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21.5.1893 Drittes Blatt
 
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Nr. 118 Drittes Blatt. Sonntag den 21. Mai

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politische Wochenschau.

Gießen, 20. Mai 1893.

Der schwierigste Theil in dem Aufmarsch zum Wahl­kampf ist die Aufstellung der Candidaten. So lange nicht in der Mehrzahl der Wahlkreise hinsichtlich dieser wich­tigsten Frage die Entscheidung getroffen ist, erscheint dem ferner Stehenden die ganze Wahlbewegung als ein schier un­lösbarer Knäuel von Wirniffen. Man kann indessen, wenn man die früheren Wahlkämpfe zum Vergleiche heranzieht, nicht eigentlich sagen, daß das Chaos diesmal größer sei als sonst. Vielmehr treten schon jetzt aus der scheinbar allge­meinen Verwirrung mehr und mehr solche Wahlkreise hervor, in welchen eine Klärung der Verhältnisse erzielt ist. Natur­gemäß hat man gerade in denjenigen. Kreisen, in welchen begründete Hoffnung auf Erfolg besteht, die Erledigung der Candidatenfrage erledigt. Zählcandidaten sind dagegen viel­fach noch nicht zur Aufstellung gelangt. Am meisten mit ihren Organisationen vorgeschritten scheinen gegenwärtig die freisinnige Volkspartei, die Socialisten und Antisemiten zu sein. Vom Centrum dagegen ist noch nicht einmal ein Wahlaufruf erschienen. Was die freisinnige Volks- Partei unter Eugen Richter anbelangt, so hat diese milder besonderen Schwierigkeit zu kämpfen gehabt, daß sie mit der seither mit ihr vereinigtenliberalen Vereinigung" sich auseinander zu setzen hatte. Zunächst handelte cs sich um die Candidaturen der sechs früher freisinnigen Abgeordneten, welche für den Antrag Huene gestimmt haben. Von ihnen hat Meyer auf seine Wiederwahl in Berlin verzichten müssen. In drei andcren Wahlkreisen, darunter auch in demjenigen des früheren Majors Hinze, ist eine Entscheidung noch nicht getroffen. Von den übrigen Mitgliedern derfreisinnigen Vereinigung", welche seither zu der deutsch-freisinnigen Reichs- tagsfraction gehörten, haben Dr. Bamberger und Professor Seelig Candidaten derfreisinnigen Volkspartei" Platz ge­macht. In den übrigen Wahlkreisen, die seither von Deutsch­freisinnigen vertreten waren, ist im Wesentlichen alles beim Alten geblieben; nur in vier Wahlkreisen dieser Art (unter diesen auch in Friedberg-Büdingen) ist die Sachlage noch nicht hinreichend geklärt. Von erheblicher Bedeutung für den gegenwärtigen Wahlkampf ist eine Erklärung, welche Graf von Caprivi in derKreuzzeitung" kürzlich ver­öffentlicht hat. Der Hergang ist kurz folgender: Ein ange­sehenes süddeutsches Blatt hatte erklärt, daß die freisinnigen Dissidenten zu ihrer regierungsfreundlichen Haltung dadurch ermuthigt worden seien, daß ihnen Zusicherungen in Bezug auf eine Behandlung der politischen Angelegenheiten im libe­ralen Sinne nach Annahme der Militärvorlage gegeben wor­

