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Mr. 296 Drittes Blatt
Samstag den 16. December
1893
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Kenerat-Wnzeiger.
Rfiathon. UrpcHtUe und Drucke»,i: Kr.7.
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Der
Kßeßruer Anzetger «»scheint tiglich, ■M Lusnahme deS Montags.
Die Gießener jree-tHteiriUtt »erden dem Lnzeigrr ' »Gchmtlich dreimal datUlegt.
Gießener Anzeigers
Amts- und Anzeigeblutt fut? den Areis Gietzen.
Annahme von «n-e.grn ,u der Nachmittag« für dm T 1Qe «rmoncen-vureaux de- In- und «uslande« nehm«
falgmdm Lag erschemmden Nummer bis «orm. IO Uhr. | ^«-Ull!»VvUUyC. ^UnUllrTTUlflllU, Anzeigen für dm ^Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtliche»» Theil.
Bekanntmachung.
Nachstehende Polizeioerordnung für den Kreis Gießen -Wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, den 13. December 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Polizeiverordnung
»en Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen betreffend.
Auf Grund des § 366 pos. 2, 3 und 10 des Reichs, strafgesetzbuchs wird für den Kreis Gießen, unter Zustimmung des Kreisausschuffes, mit Genehmigung Großh. Ministeriums deS Innern und der Justiz vom 8. December 1893 zu Rr. M. I. 34 015 hinsichtlich des Radfahr-(Velociped-)Verkehrs auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen verordnet, wie folgt:
§ 1»
Das Fahren mit Velocipeden ist nur auf Fahrwegen gestattet. Trottoirs, Bankette, Reiterbankette und Fußwege .hülfen nicht befahren werden.
Da» Fahren mit Zweirädern innerhalb der von der Süd-, West-, Nord- und Ostanlage begrenzten Theile der Provinzial- Hauptstadt Gießen ist ohne polizeiliche Erlaubniß nicht ge« stattet.
§ 2»
Der Radfahrer ist zur gehörigen Vorsicht in der Leitung seines Fahrzeugs verpflichtet.
Derselbe hat bei der Fahrt die rechte Seite der Fahr- bahn einzuhalten und entgegenkommenden Fuhrwerken, Reitern, Radfahrern, Viehtransporten und dergleichen rechtzeitig und rechts auszuweichen, daß das sichere Vorbeifahren ermöglicht wird. Falls dies die Umstände oder die Oertlichkeit nicht
gestatten, hat derselbe so lange anzuhalten, bis die Bahn frei ist. Letzteres hat insbesondere zu geschehen beim Zusammentreffen mit marschirenden Militärabtheilungen, öffentlichen Aufzügen, Leichenzügen und dergleichen.
Das Vorbeifahren an eingeholten Fuhrwerken, Reitern, Radfahrern, Viehtransporten und dergleichen hat auf der linken Seite zu erfolgen.
§ 3.
Durch Ortschaften, sowie an entgegenkommenden und eingeholten Fuhrwerken usw. vorbei darf nur mit mäßiger Fahrgeschwindigkeit in angemessener Entfernung und von mehreren Radfahrern nur hintereinander in einfacher Reihe gefahren werden.
Ebenso ist an Straßenwendungen und an Straßen« kreuzungen so langsam zu fahren, daß das Fahrzeug erforderlichen Falls auf der Stelle zum Anhalten gebracht werden kann.
Scheut ein Pferd bei dem Zusammentreffen mit dem Velociped, so hat der Radfahrer sofort einzuhalten.
§ 4.
Das Umkreisen von Fuhrwerken und ähnliche Beweg, ungen, welche geeignet sind, den Verkehr zu stören und Menschen oder fremdes Eigenthum zu gefährden, sind verboten.
. § 5.
Jedes in Fahrt befindliche Velociped muß mit einer leicht zu handhabenden, helltönenden Signalglocke und nach Eintritt der Dunkelheit oder bei starkem Rebel mit einer hellleuchtenden Laterne versehen sein. Die Verwendung rott) und grün leuchtender Laternen ist jedoch untersagt.
§ 6.
Der Radfahrer hat die von ihm eingeholten und bei Dunkelheit oder starkem Rebel auch die ihm begegnenden Fußgänger, Fuhrwerke, Retter, Radfahrer, Vichtransporte und dergleichen durch laute Glockensignale und wenn diese unwirksam bleiben, mit der Pfeife auf seine Annäherung recht, zeitig aufmerksam zu machen. Auch an Straßenwendungen
und Straßenkreuzungen ist rechtzeittg ein Glockensignal abzugeben.
§ 7.
Jedes im Kreise Gießen von einem Kreiseingesessenen benutzte Fahrrad muß mit einer deutlich sichtbaren Nummer versehen sein, deren Bezeichnung Seitens der Localpolizet« behörde von dem Besitzer vor der Ingebrauchnahme zu er- wirken ist.
lieber die ertheilte Nummer ist von der Localpolizei, behörde ein fortlaufendes Register zu führen, in welche» Name, Stand und Wohnort des Besitzers des Fahrrads auf- zunehmen ist.
