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Wk 273 Drittes Blatt. Sonntag den 19. November
1893
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Gießener Anzeigers
Kenerat-Mnzeiger.
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2lmts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.
Unnahmr von Anzetgen ,u der Nachmittag» für dm ft Tz? AM Annoncen-Vureaux de» In- und AuSlande« nehm»
folgenden tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr. HkatlSoNlltgt. ^attUllHWlattt L Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
in Folge der Strömung hin und her vibrirte. Als Lola dies Spiel eine Weile beobachtet hatte, stieg sie die wenigen Schritte zum Bache hinunter, ohne recht zu wissen, weshalb sie es that, nahm das Papier und erkannte darauf ein Fragment ihrer eigenen Zeichnung, die sie Tags zuvor in Empörung über den unberufenen Kritiker zerrtsien und inS Wasser geworfen hatte. Sie betrachtete den Fetzen genauer. Es waren nur ein Paar Beine, abgetrennt vom Oberkörper, darauf gezeichnet, die Beine des Hirtenjungen. Aber das linke Bein war und blieb zu kurz, das mußte Lola sich jetzt selbst gestehen. Diese Erkenntniß beschämte sie tief und führte ihr zugleich ihre Ungezogenheit gegen den Baumeister doppelt lebhaft zu Herzen. „Wenn sich nur eine Gelegenheit fände, es wieder gut gu machen," dachte sie. „Was ist am Ende an dem Park und meiner Schwärmerei dafür gelegen, wenn es sich um etwas so Wichtiges handelt wie eine Eisenbahn."
Lola stand auf und ging, das Blättchen in der Hand, nach dem Rande des Parkes zu, wo dieser an ein freies Feld stieß, welches sich an einem sanft ansteigenden Hllgelgelände ausbreitete. Auf dem Kamm des Hügels gewahrte sie zu ihrem Erstaunen ein dreibeiniges Gestell, auf dem ein Fernrohr befestigt zu sein schien, durch das ein Mann eifrig hindurchspähte. Als seine Gestalt sich jetzt aufrichtete, fuhr Lola zusammen, denn sie hatte den Mann erkannt, den zu hassen sie sich vorgenommen hatte. Schnell wollte sie in den Park zurückkehren, aber der Baumeister hatte sie schon bemerkt, ließ sein Nivellir-Jnstrument im Stich und eilte aus Lola zu. Jetzt noch zu fliehen wäre eine neue Unhöflichkeit gewesen, deshalb blieb Lola stehen, die Augen zu Boden geschlagen und die Hand auf das pochende Herz gepreßt.
„Wie freue ich mich, Sie noch ein Mal zu treffen, gnädiges Fräulein," rief Bruhns, schon von Weitem grüßend. „Ihrem Park wird sozusagen kein Haar gekrümmt werden, kein Zweig geht verloren, ich habe eine neue, viel vortheil- haftere Trace gefunden!"
„Wirklich?" rief Lola freudig erregt und den jungen Mann dankbar ansehend. Dabei erröthete sie tief, denn jetzt erst empfand sie es, daß sie allein mit ihrem „Feinde" war.
„Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht," sagte Bruhns lächelnd, „wie wir buchstäblich genommen mit der häßlichen Eisenbahn um Ihren schönen Park herumkämen. Es wäre in der That unendlich zu bedauern," setzte er ernst hinzu, „wenn diese prächtigen Bäume abgeholzt werden müßten."
Lola reichte ihm ihre Hand, die er fest ergriff und an die Lippen zog.
„Können Sie mir verzeihen, Herr Baumeister?" sagte sie, ihm saust die Hand entziehend. „Verzeihen Sie mir meine gestrige Unart. Sie hatten ja Recht mit Ihrer Kritik," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie ihm das Fragment der Zeichnung entgegenhielt, „das linke Bein ist wirklich zu kurz gerathen."
Hätte bald daraus Jemand oben auf dem Hügel gestanden und durch das Fernrohr des Nioellirapparates geblickt, er hätte deutlich sehen können, wie innig sich Lola an den Baumeister schmiegte, als Beide die ersten Küsse junger Liebe tauschten.