den wären. Dem gegenüber hat Graf Caprivi in der hoch- conservativenKreuzzeitung" die Erklärung abgegeben, daß er niemals Zusicherungen des mitgetheilten Inhaltes gemacht habe. Ueber die Stärke der künftigen Reichstags- fractionen jetzt schon einUrtheil abgeben zu wollen, wäre vermessen. Wir begnügen uns deshalb im Augenblick damit, unseren Lesern einige Daten über die Parteiverhältnisse mit« zutheilen, welche sich bei den 1890er Wahlen ergeben haben. Die Conservativen eroberten damals 66 Reichstags Sitze, die Freiconservativen 19, das Centrum 110, die National- liberalen 41, die Freisinnigen zusammen mit der Volks­partei 77, die Socialisten 36. Die abgegebene Stimmenzahl entsprach der Mehrzahl der.Mandate nicht genau. Es waren auf die Conservativen nur 895 103, auf die Freiconservativen 482 314, auf die Freisinnigen zusammen mit der Volkspartei 1 307 485, auf die Socialisten 1 427 298, auf das Centrum 1342113 und auf die Nationalliberalen 1 177 807 Stimmen im Ganzen entfallen. Demnach wären besonders den National- liberalen und Socialisten zu wenige und den Conservativen zu viele Reichstagssitze zu Theil geworden. Der Grund zu diesen Verhältnissen liegt in den Stichwahlen, die man deshalb aber nicht, wie es schon gelegentlich geschehen ist, als unsittlich hinstellen darf. In Wahrheit bewirken diese doch nur, daß überall da, wo nicht gleich beim ersten Wahlgange die Entscheidung fällt, die Mehrheit der Wähler in der Lage ist, zu entscheiden, welcher unter zwei Bewerbern ihr politisch noch am nächsten steht, während ohne Stichwahl es dazu kommen würde, daß vielfach die Minorität einer ihr gegen­überstehenden, aber vorläufig zersplitterten Majorität ihren Candidaten aufzwänge.

Vom Auslande ist nichts von Bedeutung zu berichten.

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* Zum Distavzmarsch Berlin Wien wird mitgetheilt, daß die Marschirenden auf der, genau berechnet, 578^/z Kilo­meter langen Strecke 154 Ortschaften zu passiren haben. Bei tcm Marsch wird auch ein Vertreter der vegetarischen Lebensweise, ein Culiuringenier E. aus Magdeburg, theilnehmen, der beweisen soll, daß man beinaturgemäßer Ernährung" die höchsten physischen Leistungen erreicht. Herr E. lebt schon seit mehreren Monaten ausschließlich von Obst und wird auch während des Distanzmarsches nur frisches Obst, Datteln, Feigen, Rosinen und Mandeln zu sich nehmen. Er will bei dieser Lebensweise täglich 80 Kilometer zurück- legen.

* Parade auf der Themse. Man schreibt aus London, 16. Mai: Als eine neuartige, aber gewiß recht wirksame

Annonce für dieaquatische Schau", welche den Mittel­punkt der bereits am Samstag in Carl's Court eröffneten Gartenausstellung bilden soll, unternahm der Leiter der Ausstellung, Capitän Boyton, gestern Nachmittag mit einem Theil seiner Wasserkünstler eine Parade die Themse hinunter von Chelsea nach London Bridge, Boote, wie sie in Kanada, Grönland, Afrika und Australien in Gebrauch waren, mit Eingeborenen dieser Länder wenigstens sahen sie so aus! besetzt, eine Anzahl Leute schwamm den Fluß hinab in jenem von Boyton erfundenen Anzug, in dem er selbst vor einigen Jahren über den englischen Canalgeschwommen". Die Hauptanziehungskrast dieser Gratisvorstellung bildeten aber einige Dutzend Leute, welche trockenen Fußes die Themse hinabmarschirten". Zu diesem Zwecke hatten sie drei Fuß lange, kanoeförmige, lustgefüllteGummischuhe" an den Füßen und dirigirten sich mittels einer am Ende mit einem Gummiball versehenen Stange. Von einem Gange konnte allerdings kaum die Rede sein. Die Leute wurden einfach von der zurückkehrenden Ebbe flußab getrieben und boten, zumal da die kleinste Strömung und der schwächste Wirbel sie hierhin und dorthin trieb, mehr den Anblick von Katzen mit Walnuß­schalen an den Füßen, als von fußsichcren Spaziergängern. Immerhin erscheinen die Wasserschuhe als eine geniale Er­findung. Es liegt natürlich die Befürchtung nahe, daß ein solcher Wassergänger, sobald er zu Fall kommt, mit dem Kopse untertaucht und die luftgefüllten Schuhe über dem Wasser schwimmen werden. Indessen zeigten verschiedene dieser Wasserkünstler, indem sie wohl mit Absicht das Gleich­gewicht verloren und in die Fluth tauchten, daß sie dann durch die sofortige Entweichung der Luft in den Schuhen un­gefährdet weiterichwimmen konnten. Das Ganze bot ein ergötzliches Schauspiel, zu welchem sich auf beiden Ufern der Themse viele hunderttausend Menschen eingefunden hatten.

