Ausgabe 
20.1.1893 Zweites Blatt
 
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18.93

Amts« und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Von Goethe möge fortfahren:

Herr Gerhardt auf dem Lindenplatz Der kennet manchen schönen Platz Und manchen alt vergrabnen Schatz Ihr müßt ein bischen revidtren...

Der te**«t A*|rte«r erfcheint täglich, H Lu-nahme bei Montags.

Hortensia: Du hast den Drachen gebändigt, sei froh< Lucentin: Ein Wunder, daß sie sich ließ zähmen so. Es ist in der Rolle des Petruccto unserem verehrten Gaste, der seit Jahren bei den Gießenern in bestem Andenken steht, in vorzüglicher Weise Gelegenheit gegeben, sein schau­spielerisches Können und besonders seine ureigenste Indivi­dualität eine kraftvoll-imponirende Männlichkeit, edlen Trotz und überlegene Ruhe auf uns wirken zu [taffen. Man könnte vermuthen, seine elastische Gestalt mit dem vollen, ausgeprägten Characterkopfe wäre dem berühmten Shake­speare-Illustrator John Gilbert aus dem Rahmen gesprungen.

Hoffen wir, daß sowohl er als auch die allerliebste Benesiciantin, deren fröhlich-herziges Lachen und anmuthvolles Spiel schon manches Hypochonderherz thauen machte, durch ein dichtgefülltes Haus zur schönsten und freudigsten Ent­faltung ihrer Künstlerschaft begeistert werden. Hoffen wir auch, daß die eisige Temperatur das Kunstinteresse der Lahn- Athener, wie leider die Montags-Vorstellung befürchten ließ, nicht auch unter den Gefrierpunkt---doch wie läßt

Altmeister Goethe seinen Theaterdirector sprechen?:

Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Thaten sehn! Jndeß ihr Komplimente drechselt Kann etwas Nützliches gescheh'n.

Mephisto-ReinersVerzeihung, Großherzoglich Sächsischer wirklicher Geheimrath und Staatsminister Johann Wolfgang

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Gegenstand einer langjährigen Fehde. Der Inhalt ist wohl dem deutschen Volke ebenso geläufig wie dem englischen- denn auf welchem Büchergestelle fehlen die Geisteskinder des großen Britten?

Wenn auch der derbe Schwank mit seinen altenglischen Rüpelgestalten dem modernen Empfinden des öfteren zuwider­läuft, bewahrt doch Petruccio ein kleines Eabinetstück Meister Hoxars auch in unserem neunzehnten Jahrhundert seine ewige Jugend- wenn auch übertüncht von unserer con- ventionellen Gesellschafts- und Höflichkeitssprache, hat die Quintessenz des Schwankes versinnbildlicht durch die böse, halsstarrige Katharina, den energischen, ihr über Hals und Kopf angetrauten Petruccio, sowie durch die DeviseEs ist besser, sich vor, als nach der Hochzeit zu (pardon, holde Leserin) prügeln" auch jetzt noch ihre gewisse Bedeutung und Berechtigung. Alle Ehemänner, insonderheit die Herren Pantoffelhelden können am Freitag Abend die werthvollsten Studien machen. Natürlich soll das Ewig-Weibliche damit nicht ausgeschlossen sein. Im Gegentheil, es darf seiner gerechten Entrüstung über die Ungezogenheit des edlen Pe­truccio und seines vorlauten Witzboldes von Knappen (Grumio) gebührenden Ausdruck verleihen. Katharina war ja die Tauben- sanftmuth in persona. Ihr etwas unparlamentarisches Be­nehmen zu Anfang deS Stückes, dem gegenüber Xantippe allerdings als Engel figuriren könnte, wurde jedenfalls nur provocirt durch Ränke und Schliche von Seiten der bösen Männerwelt. Selbst die Schlußwortewo sich doch Alles versöhnt und kriegt" zeigen noch deutlich, wie verderbt und schadenfroh die Männer bereits vor vierhundert Jahren waren:

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Pie Freitags-Aufführung im Neuen Theater.

