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Kr. 14
Dienstag den 17. Januar
Der #k|eetr Anzeiger «scheint täglich, hü Ausnahme deS AlontagS.
Die Gießener ^•mUieeetÄlUr »erden dem Anzeiger «ßchrntlich dreimal tzeigelegt.
Kießener Anzeiger
Senerat-Mzeiger.
1893
vierteljähriger ASsnnementsprei«, 2 Mark 20 Pfg. unt Briugcrlohn.
Durch öic Post b.zogc» 2 Mark 50 Pfg.
vedaclioii. Expediti«, und Druckerei:
-chutstrahe Ar.?. Ferniprecher 51.
2lmts# und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.
chratisöeilage: chieljener Kamilienblätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Stummer bi» Borm. 10 Uhr.
für die Genehmigung der Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt nicht zu haben ist. Inwieweit die Regierung diese Gründe würdigt und schließlich bereit sein wird, doch noch von ihren Forderungen herabzugehen und hierdurch eine Verständigung mit der Volksvertretung zu ermöglichen, das werden die kommenden Wochen zu lehren haben.
Deutscher Reich.
Berlin, 14. Januar. Die diesjährigen Winterfestlichkeiten am Berliner Hofe haben mit dem am Sonntag unter dem üblichen glänzenden Ceremonieü abge« haltenen Ordensfest ihre Einleitung erfahren. Ihren Höhepunkt werden sie mit der am 25. d. M. erfolgenden Vermahlung der Prinzessin Margarethe von Preußen mit dem Prinzen Friedrich Carl von Hessen erreichen, aus welchem Anlasse eine ganz außergewöhnlich große Zahl von Fürstlichkeiten am Berliner Hofe versammelt sein wird. Von ihnen treffen die Könige von Sachsen und von Dänemark bereits am 22. Januar in Berlin ein- die Theilnahme deS Groß- fürsten-Thronfolgers von Rußland an den Vermählungsfestlich, feiten gilt jetzt ebenfalls als feststehend.
Berlin, 14. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt zu der gestrigen Sitzung der Militärcommission von berufener Seite, sämmtliche Berichte müßten sceptisch beurtheilt werden, weil sie ohne jeden Anspruch aus Autenticität seien, da der Reichskanzler um secrete Behandlung der Sitzung gebeten habe.
Berlin, 14. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg. theilt mit, daß die Besürchtung wegen Verbreitung des Cholerakeimes durch Apfelsinen und Citronen nach den Versuchen des kaiserlichen Gesundheitsamtes ohne Anhalt sei und wünscht, daß die übertriebene Furcht und Abneigung gegen den Waarenbezug aus den von der Cholera inficlrten Plätzen ruhiger Ueberlegung Platz mache.
Berlin, 14. Januar. Die Reichscommission über Arbeiterstatistik wurde auf den 31. d. Mts. berufen. Auf der Tagesordnung steht außer den Mitgliederanträgen
Die Militärfrage.
