Ausgabe 
16.3.1893 Erstes Blatt
 
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Wieher ein Concerl, zu welchem der Gießener Zitherclub seine Mitwirkung zugesagt hat- auch wird wahrscheinlich Herr Hofschauspieler Schreiner von Mannheim wieder erscheinen und mit einigen Herren ein kleines Drama spielen. Der Borstand des genannten Vereins geht mit der Absicht um, dahier einen Kindergarten und ein kleines Hospital zu errichten. Am vergangenen SamStag hat dahier ein Knabe seinem vierjährigen Brüderchen beim Holzhauen drei Finger ab­gehauen.

-b- Goldne Hochzeit. In voller Kraft und Rüstigkeit konnte am vorigen Sonntag das Joh. Seip sche Ehepaar zu Ober-B es singen dies seltene Fest feiern und wie vor 50 Jahren seinen Kirchgang halten. Einen solchen Zug kann man so leicht nicht wieder sehen- die 25 ältesten von 34 lebenden Enkeln eröffneten ihn- der Geistliche folgte und dann das Jubelpaar, prangend in goldnem Brautschmuck- hinter demselben aber schritten paarweise die sämmtlichen 8 ver- heiratheten, wohlgerathenen Kinder, 6 Söhne und 2 Töchter mit ihren Frauen resp. Männern. Die Vertreter der Gemeinde, der Lehrer und die übrigen Gäste schloffen den Zug. Die kirchliche Festfeier fand bei überfüllter Kirche statt. Nach derselben überreichten dem Jubelpaar die Kinder ein Sopha, der Kirchenvorstand NinkS Prachtwerk: Aus biblischen Pfaden, die Familie des Bürgermeisters Kühn, die auch den Braut­schmuck gestiftet hatte, einen eingerahmten gestickten Spruch, ähnliches schenkten zwei Enkelinnen und Lehrer Seip von Helpershain. Der Jubelbräutigam hat ein intereffantes Leben hinter sich- in frühester Jugend hat er England hausirend durchzogen, später jahrelang die meisten deutschen und öster­reichischen Lande als Blutegelhändler durchwandert und dadurch den Grund zu seiner Welt und Menschenkenntniß und zu seinem Wohlstand gelegt. Er ist ein christlich-deutscher Mann von achtem Schrot und Korn, die alte Hausbibel ist seine liebste Seetüre; wie ein Patriarch steht er in seiner großen Familie. Nächsten Sonntag feiert ein zweites Ehepaar in ebensolcher Rüstigkeit goldne Hochzeit, aber nur im häuslichen Kreise und still, da ihm alle sieben Kinder durch den Tod enlriffen wurden und es nun ganz einsam dasieht. Zwei weitere Paare hiesiger Gemeinde stehen im 49. Jahre ihres Ehebundes.

§ Nieder M008, 13. März. Hier soll, nach dem Vor» gange Pfungstadts und der Umgegend, ein Ziegenzucht- Verein gegründet werden. Zweck des Vereins ist Züchtung einer reinen Rasse Schweizer Ziegen, die bekanntlich höhere Milcherträge liefern. Die Biehbesitzer bringen der Sache reges Jntereffe entgegen- die Anregung zur Förderung des Zwecks gab Herr Pfarrer Scriba.

* Landwirthschaftliche Wmterschule zu Friedberg. Nach dem eben erschienenen Jahresberichte besuchten die Schule 31 Schüler, 11 die obere, 20 die untere Klasse. Das Lehrer- personal besteht aus 6 Lehrern, 3 Hauptlehrern und 3 Hilfs­lehrern. Die Schule hat die Aufgabe, in zwei Wintercursen von je 5 Monaten die jungen Landwirthe mit denjenigen wissenschaftlichen Grundlagen vertraut zu machen, welche zum Verftändniß der neuen Betriebsweise unbedingt erforderlich sind, zugleich findet eine Fortbildung in den elementaren Fächern statt. Unter den landwirthschaftlichen Fächern wird dem Obstbau besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Der Unterricht erstreckt sich tn der unteren Klasse auf: Deutsche Sprache und Schönschreiben, Rechnen, Geometrie, Botanik, Zoologie und Thieranatomie, Physik, Chemie, Ackerbau, Thierzucht, Zeichnen- in der oberen Klasse auf: Deutsche Sprache, Rechnen, Geometrie, Botanik, Chemie, Ackerbau, Obstbau, Thierzucht, Allgemeine Wirthschafts- und landwirth­schaftliche Betriebslehre, Buchführung, Feldmeffen, Nivelliren und Planzeichnen. Die öffentliche Schlußseier und Prüfung, sowie Einweihung des neuen Hauses im pomologischeu Garten finden am Samstag den 18. März statt.