Der nächste Theater-Abend Freitag den 20. ds. steht unter dreifach-bedeutungsvollem Zeichen. Der größte Dramatiker, William Shakespeare, hat das Wort. Die Interpreten hervorragender Rollen find Wilhelm von Hoxar als Gast und Frau Anni Reiners als ^eneficiantin Herr Hoxar, einer der vornehmsten Dar­steller der deutschen Bühne, in literarischen Kreisen noch be­sonders geschätzt wegen der Übersetzung und Bühnenbearbeitung -cs 'Octave Feuillet'schen SchauspielsDer Roman eines armen jungen Mannes" - Frau Director Reiners in den Kreisen unserer Stadt beliebt und verehrt als liebenswürdige Künstlerin und treue Mitarbeiterin ihres Mannes.

Zähmung einer Widerspenstigen" gehört zu bcm eisernen Repertoirbestande aller bedeutenden Bühnen, ist eins von den Shakespeare'schen Stücken, mit dem feinesGeistes Hauch" und seine geniale Urwüchsigkeit un- mslöschlich verwoben, das bei einigermaßen erträglicher Dar­stellung auch auf einer Provinzbühne einer ebenso eclatanten als nachhaltigen und tiefgehenden Wirkung sicher ist. Das Stiicf, welches zum ersten Male in der Folio von 1623 erschien, wurde im Jahre 1776 von Stevens und später von der Shakespeare-Society neu herausgegeben. Ob Shakespeare allein ober in Verbindung mit mehreren oder nur als Be­arbeiter dasselbe verfaßt und mit seiner Truppe zur Auf- siihrung gebracht hat, war unter den zünftigen Literaten

Beethovens vierte Sinfonie (B-dur, Op. 60), welche im Jahre 1806 entstand, wurde im Anfang des Jahres 1808 zuerst in Wien, kurz nacheinander zweim-l aufgesührt, erst im Theater und dann im adligen Liebhaberconcert, und erfreute sich sogleich, wie berichtet wird, eines reichen Bei­falls. Heute theilt sie mit der ihr geistig verwandten 8. Sinfonie das Schicksal einer gewissen Zurücksetzung. Sie erreicht ihre Nachbarn zur Rechten und Linken, die Eroica und die 0-moll-Sinfonie weder in der Breite des Aufbaues und der äußeren Dimensionen noch in der Großartigkeit der Combinationen- sie ist aber dennoch eins der eigenartigsten und vollendetsten Werke bei Beethoven'schen Kunst und repräsentirt unter ben Sinfonien eine Gattung für sich. Was sie auszeichnet, ist bte Frische und Unmittelbarkeit ber Gestaltung. Sie gleicht darin einigen der Claviersonaten, daß sie mehr phantasirt und improvisirt, unter einem fort­währenden Zufluß neuer Gedanken entstanden, als gearbeitet erscheint." lieber alles Weitere verweisen wir auf das im Jnseratentheil sich befindende Programm.

Reichsgerichts-Entscheidung. Die kaufmännische Em­pfehlung einer Person als credit würdig, obgleich der Empfehlende Umstände kennt, welche ihm selbst und Anderen die Creditwürdigkeit desselben bedenklich zu machen geeignet sind, macht, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, I. Civil- senats, vom 19. October 1892, den Empfehlenden durch die Verschweigung dieser Umstände für den durch die unrichtige Empfehlung verursachten Schaden haftbar.

Zum Musterschutz. Im Monat December wurden 7243 Muster und Modelle von 323 Urhebern neu geschützt. Gegen den Monat December des Vorjahres weist der December durchgängig ein Steigen der Zahlen auf. Die Zahl der Urheber ist um 32 und die der Muster und Modelle um 2031 angewachsen. Im Jahre 1892 sind im Reichsanzeiger" Bekanntmachungen über 91 894 neu ge­schützte Muster und Modelle erschienen. Seit Eröffnung des Musterregisters aber sind Bekanntmachungen über 1061 113 neu geschützte Muster und Modelle veröffentlicht worben, darunter 7012 von Ausländern niedergelegte (von Oester­reichern 4941, Franzosen 879, Engländern 446, Spaniern 21, Nordamerikanern 258, Belgiern 401, Norwegern 10, Schweden 7, Italienern 47 und Schweizern 2).