Mit dem Wiederbeginn der Reichstagsarbeiten ist der ganze Ernst der schwebenden Militärfrage in Deutschland erneut und voll in die Erscheinung getreten. Die Verhandlungen des Reichstagsplenums im neuen Jahre sind bekanntlich mit der Generaldebatte über die Brausteuer. Vorlage euigelcitet worden, und diese Debatten haben bereits zur Genüge ergeben, daß die deutsche Volksvertretung in ihrer überwiegenden Mehrheit den mit der Militärreform so eng zusammenhängenden steuer- und finanzpolitischen Plänen sehr zurückhaltend gegenübersteht. Anderseits jedoch kann die große Rede, welche Graf v. Caprivi in der Eröffnungssitzung der Militärcommission des Reichstages gehalten hat, als ein neuer Beweis dafür gelten, daß die Reichsregierung entschlossen ist, an ihren Forderungen sestzuhalten. Denn diesen Eindruck haben die fast zweistündigen Ausführungen des leitenden deutschen Staatsmannes, soweit sie überhaupt in der Okffent- lichkeit bekannt geworden sind, überall gemacht und man kann nicht leugnen, daß die hauptsächlich vom allgemeinen politischen Standpunkte aus gehaltenen Darlegungen des Reichskanzlers durchaus den thatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Frankreich wie Rußland haben seit langen Jahren geradezu riesige Anstrengungen zur Verstärkung ihrer Heeresmacht unternommen und hiermit unzweiselhast die militärischen Streitkräfte des Dreibundes mindestens der Zahl nach überflügelt. Und sicherlich wird die Behauptung Caprivis, Deutschland hätte von den Dreibundsmächten den ersten und heftigsten Stoß seitens der Gegner bei einem kommenden großen Kriege auszuhalten, unwidersprochen bleiben, ihre Berechtigung ergibt sich aus der gesummten Lage der Dinge von selbst. Gewiß muß dem Kanzler auch fernerhin Recht gegeben werden, wenn er betonte, unter den obwaltenden Umständen würde für Deutschland eine rasche und kräftige Offensive zur Nothwendigkeit und zur Vorbedingung eines Sieges werden, und Niemand wird wohl bezweifeln, daß zur erfolgverheißenden Führung eines solchen Vorstoßes die deutschen Streitkräfte nicht mehr als genügend zu erachten sind.
Alle Annoncen-Bureaux be3 In» und Auslandes nehmm Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Gewiß, lediglich vom politischen und militärischen Stand' punkte aus betrachtet, erscheint die neue deutsche Militärvorlage voll berechtigt. Deutschland kann eigentlich infolge seiner exponirten geographischen Lage militärisch gar nicht stark genug sein. Aber eine andere Sache ist es, ob unsere Nation die ihr zugemutheten großen Heereslasten ohne empfindliche Schädigung weitreichender wirthschaftlicher Interessen wird zu tragen vermögen, und in diesem Punkte liegt eben des Pudels Kern bei der ganzen Militärfrage. Heber deren wirthschaftliche und finanzielle Seite sind die offiziellen und offiziösen Vertheidiger der Militärvorlage bis jetzt stets nur flüchtig hinweggeglitten und auch die jüngste große Rede des Grafen Caprivi enthält nicht den mindesten Ausblick nach dieser speziellen Seite der Militärfrage hin. Und doch ist es unerläßlich, hierüber Klarheit zu schaffen und nachzuweisen, inwieweit das wirthschaftliche und gewerbliche Leben Deutschlands eine höhere Belastung durch die bevorstehenden Heeres- ausgaben ohne besondere Nachtheile wird ertragen könn-m. Daß die Zeitverhältniffe aus wirthschaftlichem Gebiete nichts weniger als eine günstige Unterlage für die geplanten Heeresreformen darbieten, bedarf keiner näheren Darlegung- Handel und Wandel kranken bei uns noch immer vielfach unter den Nachwirkungen der letzten mißlichen Wirthschaftsjahre und in weiten Kreisen der Nation kämpft man schwer mit dem Dasein, das hat erst wieder die mehrtägige „Nothstands-Debatte" im Reichstage gezeigt. Auch die Staatseinnahmen leiden unter den flauen Verhältnissen im wirthschaftlichen Leben. Die Thronrede bei Eröffnung des württembergischen Landtages mußte eine Verschlechterung der Finanzlage des Landes con- statiren- der neue preußische Etat weist einen Fehlbetrag von 58V2 Millionen Mark auf, und daß der Stand der Reichsfinanzen ein nichts weniger als glänzender ist, weiß Jedermann. Dies alles aber spricht gegen eine Durchführung der militärischen Forderungen in dem vollen Umfange, wie sie von der Regierung geplant sind, und sicherlich wird sich letztere bet den weiteren parlamentarischen Verhandlungen über die Militärvorlage vielleicht schon baldigst überzeugen müssen, daß I der Reichstag eben hauptsächlich aus wirthschaftlichen Gründen
Feuilleton.