Die ertheitten Nummern sind in Höhe von 5 cm auf kleinen Platten anzubringen und zwar
a. bei zweirädrigen Fahrrädern vorn am Kopf über dem Vorderrad. Die Nummer muß nach beiden Seiten vollständig sichtbar fein;
b. bei drei- und mehrrädrigen Fahrrädern direct über der Achse der beiden Hinterräder, daß die Nummer von der Rückseite her vollständig sichtbar ist.
Bei Fahrrädern, deren Besitzer in Gießen wohnen, ist die Grundfarbe der Platte weiß, die Nummer roth; bei denjenigen, deren Besitzer in einem der Landorte des Kreises wohnen, ist die Grundfarbe der Platte ebenfalls weiß, die Nummer dagegen schwarz. Ferner ist die ertheilte Nummer mit schwarzer Farbe aus der vorderen Scheibe der Laterne anznbringen.
Das Großh. Polizeiamt Gießen ist ermächtigt, die Nummern zu beschaffen und gegen Erstattung der Herstellungskosten an die Fahrradbesitzer zu verabfolgen.
Die in den Landgemeinden des Kreises nöthigen Nummern wird das Großh. Kreisamt Gießen beschaffen und an die Großh. Bürgermeistereien abgeben. Die Letzteren haben die Herstellungskosten von den Fahrradbesitzern beim Ertheilen einer Nummer zu erheben und einzusenden.
An den Fahrrädern dürfen nur die von den Localpolizeibehörden ertheitten Nummern angebracht werden. Eigen.
Feuilleton.
Nur ein Schaffner.
Von Georg Paysen Petersen.
(Nachdruck verboten.)
In einem jener engen Höfe, die glücklicherweise in Hamburg immer seltener werden, hockte auf einer Treppenstufe die kleine Marie. Ihr verschossenes Caltunröckchen hatte sie über den Kopf geschlagen, so daß nur das Stumpfnäschen und die beiden blauen Augen herausschauten. Sie weinten bittere Zähren, diese lieblichen Kinderaugen, und die ganze Gestalt des achtjährigen Mädchens durchschauerte der Frost.
ES regnete ununterbrochen, es regnete so unaufhörlich, wie es in Hamburg im November stets regnet. Nur bis an die Ecke der nächsten „Twiete" war die kleine Marie gelaufen und doch war ihr Kleidchen völlig durchnäßt. Jetzt saß sie frierend auf der kalten Steinstufe und der Wind preßte die nassen Fähnchen, die ihr als Kleidung dienten, fest gegen die hageren Glieder des Kindes, das sich nicht getraute, zur Mutter zurückzukehren.
Mit harten Worten hatte die Hökerfrau das Kind ab« gewiesen, das von der Mutter geschickt war, Brod zu holen. „Sag man Dein Mutter, sie soll erst das Brod bezahlen, daS nu all vierzehn Tage angeschriebcn steht/ ich kann ihr nix mehr borgen, ich krieg das Brod auch nich geschenkt," hatte die Hökerin das Kind angesahrcn.
Es mag wohl wahr sein, daß ein Kinderherz nur selten fühlt, wie tiefe und schmerzhafte Wunden die Sorge bohrt, denn es ist ein Vorrecht der Jugend, daß vor ihr die Sorge ihr bleiches Haupt verhüllt. Die kleine Marie aber genoß dieses Vorrecht der Kindheit nicht. Seit vielen Wochen hatte das verhärmte Gesicht der Mutter kein Lächeln erhellt und auf dem einst so heiteren Antlitz des Vaters lag seit Monden steinerner Ernst. Das sah Marie täglich/ die Thränen der Mutter, die stumme Verzweiflung des Vaters redeten eine Sprache, die das kmge Mädchen verstand, und aus den Worten der Eltern hörte Mariechen nur allzu bald heraus, daß es dem Vater nicht gelingen wollte, Arbeit und Verdienst zu finden. Kinder sehen gewöhnlich viel schärfer und sind weit klüger, als die Eltern glauben. So kannte denn auch Marie die Roth ihrer Eltern und deßhalb weinte sie und fcheute sich, der Mutter die Worte der hartherzigen Hökerfrau «anszurichten.
Da nahte eiligen Schrittes ein schmächtiger Mann, hob Las Kind von den kalten Steinen empor und küßte es innig
auf Mund und Stirn. Die Arme des Mädchens umschlangen den Hals des Mannes und das blonde Lockenköpfchen schmiegte sich zutraulich an die Wange des Vaters, der — noch keuchend vom schnellen Gange durch das Regenwetter — sein Töchterchen an sich preßte und mit ihm die drei engen Siehltreppen er« klomm, die zu seiner Wohnung führten.
„Endlich, Mutter, endlich!" rief er seinem Weibe entgegen.
Schluchzend warf sich ihm Frau Martha an die Brust und während die beiden Eheleute einander anblickten und bald weinten, bald lachten, kletterte der kleine, fünfjährige Fritz an den langen Beinen seines Vaters hinauf und haschte nach der rechten Hand des Mannes.
