Nr. 167 Zweites Blatt. Mittwoch de« 19. Juli
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Gießener Anzeiger
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Feuilleton.
Der Königl. Domchor zu Berlin, dessen Concert-Vereinigung am 26. Juli in Gießen ein Concert veranstalten wird, hat, trotzdem derselbe erst 50 Jahre besteht, eine ruhmvolle Geschichte zu verzeichnen. Bon dem fünfzigjährigen Jubiläum, Ostern 1893, haben auch wir unseren Lesern Kenntniß gegeben, eine erhebende Feier fand am 23. März ds. Js. im Concertsaale des Königlichen Schauspielhauses zu Berlin statt, an welcher sich die StaatS- behördcn, die Geistlichkeit, sowie die Vertreter der Künste und Wisienschaft beteiligten. Nachdem schon im Jahre 1838 während der Regierung Friedrich Wilhelms HI. unter Neithardts Leitung ein Kirchenchor begründet war, dessen Zusammensetzung jedoch (Seminaristen und Schüler der Dom- schule) es zu einer festen Organisation nicht kommen ließ, war es dem kunstsinnigen Könige Friedrich Wilhelm IV. Vorbehalten, das Provisorium zu beseitigen und dem Chor eine feste Gestaltung, die er noch heute hat, zu geben.
Eine Königliche Cabinetsordre vom 21. März 1843 an das Dom-Ministerium ist interessant genug, um sie in hrem Anfänge hier wiederzugeben:
„Ich halte es für nothwendig, zur Verbesserung des „Kirchengesanges und der Kirchenmusik im Allgemeinen ein „Institut zu gründen, welches sich vorjetzt nur auf die 93er» „Hner Hof» und Dom-Kirche beziehen und als ihr „angehörig betrachtet werden soll, aber gehörig ausgebildet, „nicht ermangeln wird, als Pflanz» und Musterschule „für alle Provinzen von wohlthätigen Folgen zu sein. Der //jetzige Zeitpunkt, dies ins Leben treten zu lassen, erscheint „als der günstigste, da der Capellmeister Dr. Felix „Mendelssohn - Barth oldy in Meine Gedanken ein- „gegangen ist, sich für die Sache lebhaft interessirt und es „übernommen hat, die Leitung zu übernehmen rc. rc. . . ." Die Kosten dieses neuen Institutes waren auf zehntausend Thaler jährlich veranschlagt, statt der Seminaristen, die monatlich 25 Silbergroschen (Zuschuß) erhielten, wurden 24 Männer mit festem Gehalt engagirt, der Knabenchor auf
die Zahl 36 erhöht. Am Sonntag den 1. Mai 1843 sang der Chor als „Königlicher Hof-Kirchenchor" zum ersten Male in der Domkirche. Heute besteht dieser Chor aus 80 bis 90 Knabenstimmen, 10 Tenoristen, 15 Bassisten,- als Dirigenten und Lehrer sind stets nur hervorragende Männer der Kunst angestellt worden, wie Mendelssohn-Bartholdy, Grell, Neithardt, Otto Nicolai, Dehn, Hertzberg, Kotzold, Prüfer, Jahnke, Albert Becker, letzterer, der Componist der bekannten B-moll-iDteffe, ist noch heute Director, einen Ruf nach Leipzig als Cantor der Thomasschule und Director des Thomaner-Chores hat er auf besonderen Wunsch des Kaisers abgelehnt. Von den Sängern selbst ist noch einer, der greise Tenorist Friese, seit Begründung des Chores Mitglied desselben, alle übrigen sind wesentlich später hinzugetreten, der zweitälteste, der Bassist Siebert, im Jahre 1862. Jedem Engagement geht eine ernste Prüfung voraus, die sich meldenden Herren müssen künstlerisch ausgebildete Stimmen besitzen und durchaus musikalisch fein; von den Knaben verlangt man schöne Stimmen und musikalische Anlagen. Aus diesem Musterchor heraus hat sich nun schon seit längerer Zeit eine Concert-Vereinigung gebildet, die alle Jahre in den Juliferien eine Kunstreise unternimmt. Daß diese nur die edelsten Gaben des Gesanges pflegt, braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden,- bemerken möchten wir aber, daß neben den kirchlichen Gesängen auch die weltlichen durchaus zur Geltung kommen und auch dieses Gebiet von den Sängern meisterhaft beherrscht wird. Nicht uninteressant ist es, daß die Concert-Vereinigung am 16. Juli in Marburg ihr 500. Concert gab. Gießen hat also lange warten müssen, bis es an die Reihe kam, erhoffen wir daher für die Sängerschaar nun einen vollen Erfolg auch in unserer Stadt.