Darmstadt, 14. März. Der Großherzog und sämml- liche Mitglieder der grobherzoglichen Familie begaben sich gestern Vormittag nach dem Mausoleum aus der Rosenhöhe, wo Oberhofprediger v. Bender am Sarkophage weiland des Großherzogs Ludwig IV. eine Gedächtnißfeier abhielt. Namens der Stadt Darmstadt legte Herr Bürgermeister Morueweg gestern Vormittag 1/210 Uhr einen kostbarenKranz mit weißer Schleife am Sarkophag des Großherzogs Ludwig IV. im Mausoleum auf der Rosen- hvhe nieder.

Mainz, 13. März. Alljährlich bei der Beratung des städtischen Budgets wurde von den demokratischen Mitgliedern des Stadtverordneten-Collegiums, unterstützt von dem Cen- trumSmitgliede Wafferburg, der Antrag auf Aufhebung des OctroiS gestellt. Die Antragsteller blieben bisher immer in der Minorität. Durch die im November voll» zogenen Neuwahlen hat sich nun aber eine Verschiebung nach links vollzogen, so daß jetzt, wenn Demokraten, Social­demokraten, Freisinnige, ein Theil des CentrnmS für die Aufhebung des OctroiS stimmen werden, die Aufhebung wahr­scheinlich ist. Die Aushebung dieser inbirecten Besteuerung würde allerdings eine entsprechende Erhöhung der kommunal- umlagen nöthig machen, dadurch aber zu erhöhter Sparsamkeit anregen.

Vermischter.

tf Kastel, 14. März. Ohne jeglichen Grund er­schlagen wie ein Hund! Ein Mordproceß, der gestern vor dem hiesigen Schwurgerichte verhandelt wurde, erregt nicht geringes Aussehen. Es handelte sich dabei um eine schwere Blutthat, die in dem neuen Hohenzollernstadttheil, in der Kaiserstraße, dicht bei der engliichen Kirche verübt wurde. Die Verhandlung förderte unglaubliche Einzelheiten von Brutalität und Gefühlsrohheit zu Tage, von denen man bisher im großen Publikum keine dlhnung hatte, wenngleich man auch wohl wußte, daß bie drei Mordgefellen ihr Opfer ohne Weiteres Überfällen und blutig geschlagen hatten. Die drei Strolche, die wegen Körperletzung mit Todeserfolg ange­klagt waren, heißen Daniel Gallinger, Philipp Hüter und Friedrich Riehl, alle drei außerhalb Kassel geboren, wegen Bettelns, Diebstahls, Sachbeschädigung rc. sämmtlich vorbestraft, auffallender Weise noch keiner wegen Körperver­letzung. Sie nennen sichArbeiter", doch gehören sie mehr der Zunft der Bummler und Zuhälter an und in diesem Fache haben sie es, obschon erst 20 Jahre alt, recht weit gebracht. Diese drei Strolche machten eines Abends im ver­flossenen Winter eine Bierreise durch die Stadt, doch tranken sie Bier und Schnaps durcheinander, um mehr Wirkung zu haben. Nachdem sie aus drei Wirthschaften herausgeschmissen, zogen sie durch bie Hohenzollcrnstraße nach Wehlheiden zu, um dort im Freien zu nächtigen, wohl aber auch um aufs Neue zu beweisen, daß in Wehlheiden die Wagenrungen immer noch nicht gepolstert sind. Sie schrieen und johlten fürchterlich. Der Kutscher Keßler, ein verhciratheter Mann friedfertigen Characters, der todtmüde um Mitternacht von der Arbeit kommt, äußert zu ihnen, sie möchten doch nicht so schreien. Dies war das Signal für die Mordgesellen, um ihre Mordlust zu wecken. Mit Wagenrungen, Knütteln, Steinen bewaffnet fallen sie alle Drei über ben wehrlosen Mann her und schlagen so lange auf ihn, bis er wie tobt zusammenstürzt. Dann gehen sie ein Stück fort und lassen ihr blutendes Opfer liegen. Doch ihre Mordlust war noch nicht gekühlt. Nach */4 Stunde kehren sie wieder an den Schauplatz ihrer That zurück und versetzen dem Bewußtlosen so lange Fußtritte, bis dieser in Todesangst sich wieder auf­richten will. Jetzt fallen die Drei wieder über ihn her und schlagen ihn zum zweiten Male zu Boden, sodaß er alsbald verstirbt. Das Urtheil lautet gegen Gallinger und Hüter auf je 8 Jahre und Riehl 5 Jahre Zucht­hausstrafe.