Ein Jahr später, als der erste Eisenbahnzug auf Station Berschitz hielt, nahm er ein glückliches Paar auf, welches seine Hochzeitsreise antrat.
Fenilleton.
Eine Eisendahnfrsge.
Von D. Pafsarge.
(Schluß.)
Selbstverständlich wurde der Baumeister nach Schluß dieser geheimen Sitzung ersucht, zum Mlttageffen zu bleiben, was er gerne in der Hoffnung annahm, mit seiner hübschen Feindin unter günstigeren Umständen zusammenzutreffen, als einige Stunden früher, und ihren Zorn versöhnen zu können.
Gerade als er mit dem Oberamtmann in das Familien- zimmer trat, kam auch Lola mit Zeichenbrett und Malkasten, t*n breitrandigen Strohhut noch auf dem Kopf, ahnungslos von der Terrasse her herein. Sie hätte in die Erde sinken mögen, als ihr der Regierungsbaumeister Bruhns vorgesteüt wurde und sie in ihm den Kritiker vom Morgen wiedererkannte, aber sie besaß so viel Selbstbeherrschung, daß ihr Vater, der ohnedies den Kopf von dem Etsenbahnproject voll hatte, nichts von der peinlichen Verlegenheit bemerkte, von welcher Lola befangen wurde.
„Gewiß wegen der Eisenbahn," würgte Lola endlich, zu dem jungen Manne gewendet, heraus.'
„Ganz recht, gnädiges Fräulein!"
Wieder drohte eine peinliche Pause zu entstehen, wenn nicht das Eeutrum in Gestalt der Frau Oberamtmann ein getreten wäre, um nach herzlicher Bewillkommnung zu Tisch zu bitten.
Der Baumeister bot seiner Feindin den Arm und geleitete sie zur Tafel, an welcher außerdem noch der Wtrth- schaftsinspector, eine Stütze der Hausfrau und ein Candidat der Theologie mit seinen beiden Zöglingen, den jüngeren Brüdern Lolas, Platz nahmen.
Die Unterhaltung bewegte sich natürlich um die Effen- b-ahnfrage und die Gegensätze wurden scharf herausgekehrt.
„Es wird nichts helfen," bemerkte der Baumeister, „ein Stück vom Park muß geopfert werden, nur so gewinnen wir die Möglichkeit, die Curve nicht zu scharf werden zu lassen."
„Wie?" rief Lola mit unverhohlenem Schrecken, „nicht genug, daß diese abscheuliche Bahn überhaupt gebaut werden soll, wollen Sie uns auch noch den herrlichen Park mit häßlichen Schienen verkümmern? —3 Nein, Papa, das kannst Du unmöglich zugebeq," wendete sie sich an den fortschritt- l'chen Flügel. V X
Das Eentrum schlug sich auf Lolas Seite: Der Park müsse unangetastet bleiben pnd sollte man darüber gänzlich auf die Bahn verzichten. Sogar der Candidat, sonst ein eifriger Trabant des linken Flügels, entwickelte in geschraubter Rede denselben Gedanken.
„Alle diese Einwände würden leider weatg beachtet werden, wenn die Frage zur ernstlichen Entscheidung kommen sollte," sagte der Baumeister ernst. „Uebrigens habe ich auf tiefe. Entscheidung den geringsten Einfluß."
„Man kann doch nicht gegen unseren Willen eine Eisenbahn mitten durch den Park, durch unser Eigenthum legen," erwiderte daS entrüstete Centrum.
„Allerdings kann man das, gnädige Frau- der Staat kauft Ihnen so viel Land ab, als er braucht, und macht dann mit seinem Eigenthum, was er will."
„Wenn wir uun aber nichts verkaufen wollen?" „So werden Sie rxpropriirt."
„Das heißt wohl, der Staat nimmt unfer Eigenthum an sich, er raubt es unS?"