Citeratur unb Annst.

Soeben erschien: »VbyeinkochbÜchleln für de« bürger­lichen Haushalt* von R. Mertens, Obstbau - Wanderlehrer an der Kgl. Lehranstalt für Obst- und Weinbau zu Geisenheim o. Rh., das hiermit allen Hausfrauen wie sämmtlichen Interessenten für Obstverwerthung bestens empfohlen fei. Dieses mit 37 Holzschnitt- Abbildungen ausgestattete, 95 Setten umfassende Werkchen enthält eine ausführliche Anleitung zur Herstellung von Pasten, Mus, Marmelade, Kraut, Gelve u. s. w. nach den neuzeitlichen Fortschritten und Verbesserungen. Das genannte Werkchen gtebt reiche Anregung und Belehrung und durfte bald überall als ein willkommener Rath­geber in diesem schönen und wichtigen Zweige der häuslichen Wirk­samkeit der Frauen ausgenommen werden Gegen Einsendung von 1 Mark 60 Pf. postfrei zu beziehen vom Verfasser.

Feuilleton.

Jovanich, der Zigeuner.

Eine Vagantenreminiscenz von Signor Saltarino. (Fortsetzung).

Nirwana" tauften wir die Stute, auf welcher sich Aranka bald heimisch fühlte. Wie der Sturmwind flog das edle Thier mit seiner leichten, geschmeidigen Bürde über die Steppe, kaum, daß es mit den Hufen den sandigen Boden berührte, flink wie eine Gazelle und fromm wie eine Taube. Und wenn wir im Sonnenbrände durch die endlose Kosakensteppe wateten, gedrückt und halb verschmachtet, wenn die anderen Thiere keuchend zusammenbrachenNirwana" blieb immer munter, es schien, als könnten ihr Sonne, Hunger und Durst nichts anhaben, als sei die steinige, trockene Fläche allein das Element, auf dem sie sich wohl fühle. Und wenn bann in grauer, nebelhafter Ferne aufsteigender Rauch die Nähe irgend eines Dorfes vermuthen ließ, dann schwang sich Aranka auf die hell aufwiehernde Stute, und fort ging es mit der Schnelligkeit des Blitzes, um nach wenigen Minuten nur mit freudiger Botschaft zurllckzukehrcn.

Schneller stürzt nicht die Lawine vorn Berge, schneller fegt nicht der Orkan über die Lande.

Die Steppe .... Welche Poesie kann in dieser weiten, oben, baurn- und strauchlosen Fläche liegen! Das ganze Gebiet ist glatt wie ein Tisch, auf welchem der Siebenmeilen- Fortschritt der Civilisation stolperte. Aus dem kahlen, sandigen Steppenboden kann der Pflugschar keine blühenden Weizen­felder hervorzaubern, die Steppe wird und muß immerdar ias Heim jener halbwilden Reiterhorden bleiben, über welchen allein das Scepter des Czaren herrscht.

Wir wandten uns nach dem Süden, immer an der Ssarpa entlang, die im Westen von dem Jrgenie-Gebirge begrenzt iviib, währenb im Osten bie ungeheure Kirgisensteppe sich

ausbreitet. Nahezu zwei Wochen schon toanberten wir ben beschwerlichen Weg; doch Vater Ritscho machte mit ben Tar- tarenvölkern ausgezeichnete Geschäfte unb bies mußte uns alles Ungemach vergessen lassen.

NurNirwana" wollte keiner der Kosaken kaufen. Die Krone auf ber flinken Hinterfessel bes Pferbes machte einen zu verbächtigen Einbruck unb dieses Brandmal wurde zum Verräther der schwarzen That Jovanichs.