F. Höxter, 13. März. An dem mit einem in weiteren Kreisen renommirten Alumnat verbundenen König Wilhelm- Gymnasium hier sand am 9. März zum ersten Male nach dem neuen Reglement bie Abiturienten- und (Sin» jährigen-Prüfung statt. Beides verlies sehr günstig. Acht Abiturienten erhielten das Zeugniß der Reife und von den Untersecundanern brauchten eine ganze Anzahl in bie münd­liche Prüfung nicht einzutreten.

* Caub a. Rh., 12. März. Ein Brautpaar, das gestern standesamtlich getraut worben war, stund heute Vormittag im Begriff, den Gang zur Kirche änzutreten. Die Braut wurde plötzlich unwohl und fiel, von einem H e rz s ch l a g be­troffen, leblos zur Erde.

* Originelles Gnadengesuch. Die Wittwe P. in Tschicherzig hat sich, wie aus Grünberg berichtet wird, mit einem Bitt­gesuch an den Kaiser gewendet. In ihrem Schreiben bittet dieselbe um Ueberlaffung eines ausrangirten Eisenbahn­wagens, den sie als Wohnung benutzen könnte. Der Amts­

vorsteher ist beauftragt worden, über die Verhältnisse der Frau Bericht zu erstatten.

* Der kleinste amerikanische Fuh. Eine Newhorkcr Zeitung ist augenblicklich damit beschäftigt, den kleinsten Frauenfuß auf dem amerikanischen Continent ausfindig zu machen - dieselbe ladet alle concurreNzlustigen Damen ein, sich nach ihrem Bureau zu begeben, um einen dort ausgestellten Atlasschuh von 73,4 englischen Zoll Lan^c anzuprobiren, welcher s. Zt. mit dem Namen derjenigen, welche den Schuh anzuziehen vermochte, versehen werden und die Weltausstellung in Chicagozieren" soll. Alle die modernen amerikanischenAschenbrödel" eilen nun nach Newyork - doch soll es bis jetzt leider noch keiner der Cüncurrentinnen gelungen sein, als dierechte" anerkannt zu werden.

* Das Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin sieht schon auf eine Thätigkcit von fünf Jahren zurück und hat in diesem Zeiträume 853 Besucher gezählt, 'batuntcr 489 Juristen, 130 Angehörige der philosophischen Fariiltät, 172 Kaufleute und Prioatpersonen, 23 Offiziere, 22 Theo­logen, 7 Aerzte und 10 Techniker. Die Lehrfächer vrdncn sich der Zahl ihrer Theiluehmer gemäß wie folgt: Arabisch, Chinesisch, Türkisch, Japanisch, Suaheli, Htndustani, Persisch: Neuerdings ist noch Neugriechisch (Professor Johannes Mitso- takis) und in nichtamtlichen Lehrstunden Russisch hinzugelreten. In dem Lehrkörper sind schon mehrfach Wechsel cingetreten. Jetzt wirken als chinesische Lectoren Hsüeh Shen und Au Fung Tschü, als japanischer Lector T. Senga, als egyptisch-ara- bischer Muhammed Naffar, als Suaheli Lector Amor bin Nasir, Persisch und Hinbustani lehrt ber Jnbier Ghori. Der Bibliothekar Dr. B. Moritz ist zugleich als Lehrer bes Ara­bischen für die Dialecte von Marokko, Egypten und Ostasrika und Herr Muhammed Bu Selham aus Tanger als besonderer Lector für das Marokkanische angestellt. Um den Seminaristen, die als Kaufleuie, Missionare, Techu kcr, Beamte, Reisende ihre Sprachkenntnisse im praktischen Leden südlicher Länder verwerthen wollen, auch einige andere als nützlich und noth- wendig anerkannte Kenntnisse mitzugeben, werden jetzt auch Vorlesungen über die Handelsverhältnisse, Zollgesetzgebung, Geldverkehr, Schifffahrt, Handelsgeographie, Pflanzenkunde, Gesundheitsregeln, klimatische Verhältnisse u. s. w. gehalten. Einen über Zweck, Einrichtung und bisherige Geschichte des Seminars orientirenben Bericht, der die ersten fünf Jahre des Bestehens umfaßt, hat der Direetor Professor Eduard Sachau, veröffentlicht.

