Nr. 296 Erstes Blatt. Samstag den 16. December
1893
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Gießener Anzeiger
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Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1894 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissenswerten aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich *3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postsrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Druckerei (Fr. CHr. Pietsch).
Deutscher Reich.
Darmstadl, 14. Drcember. Im Verlause der gestrigen Gala laset brachten Seine Königliche Hoheit der Grog- Herzog einen Toast auf die Stände des Großherzogthums und Sein Hessenland aus. Der erste Präsident der Ersten Kammer, Fürst Bruno zu Isenburg-Büdingen, Durchl., toastete auf Seine Königliche Hoheit den Großherzog, der erste Präsident der zweiten Kammer, Justizrath Dr. Weber, auf das Großherzogliche Haus. Es waren 94 Gedecke aufgelegt. Die Tafelmusik wurde von der Capelle des 1. Großh. Jnfanterie'(Leibgarde»)Regiments Nr. 115 auSgesührt.
Darmstadt, 14. December. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich trafen heute Vormittag 10 Uhr 57 Min. hier ein und wurden von II. K. G. HH. dem Großherzog und der Prinzessin Al'x am Bahnhofe empfangen. Die Allerhöchsten Herrschaften begaben sich hierauf nach dem Mausoleum auf der Rosenhöhe und von dort nach dem Neuen Palais. Um 12 Ubr 7 Min. reisten Ihre Majestät wieder von hier ab. — Seine Königliche Hoheit der Großherzog reisten heute Nachmittag 12 Uhr 42 Min. in Begleitung des Flügeladjutanten Major Freiherrn Senarclens von Grancy zum Besuche Sr. König!. Hoheit des Herzogs von Sachsen Coburg und Gotha von hier nach Coburg ab, wo die Ankunft etwa um 6 Uhr erfolgen wird. Die Rückreise ist für den 16. d. M. in Aussicht genommen.
Berlin, 13. December. Die Meldungen über eine angebliche Veränderung in der Leitung des Bundes der Landwirthe werden von der Bundesleitung als unbegründet erklärt.
— Die zweite badische Kammer hat sich mit Stimmeneinhett gegen die Reichsweinsteuer erklärt und zwar durch Genehmigung des diese Steuer verurtheilenden Antrags der nationalliberalen Partei.
— Das Bomb en alten tat in der französischen Deputirtenkammer hat erneut in den meisten Cultur- floaten Europas die Anarchistenfrage aufgestellt. Ueberall werden Maßnahmen zur Unterdrückung des anarchistischen Unwesens erwogen, soweit solche nicht schon eingeleitet worden sind, wie die soeben in Frankreich erlassenen Ausnahmegesetze gegen die Dynamitarden. Viel ist auch wieder die Rede von einem gemeinsamen Vorgehen der Mächte behufs Bekämpfung des Anarchismus,- es scheint indessen noch nicht, als ob eine solche internationale Action offiziell bereits in Anregung gebracht worden sei. Inzwischen haben sich die Anarchisten in den letzten Tagen auch noch anderwärts, als in der französischen Hauptstadt, erneut in Erinnerung gebracht. In Brüssel gingen dortigen Polizeiinspectoren anarchistische Drohbriefe zu, in Chaux-de-Fonds in der Schweiz erließen die Anarchisten ein Manifest und in Barcelona wurden gleich fünf geladene Dynamilbomben aufgefunden / vielleicht, daß die nächsten Tage noch mehrere solcher anarchistischer „Neckereien" bringen werden.
Deutscher Reichstag.
20. Sitzung. Donnerstag den 14. December 1893.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Lesung des Gesetzentwurfs betr. die Gleichstellung der Invaliden von vor 1870 bez. deren Angehörigen mit den Invaliden von 1870/71 bez. deren Angehörigen.
