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-rr. 195. Drittes Blatt. Sonntag den 20. August
1893
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Gießener Anzeiger
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— „Wie zwei Gräber!" — „Gut, also hören Sie, ich schreibe einen Roman!" — „Waaas?" Er konnte kaum das Lachen verbeißen, sie aber machte eine fürchterlich ernste Miene. — „Ach, ich hab' mir's aber doch leichter vorgestellt!" — „Das Romanschreiben?" — „Ja sehen Sie, da bin ich an einer Stelle, wo ich absolut nicht weiter kann. Der Held schreibt nämlich der Heldin einen Liebesbrief, in dem er sie zu einem Rendezvous einladet. Ich weiß nun wirklich nicht, wie ich die Geschichte anfangen soll." — „O, nichts leichter als das, geben Sie einmal her. Also: Geliebte ..." — „Den Namen können Sie auslassen, den füge ich schon ein." — „Also gut!" — Und er schrieb. „Ja, wo sollen sie sich denn treffen?" — „Das muß sie bestimmen!" — „Auch gut." Er schrieb zu Ende und reichte ihr das Blatt hin. — „Ausgezeichnet !" jubelte sie. „Sie sind ein großartiger Doctor!" — Er ging lachend. Nun fügte sie die Unterschrift hinzu, faltete kichernd das Blatt zusammen und ging spazieren. Etwa nach einer Stunde traf sie einen Dienstmann. „Tragen Sie diesen Brief an Fräulein Emmy T. und bitten Sie um Antwort. Die Antwort bringen Sie mir, ich werde sie weiter befördern." Der Dienstmann kam, sie hielt das Antwortschreiben gegen die Sonne und nickte befriedigt. „Bet der Capelle, gut! So, jetzt tragen Sie das zum Doctor W." — Doctor W. ging Nachmittags im Sacco zur Capelle und Abends im Frack in die Villa T. Und beim Souper, als man ein gewisses Paar leben ließ, fuhr Nelly plötzlich mit der Frage heraus: „Was meinen Sie, Doctor, wie sollen wir unseren Roman betiteln?" — „Die Noth- helferin!" sagte der Doctor und drückte ihr die Hand.
* Einen unerwarteten Abschluß fand kürzlich eine Vorstellung der „Räuber" in einem kleinen Tyroler Städtchen. Waren da aus den Bergen zwei Burschen in die Stadt zur „Kumedi" gekommen, der Sixt und Hartl (Sixtus und Leonhard), welche der Aufführung des Schiller'schen Werkes mit gespanntester Aufmerksamkeit folgten. Dem <Pixt hatte es besonders die Amalie angethan, die er förmlich mit seinen
Blicken verschlang. „Die Amalia ist a teuflisch sauberes Weibl", sagte er einmal zu seinem Nachbar, „und i mein' völli, der buggelte Franzl laffet sie g'scheiter in Ruh', wenn i ihm halt gut zu Rath bin." — Je mehr die Handlung fortschritt, desto erregterZwurde Sixt. Seine Augen funkelten und seine Fäuste ballten sich. Er vergaß, daß er im Theater war. Nun kommt der dritte Act. Franz und Amalie standen sich auf der Scene gegenüber, und oben aus der Gallerte hing Sixt mit dem halben Leibe vorgebeugt über die Brüstung. „Verzeihe mir, Franz," sprach Amalie, ihn scheinbar umarmend und dann seinen Degen aus der Scheide reißend. „Stehst Du, Bösewicht, was ich aus Dir machen kann!" — „Stich nit, Diandl", brüllte Sixt auf der Gallerte in höchster Wuth, „stich nit, Diandl! Lass mi abi zu dem Himmel- Hergotts buggelten Grashupfer, zu dem fuchseten! MachtS Platz", drängte er die Nebenstehenden zur Seite, „der Stoffenbrugger Sixt kummt! I werd' dem Saggra schon lernen, Diandlen sekiren und Leut' schinden!" Ein unbeschreiblicher Tumult entstand. Der Vorhang mußte fallen, der Regisseur war rathlos auf eine Rasenbank gesunken, die Leute pfiffen, schrieen, johlten, und die beiden Burschen wurden verhaftet. _____________
* Unmöglich. Tante: „Nun, Grethchen, Papa hat sich gewiß recht gefreut, daß der Klapperstorch Euch Zwillinge gebracht hat. Was sagte denn Papa dazu?" — Grethchen: „Mir stehen alle Haare zu Berge — und . . ." Tante: „Na, und?" — Grethchen: „Und er hat gar keine mehr!"
* Da8 kluge Dienstmädchen. Dame: „Aber Anna, was haben Sie denn mit den Eiern gemacht, die sind ja fürchterlich hart, haben Sie sie denn nichr mit der Eieruhr gekocht!" — Anna: „Gewiß, gnädige Frau, aber die ist ja gleich, als ich sie in das kochende Wasser gethan habe, caput gegangen!"
* Verschönerung. Bäckermeister (auf einem Balle): „Gestatten Sie, mein Fräulein, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Xaver Hörndl, Bretzel-Techniker."
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• Die Nothhelferin. „Du, Emmy," sagte dieser Tage die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. F. zu ihrer Tochter, „das kann nicht so weiter gehen. Dreimal im Tag kommt der Doctor zu uns herauf, alle Leute machen schon ihre Glossen darüber, und noch immer erklärt er sich nicht. Das ist mir zu dumm!" — „Mir auch," lispelte Emmy-
«h, es ist ein rechtes Kreuz mit ihm. Er ist so ein netter
Nensch, aber seine Schüchternheit ist schrecklich. Mit Nelly kann er herumtollen und die übermüthigsten Spässe treiben -
aber sobald wir zwei allein beisammen sind, wird er sofort
still und sinnend und bringt kein vernünftiges Wort heraus." Zur Orientirung möge gestattet sein, hier einzuschalten, daß dieser Dialog auf der Terraffe eines Landhauses in einer bekannten fashtonablen Sommerfrische um halb 11 Uhr Abends stattsand, und daß Nelly ein vorwitziger, aber reizender Backfisch von 16 Jahren und Emachs Schwester war. Nellys Schlafzimmerfenster ging auf die breite Terrasse heraus, aber fie mußte schon schlafen, denn man sah kein Licht mehr bei ihr, sonst hätten Mama und Emmy nicht so ungenirt dieses . heikle Thema besprochen. Aber Nelly schlief nicht, deshalb
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nimmt es uns auch nicht Wunder, daß in dem dunklen Schlafzimmer unter der Bettdecke hervor ein leises Kichern vernehmbar war. — Am nächsten Morgen saß Nelly in dem Gartenhause, eine Lage Briefpapier vor sich, und spähte nach der Straße. Da kam er schon, der schüchterne Doctor. Flugs nahm sie eine nachdenkliche Stellung ein und begann an der Feder zu kauen. „Ah, guten Morgen, mein Fräulein! An welche PensionSfreundtn werden denn die Herzensergüffe zrhen, die hier gedichtet werden?" — „O, an gar keine. Ich schreibe ja gar keinen Brief." — „So? Was denn?" - „Müssen Sie Alles wiffen, Sie neugieriger Doctor?" — - „Müssen muß ich nicht, aber mögen möcht' ich." — Sie ruckle näher. „Wenn Sie mich nicht verrathen, will ich's Ihnen sagen, aber Sie müssen schwören, daß Sie schweigen."
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