Irrwege.
Novelle von F. von Pückler.
(12. Fortsetzung.)
„Kommen Sie mit nach den Ställen, Durchlaucht?" riefen zwei junge Offiziere vorbeischreitend, „wir wollen uns die Rappenhengste ansehen, auf denen der Czikos vorhin ritt 1"
„Sehr gerne," antwortete Arloff, beurlaubte sich kurz von seiner Braut und eilte bann den Kameraden nach.
„Der Tausend, ist die kleine Volkert aber spröde," plauderten diese, „wir haben ihr ein Souper nach dem Benefiz angebckten, aber sie schlug es sehr reservirt, sehr vornehm ab."
„Sie müssen sich eben daran gewöhnen, daß Fräulein als Dame und nicht als Reiterin zu behandeln," meinte der Prinz, sich mühsam beherrschend. „Herr von Waldsteins Mündel ist durch und durch vornehm."
Man ständerte in den Ställen und bei den Circusmitgliedern umher- Arloff hoffte im Stillen, Bella zu sehen, doch sie zeigte sich noch immer nicht und unmuthig wollte er soeben in den Circus zurückkehren, als er des Directors Stimme vernahm: „Sitze nur so ruhig wie bei der Probe, Kind, und zucke nicht mit den Zügeln - das Pferd ist völlig ruhig."
„Sei unbesorgt, Vater, — sitzt der Helm gut?"
Arloff ging vorwärts, er mußte das schöne Mädchen sprechen.
Und in dem letzten Seitengang hielt sie denn auch zu Pferd, oder wars eine lichte Göttergestalt?
Ein weißes, schweres Seidengewand fiel von dem Schimmel herab, ein Panzer von Goldbrokat umspannte, die schlanke Taille, weiße, offene spanische Aermel fielen über den dicht am Arme liegenden Unterärmel und ein goldener Hrlm saß auf den blonden Flechten. Beim Anblicke des Prinzen leuchteten die blauen Augen wie freudig auf und dankend neigte sie das Haupt zu feinem Gruß."
„Ah, Durchlaucht, welche Ehre für meine Tochter!" rief Volkert devot und zog sich zurück. Die beiden merkten es kaum, — sie merkten auch nicht, wie sie näher und näher an den Rand des Abgrundes rückten.
„Fräulein Volkert, Sie haben meisterhaft geritten und ich freute mich, als Sie die Rose dennoch errangen — weil ich diejenige bewahrte, um welche es sich heute Morgen handelte."
Jetzt erglühte das schöne Mädchen noch tiefer.
„Geben Sie mir die Blume, Prinz, ich liebe nicht, Geschenke zu machen."
„Es war kein Geschenk, Fräulein Bella, ich hob eine achtlos bei Seite geworfene Blüthe auf, um sie — als Andenken zu bewahren."
. „An — eine Kunstreiterin, die den Beifall der Menge erringen will," murmelte sie bitter.
„Nein," — er athmete schwer und stieß die Worte mühsam hervor — „sondern als Andenken an eine lichte Fee, die durch mein einsames Leben dahinglitt, strahlend und berauschend — und dennoch elend machend."
Sie sah ihn an, lange und forschend, bann glitt ein Heller Schein über bie lieblichen Züge unb sie neigte sich herab.
„Wissen Sie auch, mein Prinz, baß Sie mit Ihren gütigen Worten ein armes Mädchen glücklich machen? Ich habe Niemand, dem ich vertrauen fönpte."
„Bella —"
„Nennen Sie mich „Isa". So wurde ich einst von meinem Mütterlein genannt, so rief mich Onkel Alfred und —"
„Und so will ich Sie auch nennen, wenn ich im Traume zu Ihnen rede."