Avg. v. Schöning (cons.) hat einen Zusatz beantragt, wonach den in einem Feldzug verwundeten Offizieren und Mannschaften, die durch ihre Verwundungen an der wetteren Thetlnabme des Feldzugs behindert waren, die höchste Zahl der anrechnungsfähigen Krtegsjahre zugebtlligt werden. Antragsteller erklärt indeß, den Antrag hier zurückzuzrehen, um ihn in Gestalt einer Resolution zum Etat wieder etnzubringen.
Der Gesetzentwurf wird darauf unverändert in der Fassung der zweiten Lesung mit Stimmeneinhett angenommen.
Hierauf wird die zweiteBeraihung der sog. k einen Handelsverträge beim Vertrag mit Spanien fortgesetzt.
Abg. Dr. Bürkltn (natl.j: Nach meinen Erfahrungen und Informationen bestätigt sich die Angabe, wonach die bezüglich des italienischen Handelsvertrags gehegten Befürchtungen für den deutschen Weinbau unerfüllt geblieben seien, leider nicht. Der deutsche Roth- wetnbau ist zuiückgegangen. Daß bei einer so colossalen Vermehrung des Angebote, wie sie infolge des Vertiags eingetreten, eine Schädigung der deutschen Production eintreten mußte, ist ja auch natüil'ch. Wegen der 1892/93 vermehrten Nachfrage nach Wein in Elsah-Loth- ringen möge man sich keinen Illusionen hingeben; sie war nicht die Folge der Verträge, sondern des Umstandes, daß Württemberg fast gar keinen Wein halte. Redner befürwortet sodann die Ergänzung der Controllbestimmungen, namentlich in Bezug auf die Verschnitte.
Staatsfecretär o. Bötticher stimmt dem Vorredner darin bei, daß sich die Wirkungen der Verträge hinsichtlich des Weinbaues noch nicht übersehen lassen. Den Erfahrungen Dr. Bürklins steht das Ergebniß der Feststellungen der verbündeten Regierungen entgegen. Der Verschnitt von Kunstweinen mit ausländ! chen Weinen ist schon jetzt nicht zulässig.
Abg. Frbr. v. Manteuffel (cons.) bestreitet, daß man, wenn man für die Verträge mit Oesterreich und Italien gestimmt habe, nun auch consequenter Weise für diese Verträge stimmen müßte. Damals sprachen politische Gründe mit; man wollte den Dreibund festigen. Solche Gründe kommen hier nicht in Frage. Das Deutsche Reich hat die kostspieligste und schwerste Rüstung zu tragen und die Hauptlast dieser Rüstung ruht auf der Landwirthschaft; das muß man bei den neuen Verträgen berücksichtigen. Ich habe eingesehen, daß die Bewilligung der Handelsverträge vor zwei Jahren ein politischer Fehler war und ich werde den Fehler hier nicht zum zweiten Male machen. (Beifall rechts) Die Verträge sind auf Kosten der Landwirthschaft geschlossen, denn die Aequioalente, die deutscherseits gewährt werden, liegen auf dem Gebiete Der landwirth- fchaitlichen Zölle. Der Reichskanzler ist in dem Bestreben, der Land- wtrthschaft zu nützen, keineswegs so beschränkt, als er gestern angab; er könnte auf sehr verschiedenen Gebieten seinen Einfluß zu Gunsten der Landwirthschaft geltend machen. Herr v. Marschall Hal gestern nichts bewiesen, vor Allem hat er nicht bewiesen, daß die Landwirthschaft dm Zoll von 5 Mk. entbehren kann. Herrn v. Bennigsm kann ich nur sagen, daß 99pCt. der Landwirthe im Lande auf meiner Seite stehen. (Lebhafter Beifall rechts.)
