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Nr. 297. Zweites Blatt. Sonntag vm 17. December 1893
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vermischtes
♦ Angenehme Zustände im Lande der Freiheit. Chicago wird an den Nachwehen der Weltausstellung noch längere Zeit zu leiden haben, und zwar an Nachwehen verschiedent- lichster Art. Augenblicklich nimmt die Stadt eine Art Generalsäuberung vor. Von der Zeit der Ausstellung her befinden sich dort zahlreiche Fremde, die während die Sache im Gange war, Gelegenheit genug fanden, von ihrem Witze zu leben, nun aber zu einer vollständigen Gemeingefahr geworden sind. Die öffentliche Sicherheit ist schwer bedroht und Raub und Mordanfälle gehören zu den täglichen Vorkommnissen. Um dem zu steuern, hat die Polizei sich veranlaßt gesehen, zu außerordentlichen Maßregeln zu greisen. Die Stadt wird künftig von Mitternacht bis zum Morgen unter einem förmlichen Belagerungszustande stehen. Schaaren von Polizisten, die meisten In Civil, werden die Straßen durchziehen und Jeder, der auch nur einigermaßen verdächiig erscheint, wird sofort festgenommen werden, wenn er sich nicht zur Genüge über seine Person und sein Geschäft und was er in der Nacht auf der Straße zu fachen hat, auSweisen kann. Die Polizisten haben allerdings Befehl erhalten, bei Durchführung dieser KriegSmaßregeln höflich und nach bestem Wissen zu verfahren, gleichzeitig wird jedoch durch die ihnen ertheiltcn Weisungen Jeder, der in einer Gasse, einem Hose oder Garten getroffen wird und nicht sofort die Hände in die Höhe hebt, wenn er angerusen wird, für vogelfrei erklärt und darf auf der Stelle niedergeschoffen werden.
* Moderne Völkerwanderung. Die Hälfte aller Wohn ungen in Berlin wird alljährlich gewechselt. Zu diesem Ergebnisse führen die statistischen Ermittelungen, welche das „Grundeigenthum" über die Umzüge angestellt hat. Im Jahre 1863 sanden 59,863 Umzüge statt oder 50 pCt. und im Jahre 1892 merkwürdigerweise gleichfalls genau 50 pCt. oder 211,466. Abweichungen zeigen nur die Jahre der Wohnungsnoth 1870—73, in welchen sich die Zahl zwischen 38 und 46 pCt. hielt.
* „Aus der Schule plaudert" die dem Reichstag soeben zugegangene Denkschrift über Kamerun u. A. Folgendes : Neben den Missionsschulen wirken für die Erziehung der Eingeborenen unter der Leitung der Lehrer Christaller
und Betz die Regierungsschulen zu Bonamandone (Belldors) und Bonebela (Didodorf), welche aus je 4 Klassen mit 84 beziehungsweise 43 Schülern bestehen. Große Vorliebe zeigt die junge eingeborene Bevölkerung für deutsche Volks- und Soldatenlieder. Das Lied „,^ch halt' einen Kameraden", auf Dualla: Na ta na bene dikom, hat sich förmlich eingebürgert und wird nicht blos von den Schülern, sondern auch von der übrigen Jugend gern gesungen. Der Andrang zu den Regierungsschulen ist sehr stark, dagegen läßt die Regelmäßigkeit des Schulbesuches noch zu wünschen übrig, da die Knaben oft aus den Fischfang gehen oder ihre Eltern, welche im Allgemeinen noch wenig Verständniß für die Schule haben, auf den Handel begleiten. Am regelmäßigsten werden die Schulen von den Söhnen der „Reichen" besucht, welche ihre Kinder beim Handel eher entbehren können als die Armen. Der Häuptling Bell steht der Schule ziemlich gleichgültig gegenüber. Ihn wurmt das derselben einst abgetretene Grundstück, welches, an dem Flußuser gelegen, gegenwärtig einen hohen Werth bekommen hat. Musterhaft dagegen ist die Aussicht Manga Bells über den Schulbesuch feiner eigenen Kinder. Bezüglich der anderen Schulkinder seines Dorfes sollte er sich das Beispiel des Häuptlings Jim Ekwala von Bonebela zum Muster nehmen, welcher den Lehrer Betz in der Ahndung unentschultigter Schulversäumnisse aus das Kräftigste unterstützt. Was sie später werden wollen, macht den Schülern zumeist wenig Sorge. Als begehrenswerthestes Ziel erscheint ihnen der „Lehrerberuf", welcher ihnen leichte Arbeit und Gelegenheit gibt, den vornehmen Herrn zu spielen und Hosen anzuziehen. Weniger Lust ist dagegen vorhanden zu körperlicher Arbeit und zum Gouvernemcntsd-enst. Letzterer steht bei den Eingeborenen wohl deshalb in keinem guten Rufe, weil die bisher in der Gouvernementskanzlei verwendeten, meist in Deutschland ausgebildeten Burschen wegen schlechter Führung vielfach bestraft worden sind. In richtiger Selbst- erktnntmß trauen sich die übrigen Schüler nicht zu, vorsichtiger zu wandeln, und werden deshalb, was ihre Väter sind, Händler. Wenn erst den Dualla durch die fortschreitende Abnahme des Zwischenhandels der Brodkorb höher gehängt sein wird, werden sie sich leichter zu einem festen Beruf entschließen, fei es als Handwerker oder als gewöhnlicher Arbeiter. Nach Fertigstellung der Hasenbauten in Kamerun wird dahin ge
strebt werden, Eingeborene in der Schlosserei zu tüchtigen Schmieden heranzubilden.
