Ausgabe 
19.1.1893 Zweites Blatt
 
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Nr. 16 Zweit«« Matt.

Gießener Anzeiger

Keneral-Unzeiger.

Donnerstag den 19. Januar

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Vevmischtes.

Caffel, 16. Januar. Wie bereits mitgetheilt, hat sich in dem Dorfe Wickenrode bei Station Holsa der Cassel-Waldkappeler Bahn in der vergangenen Sonntagsnacht ein erschütternder Unglücksfall zugetragen, indem vier Kinder einer Familie durch Einathmen von Kohlengasen den Er- stickongstod fanden. Die beiden Eltern halten sich am späten Abend zu einet: Festlichkeit aus ein Nachbardorf begeben und ihre vier Kinder in der Wohnung und ohne Aufsicht zurückgelassen. Als die Eltern nun in später Nachtstunde noch immer nicht zurückgekehrt waren, begaben sich auch die beiden ältesten Kinder von 9 und 10 Jahren zu Bett, nach­dem sie das Feuer in der Wohnstube noch einmal ordentlich angefacht und mit neuer Auffüllung versehen hatten. Auch unter den Ösen waren Kohlen gelegt worden, damit sie zur besseren Nachfeuerung für die bei der starken Kälte durch­froren nach Hause kommenden Eltern beffer zur Hand seien. Dies war den Kindern, die in der dicht angrenzenden Schlaf­kammer zu Bett lagen, ihr Unglück. Durch das stark brennende, wahrscheinlich übermäßig geschürte Feuer gerieth der Ofen dermaßen in Gluth, daß dadurch oder durch Funken, die aus dem Ofenloche herausfielen, die unter dem­selben aufgestapelten Kohlen (Braunkohlen) sich entzündeten, worauf durch die sich bildenden Kohlengase die vier Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren einen schnellen Erstickungstod sanden. Als die beiden Eltern spät in der Nacht nach Hause kehrten, wandelte sich ihre vergnügte Stimmung in tiefstes Herzeleid um, denn ihre sämmtlichen vier Kinder fanden sie als Leichen vor. Alle sofort angestellten Wiederbelebungs­versuche erwiesen sich leider als erfolglos.

* Die rettende Säule. Bevor in Jena das neue Universitäts-Gebäude eingerichtet war, lasen die Professoren meistens in durch die Stadt zerstreuten Hörsälen. In dem Auditorium eines theologischen Professors stand eine Säule. Als am Schluffe des Halbjahres die Studenten von dem Professor ihre Borlesungszeugniffe holten, äußerte dieser gegen einen der Studirenden:Aber, mein lieber Herr, ich hab' Sie nie in meinem Colleg gesehen!"O, Herr Professor, ich habe immer hinter der Säule geseffen." Merkwürdig!" entgegnete der Herr Profeffor,Sie sind nun schon der Vierte, der immer hinter der Säule geseffen haben will."

Bekanntmachung,

die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig - fteiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen betreffend.

Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgen­den, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll, ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.

1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfung-- Commission nur dann einzureichen, roemt der sich Meldende im Großherzogthum gestellungs­pflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufent- Haltsort hat.

2) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem das 20. Lebensjahr vollendet wird.

Der Nachweis der Berechtigung zum ein­jährigen Dienst ist bet Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen (Wenn z B. mit Rücksicht auf das Lebens- alter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinaus- geschoben, das vorschriftsmäßige Schulzeugniß aber erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ist in dem Gesuch anzugeben, daß das Schulzeugniß bis 1. April Nachfolgen werde.

3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch ist die nähere Adresse anzugeben.

4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a) Geburtszeugniß;

d) Einwilligungs - Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereit- Willigkeit, den Freiwilligen während einer ein­jährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu

übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrig- keitlich zu bescheinigen; r, _

c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real­gymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Real- schulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen militärberechtigten Anstalten) durch den Director der Anstalt, für alle übrigen jungeu Leute durch die Polizei-Obrigkeit ober ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;

d) das Schulzeugniß.