„Nicht ganz so schlimm. Die betreffende Parzelle, nach welcher der Staat lüstern ist, wird auf ihren Werth abgeschätzt und Ihnen das Geld ausbezahlt."
Der Baumeister bemerkte nicht den feindlichen Blick, den Lola ihm zuwarf, er hätte sonst das Enteignungsrecht deö Staates weniger lebhaft vertheidigt. Um dieses Recht — Lola nannte cö eine Anmaßung, eine Barbarei — wogte der Redekampf noch lange nach Tisch hin und her, und als der Baumeister sich verabschiedete, um noch im nächsten Dorfe einige Bermeffungen vornehmen zu lassen, hatte sich die Lage dem äußeren Anscheine nach nicht wesentlich geklärt. Indessen sagte das schweigende Lächeln, mit welchem der Gutsherr seinem Gaste die Hand reichte, ungefähr: „Mag die Opposition sagen, was sie will, bezahlt mir der Staat daS Land ordentlich, so kann er davon haben, was und wie viel er will."
Lola aber war den Rest deS Tages über äußerst verstimmt. Der Baumeister hatte mit keinem Wort, mit keiner Miene verrathen, daß ihm der Vorfall am Morgen überhaupt noch in Erinnerung sei, er hatte sie bei Erörterung der Etsenbahnfrage so ruhig angesehen, so gleichgiltig und unempfindlich von der Abholzung gerade deS schönsten ThetleS des Parkes gesprochen, daß ihr jedes seiner Worte ein Axthieb dünkte, der eine der schönen Eichen darin zu Falle brachte. Hätte sie nur den jungen Mann nicht durch die barsche Zurückweisung seiner Kritik abgestoßen, ihn geradezu mehr als unhöflich behandelt, so würde sie es jetzt über sich gewonnen haben, ihn zu bitten, eine andere Trace für die Bahn zu wählen, damit nur der Park, ihr Lieblingsaufenthalt, unversehrt bleibe. Nach dem aber, was vorgefallen war, konnte sie ihm überhaupt kaum mehr unter die Augen treten. Hatte er zudem nicht selbst gesagt, daß er keinen Einfluß auf die Entscheidung Über die Bahnlinie habe? — Der Park schien ihr somit unrettbar verloren, geopfert einer prosaischen Eisenbahn, denn vom Vater war keine Einsprache zu erwarten. Sie nahm sich also vor, den Baumeister wegen seiner Barbarei ingrimmig zu hassen, ein Vorsatz, der ihr einen Seufzer erpreßte, denn sie fühlte, daß ein rechtschaffener Haß gegen den hübschen Mann in lihr nicht aufkommen wollte. Mit dem Aerger hierüber ging sie zu Bett.
Am anderen 'Morgen durchstreifte Lola den Park nach allen Richtungen. Vielleicht wollte sie sich die Schönheit des OrteS lebhafter vergegenwärtigen, um dadurch den Haß gegen Denjenigen zu entfachen, in dem sie den Zerstörer ihrer Lieb- lingSplätze sah.
Derselbe Bach, an dessen Ufern sitzend sie TagS zuvor gezeichnet hatte, durchfloß in seinem weiteren Laufe auch den Park. Unter einer Linde, die ihre Zweige weithin schattig ausbreitete und deren Wurzeln vom Bach umspült wurden, stand eine Bank, auf der sie oft stundenlang saß, um zu lesen oder zu träumen, denn eS träumt sich angenehm beim leisen Rauschen der Baumkronen hoch oben und dem Plätschern eines über Steingeröll dahinetlenden Quells zu Füßen. — Und diese schöne Einsamkeit sollte nun bald der Axt zum Opfer fallen, um einer langweiligen Eisenbahn zu weichen?
Lolas schöne Augen starrten bei diesem Gedanken traurig in den vorüberfließenden Bach. Da fiel ihr Blick auf ein Stück weißes Papier, das dicht über dem Wasser schwebend sich an einem Wurzelzweig gesangen hatte und mit diesem
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