„Nu wünsch ich mich zu Weihnachten eine Blase!" rief der kleine Schelm freudestrahlend, denn auch er hatte begriffen, daß in diesem Augenblicke eine Wendung eingetreten sei und daß seine lang verhaltenen Wünsche sich jetzt wieder hervorwagen dürsten.
„Walther," redete Frau Martha ihren Mann an, „nun setze Dich und erzähle uns alles," und Walther Fischer ließ sich auf daS ärmliche Sopha nieder, hob seinen Jungen auf, küßte ihn und setzte ihn vor sich auf das Knie, zog Mariechen an seine linke Seite und die Frau an die rechte und — schwieg. Seine Blicke wanderten von dem einen zum andern, als könne er sich nicht satt sehen an den Gesichtern, die seit langer Zeit nicht so beglückt ausgesehen hatten, wie in diesem Augenblicke.
„Ja, Mutter, ich habe endlich Arbeit bekommen," sagte er bann, nachdem er sich ein Weilchen des Anblickes erfreut hatte. „Doch es ist kalt hier, bitterlich kalt, und hungrig seid Ihr gewiß auch alle. Ich habe einen guten Freund gefunden aus früheren, besseren Zetten/ der hat mir fünf Thaler geliehen für den ersten Anfang und die Caution hat er auch für mich gestellt."
„Welche Caution?" fragte Frau Fischer.
„Ich bin angenommen als Schaffner bei der Pferdebahn, morgen soll ich antreten," entgegnete Walther und legte seiner Frau fünf Thaler auf den Tisch. „Nun sorge erst einmal für eine warme Tasse Kaffee und für Brod."
Während Frau Fischer die nöthigen Einkäufe besorgte, in dem eisernen Stubenofen ein Feuer entfachte, den Kessel mit Wasser an das Feuer rückte und den Tisch anrichtete, war ihr Mann vor Erschöpfung in der Ecke des Sophas entschlummert. „Papa schläft," hatte Mariechen dem Bruder zugeflüstert, und die beiden Kinder verhielten sich mäuschen- sttll. Walther Fischer aber träumte sich hinüber in die neue Laufbahn, die — dritte, welche er einschlug.
Er war Lehrer gewesen und hatte seines Amtes mit Treue gewartet, war auch nicht ungeschickter, als hundert andere, die in Hamburg das Schulamt versahen, ohne eigentliche Berufsbildung genossen zu haben. Da ward ein nettes Schulgesetz erlassen und die jüngeren der in einem Seminar nicht vorbereiteten Lehrer wurden ihrer Stellungen enthoben, nur die älteren und erfahrenen verblieben in ihrem Amt und wurden allmälig in feste Stellungen und zu Hauptlehrern befördert. Walther Fischer trat, wie es die meisten seiner jüngeren AmtSgenossen thaten, in das neugegründete Schullehrer-Seminar seiner Vaterstadt ein, in der Hoffnung, durch Erwerb einer gründlichen Fachbildung feine Zukunft zu sichern. Er war nicht von hervorragender Begabung, aber er besaß eisernen Fleiß und arbeitete unermüdlich, um die Lücken in seiner Bildung auszufüllen. Sein Körper — bereits geschwächt durch die in zu jugendlichem Atter ertragenen Beschwerden des Lehrerberufs — erlag den Anstrengungen des Studiums, und nach kaum einem Jahre fiel Fischer in eine schwere und langwierige Krankheit. Als er endlich genaß, mußte er auf den Rath der Aerzte den Lehrerberuf aufgeben; mit tiefem Weh im Herzen entsagte der Jüngling. Das Studium und seine Krankheit hatten die größere Hälfte des ErbtheilS verschlungen, das seine Eltern ihm hinterlaffen hatten, mit dem Reste gründete Fischer eine Papierhandlung. Trotzdem er nicht kaufmännisch geschult war und es ihm überdies an manchen Eigenschaften fehlten, die ein Kaufmann, die selbst der geringste Krämer nicht entbehren kann, trotzdem sich also Fischer für seinen neuen Beruf wenig eignete, schien ihm anfänglich das Glück zu lächeln. Er heirathete und war während der nächsten Jahre der glücklichste Mensch, den man sich denken kann. Bescheiden in seinen Ansprüchen an da^ Leben, reichte der Ertrag seiner Handlung aus, ihn und die ©einigen zu ernähren, bis dann daS Unglück wieder über ihn hereinbrach. Krankheiten seiner Frau und der beiden Kinder, mit welchen sie ihn beschenkt hatte, rafften alles Erworbene dahin, und da Fischer über der Pflege feiner Lieben das Geschäft vernachlässigte, ging auch dieses zu Grunde. So befand sich die Familie jetzt in großem Elend. Zu schwerer körperlicher Arbeit fehlte es Fischer an Kraft und seine Bemühungen, in einem kaufmännischen Geschäft Anstellung zu finden, blieben erfolglos. Wie viele theilten in der großen Handelsstadt mit ihm diesen Wunsch, wie viele mußten sich Tag für Tag abweisen lassen, Tag für Tag an der Hoffnung auf bessere Zeiten zehren.
(Fortsetzung folgt.)


