auswanderung sind verurtheilt aus der Landbevölkerung 23 893, auS ter seemännischen und halbseemännischen Bevölkerung 406 Mann. Noch in Untersuchung befinden sich aus der Landbevölkerung 16671, aus der seemännischen und halbseemännischen Bevölkerung 381 Mann.

Berlin, 18. Juni. In Berliner Regierungskreisen soll in Hinblick auf den Umstand, daß von den 214 ReichstagS- abgeordneien etroa 110 für die Militärvorlage stimmen dürften und ferner in Erwägung dessen, daß auch von den aus den Stichwahlen vermuthlich hervorgehenden Abgeordneten ein beträchtlicher Theil zu den Freunden der Militärvorlage zu rechnen sein würde, eine ziemlich zuversichtliche Stimmung herrschen. Vor den Äichwahlen laßt sich jedoch noch nicht daS mindeste Bestimmte über die Zusammensetzung deS neuen Reichstages und hiermit über das Schicksal der Militärvorlage sagen, ja, selbst nach dem Zusammentritt des neugewählten Parlaments wird die Stellung so manches seiner Mit­glieder zur brennenden Frage der Heeresreform noch eine schwankende sein.

Berlin, 17. Juni. Am 26. Juni findet am Berliner Landgericht der große Anarchtstenprozeß statt. Acht Personen erscheinen auf der Anklagebank, alle wegen Auf­reizung zur Gewalt. Der Hauptangeklagte Schenk ist flüchtig.

Im Aus lande hat man den Verlauf der deutschen Reichstagswahlen mit kaum geringerer Spannung ver­folgt, als dies in Deutschland selbst geschehen ist. Die aus­ländischen Preßstimmen hierüber heben namentlich die relativ