* Eine seltene Doctordiffertation. Dieser Tage ist an der Universität Amsterdam ein Student mit einer Dissertation „Die Heirath der Königin" zum Doctor der Rechte promovirt worden. Er selbst gesteht zu, daß cs sich hier um eine sehr delicate Frage handelt, allein mit Recht macht er darauf aufmerksam, daß bei einer künftigen Heirath der jungen Wilhelmine sich Fragen von ernster und einschneidender staats- und civilrechtlicher Natur in den Vordergrund drängen werden. Darf der zukünftige Prinzgemahl ein regierender europäischer Fürst sein? Welchen Titel soll er führen? Kann er im Falle der Verhinderung der Königin als Regent auftreten? Dürfen die aus der Ehe hervorgehenden Kinder den Titel „Prinzen oder Prinzessinnen von Oranicn" führen? Darf der Regent zum Oberbefehlshaber des Heeres ernannt werden? Ueber alle diese Fragen schweigt die Verfassung vollständig, sie bestimmt nur, daß die staatsrechtliche Volljährigkeit, d. h. die Fähigkeit den Thron zu besteigen, mit dem 18. Lebensjahre eintritt. Und gerate hier erhebt sich die allerschwierigste Frage, nämlich die, ob zugleich mit der staatsrechtlichen auch die bürgerliche Volljährigkeit eintritt? Wenn verschiedene hervorragende Juristen und Staalsrechtslehrer daraus auch eine bejahende Antwort gegeben haben, so bleiben doch die Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuches auch einer ver- heiratheten Königin gegenüber in Kraft; aber hier steht deutlich, daß sie dem Manne Gehorsam schuldig ist, daß sie dtesem überallhin zu folgen hat, wo er seinen Wohnsitz aufzuschlagen wünscht und daß derselbe allein und ausschlteßlich über die Erziehung der Kinder entscheidet — Bestimmungen, welchen eine regierende Königin als Oberhaupt des Staates kaum in der Lage sein wird, sich zu fügen. Diese müßten jedenfalls durch e.n Specialgesetz, dessen Inhalt etwa lauten würde: „Die Königin ist das Haupt ihrer Ehe" verändert werden.
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Feuilleton.
Mur rin Schäffner
Don Georg Paysen Petersen.
(1. Fortsetzung.)
Da endlich gelang es dem fast Entmuthigten mit Hilfe eines Freundes, eine Stellung als Pferdebahnschaffner zu erlangen. Das Gespenst der Sorge, • das ihn seit Monaten verfolgt hatte, war endlich von ihm gewichen. Als er den Seinen die Freudenbotschaft gebracht, die Freudenzähren im Auge seines Weibes und die glückstrahlenden Mienen seiner Kinder gesehen hatte, als die schwere Last der letzten Wochen endlich von seinen Schultern gewälzt war, da machte sich die übermäßige Erschöpfung geltend und Fischer versank in einen festen Schlaf, den zu stören Frau und Kinder Scheu trugen.
Die hungrigen Kleinen waren längst von der Mutter gespeist und zu Bett gebracht worden, der Abend längst der Nacht gewichen und immer noch saß Fischer schlafend in einer Sophaecke. Da legte Frau Martha sanft ihre Hand auf die ©time des Mannes. „Nummer 187!" rief der Träumende eu8 und erwachte vom Schall der eigenen Stimme.
„Was ist's mit Nummer 187 ?" fragte die Frau den Erwachenden, der sich schlaftrunken die Augen rieb.
„Ja fo," entgegnete Fischer, „mir träumte ja nur. „Nummer 187 ist meine Nummer als Schaffner, die ich von morgen ab an der Mütze tragen werde, — Nummer 187, das bin fortan ich!" fügte er bitter lächelnd hinzu.
Frau Martha ahnte wohl, was in der Seele ihres Mannes vorging, aber sie war eine verständige Frau, die nicht durch müßiges Geschwätz ihrem Manne die Ausführung seines Entschlusses noch erschweren wollte- sie forschte daher der Sache nicht weiter nach, küßte ihren Mann herzlich und sprach: „Iß nun, Walther, damit Du Dich ins Bett legen kannst - es ist bald zwölf Uhr und Du mußt morgen ver- muthlich zeitig heraus."
„Um sechs Uhr spätestens," entgegnete Fischer, „um dreiviertel auf sieben müssen wir zum Appell antreten; wer nicht erscheint oder sich verspätet, hat fünfzig Pfennig Strafe zu zahlen."