Reichskanzler Graf Caprivi: Ich habe seiner Zeit mitLand- wirthen Rücksprache genommen, welche wohl der Meinung warm, daß es mit einem Zollsatz von 31/« Mk. gehe. Auf 3 Mk. wollte man nicht heruntergehen und natürlich meinte man, daß es besser wäre, wenn die 5 Mk. aufrecht erhalten würden. Da wir mit einem vorwiegend ackerbauenden Lande abschlossen, so mußten untere Con- ceffronen auf dem Gebiete der landwirthichastlichen Zölle liegen. Ich habe mir zweifellos ein Verdienst um die Landwirthschaft erworben, indem ich mich einer Aufhebung der Getreidezölle auf Zeit witer- setzte. Die Regierung könne nicht anders, als das, was ne für recht halte, mit derjenigen Mehrheit durchzusetzen, die sich ihr finde. Die
gegmwärtige agrarische Bewegung, die an die Stelle der Autorität die Majorität setzen will und welche imperative Mandate ertheilt, ist ganz unconservativ, man befindet sich damit auf einer falschen Ebene. Die Annahme der imperativen Mandate schädigt das Ansehen des Reichstags; der Reichstag ist bann keine Autorität mehr, er ist bann abhängig vom Volke. Die Abgeorbnetm sollten diese Bewegung beschränken, anstatt sich von ihr vorwärts treiben zu lassen. Die Währungsfrage ist nun die letzte Patrone, die gegen mich verschossen wird. Wir haben unfern Delegtrlm in Brüssel Instructionen ertheilt, die der Voraussicht angepaßt warm, daß aus der Conferenz doch nichts herauskommen würde. Warum sollten wir benn an einem Fiatzco theilnehmen ? Ich benfe, wir haben bie beste Währung; aber wenn man mich eines Bessern überzeugt, so werbe ich mich bet besseren Erkenntntß nicht verschließen (Zwischenruf) — wenn auch Herr v. Stauby Donnerwetter dazwischen ruft. (Heiterkeit.) Aber wenn ich auch der fanatischste Bimetallist wäre, so würde ich doch im Augenblicke und unter den obwaltenden Verhältnissen an der gegenwärtigen Währung festhalten muffen, so lange England nicht vvran- geht. (Beifall.)
Abg. Dr. Schultz - Lupitz (Rp.): Wenn v. Manteuffel glaube, daß er 99 % aller Landwirthe hinter sich habe, irrt er sich. Die aber, welche er hinter sich hat, sind durch eine Agitation ohne Gleichen verirrt. Diese Agitation liegt nicht im Interesse des Vaterlandes und nicht im Interesse der deutschen Landwirthschaft. Ein Zoll von 3 t/z Mk., welcher dauernd ist, hat mehr Werth als ein 5 Mk.-Zvll, der bei schlechten Ernten nicht aufrecht erhalten werden kann. Ich vertraue, daß die Regierung die Interessen der Landwirthschaft wahrnehmen und sie schützen wird, und ich hoffe, daß sich die deutschen Landwirthe in ihrer Mehrheit nicht abdrängen lassen werden von dem richtigen Wege, den die Wissenschaft ihnen zeigt.
Abg. v. Heyl (ntl.) erklärt, daß die Nationalliberalm in ihrer großen Mehrheit für den spanischen Vertrag stimmen werden. Leider bleibt immer noch eine große Zahl spanischer Zollsätze, die prohibitiv wirken und die deutsche Einfuhr ausschließen.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) sprach für die Verträge. Lutz meinte gestern, die Zahl 60M0 der infolge der Ablehnung deS rumänischen Vertrags brodlos werdenden Arbeiter müßte wohl um eine Null gekürzt werden. Es blieben also 6000; wenn man dieser Ziffer die unserer Ausfuhr nach Rumänien gegenüberstellt, so würden in dem Ausfuhrwerlhe nur 4% Arbeitslose stecken. Wäre das richtig, so würde ich allerdings auf die Ausfuhr verzichten und sofort Socialdemokrat werden.