Wie beeinflußt das Heirathen den Handel?
Eine englische Zeitung wirft die schnurrige Frage auf: „Wie beeinflußt das Heirathen den Handel?" und gibt darauf folgende Antwort: Im letzten Jahre fanden in England, Wales, Schottland und Irland mehr als 275,000 Heirathen statt. Wie beeinflussen nun diese Heirathen den Handel?
Nehmen wir an, daß die Zeit b&r Bewerbung und des Brautstandes durchschnittlich 18 Monate währt, und sagen wir, daß die Hälfte der Verlobten räumlich so fituirt ist, daß sie die Hilfe der Post benöthigt ist und daß die Glücklichen nur einmal in 14 Tagen aneinander schreiben — und nicht mehr als zwei Bogen Briefpapier gebrauchen — so bringt das der Post ein Einkommen von 59,000 Pfd. Sterling und 20,000 Pfd. Sterling müffen für Briefpapier ausgegeben werden. — Ferner: 275,000 Verlobungsringe per Stück 1 Guinee und dieselbe Anzahl von Trauringen, jeder zu demselben Preise, müffen gekauft werden. Dann kommen die Geschenke, welche der Bräutigam seiner Braur verehrt. Rechnen wir für jede nur ein Geschenk im Werthe von nur einer Guinee — und eine Summe von beinahe 1 Mill. Pfund muß für dieselben und die Ringe spendirt werden. — Verlobte, die von einander entfernt wohnen, müssen sich doch zuweilen sehen. Nehmen wir an, daß während der Berlobungs- zeit von jedem Bräutigam 3 Pfd. St. an Reisekosten aus- gegeben werden, so haben wir die schöne Summe von dreiviertel Millionen Pfund Sterl. Dies sind nur die Präliminarien. — Der Hochzeitstag kommt heran. Die Braut bekommt ihre Aussteuer, der Bräutigam braucht einen neuen Anzug. Nehmen wir an, daß für jeden Fall 5 Pfd. St. genügend sind, so macht das beinahe 3 Millionen. Berechnen wir die Kosten einer jeden Hochzeitsfeier auf nur 2 Pfd. St. pro Kopf, und wir haben wieder eine halbe Million. — Sporteln an die Geistlichen rc. von den 275,000 glücklich Vermählten machen eine Summe von 100,000 Pfd. St. aus und die kleinen Ausgaben, die damit in Verbindung stehen, wie Trinkgelder u. s. w., erfordern eine Summe von 30,000 mehr, während — falls nur ein Wagen zu der Trauung gebraucht wird — 60,000 Pfd. St. mehr verausgabt werden müssen. Hochzeitsreisen per Stück, 5 Pfd. St. pro Paar, — benöthigen eine Summe von 1 und ein viertel Million. — Die Kosten für häusliche Einrichtung außer Acht gelassen, so kann man sagen, daß der jährliche Heiraths-Census in Großbritannien mit einer Gesammtausgabe von 7,000,000 Pfd. Sterl. gleichbedeutend ist — eine Summe, welche dem Handel zu Gute kommt.
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