Ein Schatten glitt über ihr Antlitz, draußen erscholl das Signal zum Wiederbeginn der Vorstellung.
„Wir dürfen uns nicht mehr Wiedersehen, Prinz Arloff," sagte das junge Mädchen ernst, „leben Sie wohl —"
„O, Isa, nein, das ist unmöglich! Sagen Sie mir nur ein Wort —"
„Gott behüte Sie, Curt — "
Und sie gab dem Pferde die Zügel unb ritt, ohne sich umzusehen, voran, bem Ausgange in bie Manege zu.
„Wie schön sie ist, wie bezaubernb," flüsterten bie Männer, unb die Frauen tauschten allerlei geflüsterte Bemerkungen über Anzug unb Aussehen. Donna Bella vernahm es nicht, mit bunkelgerötheten Wangen unb blitzenden Augen sprengte sie an der Spitze ihrer Amazonen in den Circus, von einem allgemeinen Bewunderungsruf empfangen.
Noch nie hatte sie vollendeter, sicherer, graziöser geritten als heute, trotzdem ihr Herz zum Zerspringen pochte. Sie
blickte nicht hin zu jenem Platze, wo neben Comteß Rhonau der Prinz saß- aber sie wußte, daß sein Auge unverwandt an ihr haftete, — und sie wußte, was in ihrer beider Seelen vorging.
Und nun war die Amazonenschlacht geschlagen, Donna Bella hatte gesiegt; regungslos wie eine Statue hielt sie inmitten des Circus, während rings um sie her Feuerräber, Raketen und Schwärmer knatterten und von oben ein ganzer .Feuerregen auf sie fiel.
Durch die Funken hindurch sah sie ihn, sie hätte am liebsten beide Arme jubelnd ausgebreitet und gerufen: „Nua habe ich sie erkannt und empfunden! Die Liebe — die Liebe, von der die Väter erzählt unb bie Dichter gesungen! Und so schlagt benn über mir zusammen, ihr Flammen! Stürzt herab auf mich, ihr Berge! Ich liebe ihn unb kann nun sterben!"
Rauschenb klang bie Musik an Bellas Ohr, bas Feuerwerk zischte unb krachte unb wie tm Traume hielt sie die Zügel, wie im Traume setzte sie über eine hohe Barriöre weg, daß das Pferd draußen im Gange in die Knie stürzte.
Wie aus weiter, weiter Ferne klang des Vaters Lob zu ihr hin: „Du hast wundervoll geritten, liebe Bella, ich war sehr zufrieden!"
Als das Pferd sich emporgerafft, hob man auch sie aus dem Sattel, sie nahm den Helm ab, daß die blonden Haare um sie herfluthete , neigte das Haupt und eine tiefe, wohl- thätige Ohnmacht umfing ihre tief erregten Sinne.
„Die arme Donna Bella," murmelten ihre Collegen, „sie ist an diese Anstrengungen noch nicht recht gewöhnt, aber sie sah bildschön aus, wie Penthesilva selbst."
Mit verschränkten Armen und finsterem Gesichte stand Mr. Prince im Hintergründe- er hatte jene Worte des Prinzen im Stalle vernommen und sein Entschluß stand fest.
„Sie muß mein werden," murmelte er zwischen den Zähnen, „unb wenn ich meine Seele selbst dem Bösen verschreiben müßte. Der Director ist in Gelbnoth wie immer, ich helfe ihm heraus, wenn er mir seine schöne Amazone i verspricht. O, bieser Prinz! Veni, vidi, vici, benft er, aber er soll sich täuschen. Die Circusblumen können Fürstenkronen niemals schmücken, bie scharfen Kanten ber letzteren stechen ihnen tiefe Wunben. Donna Bella, Du wirst mein fein unb bann werbe ich mich rächen für Deine Kälte, Deinen Haß!"
(Fortsetzung folgt.)


