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119. April 1893.
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Zweites Blatt. Donnerstag den 20 April
1893
Wesiener Anzeiger
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Feuilleton.
Der kritische Lag.
Eine Examensgeschichie von Edgar Reinhold.
(Nachdruck verboten.)
RechtScandidat Anton Feller, genannt Bierzwerg, im- ponirte Allen, die ihn kannten, nicht sowohl durch seine kräftige Gestalt, seine tadellose Eleganz und seinen trockenen Witz, der ihn zur Eomposition vortrefflicher Bierzeitungen ganz besonders befähigte, als vielmehr durch seine klassische Ruhe, die, wie man sich erzählte, durch stetigen Biergenuß gezeiligr, in allen Lebenslagen sich bis jetzt bewährt hatte. Diese Spiegelglatte seiner Seele, die fast schon dem von dem größten Philosophen gepriesenen Zustande der „Glückseligkeit" gleich« kam, ließ Anton Feller auch dem weiblichen Geschlecht gegen« über wunschlos erscheinen. Nur einmal hatte er einen tiefen Blick in ein Paar dunkelblauer Mädchenaugen gethan und seitdem tauchte wohl ab und zu vor seinem geistigen Auge ein herziger Blondkopf mit den bewußten blauen Augen auf, ohne daß er es hindern konnte.
Diese schöne Seelenruhe hatte nun aber doch einen grau« tarnen Stoß erlitten, als der kritische Tag deS Referendar- examenS herannahte. Anton saß in jenem Raume, den der deutsche Musensohn in ehrlicher Muttersprache seine Bude, die elegante Dame aber mit koketter Französirung ihr Boudoir zu nennen pflegt, und mühte sich ab, sein juristisches Wisien möglichst zu vervollständigen. Man sah es an der nervösen Hast, mit der er Bücher auf- und zuklappte, hier nachschlug, dort excerpine, daß seine Ruhe hin, sein Herz schwer war. Schließlich warf er alles bei Seite und lehnte sich mit bekümmerter Miene in seinen Sessel zurück: er wußte, daß er nichts wußte.
„Ich falle durch," sagte er, „ohne jeden Zweifel, aber wenigstens in aller Stille. Ein Glück, daß meine Corpsbrüder nicht wisien, daß ich hier bin. Es reine doch zu fatal — ich will sie übrigens zur Sicherheit doch noch durch eine Epistel in die Irre führen, als säße ich still ergeben in meiner Heimath."
Gesagt, gethan. Der Brief wurde mit einem etwas
sorcirten Humor abgefaßt, ordnungsmäßig couvertirt und adressirt und mit einigen erläuternden Zeilen an die hilfsbereite Schwester abgesckickt, damit diese das Sendschreiben in dem Heimathsorte zur Post gebe.
Nach dieser kurzen Unterbrechung bemächtigten sich des Candidaten wieder die finsteren Examensgedanken.
„Wenn wenigstens der alte Geheimrath Lange nicht in der Prüfungscommission wäre. Aber der läßt jeden rasieln, der nicht bei ihm im Seminar war, und wenn er gar meine Arbeit zur Beurtheilung unter den Klanen gehabt hat — "
Ein Schauder schüttelte den gequälten Mann, als er an seine Arbeit dachte. Das Thema an und für sich wär ihm schon spanisch vorgekommen, und als er dann an die Ausarbeitung ging, wurde er vollends confus.
Er sand (ich nicht zurecht in dem Wulst von Commen- taren und Abhandlungen, die er durchzuarbeiten hatte, er stoppelte zusammen, so viel er konnte, aus allen möglichen Büchern, und da ihm das immer noch etwas dürftig erschien, so fügte er auf eigene Faust noch Erläuterungen hinzu, die ihm dann, als er sie überlas, ganz. und gar schleierhaft waren. Ja, ja, eine Prüfungsarbeit macht sich nicht so leicht wie eine Bierzeitung.
Da packte Anton Feller eine Idee.
„Wir wollen einmal sehen, was die Karten dazu sagen."
Anton hatte stets gehöhnt, wenn am heimathlichen Herde die weibliche Trias, Mutter, Tante und Schwester, die dunklen Wege des Sch cksals aus den Karten enträthseln wollten, und nun griff er selbst zu diesem Mittel. Wozu so ein Examen Jemanden bringen kann!
Die Karten lagen wohlverwahrt in einem Schubfach des Schreibtisches und a's der reunderlihe Wahrsager sie dort herausholte, fand er zwischen ihnen ein kleines Blättchen, seine alte studentische EikennungSkarte, die er seiner Zeit zur Anmeldung der Exmatrikel vergeblich gesucht hatte.
„Na ja," brummte der Candidat, „da steckt das Ding, und als ich es brauchte, da wollte es nicht zum Vorschein kommen. Da hätte ich mir den ganzen Rummel mit Duplikat, Ungiltigkeitserklärung, Anmeldung auf der Polizei u. s. w. ersparen können. Aber vielleicht ist es ein gutes Omen, daß ich eS gerade jetzt gefunden habe."
Damit steckte er die Karte in seine Brieftasche, ohne daran zu denken, bis zu welcher Höhe bereits sein Aberglaube gediehen war. Kunstgerecht, wie er eS von Tante, der unbestrittenen Autorität auf dem Gebiete des Kartenlegens, abgelauscht, mischte er, hob ab und breitete die Blätter vor sich auS. Nachdem er eine Weile nachdenklich daraus hingestarrt hatte, fuhr er unwirsch auf:
„Großer Schreck, gewaltiger Aerger und hinterher Verlobung, so was Albernes! Durchfallen und nachher verloben! Ueberhaupt ich — was gehen mich die Weiber an?"
Da, wie mit einem Zauberschlage, stand vor seine» Geiste wieder die liebliche Mädchengestalt, und er konnte sie nicht bannen. Er überdachte die Situation ihres einzigen Zusammentreffens. Vor Jahresfrist wars. Er, damals noch sorgenlos im Vergleich zu jetzt, flankte auf der Straße, als er vor sich zwei Damen erblickte, Schwestern augenscheinlich, die einen kleinen reizenden Buben an der Hand führten. Da- war ja an und für sich für Bierzwerg nichts Aufregendes gewesen. Aber die beiden Damen, in eifrigem Gespräch begriffen, merkten es nicht, daß der Kleine sich sachte von der leitenden Hand löste und hinüber auf den Fahrdamm eilte, wo irgend etwas seine Aufmerksamkeit erregt hatte. In demselben Augenblicke kam eine Equipage in scharfem Trabe an- gesaust und der Knabe wäre zweifellos von den Rädern zermalmt worden, wäre nicht Anton Feller noch rechtzeitig hinzugesprungen und hätte ihn der Gefahr entrissen. Bon den beiden Damen riß die eine, die ältere, augenscheinlich die Mama deS kleinen Burschen, ihren Liebling mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an sich, während die andere mit wortlosem Dank dem Retter die Hand entgegenstreckte. Sie war zu bewegt, um sprechen zu können, aber sie sah mit einem wahrhaft rührenden Ausdruck innigen Dankgesühls zu dem muthigen jungen Manne empor. Anton, „den doch eigentlich Weiber nicht« angingen", wurde ängstlich zu Muthe- zugleich ergriff ihn, er wußte nicht wie, „himmlisches Behagen"- das machte ihn noch ängstlicher, er stammelte einige unzusammenhängende Worte und verschwand.
(Fortsetzung folgt.)
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