Abg. Rickert (frs. Verein.) beklagt, daß der Reichskanzler der Rechten gegenüber immer wieder Versuche mache, eine versöhnliche Stimmung zu erzeugen. Mit dieser Methode werde er bei diesen Herren keinen Enolg haben. Früher waren die Herren von der Rechten Freihändler, und zwar toller als wir. ES ist der „Kreuz- Ztg." schwer angekommen, davon abzugehen; als sie sah, daß es dem Kanzler recht war, that sie es. Die Herren von der Rechten werden nicht durch die Bewegung im Lande geschoben, sie machen diese Bewegung, sie sind es selbst, die sich imperative Mandate geben, nicht die Bevölkerung. Wie käme der Bauer von selbst auf den Bi- metallismus! Im Landtage mögen doch die Herren kommen, um die Interessen der Bauern bei der Gemeindegesetzgebung zu vertreten, bei der Vertheilung der Wegebaulasten u. s. w. Die Regierung hat von dem Bund der Landwirthe nichts zu fürchten; möge sie nur eine volksthümltche Politik treiben. Entweder — ober. Entweber die Regierung tbut den Herren von der Rechten den Willen ober sie bricht ganz mit ihnen. Die Agrarier waren es ja, welche bie Parole ausgaben: Der Reichskanzler muß fort von seinem Platze.
Abg. Dr. Kropatschek (cons.): Rickert erinnere ihn an ben Knaben tn ber Schule, ber den Finger hebt und ruft: Herr Lehrer, die bo-.t drüben reden was Böfis von Ihnen! (Heitelkeit.) Die Rechnung Stumms über die Zahl der durch eine Ablehnung der Verträge geschädigten Arbeiter fei anfechtbar; jedenfalls liege die Sache so, daß ja nicht Taufende von Arbeitern brodlos würden. (Lebhafter Widerspruch.) Er besitze ebenso wie der Reichskanzler weder Ar noch Halm, aber er erkenne die hohe Wichtigkeit der Land- wirthschaft an und alle Verträge, die abgeschlossen würbrn, würden im 3r;teufte der Industrie geschlossen und auf Kosten ber Land- wt> u,schäft. Dazu kommt, baß bie Handelsverträge große Einnahme- aus fälle zur Folge haben, unb zwar zu einer Zeit, btt wir burtb die neue Militaroorlage ganz erhebliche Mehrausgaben haben. Eine Politik, die auf ber einen Sette bie Militärvorlage bringt und auf ber anberen leichthin auf nothwendtge Einnahmen verzichtet, zeigt eine Zufammenhanglofigkeit. Der Staatsfecretär v. Marschall sagt heule, baß bie Zustimmung zu biesen Verträgen nicht zur Zustimmung zu einem russischen Vertrag verpflichte. Wenn aber erst der russische Vertrag vorliegt, bann wirb er tagen: Die Annahme ist aus politischen Grünben nothwenbig; bedenken Sie, welche Gefahren es bringen muß, wenn wir uns bas mächtige Rußland zum Feinde machen, indem wir es allein differentiell machen. Wer will bann bie Verantwortung für bie Abehnung übernehmen? So wirb auch ber russische Vertrag burchgehen. (Heiterkeit.)
Abg. Dr. Lieber (Etr.) befürwortet ben Vertrag. Der Vorredner könne es dem Centrum überlassen, wie es sich zu einem russischen Vertrage stellen wolle. Redner bittet ferner um Unterstützung der Wtnzervereine in ihrem Bestreben, sich von den Händlern selbständig zu machen.'
Abg. Graf Limburg (cons.) bestreitet dem Reichskanzler gegenüber, daß er imperative Mandate gulgeh.ißen habe. Von imperativen Mandaten konnte auch gar keine Rede sein, da weine Freunde es von vornherein für selbstverständlich hielten, daß sie für die Verträge nicht stimmen könnten. Ich bedauere, baß ich die Autorität des Negierungstisches nicht allenthalben anerkennen kann. Früher war das der Fall, da konnte man in allen großen Fragen mit der Regierung gehen; da bestand eine Autorität, der man auch in kleinen Dingen tt otz entgegengesetzter Ansicht nachgab.
Nach einer langen Reihe persönlicher Bemerkungen wird der Vertrag mit Spanien und hierauf nach Befürwortung durch ben Abg. Münch - Ferber (ntl.) ber Vertrag mit Serbien angenommen.
Morgen 11 Uhr: brüte Lesung der Handelsverträge.