Am anderen Morgen trat Fischer seinen Dienst an. Der j Appell war beendigt und ihm der letzte Wagen angewiesen worden, der vom Bahnhofe zur Stadt fuhr. Bis zur Abfahrt waren es noch zwei Stunden. Während dieser Zeit hatte Fischer seinen Wagen zu reinigen, die Polster aus- zubürsten, die Messingstangen blank zu putzen, kurzum, für die Bequemlichkeit der zu erwartenden Fahrgäste zu sorgen. In einer Stunde war diese Arbeit verrichtet; den Rest der Zeit benutzte Fischer, um sich im Gespräche mit seinen neuen Kameraden über dieses und jenes Auskunft ertheilen zu lassen, dann trat er seine erste Fahrt an in strömendem Regen und stürmendem Novemberwetter.
Schon nach wenigen Augenblicken war der Wagen van Geschäftsleuten besetzt, die zur Stadt wollten, und immer von Neuern drängten sich die Leute heran.
„Voll, meine Herren, voll!" rief Fischer den Ungeduldigen entgegen, sprang auf das Trittbrett, stecke das roth- weiße Fähnchen heraus, das den gefüllten Wagen äußerlich kennzeichnete, und gab das Glockenzeichen zur Abfahrt. — „Grober Kerl das!" hörte er einen der Zurückbleibenden sagen, und doch war Fischer sich bewußt, genau nach der Vorschrift gehandelt zu haben, denn jede Uebersüllung des Wagens ward an den Schaffnern mit einer Geldstrafe geahndet.
Der Wagen rollte davon und der neue Schaffner machte sich daran, bie Fahrgelder einzusammeln.
„Wie weit wünschen Sie zu fahren, mein Herr?" fragte er.
„Holstenthor!" entgegnete der Angeredete kurz und zahlte zwanzig Pfennig.
Fischer riß eines der blauen Zettelchen aus seiner Rolle und reichte es dem Fahrgast zugleich mit fünf Pfennigen, die er feiner Geldtasche entnahm. Der Herr winkte nachlässig mit der Hand, was so viel bedeuten sollte, als daß er es nicht der Mühe werth halte, das Geldstück anzunehmen und dem Schaffner ein Geschenk damit machen wolle. Fischers Hand bebte und sein Gesicht erbleichte; es waren die ersten fünf Pfennig „Trinkgeld", die ihm geboten wurden, und er war die Demüthigung, dergleichen kleine Geschenke annehmen zu müffen, noch nicht gewohnt. Von seinem Tagelohn, der nur zwei Mark vierzig Pfennige betrug, würde er mit Frau und zwei Kindern nicht leben können, das hatte sich Fischer
zwar schon gesagt, als er seine Stellung antrat; er wußte, daß er auf die Mildthätigkeit seiner Fahrgäste angewiesen sei, aber er hatte doch nicht erwartet, daß es ihm so viel Ueberrombung kosten würbe, biete kleine Gabe anzunehmen. Der Gebanke an Weib unb Kinber half ihm tnbeffen, baS Gefühl ber Beschämung niederzukämpfen; erröthend legte er bie Hanb an bie Mütze, um bem Geber baburch feinen Dank zu erkennen zu geben.
Fahrgäste verließen den Wagen, andere kamen. In ber Stabr sprang ein Bursche in schmierigem Arbeitskittel, einen Korb mit Farbetöpfen unb Pinseln auf ber Schulter, auf das Trittbrett des Wagens.
Fischer verwehrte ihm den Eintritt mit den Worten: „Ich darf Sie leider nicht mitfahren lassen."
„Nanu," entgegnete der Bursche, „ich bin doch nicht duhn."
„Gewiß nicht, aber Sie würden den übrigen Passagieren die Kleiber verderben."
„Da guck mal einer den hochnäsigen Kerl an," rief der Bursche, „sag' mal, mein Junge, wer hat Dich denn eigentlich die feinen Klcdatschen geschenkt, Du hast doch früher auch nix nich gehabt?"
Damit entfernte sich der freche Geselle; die Fahrgäste lachten über seinen „Witz" und Fischer stimmte in dieses Lachen mit ein.
Als der Wagen zum dritten Male aus ber Stadt zurückkehrte, hoffte Fischer an der Endstation seine Frau zu finden, die ihm dahin das Mittagessen hatte bringen wollen. Frau Martha war aber nicht dort und kam erst nach fünf Minuten, am linken Arme den Korb mit Lebensmitteln, an der rechten Hand ihr plauderndes Söhnchen.
„Mein liebes Herz," redete Fischer seine Frau an, „Du mußt immer zur rechten Zeit hier sein, wir haben nur siebzehn Minuten Tischzeit."
„Sei nicht böse, Walther," entgegnete Frau Martha, ,,'ch werde Dich nicht wieder warten lassen."
Damit setzte sie sich zu ihrem Manne auf die rohe Holzbank, die am Wege stand, unb Walther verzehrte mit gutem Appetit im Freien fein Mittagsmahl, ohngeachtet bes Regens, ber immer noch nicht aufgehört hatte.
(Fortsetzung folgt.)