-fr Grünberg, 16. Januar. Daß der Unterschied in den Getreidepreisen zwischen dem vorigen und vorvorigen Jahr doch nicht so bedeutend, als man aus den Klagen über die allzuniedrigen Fruchtpreise zu schließen berechtigt, zeigen die Durchschnittspreise ber Fruchtsorten per Gentner beiber Jahrgänge auf dem hiesigen Fruchtmarkt. Hiernach galt der Gentner Weizen 1892 8,60 gegen 11,45 Mk. 1891 - Korn 8,10 Mark gegen 10,80 Mark - Gerste 7,50 Mark gegen 8,80 Mark- Hafer 6,70 Mark gegen 7,70 Mark- Erbsen 8.00 Mark gegen 9.95 Mark- allerlei Früchte 10.80 Mark gegen 11.45 Mark. Kartoffeln 3.80 Mark gegen 3.85 Mark 1891. Verkauft wurden im verflossenen Jahre 16,462 Gentner

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totales und Provinzielles.

Gießen, 19. Januar 1893.

Eoucert-Verein. Ein Goncert von hervorragender Bedeutung und hohem musikalischen Interesse dürfte das am kommenden Sonntag sein. Nicht daß gerade außergewöhnliche Solisten mit klingenden Namen geboten würden, eher das Gegentheil ist ber Fall- es treten zwei jugenbliche Künstlerinnen auf, die mehr unbekannt wie bekannt sinb. Trotzdem wissen wir aus bester Quelle, baß wir zwei auf» ftrebenben Talenten von hoher Bebeutung gegenüber treten werben, bereu Lob wir jetzt -schon Preisen könnten unb würben, wenn wir nicht alles vermeiben wollten, was auch nur im Geringsten an bie Posaunentöne ber Reclame erinnern könnte. Wir begnügen uns baher, nachfolgend zwei berufene Stimmen der Kritik zur Einführung der Künstler zu citiren unb überlassen es Jedem, durch den Besuch des Eoncerts sich selbst ein Urtheil zu bilden. DieMagdeburger Zeitung" vom 9. November 1892 urtheilt über Fräulein Dienstbach wie folgt:Das erste Harmonie- Concert glänzte durch die Mitwirkung zweier erlesenen Solisten, ber Gonccrtfängerin Fräulein Emma Dienstbuch aus Frankfurt a. M. unb bes Eoncertmeisters Herrn H. P. Die jugenbfrische, sympathische Stimme, ber warme Empfindungs­ausdruck in den getragenen, die schön entwickelte Technik in den verzierten Partien, die Sicherheit bes Tonansatzes ge­wannen ber Sängerin in ber Wiebergabe einer interessanten, aus Empfindung, Manier unb Formenspiel gemischten Arie (in B) mit Necitativ aus SpohrsFaust" und der Lieber von Brahms (Mainacht"), Schumann (Es weiß es, es räth es doch Keiner") unb Dessauer (Mach' aus") berbienten reichen Beifall." Professor M. Krause ans Leipzig be­richtet über Fräulein Boretzsch:Die Solopartie lag in den Händen des Fräulein M. Voretzsch. Die junge Dame darf zu den bedeutendsten Elaviertalenten gezählt werden, welche bas Leipziger Eonservatorium während der letzten zehn Jahre auszubilden das Vergnügen hatte. Die Wahl des Schnmann'schen Eoncertes zeugte von Muth und künstlerischer Ueberzeugung, denn die Wirkung des Werkes liegt viel mehr auf Seiten der rein musikalischen Gestaltung, als aus Betonung eines einseitig virtuosen Standpunktes. Unb doch, vielleicht ist es richtiger, zu sagen, gerabe darum sind bie Schwierigkeiten ber Solo-Partie größer, als in den Birtuosen-Eoncerten. Wenn Fräulein Voretzsch jene siegreich überwand unb noch im Stande war, eigenartig Empfundenes, geistvoll Nachgefühltes zu spenden, so stellen diese Thatsachen ihr Können in glänzende Beleuchtung unb berechtigen zu ber Folgerung, daß aus dem Talent der Dame sich dereinst eine ganz bedeutende Künstlerin entwickeln wirb." Auch der orchestrale Theil bietet viel des Hochinteressanten, ganz be­sonders dürste bie B-dur - Sinfonie von Beethoven, die unseres Wissens seit Jahren nicht auf dem Programm stand, die Hörer entzücken. Hermann Kretzschmar, der Kritiker par excellence, beurteilt dieses Meisterwerk wie folgt:

Weizen zu 141,704.15 Mark- 2759 Gentner Korn zu 22,215.55 Mark - 2188,5 Gentner Gerste zu 16,285.05 Mark- 5444,5 Gentner Hafer zu 37,517 00 Mark- 141,5 Gentner Erbsen zu 1468.10 Mark- 249,5 Gentner allerlei Früchte (Tarnen, Linsen, Lein, Wicken) zu 2721.60 Mk. - 5270 Gentner Kartoffeln zu 19,843.85 Mk- zusammen 32,513 Gentner zu 241,755.30 Mk. Im vorhergegangenen Jahre 1891 wurden verkauft: 6209 Gentner Weizen zu 73,714.90 Mark- 2236 Gentner Korn zn 25,088.80 Mark- 1807 Gentner Gerste zu 16,450.35 Mark- 5217,5 Gentner Hafer zu 39,489.60 Mark- 344 Gentner Erbsen zu 3472.40 Mark- 104,5 Gentner allerlei Früchte (Samen, Linsen, Lein, Wicken) zu 1012.70 Mk. - 6242,5 Gentner Kartoffeln zu 22,244.00 Mk. Es wurden demnach gegen das Jahr 1891=10292,5 Gentner Frucht mehr verkauft unb ein Mehrerlös von 60,281.95 Mk. erzielt. Bebenkt man hierbei, baß bie Lanbwirthe gegen­wärtig noch überall größere Fruchtvorräthe besitzen als sonst, die erst in biesem Frühjahre zum Verkaufe kommen, so wirb der niedrige Getreidepreis durch die Menge der zu verkaufenden Frucht nicht nur ausgeglichen, sondern bedeutend übertroffen.

Mainz, 17. Januar. Wie bereits telegraphisch mitge- theilt, hat sich das Rh ein eis m verflossener Nacht hier fest- gestellt. Am Morgen war das Eis nur bis oberhalb der Straßenbrücke zugelaufen und konnten in den ersten Tages­stunden die Trajectboote noch einige Mal fahren. Doch bei einem Zurückgehen der Temperatur auf fast 17 Grad (R) Kälte, war alsbald die ganze Wasserfläche vor der Stadt bis zur Eisenbahnbrücke mit einer Eisdecke überzogen, wodurch selbstredend bie Trajectboote ihren Betrieb einstellen mußten. Mit einem kräftigen, tiefgehenben Schraubenboot versuchte man zwar für ben Trajectverkehr eine Passage durch das Eis offen zu halten, was indeß in Folge der stets nachdrückenden Eismassen zur Unmöglichkeit gemacht wurde. Trotz polizei­licher Verbote wagten sich schon um die Mittagsstunde zahl­reiche Personen über die Eisdecke nach dem jenseitigen Ufer, ein Unterfangen, welches um so gefährlicher war, weil durch die oben erwähnten, von vielen Seiten scharf getadelten Ver­suche, für den Trajectverkehr einen Weg offen zu halten, die Eismassen an vielen Stellen noch fortwährend in Bewegung waren. Weiter unten im Strom an der Petersaue unb ber Ingelheimer Aue überschritten in ber späten Nachmittagsstunbe schon Groß und Klein die Eisdecke. Auf Anordnung der städtischen Verwaltung wird binnen Kurzem eine allge­meine Wohnungsaufnahme von Mainz vorgenommen werden. Dieselbe soll sehr eingehende Bethätigung finden.

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