Sodann wird noch besonders bemerkt:

Zu pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein muß. , rr . w ,

Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmllich nach Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 - Reg.-Bl. Nr. 5 von 1889 ausgestellt sein müssen. L

Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.

Großh. Prüfung» - Commifsion für Einjährig. Freiwillige zu Darmstadt.

Der Vorsitzende: Dr. Zeller.

Gießen, am 17. Januar 1893.

Vetr.: Die Einsendung der für die Landes-Waisenanstalt zu erhebenden Collecten und Büchsengelder.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreise-.

Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 10. Februar 1877 (Amtsblatt Nr. 3) empfehlen wir Ihnen, am 31. d. M. die unter Ihrem und eines Gemeinderathsmitglieds Verschluß stehenden Waisenbüchsen zu öffnen und deren Inhalt bis längstens zum 31. März d. I durch eine Kosten nicht verursachende Gelegenheit an uns abzuliefern.

v. Gagern.

Feuilleton.

Irrwege.

Novelle von F. von Pückler.

(14. Fortsetzung.)

Aber dennoch kamen Sie ruhig mit dem Prinzen zu­sammen, ließen seine Neigung stärker werden, denn der Ehrenpunkt kam nicht in Betracht. Der Ruf einer Kunst- reiterin"

Halten Sie ein, Gräfin Rhonau," unterbrach Bella mit blitzenden Augen die Dame,beschimpfen Sie mich nicht, eS könnte auch Ihnen nachtheilig werden. Mein Ruf steht fleckenlos vor Jedermann, obschon ich, wie Sie verächtlich betonen, nur eine Reiterin bin. Es war ein Unrecht, eine Schwäche von mir, den Prinzen noch zu sehen und zu sprechen, nachdem ich mein Herz erkannt, doch nun ist's aus. Mein Wort darauf, noch heute will ich"

Es ist durchaus keine hochherzige That, mein Fräulein, sondern einfach Ihre Pflicht. Sie haben sich wohl niemals klar gemacht, welche Folgen eine eventuelle Heirath mit Ihnen fflr den Prinzen haben würde?"

Nein, denn ich hielt eine solche niemals für möglich."

Ein Verhältnis ist bequemer, haha!"

Gräfin, kein Wort weiter, ich schwöre Ihnen, daß ich noch in dieser Stunde dem Prinzen Lebewohl sagen werde."

Gewiß, und dann wird Prinz Arloff vor Ihnen auf den Knieen liegen und um Ihre Hand bitten; er wird Ihnen sagen, daß ihm Name, Reichthum, Stand und Familie nichts gilt Ihren Augen gegenüber, daß er alles über Bord werfen »ill, um Sie zu besitzen. An meine früheren Anrechte denkt keines von Ihnen beiden. Und Sie werden dem Flehen nicht widerstehen, werden ihm Ihr Jawort geben, damit Ihre Liebe ihm alles ersetzt. Dies stolze Bewußtsein mag Sie trösten, wenn er den Abschied nehmen muß, seinen Rang als Prinz cmfgeben muß und von der Familie verstoßen wird denn eine Kunstreiterin zur Gattin wählen kann er nur, wenn er das alles abstreift."

Todtesbleich, keines Wortes fähig stand Donna Bella vor der erbarmungslosen Richterin- das Haupt geneigt, die eiskalten Hände ineinander geschlungen, ließ sie deren Rede­strom über sich ergehen, sie hatte ja recht, nur zu recht! O, wie schwer wars doch, zu entsagen, wieder einsam durchs öde Leben zu gehen und jene geliebten Augen zu meiden, in denen ein zauberisch Glück geleuchtet. Aber es mußte sein! Sie wußte, daß Gerta recht hatte, daß er dem allen entsagen würde, um sie sein Weib zu nennen, doch sie durfte dies Opfer nicht annehmen, dazu war er ihr zu theuer.