Als ich bemerkte, daß man dem Ursprung der Stute nachspürte, hielt ich die Zeit für gekommen, die Familie Ritscho unb Aranka zu verlassen. Ich sehnte mich heraus aus dem wilden, ungebundenen Leben der Cziganos, zurück in meine bergumkränzte Heimath. Der Pserdediebstahl hatte für mich nie die Spur von Poesie gehabt.

Und wohin, Saltarino, wohin?" fragte mich die braune Dirne und schaute wie suchend auf in die Unendlichkeit des Nachthimmels.

Wohin? In die Heimath, Aranka!"

In die Heimath nach Schwaben. Wir Zigeuner .wissen niemals, wohin wir die Schritte wenden. Wir sind verdammt zu wandern von Land zu Land, von Meer zu Meer, rastlos unb gejagt .... Lebewohl!" ....

Aranka .... ein Blatt im Winbe meines Lebens . . . .

*

Am anberen Tage hatte Jovanich seine Tracht Prügel weg, unb bas Gericht steckte ihn außerdem noch zwei Jahre ins Gefängniß, währenb bie Familie Ritscho weiter nach bem Silben zog, hinauf in bie Rosenthäler bes Kaukasus unb bie StuteNirwana" sich in ben Ställen bes Fürsten Branitzki von ben Strapatzen bes Vagantenlebens erholte.

Zwei lange Jahre in dem schmutzigen Gefängniß zu Kakawskaja! Doch Nitschewo! Schmutz ist Jovanich ge­wöhnt, unb zwei Jahre vergehen gar balb. Und dann wird er Vater Ritscho unb sein Weib toieber aufsuchen- er weiß genau, welchen Weg sie genommen, unb wenn sie auch Tausenbe

von Meilen fortzögen, über Berge unb Meere. Ein Zigeuner finbet immer bie ©einigen roieber.

Armer Jovanich armer Zigeuner! Seine Truppe war längst toieber in ber ungarischen Ebene, ba schaute er noch über bas alte, häßliche Kakawskaja in bie weiten grauen Steppen mit seinem verkrüppelten Buschwerk, weit, weit bis ans Meer, bas ihn von seinem Weibe trennte. Der Herr Secretär, bie Herren Aufseher, ja selbst bie einzelnen Soldaten, welche an bem kleinen grauen Schilberhause vor bem Ein- sahrlsthore auf Posten stauben, waren ihm gut bekannt. Er hatte eine sehnige Natur, ber junge Pferdedieb - während bie anberen Gefangenen mit matten Schritten sich einherschleppten, mit gelbem Gesichte unb glanzerloschenen Augen, war Jovanich noch frisch unb roth, ging er noch kerzengerabe, unb seine hohe Brust sog mit Wollust bie frische Luft ein, bie vom Meere über bie Steppe kam. Zigeunerblut welkt nicht im Morast bes Kerkers.

Es war heute ein gar heißer Tag. Der Solbat vor dem Schilderhaus hatte sein Gewehr zwischen die Arme ge­nommen und sich auf einen großen Stein gesetzt, von wo aus er träumerisch über die Stadt schaute. Von unten herauf ertönte lauter Peitschenknall. Ein voller Holzwagen, mit zwei Pferden bespannt, kroch den Hügel Herauf, bis zum Thore. Der Kutscher schlug mit dem Knopf seiner Peitsche dreimal heftig gegen das Thor und wartete dann ein wenig, nachdem er einen Stein unter eines der hintersten Wagenräder gelegt. Allein Niemand öffnete ihm. Noch einmal und ein drittes Mal widerholte der Knecht fein Pochen, bis sich endlich da drinnen langsame, schlürfende Tritte vernehmen ließen und ein Aufseher das große, eiserne Thor öffnete.

Was machst Du für einen Scandal, Du Himmelhund!" fuhr er den Bauern an. Dieser bekümmerte sich blutwenig um das Schimpfen des Beamten, fuhr vielmehr birect durch das Thor in den Gefängnißhof unb begann hier, seine Scheite hinabzuwerfen. (Schluß folgt.)