Wöchentliche Ueberstcht der Todesfälle in Gietzen.

10. Woche. Vom 5. März bis 11. März 1893.

Einwohnerzahl: angenommen zu 21500 (tncl. 1600 Mann Militär) Sterblichkeitsziffer: 32,03»/«) bezw. 19,71 nach Ausschl. der Ortsfremden Kinder

Es starben an: Zusammen: Erwachsene: im ®°_m_ , 1. Lebens ahr: 2.-15. Jahr

Masern 2

Diphtherie 4 (3)

Acuteentzündliche Er­krankungen der Ath- mungs-Oraane 1 (1)

Gehirnschlagfluß 1

Andere bekannte

Krankheiten 5 (1)

1 1

4 (3)

1 (1)

1

3 (1) 2

Summa: 13 (5) 5 (2) 3 5 (3)

Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenben Krankheit aus von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.

Holzversteigerung

im Gießener Stadtwalde.

Montag den20.März 1893, von Vormittags 9 Uhr an, soll im Gießener Stadtwalde in dem Diftrict Hangelstein, nachverzeichnetes Holz versteigert werden:

A. Bau-, Werk- und Nutzholz.

77 Eichenstämme mit 28,16 fm,

1 Hainbuchenstamm mit 0,38 fm, 33 Nadelstämme mit 8,41 fm, 17 Lindenstämme mit 2,52 fm, 25 Nadelderbstangen mit 1,71 fm.

B. Brennholz.

Scheith. Knüppelh. Stockh. ReiSH. rm rm rm Wellen

Buchen 155 322,4 69 5070

Eichen 68 120 31 3915

Nadel 3 450

Die Zusammenkunft ist auf der Straße nach Daubringen, am Stein­bruch.

Gießen, am 14. März 1893.

Großherzogl. Bürgermeisterei Gießen.

Gnauth. [2484

Bekanntmachung.

Mittwoch, den 22 März, Nachmittags 2 Uhr, sollen bie an Großh. Polizeiamt abgelieferten 1 gefundenen, von den Verlierern nicht abgeholten Gegenstände, darunter verschiedene Gold- und Silbersachen, Sonn- und Regenschirme, Kleidungs­stücke, Brillen u. s. w. im alten Rath­hause dahier zu Gunsten der Armen­kaffe gegen Baarzahlung versteigert werden.

Gießen, den 14. März 1893. Die Armen-Deputat.der Stadt Gießen.

Gnauth.__

Aeikgeöotenes.

Lebende Karpfen, Hechte, Schellfische, Zander, Cabliau und schönstes Mastgeflüael emvfiehlt

C. G. Klelnhenn.

srr Prachtvolle Drangen, Citronen und Apfelsinen.____________________[2488

Gebackene Fische tn ber Pirlvermühle. 12491

Freitag den 17. März,

Nachmittags 2 Ubr, in der Bieker'schen Hofraithe zu Gießen

1 Pferd 1 Aniahl Ferkel, 1 Kuh, 1 Rind 1 schwerer Rollwagen, 1 Veloctped, 1 Piantno, 1 Cassa- schrank, 1 Garnitur Polstermöbel, verschiedene andere Mobilien,

2 Sekretäre, 1 gr- Posten Cigarren, 1 Ladenschrank, Silber- und Alfenid- roaaren rc.

Versteigerung voraussichtlich thetlweise bestimmt

Engel,

2489 Gerichtsvollzieher.

Parthie leere Kisten

wird billig abgegeben. [2490

H. Noll, Markt 1.

Saatkartoffeln.

2475] Frghrofen, sowie vlauriesen pro 50 Kilo mit Sack drei Mark, ver­sendet ab Friedberg gegen Nachnahme

Jacob Stern Simon, ___________ freict>t>eeg (Hessen).

2474] Circa drei Wagen Mist zu ver­kaufen. SelterSweg 61.

2414

Luchhsndlung.

MAG GP

Suppenwürze L ww

Emil -ifchbach, Seltersweg.

Den Eingang sämmtlidjer Neuheiten für die Frühjahrs- und Sommer-Daikon zeigen ergebenst an Louis Treff & Co.