Mühsam richtete sie sich endlich empor.Ich danke Ihnen, Gräfin. Sie haben mit scharfem Dolchstich mein Herz zerrissen, aber es mußte sein. Wenn auch die Wunde nimmer heilt, so hat es dennoch sein müssen. Ich bin erwacht und weiß, wo meine Pflicht liegt."

Bet den müden, tonlosen Worten blickte Gräfin Rhonau empor in das schöne, farblose Antlitz der Reiterin; zum ersten Male zog etwas wie Mitleid und weicheres Empfinden in ihr herbes Gemüth und sie sagte, hastig die Hand ausstreckend: Es thut mir leid, Fräulein Volkert, Ihnen weh zu thun, aber Sie sehen ein"

Nur eine Secunde zögerte Donna Bella, die dargebotene Hand zu nehmen, dann aber that sie es und stammelte halb verlegen:Machen Sie ihn glücklich und ich will Sie noch übers Grab hinaus vieltausendmal segnen"

Dann wandte sie sich schwankend um und verließ das Gemach, während Gräfin Gerta unschlüssig ihr nachblickte. Sonderbar! Jene zornige Befriedigung, die sie nach der Unterredung mitdiesem Geschöpf" zu empfinden geglaubt, war gänzlich ausgeblieben und mit einem Gefühle der De- müthigung eilte sie fort, ihrem Elternhause zu.

Nach und nach jedoch erwachten abermals die Rachsucht und Empörung über das Geschehene in ihr- mit fliegender Eile warf sie einige Zeilen an Prinz Arloff zu Papier und sandte den Diener zu letzterem hin. Sie hatte ihn gebeten, zu ihr zu kommen, doch da der Prinz mit seiner Schwadron eine Uebung vorgenommen hatte, so mußte sie bis um 1 Uhr auf fein Kommen warten.

Endlich stand er vor ihr- kühl und ceremoniell ihre

Hand ergreifend, frug er:Du wünschtest etwas von mir, liebe Gerta?"

Allerdings. Ich habe Dich seit einer Woche nicht gesehen."

Wir hatten angestrengten Dienst- doch bitte, was be­fiehlst Du heute von mir?"

So kalt und unnahbar hatte sie ihn noch nie gesehen - ihre Erbitterung wuchs von Neuem.

Lies diese Zeilen, welche ich heute früh erhielt, und dann vertheidige Dich."

Er nahm den anonymen Brief, nur secundenlang zuckte er auf, dann aber las er bis zu Ende weiter und ließ ihn dann sinken.

Es ist mir lieb, daß diese anonyme Gemeinheit mich zum Reden bringt- ich habe bislang aus Feigheit gezögert, Dir, Gerta, zu gestehen, daß ich eine andere liebe."

Ah, eine überraschende leichte Art, sein gegebenes Wort zu brechen. Der Begriff von Ehre scheint mir selbst bei einem Manne wie Du, Curt, sehr dehnbar."

Er nickte düster.

Du hast recht, Gerta, ich bin ein Ehrloser, den sei« heißes Herz bis an den Abgrund geführt. Aber ich will nicht darin versinken, deßhalb gebe ich mich ganz Deinem Edelmüthe preis."

Er führte die Gräfin zum Divan und rollte den Sessel, auf dem er sich niederließ, so weit als möglich davon ab, dann begann er tonlos zu reden:

Es war mein größtes Unrecht, als ich damals, nach­dem Du auS der Pension zurückgekehrt, in jenes von unseren Eltern verabredetes Verlöbniß willigte- ich kannte das Leben schon mehr als Du und mußte wissen, daß der Tag kommen werde, an dem entweder mein oder Dein Herz erwachen werde. Denn wir liebten uns nicht, Du warst befriedigt, als Braut des Prinzen von Arloff vor der Welt und Deinen Freundinen zu glänzen, und ich meinte, aus Kindespflicht dem Willen der Tobten nachkommen zu müssen. Auf wessen Seite das größere Unrecht lag, wagte ich nicht zu entscheiden."

Natürlich, ein Mann wird doch nie eingestehen, daß er unehrenhaft gehandelt." (Fortsetzung folgt.)